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Die Zwangs-Vizeweltmeisterin von Daegu

Am 30. August 2011 errang Jennifer Oeser bei den Weltmeisterschaften im südkoreanischen Daegu die Bronzemedaille im Siebenkampf. Die Freude war groß, auch wenn sie zwei Jahre zuvor in Berlin bereits Silber erkämpft hatte. Vor wenigen Tagen, genau an ihrem 33. Geburtstag, wurde aus ihrer Bronzemedaille von Daegu jedoch ebenfalls Silber, weil bei der russischen Weltmeisterin Tatyana Chernova deutliche Ausreißer in den Abgaswerten festgestellt wurden. Aber der Jubel bei Oesers hielt sich in Grenzen. Wir haben bei der nunmehr zweimaligen Vizeweltmeisterin aus Markranstädt nachgefragt, woran das liegt.

Während ein SPIEGEL-Reporter mit einstigen SSV-Protagonisten im Rosenkranz residierte, trafen wir uns außer Hörweite mit Jenny Oeser im Café Flemming.

Hallo Frau Oeser. Erstmal herzlichen Glückwunsch zur Silbermedaille. Haben Sie sich gefreut, als Sie von der Beförderung zur Vizeweltmeisterin erfuhren?

Na ja, Freude ist anders.

Klingt ziemlich verhalten. Diese Stimmung kennt man hierzulande eigentlich nur aus dem Rathaus, wenn der Podestplatz des Wahlsiegers von 2012 wegen Krankheit um die Weihnachtszeit mal wieder für einen Vize zur temporären Besteigung freigegeben ist. Wenn also nicht Freude, was dann?

Eine Art Genugtuung. Das triffts wohl am Besten.

Lassen Sie uns zunächst bitte bei den Gleichnissen bleiben. Umtausch-Aktionen verortet man häufig auf die Zeit nach Weihnachten. Könnte ja in Ihrem Fall auch so sein. Wie läuft denn so ein Medaillen-Umtausch eigentlich ab?

Keine Ahnung. Ich weiß ja noch nicht mal, ob das auch alles stimmt, was da so kursiert. Klar, bei der Chernova stand eine Dopingsperre im Raum, das weiß ich. Alles andere habe ich aber nur aus der Presse erfahren, auch das mit der Silbermedaille. Ich habe noch keine offizielle Mitteilung vom Verband erhalten oder wenigstens irgendwas in der Art. Kann ja auch sein, dass es der IAAF wie der UCI mit den Armstrong-Siegen bei der Tour de France macht und den WM-Titel nicht neu vergibt. Und einen Umtausch kann ich mir auch nur schwer vorstellen. Auf meiner Bronzemedaille ist mein Name eingraviert. Ich glaube nicht, dass Karolina Tyminska (die Polin ist quasi neue Dritte, d.R.) einen Oeser-Schrein in ihrer Wohnung hat, wo so ein bronzener Fanartikel mit meinem Namen als Blickfang drapiert werden kann. Und ich selber will mir auch keine Medaille mit dem Namen von Jessica Ennis-Hill ans Board hängen, auch wenn ich sie recht gut leiden mag. Also das ist alles schon ziemlich … unfertig und unbefriedigend. Bis jetzt jedenfalls.

Sie sind jetzt sozusagen Erste Beigeordnete von Neu-Weltmeisterin Jessica Ennis-Hill. Ist es nicht trotzdem schön, als zweimalige Vizeweltmeisterin in den Geschichtsbüchern zu stehen?

In welchen Geschichtsbüchern? Die, die sie meinen, wurden bereits 2011 gedruckt. Ist man schon so weit, dass man Bücher rückwirkend wieder umdrucken kann?

Äääh, nö…okay. Aber zumindest in den korrigierbaren Medien sind Sie jetzt mit Silber dekoriert.

Ja, in Wikipedia beispielsweise, wo nach so vielen Jahren bestenfalls ein paar Satiriker auf der Suche nach einem neuen Lacher reinschauen. Wenn das kein Grund zur Freude ist?

Klingt ziemlich ernüchternd. Fast so, als wollten Sie die Medaille gar nicht haben.

Na ja, ob da jetzt Silber oder Bronze in der Vitrine liegt, macht bestenfalls optisch einen Unterschied. Silber würde besser zur Einrichtung passen, Bronze gibt den effektvolleren Kontrast zur Tapete, aber ansonsten habe ich leider nichts davon.

Wie jetzt? Für eine Vizeweltmeisterin gibt’s doch bestimmt mehr Kohle als für einen dritten Platz, oder nicht?

Ja, dazu muss man aber sofort Zweite werden und nicht ein paar Jahre später. Glauben sie, die Chernova überweist mir jetzt die ihr zu Unrecht verliehene Prämie? Oder gar der russische Verband?

Ja.

Nein.

Das ist ein Ding. Sie darf das Geld behalten?

Genau darum geht es. Ich will nicht sagen, dass mir die Prämie egal ist, aber hier geht es in erster Linie um Sportlichkeit und Fairness. Und vor diesem Hintergrund ist es nicht in Ordnung, dass überführte Athleten nur gesperrt werden und es ansonsten keinerlei Konsequenzen gibt.

Dann liegt der Unterschied zwischen Platz drei und dem zweiten Platz ja wirklich nur in der farblichen Nuance der Medaille. Und was Sie da gerade beschreiben, ist eigentlich vergleichbar mit einem Dieb, der zwar verurteilt wird, aber die Beute behalten darf.

Wenn sie es so sagen wollen…

Aha, und das soll dann wankelmütige Sportler vom Doping abhalten?

Offensichtlich… Es geht ja nicht nur um Prämien. In manchen Ländern bekommt man für einen Sieg ein Haus geschenkt oder eine lebenslange Rente. Da kann man sich dann nach der Verurteilung in aller Ruhe aufs Sofa legen, gut dotierte Interviews geben und über all die lachen, die sich in Aussicht auf eine Holzmedaille über die Tartanbahn quälen.

Okay, ziemlich schwer verdauliche Kost. Da klettert man extra aus dem Redaktionsbunker ans Tageslicht, um einen auf die Silbermedaille zu heben und dann stellt sich raus, dass man statt Champagner lieber einen Psychologen hätte mitbringen sollen. Aber es ist wirklich ein Unding, dass es eher ärgerlich ist, wenn man auf dem Podest nachträglich nach oben klettern darf. Man bekommt also im Grunde genommen Jahre später noch einmal deutlich vor Augen gehalten, worum man betrogen wurde?

So fühlt es sich an, ja.

Also lieber gar nicht erst aufs Treppchen kommen?

Das ist die Crux. Wenn man im Leistungssport nicht erfolgreich sein will, kann man es gleich sein lassen. Aber es betrifft ja nicht nur die vorderen Plätze. Schauen sie mal: Bei Olympischen Spielen kommt man in die Sportförderung, wenn man einen der ersten acht Plätze belegt. Da gibt’s dann zwei Jahre lang monatliche Beträge, man bekommt Trainingslager finanziert und so weiter. Ich war bei Olympia 2016 Neunte und damit raus aus der Förderung. Wenn ich jetzt nachträglich noch einen Platz nach vorn rutschen würde … ich mag gar nicht dran denken. Da würde der Ärger über all das überwiegen, worum ich unwiederbringlich betrogen wurde. Es gibt für sowas keine Erstattung, erst recht nicht für die verlorene Zeit. Das Opfer ist mehr bestraft als der Täter, das ist so!

Zum Glück scheint die Gefahr einer nachträglich besseren Platzierung nicht allzu groß zu sein. Die Russen waren in Rio ausgeschlossen, also kann da auch keine vor Ihnen liegen. Aber man sagt, unter den Siebenkämpferinnen wurde schon seit längerem über Tatyana Chernova gemunkelt. Stimmt das?

Davon habe ich auch gehört.

Einschmelzen, zurückschicken oder behalten? Jennifer Oesers Bronzemedaille von Daegu.

Woran erkennt man, ob da eine gedopt haben könnte? Die riechen doch sicher nicht aus dem Mund nach Prostata und haben alle Pickel, Bartwuchs oder klingen wie Iwan Rebroff?

Nein, es ist auch gefährlich, darüber Mutmaßungen anzustellen. Mitunter wird es als Indiz gesehen, wenn da plötzlich mal ein größerer Leistungssprung kommt. Den hatte die Chernova zwar, aber ich hatte beispielsweise auch mal einen kleineren. Die Ursachen können vielfältig sein und es ist gar nicht lustig, wenn man daran denkt, was die Anderen darüber so tuscheln mögen. Insofern halte ich mich mit Vermutungen sehr zurück. Zur Feststellung von Doping gibt es Kontrollen und nur wenn die positiv waren, kann man dazu vielleicht was sagen.

Okay, es müsste also härtere Strafen geben. Satiriker denken da automatisch an öffentliche Auspeitschungen, Streckbank und andere SM-Praktiken. Welche Strafen würden Sie in solchen Fällen aussprechen?

Ich würde nicht einmal unbedingt von Strafen sprechen. Gerechte Lösungen wären schon ein Fortschritt. Der überführte Athlet hat die Prämien zurückzuzahlen, die dann unter den nachrückenden Sportlern aufgeteilt werden. Wenn man die Medaillen neu vergibt, muss man auch die Prämien neu verteilen. Ansonsten ist das alles keine Lösung, sondern nur die Wahrung des Scheins zu Lasten der Würde ehrlicher Sportler und des Sports an sich.

Und der pädagogische Effekt wäre …

… dass es nicht nur um die reine Ahndung einer illegalen Tat geht, sondern dass eine abschreckende Wirkung gegeben ist. Diese fehlt zur Zeit komplett. Die Selbstverständlichkeit, mit der da teilweise gedopt wird; die Aussagen der Überführten, die jedes Unrechtsbewusstsein vermissen lassen und dann die lächerlichen Konsequenzen– da verschlägt es einem manchmal direkt die Sprache.

Tatyana Chernova hat bei ihrem Titelgewinn 2011 in einem Interview gesagt, dass es leicht war zu gewinnen, aber schwer, sich auf den Wettkampf vorzubereiten. Mal abgesehen davon, dass sie ihre Konkurrenz und damit auch Sie verbal zu Luschen degradiert hat: Was meinte sie in Bezug auf die Vorbereitung mit „schwer“? Wieviel wiegt so ein Gramm Doping?

Hmm … mir fällt es zum Beispiel schwer, sowas unter satirischen Aspekten zu sehen. Das ist schon fernab jeglicher Bodenberührung, was sie da gesagt hat. Aber es ist eben leider so, dass solche Dinge in Erinnerung bleiben und nicht die wirklich sauberen Leistungen ehrlicher Athleten. Noch heute spricht beispielsweise jeder von Jan Ulrich, aber wer kennt den Namen des Sportlers, dem Ulrichs Toursieg danach zuerkannt wurde?

Strahlt noch heute mit Bronze wie damals in Daegu und hat über Silber bis heute keine offizielle Mitteilung.

Stichwort Jan Ulrich & Co.: Man hat in solchen Fällen bisweilen das Gefühl, als würden denen die Fernsehteams am liebsten bis ins Schlafzimmer folgen wollen. Die „Nachrücker“ – und seit 29. November zählen ja auch sie zu diesem elitären Kreis – nimmt man dabei eher als sowas wie schmückendes Beiwerk in der Opferrolle zur Verkaufsförderung der Titelstorys wahr. Täuscht der Eindruck oder empfinden es die Betroffenen auch so?

(atmet tief durch) Na ja … man kann den Medien nicht vorschreiben, worüber sie berichten. Und wenn da so eine stundenlange Reportage über das Dopingsystem um Lance Armstrong kommt, ist deren Anliegen schließlich auch ehrbar. Aber es stimmt schon, dass man sich scheinbar recht wenig damit auseinandersetzt, was in den ehrlichen Athleten vor sich geht, also emotional. Wenn ich beispielsweise an Karolina Tyminska denke: Ich stand in Daegu als Dritte wenigstens auf dem Treppchen. Sie war Vierte und wurde um die sehr emotionalen Momente auf dem Podest betrogen. Das ist durch kein Geld der Welt wieder gut zu machen. Und wenn man dann aus heutiger Sicht noch sieht, wie ehrlich in solchen Fällen der Jubel der gedopten Sieger aussieht … für mich völlig unverständlich, dass man in solchen Momenten all das ausblenden kann.

Die Silbermedaille ist ihnen also egal, aber Sie werden sie wohl trotzdem nehmen müssen. Damit könnten Sie quasi die erste Zwangsvizeweltmeisterin der Sportgeschichte werden. Es sei denn, Sie setzen ein Zeichen wie seinerzeit Marcel Reich Ranicki mit dem Deutschen Fernsehpreis. „Ich lehne diese Auszeichnung ab!“ Wäre das auch eine Option?

Damit würde ich vielleicht meine Person in den Mittelpunkt stellen, aber nicht die Problematik an sich. Ich bleibe dabei: Wenn man nicht nur die Medaillen neu verteilt, sondern auch die Prämien und damit bei den Tätern für Konsequenzen sorgt, schafft man nicht nur eine abschreckende Wirkung, sondern gibt den nachträglichen Ehrungen und den Geehrten auch so etwas wie Würde. Eine Ersatzmedaille im Briefkasten und eine korrigierte Tabelle bei Wikipedia erfüllen diese Merkmale nicht. Ein Anfang wäre aber schon, dass die betreffenden Athleten offiziell vom Verband oder der IAAF informiert werden und man ihnen gratuliert. Dies ist zumindest in meinem Fall bis heute noch nicht geschehen und ein echtes Armutszeugnis. Es fängt eben oft bei kleinen Dingen an…

 



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One Comment to Die Zwangs-Vizeweltmeisterin von Daegu

  1. Peter sagt:

    Jennifer Oeser hat mit Ihren Aussagen voll den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber seien wir doch mal ehrlich, wer glaubt denn daran dass sich etwas ändern wird? Siehe doch auch FIFA-Krawall, hat sich bis heute dort wirklich etwas zum positiven geändert? Und so wird es eben auch in Zukunft sein frei nach dem alten Spruch „die großen Gauner lässt man laufen, die kleinen Diebe hängt man“ Soll heißen, mal ein bißchen hier etwas reden, mal ein wenig hier am System etwas schrauben, und wenn dann durch die lange zeit Gras über die Sache gewachsen ist macht man weiter wie bisher.
    Beispiel gefällig: Jennifer 2011 und heute 2016 immer noch alles beim alten.
    ps. wobei ja auf den Bildern die Medallie wie Gold aussieht?

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