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Karlstraße: Sachsens erster Inklusions-Naturlehrpfad

Für ein barrierefreies Markranstädt wurde in der Vergangenheit zwar längst noch nicht genug, aber zumindest allerhand getan. Einstieg in den Kulki, Zugang zum Bürgerrathaus, ein paar Ampeln mit akustischen Signalen … Lutz Gatter und seine Mitstreiter vom Aktionskreis ackern unermüdlich für die Beseitigung weiterer Barrieren. Jetzt sind sie aber offenbar auf einer Seite überholt worden, von der sie bisher bestenfalls Gegenverkehr erwartet hätten.

In der Karlstraße wird noch immer gewerkelt, geschachtet und gebaut. Seit Donnerstag steht fest, dass der Festumzug am Sonntag nicht wie geplant über die Schachtbahn verlaufen kann, sondern von der Eisenbahnstraße direkt in die Albertstraße umgeleitet werden muss.

Was bauen die da eigentlich? Bei einer Vor-Ort-Besichtigung machte das MN-Team eine überraschende Entdeckung.

Die Straße ist voll gesperrt. Lediglich Fußgänger haben zu beiden Seiten die Möglichkeit einer Passage. Normalerweise. Wer das aber – in Richtung See gesehen – auf der rechten Seite versucht, wird alsbald mit den attraktiven Merkmalen der neu gestalteten Karlstraße Bekanntschaft machen.

Transit nur für Leute mit Blechtrommel.

Hier ist abseits der öffentlichen Wahrnehmung ein deutschlandweit wahrscheinlich einmaliges Beispiel für Inklusion in urbanen Räumen entstanden. Zumindest im Freistaat Sachsen dürfte es der erste Naturlehrpfad sein, der ausschließlich für Kleinwüchsige und Rollstuhlfahrer zugänglich ist.

Mit einer lichten Höhe von rund 1,40 Metern ist es dem durchschnittlichen homo marcransis nicht möglich, die auf einer Länge von rund 100 Metern aus dem Geäst der Linden liebevoll herangezüchtete Pergola zu unterqueren. Jedenfalls nicht im seit Herbst ’89 mühsam erlernten aufrechten Gang.

Innovationen „made in markranstädt“

Wer’s gar auf dem Fahrrad versucht, könnte sich gleich danach im Theater bei der Harry Potter-Aufführung für die Rolle als Fast Kopfloser Nick bewerben, sofern er nicht das Hindernis rechtzeitig erkennt und mit einer schwungvollen Körperbeugung in die Lenkstange beißt.

Ganz neu ist auch die Idee eines naturnah konzipierten „Humanfilters“ gleich nach dem Wasserturm (Foto rechts). Weil Hinweis- oder Verbotsschilder (Behindertenparkplatz etc.) sowieso meist ignoriert werden, wurde dort am Beginn des Parcours eine natürliche Barriere errichtet. Diese Innovation macht es selbst unterernährten Nichtbehinderten unmöglich, in den dahinterliegenden Bereich des Naturlehrpfads einzudringen.

(Noch) nicht ganz zu Ende gedacht

Allerdings ist diese botanische Hürde noch nicht ganz zu Ende gedacht. Durch diese Maßnahme ist der behindertengerechte Naturlehrpfad nämlich auch für die eigentliche Zielgruppe nicht erreichbar.

Der rechtsseitige Transit durch die Karlstraße bleibt Kleinwüchsigen und Rollstuhlfahrern ebenso verwehrt wie Menschen ohne Handicap und mit normalem Body-Maß-Index (BMI).

Es ist definitiv nur Bulimisten, Diätsüchtigen, Knochen-Mobiles und Lagerfeld-Models vorbehalten, das Nadelöhr „Am Wasserturm“ zu passieren. Fleisch- und Allesfresser, Biertrinker, Normalgewichtige oder Menschen mit Kompaktausstattung und andere Parasiten unserer Gesellschaft werden zum Rechtsabbiegen auf den Trampelpfad gezwungen und so gesellschaftskonform in den nächstliegenden Supermarkt geleitet.

Humanfilter oder Ausgrenzung von Fußgängern mit mehr als 30 cm Körperbreite? Letztere werden hier zum Rechtsabbiegen in den Supermarkt gezwungen.

Aber noch wird ja gebaut in der Karlstraße und wer weiß, vielleicht gibt es ja am Ende doch eine Lösung, von der die Öffentlichkeit noch nichts ahnt? Die gegenwärtig laufenden Tiefbauarbeiten lassen zumindest schon mal vermuten, dass möglicherweise eine Unterführung entstehen könnte. Behindertengerecht natürlich, mit barrierefreier Zufahrt vorm Baum und Fahrstuhlausstieg dahinter. Unser Vorschlag für die Widmung des Inklusions-Naturlehrpfades nach Beendigung der Baumaßnahmen: Oskar-Matzerath-Weg!

 






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