+ + + Witz erobert die Charts: Ein Ostfriese bei der Übergabe seines neuen Hauses. Im Flur hängt bereits ein Spiegel. Verzückt blickt er hinein und lobt den Innenarchitekten: „Toll, sie haben sogar ein Bild von mir gemalt und schon aufgehängt!“ + + + Altranstädter äußert sich zu Familiendrama unterm Christbaum: „Erst muss ich meinem Kind klar machen, dass ich der Weihnachtsmann bin und dann muss ich meine Frau davon überzeugen, dass ich es nicht bin“ + + + Datenschutz-Eklat in Markranstädter Bekleidungsgeschäft: Verkaufsberaterin forderte von Kundin, ihre Konfektionsgröße preiszugeben + + + Nach Gebührenerhöhung für Kitas und Stadtbibliothek: Auch Ampel am Fußgängerüberweg Leipziger Straße soll gebührenpflichtig werden + + +

Ein Blick ins Buch und zwei ins Leben…

„Ein Blick ins Buch und zwei ins Leben, das soll die rechte Form dem Geiste geben“, ließ schon der alte Goethe seine Fans wissen. In der jüngsten Ausgabe des Markranstädter Amtsblatts überraschte die Stadtbibliothek mit einer Information, die nicht nur das Interesse satirische Zeitgeister geweckt hat. Anlass genug, der Sache mal auf den Grund zu gehen und zu schauen, welche Form der heutige Geist so hat.

Nein, es dreht sich nicht um die von der Stadtbibliothek auf Seite 11 veröffentlichte Vorstellung jenes Buches, das aus der Feder zweier Autoren floss, die sonst regelmäßig auch bei den Markranstädter Nachtschichten überschüssige Kräfte abarbeiten.

Im Gegenteil: Dass sich die Beiden im letzten Sommer wegen dieses Schmökers in Schreibklausur zurückzogen und den Rest des Nachtschichten-Teams somit über Wochen im Stich ließen, haben wir den zwei Schmierfinken bis heute nicht verziehen. Doch wie bereits erwähnt, geht es gar nicht darum.

Viel interessanter ist das neue Angebot der Stadtbibliothek. „Onleihe“ heißt das Zauberwort und es verheißt den Zugriff per Mausklick ins digitale Bücherregal. Tolle Sache im DSL-Niemandsland. Aber wie funktioniert sowas und was hat der Leser davon?

Pornos in Keilschrift

Beginnen wir unseren Exkurs im analogen Urschleim. Schon seit der Mensch schreiben kann, liest er auch. Erst waren es Kritzeleien im Dreck (Herzen, Runen oder „BSG 1964“ und so), dann auf Höhlenwände geschmierte Pornos oder Schlachtszenen mit wilden Tieren und schließlich wurde das Papier erfunden. Spätestens ab diesem Zeitpunkt galt das geschriebene Wort als wichtigster Wissensspeicher der Menschheit.

Nimmt man heute Markranstädter Häuserwände in Augenschein, wird die Bedeutung des Buchdrucks zwar disqualifiziert, aber trotzdem war Gutenbergs Erfindung einer der wichtigsten Meilensteine in der Entwicklung des homo erectus.

Eine Frage des Stils

Nicht zuletzt muss seit Jahrhunderten jeder Mann von Welt eine Bibliothek sein Eigen nennen. Mitunter war es völlig egal, was da in den Regalen als Staubfänger diente – Hauptsache die Einbände haben optisch was hergemacht und es roch nach Pfeifentabak. Im Zweifelsfall ist selbst dem ehrfürchtigen Betrachter nicht aufgegangen, ob da auf dem ledernen Rücken „Lenin“ oder „Voltaire“ in Goldversalien geprägt war.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet jene Aussage, die früher nur per Schrift an Wissende gereicht wurde, fällt dem Buch heute auf die Füße. Die Welt dreht sich … weiter! Und so kann es heute passieren, dass ein Kind zu Weihnachten ein Buch auspackt und sich Minuten später fragend an den Vater wendet, weil es das Batteriefach nicht finden kann.

Bonusheft als ePaper

Die Konsequenz liegt auf der Hand. Bücher sind was für Alte, für Konservative, Spießer, Trabbifahrer, Leute mit Hornbrille oder solche, die ihr Bonusheft zum Zahnarzt mitbringen, kurzum: für Ewiggestrige.

Bestenfalls für Finanzbeamte ergibt ein Blick in die Bücher noch einen entfernten Sinn, ist er doch in diesem Fall eine Art Aufrechterhaltung der Daseinsberechtigung.

Was früher ganze Bücherschränke beanspruchte und den Freundeskreis wenigstens schon rein visuell auf einen belesenen Eigentümer hinwies, passt heute auf einen einzigen eBook-Reader im Postkartenformat. Der wiederum kommt in den endlosen Weiten leerer Regale sowas von mickrig rüber, dass man die Bibo lieber zur Sauna umbauen möchte.

Die Markranstädter Nachtschichten gibt es schon seit 2013 als visionäres ePaper.

Womit wir bei der Markranstädter Stadtbibliothek wären. Deren Angebot zur „Onleihe“ bietet einen wesentlich breiter gefächerten Spielraum als es zunächst den Anschein hat. Man kann nämlich seine mühsam aufgebaute, erliehene oder aus diversen Haushaltsauflösungen zusammengestoppelte und unterm Strich nur Repräsentationszwecken dienende Bibo zu Hause behalten.

Alles was man braucht, ist ein digitales Lesegerät mit entsprechender Software und ausreichend Speicher. So zumindest wirbt die Onleihe-Industrie. In gewisser Weise stimmt das sogar, aber leider nicht immer.

Das wissen zumindest schon mal die Leserinnen und Leser, die ein solches Gerät ihr Eigen nennen.

Wer mit der Zeit gehen wollte und sich bei Amazon den vielbesungenen Kindle erwarb, hat schon mal die schlechtesten aller denkbaren Karten. Einmal Amazon, immer Amazon, könnte man sagen.

Noch besser aber trifft es die Aussage: Einmal Amazon, nur noch Amazon. Gleiches gilt übrigens auch für die Apple-Flotte von iPhone bis iPad.

Bald auch eKlopaper?

Amazons Kindle-Format (man erkennt die digitalen Dateien an der Endung mobi) wird von den Onleihe-Anbietern gar nicht offeriert. Auch die Markranstädter Stadtbibo hat das amerikanische Teufelszeug nicht im digitalen Regal. Richtig so!

Sollen sie doch mit ihrem Monopol alleine bleiben, diese geldgeilen Amis. Einen Kindle nicht zu haben und statt dessen auf den Tolino (Dateiformat epub oder pdf) zurückzugreifen, ist nicht nur in Deutschland inzwischen zu einer Art stillem Protest gegen die Monopolisierung des globalen Schriftguts geworden.

Fast möchte man den Ruf des Leipziger Wendeherbstes ’89 strapazieren und in die Welt hinaus brüllen: Schließt Euch an!

Kindle versus Tolino

Also bleiben für die gängige Onleihe nur noch PC, Tablet, Smartphone oder ein explizites Lesegerät wie Tolino. Den wegen des stark defizitären Ausbaugrades des Markranstädter Breitbandnetzes noch nicht so bewanderten Interessenten sei gesagt, dass man seinen PC nicht unbedingt in die Parkstraße wuchten muss, um sich ein digitales Buch auszuleihen.

Es funktioniert so: Sie müssen zunächst als Leser bei der Stadtbibliothek angemeldet sein und Ihre Gebühren bezahlt haben. Das geht zwar schon mal nicht, ohne dass man wenigstens einmal dort gewesen ist, aber zumindest braucht man dazu nicht seinen PC mitzuschleppen.

Vielleicht erübrigt sich beim Anblick der vielen analogen Bücher und des Geruchs nach Papier Ihr Wunsch nach digital-sterilem Lesestoff sowieso und Sie können sich den Rest des Dramas ersparen.

Nummernsalat

Sie werden auf jeden Fall eine Karte mit Ihrer Nummer bekommen. Nennen Sie es Mitgliedsnummer, User-ID, Passwort oder auch Häftlingsnummer, jedenfalls können Sie sich damit zu Hause, eine Internetverbindung vorausgesetzt, bei der Onleihe Leipziger Raum anmelden.

Wenn Sie dann in einem der digitalen Regale fündig geworden sind, dürfen Sie die entsprechende Datei herunterladen und … nein, noch nicht lesen.

Erst müssen Sie sich bei Adobe angemeldet und daraufhin ihre Adobe-ID erhalten haben. Ohne die geht gar nichts, aber wenigstens wird dieser Vorgang nicht von geldgierigen amerikanischen Handaufhaltern garniert. Will heißen, das ist kostenlos.

Diese ID macht den Weg frei für die Entschlüsselung des Kopierschutzes (DRM). Das geschieht automatisch und erst danach kann Ihr Lesevergnügen beginnen.

Vor diesem Hintergrund scheint es fraglich, ob der Wahrung der Privatsphäre und dem Ansinnen gegen eine Monopolisierung bei der „Volksversion“ epub besser entsprochen wird als bei Amazons mobi auf dem Kindle. Ihre Daten wollen jedenfalls sowohl Adobe als auch Amazon.

Laut Aussagen der Veronleiher ist ein E-Buch drei Wochen lesbar. Danach sorgt der DRM-Schutz dafür, dass Sie das Buch nicht mehr lesen können. Wie das funktioniert, wissen wahrscheinlich nur Experten.

Der Laie fragt sich jedoch sicher nicht zu Unrecht, woher beispielsweise ein Tolino weiß, wann die drei Wochen vorbei sind. Das Gerät hat weder Uhr noch Kalender und kann auch offline betrieben werden. Ein Schelm, der sich vor diesem Hintergrund auch noch das Buch „Der gläserne Mensch“ entleiht…

So viel zu den technischen Einzelheiten – von Laien für Laien erklärt. Was aber sind nun die Unterschiede zwischen analoger und digitaler Lektüre fürs Lesevergnügen?

Ganz ehrlich: Jegliche Vorteile des Lesens eines Buches am PC oder Smartphone blieben uns trotz intensivster Recherchen verborgen. Lediglich der Konsum veronleihbarer Videos und Hörbücher ist mit solchen Geräten alternativlos.

Egal ob Lutherbibel auf Papier oder Harry Potter auf eBook: Lesen muss man selber. Es sei denn, man onleiht sich ein Hörbuch aus.

Dagegen punktet der eBook-Reader gleich reihenweise mit Merkmalen, die ihn ausgerechnet für jene Generation interessant macht, die ihm traditionell eher ablehnend gegenübersteht. Nehmen wir zum Beispiel den Tolino.

Bei konventionellen Büchern ist das ja so eine Sache. Nie kann man sich bequem auf die Seite hinlegen. Immer braucht man eine Hand, um den schweren Schmöker zu halten und die andere, um entweder damit umzublättern oder zu verhindern, dass sich der Schinken von alleine umblättert.

Lesen in allen Lebenslagen

Die Folge: Orthopädische Lagerschäden in Genick und Schulterpartie. Dabei raten sogar Gynäkologen davon ab, eine Frau länger als zehn Minuten wie eine Antenne auf dem Thron sitzen zu lassen – eben wegen solcher Folgeschäden, die sich im Hüftbereich genauso schmerzhaft bemerkbar machen wie beim Leser weiter oben.

Mit dem Tolino können Sie bequem auf der Seite liegen, auf dem Bauch oder wahlweise auch auf dem Rücken. Selbst beim Frauenarzt … gut, wir wollen nicht allzu sehr ins Detail gehen. Jedenfalls ist das leichte Gerät in einer Hand haltbar und blättert auf Fingerdruck ganz von alleine vor oder zurück.

Das Display des Tolino ist sogar bei Tageslicht mit Sonnenschein am Strand lesbar. Versuchen Sie das mal mit Ihrem Smartphone. Nachts im Bett können Sie die Displaybeleuchtung zuschalten und sogar deren Intensität dimmen. Auch Schriftart und vor allem die Schriftgröße lassen sich individuell einstellen.

Da geht Lesen sogar wieder ohne Brille und es braucht auch keine Nachttischlampe. Zudem schaltet sich der Tolino automatisch ab, wenn man eine Weile nicht mehr geblättert hat. Man kann also getrost einschlafen, muss nicht erst die Brille weglegen und die Nachttischlampe ausschalten und auch das Gerät schaltet sich von alleine aus. Nur die Zähne, sofern erforderlich, sollten Sie vorher rausgelegt haben.

Die Bibo in der Hosentasche

Nicht zuletzt können Sie mit so einem Gerät wirklich eine ganze Bibliothek in der Brust- oder Handtasche umher schleppen, ohne dass sich die Anzahl der Bücher auf das zu tragende Gewicht auswirkt. Wirklich irre, so ein eBook-Reader.

Und trotzdem irgendwie doch nicht vergleichbar mit einem richtigen Buch. Da hat man was in der Hand, es riecht nach Druckerschwärze und Papier und es verkörpert Wertmaßstäbe, die nicht zu ersetzen sind. Allein das Ritual des Umblätterns ist für viele Menschen ein Grund, bei der traditionellen Variante zu bleiben.

Deshalb wird es auch in der Markranstädter Stadtbibliothek neben dem digitalen Zauber weiterhin analoge Lektüre geben. Nicht nur, weil man im Zschampertgau sogar eMails noch in Couverts von der Post transportieren lassen muss, sondern weil ein Buch eben ein Buch bleibt.

 



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