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Deutschland weiter, Oeser in Rio und Kulkwitz im Himmel

Das war ein Abend, den man in Kulkwitz nicht so schnell vergessen wird. Normalerweise wären die SSV-Mitglieder nach dem Sieg gegen Germania Kötzschau ans Aufräumen gegangen, um die Spuren der Jubiläums- und Platzeinweihungsfeier zu beseitigen. Aber weil es quasi auf den letzten Drücker gelang, das Public-Viewing von MDR 1 Radio Sachsen in den Feldscheunenweg zu holen, wurde aus dem Abend vor dem ekligen Start in die neue Woche noch ein riesiges Event.

Die Leinwand stand schon am Nachmittag und die Bierhähne krähten nach Herzenslust. Freibier gab’s, auch wenn niemand so richtig wusste, wer der edle Spender war. Im Zweifelsfall der MDR selbst und weil es dann GEZ-Freibier sein könnte und man es schon vorher bezahlt hat, wurde auch kräftig zugelangt.

Rund 500 Zuschauer wollten sich das Achtelfinale zwischen Deutschland und der Slowakei nicht entgehen lassen. Gleich gar nicht, wenn es sozusagen vor der Haustür in stadionähnlicher Atmosphäre stattfindet.

Entsprechend gelöst, freundlich und familiär war die Stimmung. Lediglich die Beteiligung der Bewohner aus den umliegenden Parallelwelten der Känguruhsiedlungen (nichts im Beutel, aber große Sprünge [in von Lebensbaumhecken umzingelten, weißen Betonklötzen mit mondänen Carports]) ließ zu wünschen übrig.

zuschauer

Ungefähr 500 Zuschauer sollen zum Public-Viewing nach Kulkwitz gekommen sein.

Bevor es losging, wurde Kulkwitz von zwei MDR-Moderatoren aufgeheizt, bei denen sich nicht selten sogar die Generation ü 60 fragte, ob und woher man die kennen muss. Aber spätestens als Michael Bloyl auf die Bühne geholt wurde, waren die Fronten geklärt hinsichtlich der Fußball-Kompetenz.

bloyl

Bloyl erklärt den Rundfunk-Legenden vom MDR, dass er nicht Guido Schäfer ist und der SSV Kulkwitz nicht der BFC. Dann schenkt er dem Dresdener Moderator aus den Tal der Ahnungslosen einen Schal des SSV Kulkwitz. So geht Öffentlichkeitsarbeit.

Das ist auch verständlich. Nicht nur der neue Fußballplatz hat mit rund 600.000 Euro (allein jeder einzelne Eckpfahl mit rund 250 Scheinen) Geschichte in Deutschland geschrieben, sondern der Chef für den Nachwuchs höchstselbst bewohnt seit einiger Zeit vis à vis der Arena quasi das größte Kassenhäuschen der Bundesrepublik – noch vor Bayern und Dortmund. Superlative, die nicht einmal die BILD-Zeitung ausgraben konnte.

Stadtratssitzung in Kulkwitz

Überraschendes gab es sonst wenig. Weder im Publikum noch auf dem Spielfeld. Die kommunalen Vips standen, bis auf wenige Ausnahmen und nicht anwesende Vertreter der Regionen linkerhand des kommunalpolitischen Spektrums, säuberlich geordnet nach Fraktionen an den Tischen und gaben sich weder hinsichtlich eventueller Tipps zum Ausgang der Begegnung noch zu sonstigen Vorgängen eine Blöße.

dreinull

Das 2:0 für Deutschland. Gefühlsmäßige Befreiunng neben dem Löschteich direkt an den Ufern des Lago Radona, des Lake Funeral und der Kulkwitzer Lachen.

 

Und die DFB-Elf ließ von Beginn an keinen Zweifel, dass zumindest im Fußball österreichische Tugenden gelten und so wenigstens die Grenzen des eigenen Strafraums dicht sind.

Braunauer Tugenden

Gut – in der 14. Spielminute kamen einmal kurz Zweifel auf, als Mesut Özil bei einem Strafstoß direkt auf die Fäuste des slowakischen Torwarts Kocazik zielte und diese auch noch traf. Aber das muss man erstmal bringen. Vor ziemlich genau 40 Jahren hat Uli Hoeneß während der EM in Jugoslawien bei solch einem Versuch die Stadionuhr in Belgrad ausgeschossen. Die steht heute noch auf 22:56 Uhr und der Mann ist trotzdem so erfolgreich geworden, dass er versehentlich zu wenig von diesen Reputationen abzugeben gewillt war.

BM

An Abenden wie diesem ist das Amt des Bürgermeisters besonders schwer, sogar mit Sonnenbrille und friesischem Migrationshintergrund: „Au haua haua ha, doa griechd däh Kreislöifor Özil oinen asdrein‘ Siem’meddor und wirft den aus elf Meddan direggt inni Orme vom Toarwoard. Noi, noi, noi Onjooh, ich geh jez hoim! „

Diesmal machten es unsere Jungs besser. Dreimal gab es im Kulkwitzer Ortsteil Gärnitz Grund zum Jubeln. Und wenn auf dem Video-Board grade mal kein Grund zum Jubeln zu sehen war, dann sorgte ein MDR-Anheizer, der seinen Ausholfsjob in der Schröder-Ära trotz vermutbarer Scheinselbstständigkeit noch als Anchorman von der Steuer absetzen konnte, für ausgelassene Stimmung.

Am Ende waren sich alle Anwesenden einig, einen großartigen Sportabend erlebt zu haben. Friedlich, fröhlich, stimmungsvoll und erfolgreich.

Zwischen Kreisklasse und Olympia

Was die wenigsten Gäste eine Stunde vorm Anpfiff der Begegnung auf dem Schirm hatten: Fast zur gleichen Zeit quälte sich die Markranstädterin Jennifer Oeser in Ratingen zu ihrer letzten Chance, an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen zu dürfen.

Die Siebenkämpferin startete am Samstag in den Wettbewerb wie Mesut Özil ins Achtelfinale. Beim 100-Meter-Hürdenlauf nahm sie die erste Hürde mit Vollspann, kickte sie von der Bahn, stürzte fast und kam mit einer eher bemitleidenswerten Zeit ins Ziel. Über 200 Punkte Rückstand zur Olympia-Norm attestierten ihr die internationalen Leichtathletik-Experten bereits nach der ersten Disziplin.

Charakter gegen Weihrauch

Aber was dann folgte, war Kampf pur! Und der war so großartig, dass das Team der Markranstädter Nachtschichten am zweiten Wettkampftag gleich drei Fachkräfte an die Computer gekettet hat, statt sie zur beweihräuchernden Leinwandbetrachtung mit nach Kulkwitz zu nehmen. Gegen 17:00 Uhr stand es für die zurückgebliebenen Sport-Amateure der Satire-Profis dann fest: Mit 6058 Punkten hat Jennifer Oeser die für Rio gesteckte Norm von 6.200 Punkten nicht erfüllt und kann sich vom 5. bis 21. August am Kulki sonnen.

Einzig der MN-Chef, der sich früher selber mal so bewegt hat, dass er das seinen Zuhörern noch heute recht glaubhaft als Leistungssport verkaufen zu glauben hofft, äußerte per Handy seine Zweifel und mahnte zur Vorsicht in der Berichterstattung … selbst wenn diese nur satirischer Natur ist und im Nachhinein immer noch grade gebogen werden kann.

Punkt 19:08 Uhr, die zweite Halbzeit im Achtelfinale der Deutschen hatte gerade begonnen, lief im MN-Bunker die erlösende Nachricht von Jennifer Oeser ein, die dem in Kulkwitz weilenden Sport-Spasten an der MN-Spitze auch noch Recht gab. Jenni schrieb: „Ich kann euch beruhigen, ich werde für Rio nominiert! Ich habe die Norm aus dem letzten Jahr und da es in diesem Jahr keine dritte Normerfüllerin gibt, zählt meine Punktzahl von der WM 2015! LG Jennifer“

Markranstädterin bei Olympia!!!

Scheiß auf Deutschland und Viertelfinale – wir haben allein deshalb gejubelt, weil es um die Charakterstärke einer Person und nicht eines 23-Mann-Teams geht. Okay, sie hatte da etwas Glück zum Unglück anderer, unsere Jenni. Das System der Rio-Quali ist ungefähr so kompliziert wie das der Gruppenphase in der Fußball-EM. Gruppendritter mit besserem Toreverhältnis bei jüngerem Altersdurchschnitt des Keilriemens vom Motorrad des Trainers. Im Klartext: Für die drei Startplätze in Rio kamen im Prinzip vier Athletinnen in Frage.

Vier kleine Sportlerlein …

Claudia Rath, Carolin Schäfer, Jennifer Oeser und Lilli Schwarzopf. Letztere hatte beim Start in Ratingen einen so schwarzen Tag erwischt, dass sie auf den 200-Meter-Lauf verzichtete, der angesichts des Wetters ohnehin eher ein Freistil-Schwimmen war. Schwarzkopf raus – bleiben drei.

…da waren’s nur noch drei

… von denen Oeser den zweiten Platz (insgesamt Platz 3 hinter Olympiasiegerin Jessica Ennis-Hill und der deutschen Überfliegerin Caroline Schäfer) belegte. Mit 6058 Punkten und trotz der Tauchphase beim Hürdenrennen. Wahnsinn!

Auch wenn der ganze Quali-Modus so schwer zu durchschauen ist wie die Urinprobe einer weißrussischen Gewichtheberin, hätte demnach bestenfalls Anna Maiwald als einzige DLV-Starterin bei den Europameisterschaften in Amsterdam noch die Möglichkeit, sich für Rio zu qualifizieren. Gut genug ist sie für eine solche Leistung, aber Jennifer Oeser wäre damit statt auf Zwei dann auf Drei und noch immer für Rio qualifiziert. So ungefähr jedenfalls muss es sein …

oeser

Mehrkämpfer in der Leichtathletik sind wie die Biathleten im Wintersport eine Familie. Im Erfolg denkt man auch an die Hoffnung der Konkurrenten. Aber es ist schon ein schönes Gefühl zu wissen, dass man zu Olympia nach Rio fahren darf. Herzlichen Glückwunsche Jennifer Oeser!!!

Nun ja … wenn also eine Neu-Markranstädterin demnächst in Rio aufläuft, ist das zumindest für den Sport-Guru der lokalen Tagesgazette keine Überraschung mehr, nachdem er schon im vergangenen Jahr durch die Markranstädter Nachtschichten von der Teilnahme Jennifer Oesers an der WM in Peking erfahren hat.

Du wohnen Lallendorf – warum?

Uns hat die Markranstädter Siebenkampf-Ikone jedenfalls ein Interview zugesagt und wir freuen uns richtig drauf. Mal was anderes als dieses stereotype „Was fühlt man, wenn plötzlich die Hürde kippt?“ und ähnliche Main-Stream-Gelatine.

Oder würden Sie nicht auch gerne wissen, ob eine Vizeweltmeisterin schon einmal geraucht hat, welche Games sie zwischen zwei Wettkämpfen gerne zockt, worüber sie lacht oder was um Himmels Willen einen Menschen aus Brunsbüttel über Leverkusen ausgerechnet nach Markranstädt zieht? Wir sind richtig gespannt und freuen uns auf ein locker-lustiges Interview mit einer nunmehr dreifachen Olympiateilnehmerin.

 



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