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Weiße Sekten (2): Punkt 7 Uhr am Urinokko

Im ersten Teil unserer Reportage über die weiße Religion hatten wir dem Treiben gelauscht, das sich innerhalb der Gemeinde im so genannten Wartezimmer abspielt. Allein das war schon recht lustig. Im Gegensatz zur bilateralen Konversation zwischen Wartebänken und Kanzel oder gar Beichtstuhl war das aber eher ein langweiliges Präludium. Lesen Sie nun, was die Liturgie in der als „Praxis“ getarnten medizinischen Pfarrei noch so bereit hält.

Entgegen sonstiger Gepflogenheiten veröffentlichen wir den Bericht unseres V-Mannes in seiner Originalfassung. Also in der Ich-Form. Der Ausgangspunkt: Unser Mann besucht eine der in Markranstädt praktizierenden weißen Sekten. Deren Anhänger nennen sich Patienten und geben vor, irgendwelche Leiden zu haben.

Ich habe mir eine Adduktorenzerrung rausgesucht, um nicht aufzufallen. Keine Ahnung, wo die sich befinden, aber Fußballer humpeln immer, wenn sie sowas haben. Also humple ich auch. Und Adduktoren klingt ja auch überzeugend. Lendenwirbelsäule hat jeder, aber Adduktoren?

Es gibt ja diesen Witz, wo sich zwei Soldaten im Lazarett unterhalten. Einer fragt, wo sich der Andere verletzt habe und dieser antwortet: An den Dardanellen.“, worauf der Erste das Gesicht verzieht und meint: „Oh, gerade dort soll es ja besonders schmerzhaft sein.“

Also trete ich mit meinen Adduktoren ins Vorzimmer des Gurus ein. Obwohl es erst 7 Uhr morgens ist, sitzen schon wenigstens 30 Leute da. In ihren Augen, die mich allesamt anblicken, lese ich eine Art versteckten, ja geradezu heimtückischen Triumph. So als wollten sie sagen: ‚Na, Langschläfer? Der frühe Vogel fängt den Wurm!‘

Bin Ladens Chipkarte

Am Tresen verlangt eine weiß gekleidete Ministrantin nach meiner Mitgliedskarte in einem der Fördervereine. Mit dem überlegenen Lächeln eines erfahrenen Gläubigen reiche ich ihr meine AOK-Chipkarte. Wozu da mein Passbild drauf ist, weiß ich nicht. Sie würdigt mich jedenfalls keines Blickes und tippt irgendwas in den Computer. Ich hätte ihr wahrscheinlich auch eine Kreditkarte von Bin Laden oder die Payback-Card meiner Frau geben können. Egal.

Schön jedenfalls, dass die Privatsphäre gewahrt bleibt, denke ich noch. Da meint sie plötzlich in ungebremster Lautstärke: „Sagen sie mir bitte noch ihre Telefonnummer, unter der wir sie erreichen können, Herr Rahn!“ So viel zur Diskretion. Nicht nur, dass jetzt alle im Raum wissen, dass ich der Herr Rahn bin. Nein, jetzt können sie sich alle sogar noch meine Telefonnummer mitschreiben. Einfach irre.

Datenschutz wird bei mir groß geschrieben. Was hatte ich für Auseinandersetzungen mit meiner Frau, weil sie unbedingt auf der Heckscheibe das ultimative „Cornelius an Bord“ anbringen wollte. Ja – und jetzt wissen hier schon mal mindestens 30 Leute, dass ich dem alten Rahn sein Sohn bin.

Ich setze mich auf einen der letzten freien Plätze. Hier und da wird gebrüllflüstert, was darauf schließen lässt, dass sich diese Patienten von draußen in der Freiheit kennen oder generell zusammen zur Medizinischen Messe gehen. Mir gegenüber sitzen zwei ältere Herren, deren gebrüllflüsterten Dialog ich entnehmen kann, dass sie einst zusammen Fußball spielten und 1943 im Halbfinale um die sächsische Gaumeisterschaft standen.

Gaumeister und Trümmerfrauen

Draußen rumpelt es. Eine ältere Dame will ihren Rollator ins Wartezimmer bugsieren. Weil die Schließautomatik der Tür wahrscheinlich von einem Gewichtheber eingestellt wurde, schlägt die Pforte jedoch zurück. Der Rollator schiebt sich mit Vmax in den Bauch der alten Dame, worauf sich diese über die Gehhilfe faltet und mit ihr einige Meter in den Gang zurück rollt.

Durch die Glasscheibe erkenne ich, wie die Dame sich das Gebiss zurecht schiebt, ihre Kleidung richtet und tief Luft holt. Neuer Anlauf.

Das Funkeln in den Augen verrät ihre Gedanken. Sie hat die Nazis überlebt, die Russen, die Nationale Front und schließlich auch RTL. Da wird sie so eine lächerliche Tür nicht aufhalten. So ein Teil hat sie früher als Trümmerfrau mit links auf den Schrotthaufen geschmissen!

Es gibt einen kurzen Knall, die Tür fliegt hinter der Dame wieder zu und sie bringt ihr Gefährt rechtzeitig vorm Tresen zum Stehen. Alle Blicke sind auf sie gerichtet. Die Ministrantin kennt die Dame offenbar und begrüßt sie überschwänglich. „Hach, guten Tag Frau Schmitz. So zeitig? Sie haben erst um 9 Termin.“ Die Seniorin winkt ab und meint: „Da binsch wo ähor zo spähde dran. Wemmor hieor um neine beschdälld wärd, mussmor doch mindestens schon um viere gomm, hejä?

Diskretion an der Urintheke

Im weiteren Verlauf des diskreten Gespräches stellt sich heraus, dass die Frau eigentlich nur eine Urinprobe abgeben soll. Das Problem: So früh kann sie nicht. Leider kann sie auch nicht warten, bis sie muss, weil ihr Bus in einer halben Stunde fährt. Außerdem kann sie sowieso nicht müssen, wenn sie weiß, dass vor der Tür so viel Leute sitzen.

Gerade als ich aufspringen und beiden den Rat geben will, auf dem Klo den Wasserhahn aufzudrehen (eine wirksame Maßnahme, die mir meine Oma angedeihen ließ, als ich noch Kleinkind war), näherte sich der Dialog am Tresen einem Kompromiss.

Man einigt sich schließlich darauf, dass die Dame ihr Geschäft zu Hause macht und ihr Enkel die Probe gelegentlich vorbei bringt. Schließlich habe die Oma ihm das Auto auch bezahlt. Außerdem sei die Probe auch nicht so wichtig. Beim letzten Mal vor vier Wochen wäre nur noch ihr Kreatinin-Wert mit 4,7 etwas zu hoch gewesen, ansonsten wäre der Urin okay gewesen und wird sicher auch jetzt in Ordnung sein.

Kerl am Bein

Die Ministrantin gibt ihr noch einen Becher und während sie unmissverständlich auf diesen zeigt, schreit sie ihr zum Abschied ins Hörgerät: „Der ist fürs Pipi und nicht für die Zähne, Frau Schmitz!“

Die Dame geht, wie sie gekommen ist. Mit zwei Anläufen und lautstark.

Es tritt Ruhe ein im Wartezimmer. Nur das Klimpern der Tastatur ist zu hören, mit deren Hilfe die vollbusige Ministrantin in ihrem kurzen, weißen Kleidchen irgendwelche diskrete Daten eingibt. Auf ihrer Wade entdecke ich ein Tattoo. Marc-Kevin steht da drauf, umrahmt von einem Herz.

Klasse, denke ich. So jung noch und schon hat sie fürs ganze Leben diesen Kerl am Bein. Ist so ein Assi-Sticker überhaupt erlaubt in einer medizinischen Sekte? Die Antwort verschwindet im Reich der Träume. Das Klimpern ihrer Tastatur und die monotonen Atemauslassungen meiner Sitznachbarn machen schläfrig. Ich zwinge mich, wach zu bleiben.

Herrn Meyers Hoden

Muss ich aber gar nicht, denn im nächsten Moment wird der gesamte Wartebereich geweckt. Das Klimpern hat aufgehört und plötzlich erschallt der Ruf der Ministrantin im Raum. „Herr Meyer? Damals bei dieser Gonadentorsion, wurden ihnen da beide Hoden abgenommen oder nur einer?“

Die gesamte Gemeinde ist schlagartig hellwach! Nein, es ist definitiv kein Mitleid, das aus den weit aufgerissenen und gespannt umherirrenden Augen spricht; auch nicht die Frage, was Gonaden sind oder eine Torsion ist.

Einzig die Frage, wer sich als einhodiger oder schlimmstenfalls ganz entmannter Herr Meyer zu outen wagt, steht im Fokus des Zuschauerinteresses.

Aber Herr Meyer meldet sich nicht. So ein Feigling. Enttäuschung macht sich breit, fast ist das Ohr geneigt, schweigende Buh-Rufe aus dem Auditorium zu vernehmen. „Das is viellei där, där grade uffm Gloh is. Wartn sä ma noch ä Moment!“, rettet eine Dame im mittleren Alter die Situation.

„Pass uff jetz, die arme Sau!“

Wieder tritt Ruhe ein. Scheinbar teilnahmslos blicken die Anwesenden auf ihre Hände oder in irgendwelche bunten Broschüren. Aber immer wieder drehen sich gespannte Augenpaare erwartungsvoll hin zur Toilettentür.

Da endlich bewegt sich die Klinke und der Betroffene stellt sich den Blicken der Gemeinde. So also sieht ein Eunuch aus. Es ist, als würde der Schleier der Erkenntnis vorm Seminar hernieder fallen. Wieder ist die Stimme der Ministrantin zu vernehmen. „Herr Meyer, ich hätte da noch eine Frage.“ Der Fußball-Veteran gegenüber neigt sich zu seinem Nachbarn und brüllflüstert hinter vorgehaltener Hand „Pass uff jetze, die arme Sau!“

Emotionale Achterbahnfahrt

Der Ein- oder Nullhodige stutzt kurz und antwortet der Dame hinter dem Tresen: „Tut mir leid, ich bin nicht Herr Meyer. Müller heiße ich, das steht übrigens auch auf meiner Chipkarte, falls sie die gelesen haben.“ Auf 35 Stühlen und den inzwischen sieben Stehplätzen macht sich schiere emotionale Entgleisung breit. Und wie des Menschen Naturell so ist, freut sich nicht einer von ihnen für Herrn Müller, dass dieser noch im Besitz beider Keimdrüsen ist.

Einzig die Frage, wer unter den hier Anwesenden IM „Meyer“ ist, scheint von Interesse. Für einen Moment nur denke ich darüber nach, mich zu melden. Einfach mal aus Spaß. Aber da fällt mir ein, dass vor einer Stunde mein Name durch den Raum gerufen wurde und jeder hier auch noch meine Telefonnummer kennt. Also lasse ich das. Markranstädt ist ein Dorf und am Ende rennen ab morgen ständig Kinder hinter mir her und singen „In Rahns Lodenhose ist ein Hoden lose“ oder so .

Wer war denn der Letzte?

Eine weitere Dame tritt ein. Nachdem die Formalien erledigt sind und die Gemeinde weiß, dass es sich um Frau Schulze handelt, die am 3. Februar 1946 in Mohorn geboren ist, zwei Kinder hat und mit einer Überweisung ihres Frauenarztes zur Nachsorge wegen der Entfernung einiger Myome an ihrer Gebärmutter hier antreten muss, fragt die Dame in die Runde: „Wer war der Letzte?“

Ich stutze. Schon vorher hatten einige Neuankömmlinge die gleiche Frage gestellt. Okay, Frau Schulze ist laut Angaben am Tresen bereits 72 und hat auch schon ein paar heftige operative Eingriffe hinter sich. Da kann es ihr durchaus entgangen sein, dass es heute nur drauf ankommt, wer der Erste ist und nicht der Letzte. Diese Ewig-Gestrigen kapieren es eben nie. Dafür spricht auch, dass sie erst gegen 8:30 Uhr aufschlägt, obwohl sie schon 14 Uhr ihren Termin hat.

(Lesen Sie in der nächsten Folge: + + + Ich werde aufgerufen. + + + Der Arzt ist auch krank. Er fragt mich: „Was fehlt uns denn?“ + + + Selbstzweifel: Muss ich mich deshalb nicht ausziehen, weil ich ein Mann bin und einen Bierbauch habe oder bin ich wirklich so hässlich? + + + Warum man auch ohne Adduktoren leben kann + + + Er zieht Gummihandschuhe an: Jetzt kriege ich doch Angst! + + + Mein Apotheker kann das Rezept nicht lesen + + +)

 



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