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Ein Fußballherz hat aufgehört zu schlagen

So geschieht es oft, wenn es ruhiger wird um einen Menschen. Mitunter wird gar nicht einmal wahrgenommen, dass er gegangen ist. Bereits am 5. März ist die Markranstädter Fußball-Legende Dieter Fischer gestorben. Erst vor drei Monaten gratulierten ihm die Markranstädter Nachtschichten mit einem Sonderbeitrag zu seinem 80. Geburtstag. Sozusagen als letzten Gruß wollen wir das Special deshalb heute an dieser Stelle noch einmal wiederholen. Machs gut, Fisch. 

Als er acht war, kickte er noch bei Rapid Gärnitz. Fünfzehn Jahre später stand er beim ersten Fußball-Ländervergleich zwischen der DDR und der BRD auf dem Platz und erzielte dort sogar ein Tor. Ironie der Geschichte: Weitere 15 Jahre später gelang einem Fußballer aus Magdeburg das gleiche Kunststück. Doch während von Jürgen Sparwasser noch heute die gesamte Fußballwelt spricht, ist der Name Dieter Fischer oft nur noch eingefleischten Fans ein Begriff.

Gärnitz, die kleine Fischersiedlung an den Nordufern der Seebenischer Seenplatte, hatte in den 30er Jahren nicht nur eine Schule und eine Fußballmannschaft mit dem Namen „Rapid“, sondern auch so etwas wie eine Entbindungsstation. Die befand sich in Sichtweite zur „Grünen Eiche“ gegenüber des Löschteiches und war zu jener Zeit, da Kinder noch nicht einwanderten, sondern gezeugt wurden, sehr gut frequentiert.

Am 1. Januar 1936 erblickte dort ein kleiner Junge das Licht der Welt, von dem damals noch niemand ahnen konnte, dass er mal ein Stück deutscher Sportgeschichte mitschreiben sollte: Dieter Fischer.

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Der sympathische Junge mit dem welligen Haar, um das ihn andere Teenager spätestens nach Beginn der Rock’n’Roll-Ära beneiden sollten, wuchs in Seebenisch auf. Von der elterlichen Wohnung im Brühl aus ist es heute nur ein Katzensprung zum Sportplatz. Aber damals befand sich dieser weiter weg. Genau gesagt da, wo jetzt die Wellen der als „Friedhofsteich“ bezeichneten Vernässungsfläche ans Steilufer der ehemaligen Müllhalde branden.

Mit 17 schon bei den „Großen“

Noch 1944 jagte Dieter Fischer als 8jähriger hier dem runden Leder hinterher, bei der Arbeiter-Fußballvereinigung Rapid Gärnitz. Da, wo auch sein Vater schon die Töppen schnürte. Nach dem Krieg wechselte Fischer zu Motor Markranstädt, wo nicht nur Trainer Respondek, sondern auch Späher des DDR-Fußballverbandes sein Talent erkannten und ihn zu Maßnahmen einluden, die man heute als Probetraining oder Vorspielen bezeichnen würde. Damals waren das ‚zentrale Lehrgänge‘.

Schon mit 17 Jahren rückte Dieter Fischer in die erste Mannschaft auf und spielte damit in der dritthöchsten Liga der DDR. Ein Jahr später folgte er den Verlockungen des SC DHfK Leipzig, kehrte aber bald schon nach Markranstädt zurück. Die Lallendorfer waren inzwischen abgestiegen, schafften mit Fischer aber den sofortigen Wiederaufstieg.

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Was während dieser Zeit im Leipziger Fußball geschah, ist inzwischen auch schon Geschichte. Chemie Leipzig wurde 1951 DDR-Meister. Damit das nicht noch einmal passiert, wurden die Chemiker 1954 quasi en bloc zum SC Lokomotive delegiert. Der sollte, wie 55 Jahre später die Betriebssportgemeinschaft eines Brauseherstellers, mit wirtschaftspolitischer Allmacht als Nummer 1 in der Messestadt betoniert werden. Deshalb durften die Lokführer die besten Spieler aus dem Umland requirieren. Einer davon war der 21jährige Dieter Fischer aus Seebenisch, der sich auf der rechten Außenbahn sofort einen Stammplatz eroberte. Das war anno 1957.

Das erste Länderspiel

Schon am 22. Dezember des gleichen Jahres wurde er DDR-Pokalsieger. Im Jahr darauf, am 14. September 1958, trug Dieter Fischer im Länderspiel gegen Rumänien erstmals das Trikot der DDR-Nationalmannschaft. Die Begegnung endete vor 60.000 Zuschauern im Leipziger Zentralstadion mit einem 3:2-Sieg.

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Das „who is who“ des Ostfußballs unmittelbar vor dem Länderspiel gegen Rumänien 1958. Unter anderem mit dabei: Karl-Heinz Spickenagel, Gerhard Franke, Martin Skaba, Kurt Zapf, Dieter Fischer (hintere Reihe, 5.v.l.), Siegfried Wolf, Horst Assmy, Roland Ducke, Manfred Kaiser, Günter Schröter, Günther Wirth, Heinz Lemanczyk und Horst Scherbaum.

Kurz darauf, am 5. Oktober 1958, kam Dieter Fischer beim 1:1 gegen Bulgarien an der Seite des legendären Willy Tröger zu seinem zweiten Länderspieleinsatz. Das Berliner Walter-Ulbricht-Stadion war mit 50.000 Zuschauern rappelvoll.

Was Fischer damals noch nicht ahnen konnte: Kaum ein Jahr später sollte er an gleicher Stelle in einem ungleich bedeutenderen Spiel vor leeren Rängen auflaufen.

Doch zuvor stand er im Herbst 1958 mit seinem Verein zum zweiten Mal hintereinander im DDR-Pokalfinale, unterlag diesmal jedoch gegen Dresden mit 1:2.

Was 1959 folgte, wünscht man allerdings keinem Sportler, erst recht keinem erfolgreichen Fußballer. Dieter Fischer wurde in die Olympiaauswahl berufen und zählte somit zu jenen elf Ost-Kickern, die erstmals in der Geschichte des DDR-Fußballs gegen eine Auswahl der BRD antreten durften. Und das bereits 15 Jahre vor Sparwasser & Co. Doch während vom 74er WM-Fight im Volksparkstadion noch heute alle Welt spricht und selbst Sparwasser meint, dass es reicht, wenn auf seinem Grabstein später mal nur „Hamburg ’74“ steht, spricht über den Klassenkampf auf dem Rasen anno 1959 kaum jemand mehr.

Das hat jedoch keine sportlichen Ursachen. Damals gab es bei Olympia nur eine gemeinsame deutsche Mannschaft. Da beide Seiten keine gemischte Fußball-Auswahl wollten, musste auf Druck des IOC in zwei Ausscheidungsbegegnungen ausgespielt werden, ob das Ost- oder das West-Team 1960 zur Olympiade nach Rom fahren durfte.

Zwei Geisterspiele vor Zeugen

Auf der Eisenacher Wartburg wurden zwischen beiden Verbänden die Bedingungen ausgehandelt. Die Spiele mussten demnach vor leeren Rängen stattfinden und die Austragungsorte bis kurz vorm Anpfiff geheim bleiben. Im offiziellen Sprachgebrauch des DDR-Fußballverbandes waren die beiden Begegnungen außerdem nur „Sichtungsspiele“. Derart erniedrigt, war von den Sportlern von vornherein keine überwältigende Euphorie zu erwarten.

Die beiden wohl wichtigsten Spiele seiner Karriere absolvierte Dieter Fischer also nicht vor zehntausenden begeisterter Fans, sondern lediglich vor einer handvoll ausgewählter Funktionäre und ein paar für beide Verbände politisch zuverlässigen Journalisten. Zeugen statt Zuschauer.

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Gähnende Leere im Berliner Walter-Ulbricht-Stadion (später Stadion der Weltjugend). Foto: Bundesarchiv /Zentralbild Schnack (CC by SA 3.0)

Das erste Ausscheidungsspiel fand am 16. September 1959 im Berliner Walter-Ulbricht-Stadion statt. Und es war ein rabenschwarzer Tag für Dieter Fischer. In der 53. Minute erzielte der Seebenischer das 0:1. Allerdings für den Westen. Ein unglückliches Eigentor soll es gewesen sein, so berichteten es jedenfalls die wenigen Zeugen. Als HSV-Legende Charly Dörfel in der 83. Minute zum 0:2 für die DFB-Auswahl einlocht, ist der Drops für die DDR eigentlich schon vor dem Rückspiel gelutscht.

Wenige Tage später beklagte sich ausgerechnet auch noch Lotte Ulbricht gegenüber der in Ostberlin erscheinenden „Wochenpost“, dass ihr Walter in der letzten Zeit manchmal recht missgestimmt vom Fußball nach Hause käme. Damals wurden die Botschaften noch zwischen die Zeilen geschrieben und im Klartext hieß das: Der Rechtsaußen aus Seebenisch und sein Team hatten den Mann von Frau Ulbricht verärgert.

Walter Ulbricht war „not amused“

Ob das wegen seiner schlechten Laune verhängte Sex-Verbot Lotte Ulbrichts dazu führte, dass Walter zwei Jahre später in Berlin aus Frust eine Mauer bauen ließ, ist bis heute allerdings nur eine Legende. Wahrscheinlicher ist, dass Ulle von sich aus keine Lust hatte, mit einem Flintenweib in die Kiste zu steigen, das mehr Haare auf den Zähnen hatte als er selber am Spitzbart. Irgendwo verständlich.

Auch für das Rückspiel eine Woche später wurde der Austragungsort erst Stunden vorher bekanntgegeben. Es fand im Düsseldorfer Rheinstadion statt und Dieter Fischer erhielt trotz des Missgeschicks im Hinspiel und Familie Ulbrichts Verärgerung wieder das Vertrauen von Trainer Heinz Krügel (ja genau: der Krügel, der 13 Jahre später den 1. FC Magdeburg zum Europacup-Sieg führte). Die DDR ging in der 14. Minute per Handelfmeter sogar in Führung, doch das DFB-Team konnte das Spiel durch Tore von Thimm (33.) und Wilkening (65.) drehen. Fischers Olympia-Traum war geplatzt. Was blieb, ist die zweifelhafte Reputation, einer von ganz wenigen Augenzeugen und noch weniger Akteuren, kurzum also das Opfer eines in der Geschichte des Weltfußballs wohl beispiellosen Ereignisses gewesen zu sein.

Und während es sogar von der Weltmeisterschaft 1930 Filmaufnahmen gibt, existiert von den Geisterspielen anno 1959 kaum ein Dutzend Fotos. Die derzeit einzige öffentlich zugängliche Aufnahme zeigt vier Spieler in Aktion (ganz rechts Dieter Fischer), im Hintergrund gähnend leere Traversen. Die Szene ist so befremdlich, dass das Foto mitunter sogar als Aufnahme aus dem Rückspiel ausgegeben wird. Sie stammt aber aus der ersten Begegnung in Berlin.

Im Jahre 1960 kam Fischer noch zu zwei weiteren Länderspiel-Einsätzen. Gegen Bulgarien gab es ein 0:2 und gegen die Sowjetunion ein 0:1. Zwei Niederlagen zwar, doch insbesondere von letzterer gegen den amtierenden Europameister und großen Bruder hält sich hartnäckig das Gerücht, dass sie den DDR-Kickern mindestens zehn Jahre Arbeitslager in Sibirien ersparte.

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Erinnerung an die letzte Saison des SC Lokomotive Leipzig. Die Besten (unter ihnen auch Dieter Fischer) kamen zum SC Leipzig, der Rest (u.a. Trainer Kunze, Scherbarth, Slaby und Sommer) wurde zu Chemie delegiert und dort auf Anhieb Meister. Der Seebenischer erkämpfte mit seinem Team immerhin die Bronzemedaille.

Alsbald nahte in Leipzig aber wieder eine Zeit des Umbruchs. Da das Meistermachermodell aus den 50er Jahren mit dem SC Lok nicht geklappt hat, wurde es 1963 wiederholt. Abermals wurden die Leipziger Spieler so auf die Mannschaften der Messestadt umdelegiert, dass die Besten bei Lok (jetzt umbenannt in SC Leipzig) und der Rest bei Chemie unterkamen.

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Was dann folgte, wird heute an allen Fußballschulen rund um den deutschen Globus als Grundwissen vermittelt: Fischer war zwar beim SC Leipzig gelandet und zählte damit zu den Besten, aber Meister anno 1964 wurden die ausgesonderten Reha-Fälle von Chemie. Sogar der im Westen erscheinende „kicker“ titelte händereibend: „Rest von Leipzig wird Zonenmeister!“

Für den SC reichte es wenigstens noch zu Bronze, nachdem Fischer es in der Saison zuvor unter der Firmierung „Lokomotive Leipzig“ torgleich mit Sturmpartner Henning Frenzel sogar unter die Top-Ten in der Torjägerliste geschafft hatte.

Elite gegen den Rest von Leipzig

Nachdem der SC Leipzig in der Saison danach nicht nur auf Platz vier, sondern wieder hinter Chemie gelandet war, beendete Dieter Fischer seine Laufbahn im Alter von nur 29 Jahren.

Das war 1965 und die Rolling Stones waren gerade wieder mal auf einem der zahlreichen Höhepunkte ihrer Karriere angelangt. Und so, wie Mick Jagger jedes Jahr seine definitiv letzte Abschiedstournee gibt, stand auch Dieter Fischer am Ende seiner Karriere gerade vor dem Beginn seiner sportlichen Wiedergeburt.

fischer2Völlig überraschend vermeldete Zweitligist Wismut Gera im Sommer 1965 den Zugang des Seebenischer Nationalspielers. Die Thüringer waren zu diesem Zeitpunkt haarscharf am Abstieg in die Bezirksliga vorbeigeschrammt.

Mit Fischer an Bord war das kein Thema mehr. Gera schaffte den Durchmarsch nach oben, stieg auf und siehe da: Die Oberliga hatte Dieter Fischer wieder. Allerdings kam er dort nur noch zu 18 Einsätzen und beendete seine aktive Laufbahn nach der Saison 1966/67 im Alter von 31 Jahren. Diesmal wirklich.

Der zweite Rücktritt

Dem Fußball blieb Dieter Fischer aber auch nach seiner aktiven Zeit stets verbunden. Bei Chemie Böhlen, das er 1980 in der Oberliga sowie zwischen 1999 und 2001 erneut trainierte und bei dem auch sein 1966 geborener Sohn Sven bis 1989 in der Oberliga kickte, hat er sozusagen Eingang in die Hall of Fame gefunden.

Und dass Fischer nicht nur Fußball spielen konnte, sondern auch in anderen Sportarten hervorragende Leistungen erbracht hat, davon kann man sich im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig überzeugen. Dort künden Siegerurkunden vom Tischtennis, Kegeln oder 1000-Meter-Lauf ebenso vom großartigen Leistungsvermögen und Sportgeist des Seebenischer Jungen, wie verliehene Ehrennadeln seiner Vereine oder des Deutschen Fußballverbandes.

Der (un)vergessene Star

Dass Dieter Fischer in der Aufzählung der „Persönlichkeiten der Stadt Markranstädt“, beispielsweise in Wikipedia oder anderen Quellen, nicht erwähnt wird, sollte ihn nicht sonderlich ärgern. Wer legt schon Wert darauf, in einem Atemzug mit Nazi-Größen wie Oskar Dennhardt genannt zu werden? Da ist die ehrliche Anerkennung von wirklichen Freunden und Weggefährten viel mehr wert.

Auf die Frage eines Reporters nach den Gründen für Fischers Leistungen, antwortete Lok-Torhüter Günter „Buscher“ Busch 1957: „Das macht die gute Luft in der Erdbeer-Stadt Seebenisch.“

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Das ganze Interwiev von 1957 (einfarch auf das Bild klicken).

Nun, seit Erdbeeren in Supermarktregalen wachsen, hat sich das einstige Zahlungsmittel der Seebenischer in der Tat in Luft aufgelöst. Auch alles andere ist längst Geschichte. Aber der Mann, der den Mann von Frau Ulbricht verärgerte, hat bis zum Schluss alles gegeben.

Dieter Fischer wohnte zuletzt in einer Kleinstadt im Süden von Leipzig. Manchmal sah man ihn auch noch in Markranstädt. Meist dann, wenn er einen guten Freund oder Weggefährten auf dem letzten Weg die Ehre erwies. Und nun ist er selbst diesen Weg gegangen.

Wir verneigen uns in tiefem Respekt vor einem großen Sportler und Menschen.

(Fotos, so weit nicht anders bezeichnet, mit freundlicher Genehmigung von Wolfram Friedel / Markranstädter Ansichten.)



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