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Ehrenamt gegen Staatsversagen: Viel Herz von der Stange

Am Dienstag um 9:00 Uhr öffnet in Markranstädt das St. Martin-Lädchen seine Tür. Das ist ein Vorgang, der Satirikern selbst unter Drogeneinfluss kaum erhellende Geistesblitze zu entlocken vermag. Zu traurig, dass es sowas überhaupt geben muss; zu wertvoll, dass es engagierte Menschen gibt, die sich darum kümmern. Glück aber auch, dass wenigstens die Realsatire einige Anhaltspunkte bietet, die es erlauben, das Thema in den Markranstädter Nachtschichten philosophisch betrachten zu können.

Stellen Sie sich vor, der IS hat Ihre Familie hingerichtet, die Rebellen ihr Haus weggebombt und der König Ihr Konto geplündert. In diesem Moment kommt ein Schleuser und erzählt Ihnen was von gebratenen Tauben, die im gelobten Deutschland vom Himmel direkt in den Mund fallen, während Sie im Garten des Hauses liegen, das in Germany jeder Flüchtling geschenkt bekommt.

Klar, da will man hin. Also ab auf die Balkanroute. Bei Abfahrt 269 (Markranstädt) verlassen Sie die via d’oro und müssen plötzlich feststellen, dass die syrisch-türkischen Reisegesellschaften ihre Kunden praktisch verarschen. Das Land, das laut Aussagen seiner Führer so reich ist, dass man ganze Schwärme gebratener Tauben getrost abgeben kann, hat nicht einmal genug, um seine eigenen Leute würdevoll durchzubringen. Die gehen allen Ernstes in Sozialkaufhäuser und stellen sich an Tafeln an, während deren Kanzlerin gebetsmühlenartig ihr „Wir schaffen das!“ herunterleiert wie einst ihr Vorgänger das Gefasel vom Endsieg.

Aber damit hat der Irrsinn längst noch kein Ende. Mit „DSDS“, „Frauentausch“, „Bauer sucht Frau“ und ähnlichen potemkinschen Mediendörfern wird eisern davon abgelenkt, dass Hartz IV noch nicht einmal den sozialen Bodensatz im gelobten Land darstellt.

Unter dem Existenzminimum

Es ist wesentlich schlimmer: Viele Menschen gehen einer Arbeit nach, verdienen damit gerade so viel, dass sie nicht als bedürftig gelten, haben aber durch den dadurch fehlenden Anspruch auf andere soziale Leistungen viel weniger in der Tasche als Hartz IV-Empfänger. Das heißt, sie leben unter dem Existenzminimum. Zur Erinnerung: Der Hartz IV-Tagessatz beträgt 13 Euro.

Um alle Aspekte zu beleuchten, reicht nicht einmal bei den Markranstädter Nachtschichten der Platz. Bedienen wir uns also einer Zuarbeit von Max Uthoff. Das ist satirische Bundesliga und deshalb gelingt es ihm auch, das Extrakt der sozialdarwinistischen Entwicklung in diesem unserem gelobten Lande in nur neun Minuten zusammenzufassen. Chapeau!

Besser als Max Uthoff (ZDF: Die Anstalt) kann man das Drama nicht ausdrücken.

Ja, es ist Irrsinn mit Methode, wenn arbeitende Menschen mit weniger als der Grundsicherung auskommen müssen. Und geradezu eisern wird deren Gefühlswelt ignoriert, wenn sie feststellen müssen, dass die Gäste des Hauses besser leben als das Personal. Wer sich auflehnt, ist politisch unkorrekt; wer es anprangert, wird gar zu gern als Rechtspopulist gebrandmarkt und so nachhaltig mundtot gemacht.

Aber es gibt sie auch in Markranstädt, die aufrechten, aufmerksamen und streitbaren Geister, die diese unselige Entwicklung erkannt haben und nicht nur dagegen wettern, sondern auch etwas tun. Ehrenamtler hauptsächlich, deren zusätzliche Aufgabe lange auch darin bestand, die Sprachlosigkeit des Hauptamtes zu überwinden und ihm in aufwändiger Dialogform das Sprechen beizubringen. Bürgerinnen und Bürger, aber auch Unternehmen, haben die Sache in die Hand genommen, unterstützt von der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Markranstädter Land.

Nun öffnet es also seine Pforte, das St. Martin-Lädchen am Markt 11. Viele fleißige Hände haben in den letzten Wochen hier gewirbelt, rund 50 Spender, Unterstützer und Sponsoren mitgemacht. Gut, ein Kaufhaus ist es nicht, aber ein eindrucksvoller Laden ist entstanden, der sich sehen lassen kann.

Anfangs gab es noch einige Irritationen, weil vielfach geglaubt wurde, dass es sich um ein Hilfsangebot ausschließlich oder vorwiegend für Flüchtlinge handelt. Zwar sollte solchen Gedanken eine Pressemitteilung entgegenwirken, doch fiel ausgerechnet die Passage, auf die es ankommt, mitunter dem redaktionellen Rotstift zum Opfer. Sie lautet:

„Der Gedanke zur Eröffnung eines Sozialkaufhauses entstand im September 2015 am Runden Tisch Asyl in Markranstädt. Motivation war die Feststellung, dass das hohe Engagement für Asylsuchende den seit vielen Jahren wirtschaftlich bedürftigen deutschen Mitbürgern wie ein Aufmerksamkeitsentzug erscheinen kann. Deshalb soll die Gründung dieses Lädchens ein Zeichen sein, dass wir uns in unserer Stadt sehr wohl der Not, Krankheit und Schwierigkeiten bewusst sind, die seit langem nur sozialstaatlich verwaltet werden, bzw. keinerlei öffentliche Unterstützung erfahren, weil die Grenzen der Hilfsbedürftigkeit gerade noch nicht zutreffen.“

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Das neue St. Martin-Lädchen wartet auf seine ersten Kunden. Registrierkasse und Kopierer zählen jedoch zum Inventar.

Diese Worte wurden vielfach als „mutig“ charakterisiert. Das sind sie auch. Aber sie sind vor allem wahr und spiegeln die Realität wider und wenn man sowas im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts schon als mutig bezeichnen muss, dann stimmt definitiv was nicht in unserem Demokratieverständnis.

Angesichts der Kritiken, die der Verfasser dieser Worte dafür hat einstecken müssen (dem Vernehmen nach auch von Kollegen!), möchte man den Ursprung der Redewendung „Ich bin fast vom Glauben abgefallen“ genau dort verorten.

Fehlt nur noch, dass man ihn dafür als rechtspopulistisch hinstellt. Aber so viel Mut haben sie dann wahrscheinlich doch noch nicht, die politischen Korrektdenker, in deren Parallelwelten ausreichend gebratene Tauben rumfliegen und deren Willkommensforderungen aus Töpfen bezahlt werden, in die sie selbst noch nie einen Cent fallen ließen. Muss man ja auch nicht – wozu gibt es schließlich Tafeln und Sozialkaufhäuser?

Viele fleißige Helfer

Also nun zu den harten Fakten: Über 1000 Euro haben die Helfer, Spender und Sponsoren aufgebracht, um das St. Martin-Lädchen zum Laufen zu bringen. Hinzu kommen die Nebenkosten für die Räumlichkeiten, zu denen auch ein Lager gehört. Die Stadt Markranstädt vermietet die Räume zu einem symbolischen Preis und sitzt mithin auch im Boot.

Das ehrenamtlich tätige Personal musste indes fast so etwas wie eine Berufsausbildung absolvieren. Die bürokratischen Hürden sind nahezu unbeschreiblich.

Helfen ist in Deutschland schlichtweg nicht möglich ohne Antrag auf Erteilung eines Antragformulars zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars, dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt, zum Behuf der Vorlage beim zuständigen Erteilungsamt.

So habe das Finanzamt Borna als Prüfbehörde des Lädchens mitgeteilt, dass mindestens zwei Drittel des finanziellen Umsatzes an nachgewiesen wirtschaftlich Bedürftige erfolgen muss. Diese Bedürftigkeit wird belegt durch Bewilligungsbescheide des Jobcenters beziehungsweise der Arbeitsagentur, Wohngeldbescheid, Kriegsopferfürsorgebescheid, Kinderzuschlagbescheid oder bei Rentnern den Grundsicherungsbescheid.

Die entsprechenden aktuellen Nachweise sind den zur Verschwiegenheit schriftlich verpflichteten, ehrenamtlichen Mitarbeitern vorzulegen und in Kopie für die Überprüfung des Finanzamtes zu hinterlassen. Das heißt, dass nicht nur eine teure Registrierkasse angeschafft werden musste, sondern auch noch ein Kopierer.

Damit wird der Käufer zum „Vorgang“. Er erhält eine bedarfsgemeinschaftsbezogene Kundenkarte. Klingt erstmal bedeutungsvoll, ist aber angesichts der Deutschland- oder Payback-Karten in offiziellen Supermärkten datenmäßig eher harmlos.

Realsatire „made in germany“

Ein Drittel des finanziellen Umsatzes darf übrigens mit jenen Kunden gemacht werden, die keinen Nachweis erbringen können und dennoch wirtschaftlich bedürftig sind.

Auch das ist Realsatire pur: Jeder nachweislich Bedürftige, der im St. Martin-Lädchen einkauft, ermöglicht somit Nicht-Bedürftigen, denen es oft noch schlechter geht, dass auch diese dort einkaufen dürfen. Insofern kann man sich das Shopping im neuen Sozialkaufhaus zusätzlich damit schön denken, dass man in einem Akt zivilen Ungehorsams jenen Armen hilft, die es offiziell gar nicht gibt.

Klarer formuliert: Mit dem Geld der Armen werden die Ärmsten zum Wohle der Reichen am Leben erhalten, damit die Super-Reichen ihre Taschen in Ruhe weiter füllen können. Da möchte man sich glatt wünschen, dass es in einem Sozialkaufhaus auch gibt, was der Begriff eigentlich verheißt und man die Banker, Immobilienhaie und das ganze andere lichtscheue Gesindel wundersamer Geldvermehrung mal hinschicken könnte, um ihre defizitären Kompetenzen nachfüllen zu lassen.

Doch zurück nun zu des Pudels Kern. Das Markranstädter Sozialkaufhaus hat dienstags von 9:00 Uhr bis 12:00 Uhr und donnerstags von 14:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet. Das Spektrum der Waren reicht von Kleidung über Geschirr bis hin zu Accessoires. Größere Gegenstände, wie beispielsweise Fahrräder, Waschmaschinen oder Fernsehgeräte, sind per Foto zu besichtigen und der Verkauf inklusive Ausgabe wird dann individuell organisiert.

Der Eingang befindet sich übrigens rechts im Durchgang von der Zwenkauer Straße zur Polizeistation. Auch das ist eine zwar eher zufällige, aber durchaus angebrachte Lösung, die eine gewisse Diskretion des Besucherverkehrs gewährleistet.

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Die angebotenen Waren sind zwar gebraucht, aber dafür sehr günstig und meist top in Schuss.

Im Übrigen wünschen sich die Betreiber nach der bisher überwältigenden Spendenbereitschaft der Markranstädter, dass diese auch weiterhin anhält. Vor allem an Baby- und Kindersachen bestehe noch Bedarf, hieß es in der Stadt, in der kürzlich beim Sächsischen Familientag die Kinder noch so öffentlichkeitswirksam im Mittelpunkt standen.

 






3 Comments to Ehrenamt gegen Staatsversagen: Viel Herz von der Stange

  1. Rainer Schröder sagt:

    Liebe Nachtschichtler, mit diesem Artikel habt ihr bewiesen, wie gute Informationspolitik funktioniert. Meine persönliche Hochachtung euch und allen, sie sich dieses Themas angenommen haben und helfen. Danke an euch.

  2. Biker sagt:

    Dieser Artikel ist zum einen sehr gut geschrieben und hebt sich deutlich von dem, was unsere „Qualitätsmedien“ so täglich anbieten, positiv ab.
    Desweiteren hat mich dieser Artikel auch emotional berührt. Ich werde sehen, in wieweit ich nach einer persönlichen Rücksprache mit den dort tätigen, auch etwas zum Gelingen Beitragen kann!

    • CvD sagt:

      Vielen Dank für heroische Urteil. Wenn wir solche Gedanken damit wecken und als Inspiration für persönliches Engagement herhalten konnten, ist alles erreicht. Ihnen noch eine schöne, erfolgreiche Woche.

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