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Götter in weiß (3): Das Sprechzimmer

In den ersten beiden Teilen der Serie „Götter in Weiß“ (hier Teil 1 und hier Teil 2) wurde das Treiben an den Markranstädter Empfangstresen und in den Wartezimmern beleuchtet. Heute nun geht es mitten hinein in die Heiligen Hallen. Vorbei sind die Zeiten, da beim Aufruf nur ein Schild mit der Aufschrift „Der Nächste bitte!“ aufleuchtete, begleitet von einem häßlichen Alarm-Knarzen. Im Zeitalter des Datenschutzes wird man von einer weiß Gekittelten ganz individuell mit dem Namen aufgerufen.

Zur Erinnerung: Ich habe mir eine Adduktorenzerrung ausgesucht, um bei seiner Heiligkeit eine Audienz zu erhalten. Keine Ahnung was das ist, aber es scheint, als hätten viele Menschen Adduktoren und man hört oft, dass die gezerrt sind. Also warum nicht?

So sitze ich nun im Vorhof zum Himmel und warte seit zwei Stunden geduldig darauf, dass die Ministrantin meinen Namen ruft und ich mit meinen Adduktoren endlich eintreten kann.

Gerade als ich aufgerufen werden soll, betritt ein Rasta-Zottel mit Nickelbrille und spinatgrünem Jute-Pullover das Wartezimmer. Er steuert direkt auf den Empfangstresen zu. In seinem Fahrwasser folgt ihm eine Neubürgerfamilie.

Vorneweg ein Mann, dahinter die fünf Söhne, gefolgt von der Frau und den vier Töchtern. Das verwelkte Spinatblatt stellt sich als Betreuer der Familie vor und untermauert den Wunsch, dass seine Heilige Einfaltigkeit da drin seinen Schützlingen die ihnen zustehenden Grippeschutzimpfungen angedeihen lassen möge. Man habe sich auch angemeldet, wie das Fräulein Schwester sicher unschwer feststellen könne, wenn sie mal in ihr Bestellbuch schauen würde.

Nach einem Blick auf die Kladde bestätigt die Empfangsdame diese Aussage, muss jedoch einschränken: „Hier steht Familie, nicht Regiment. Wir haben nur noch Impfstoff für drei Personen da.“

Der Mann im Jute-Pulli guckt verblüfft: „Und nun?“ Die weiß Gekittelte kontert: „Was, nun? Weiß auch nicht. Wir haben schon Nachschub bestellt, aber so schnell geht das nicht.“

Während ich vergeblich darauf hoffe, dass die Dame hinter dem Tresen zwischendurch mal meinen Namen ruft und damit meinen Zutritt in den Tempel autorisiert, entspinnt sich ein interessanter Dialog.

Demokratische Selektion

Es geht darum, welche der drei Familienmitglieder heute grippale Immunität erlangen dürfen und welche noch ein paar Tage darauf warten müssen.

In den Augen des Vaters ist die Sache klar: Erst er und die beiden ältesten Söhne. Die Frau hinter dem Tresen toleriert dieses Ansinnen mit einem bestätigenden Nicken.

Ein fataler Fehler, denn diese Zustimmung sorgt für Leben im Flora-Fauna-Habitat auf dem Haupte des Betreuers. Das sei eine nicht hinnehmbare Diskriminierung seiner weiblichen Anvertrauten und erst recht der schutzlosen Kinder.

Dem Kompromissvorschlag der Schwester, dann also die Mutter und zwei der Töchter zu nehmen, stimmen die Damen im Gefolge jedoch von sich aus nicht zu.

Sie wollen den männlichen Familienoberhäuptern aus freien Stücken den Vortritt lassen, was wiederum der Jute-Knecht überhaupt nicht nachvollziehen kann. Es sei an der Zeit, sich zu emanzipieren und das hier wäre eine gute Gelegenheit, mit der Befreiung aus dem Patriarchat zu beginnen.

Schließlich schlägt der Vater überraschend vor, dass seinetwegen auch drei der Töchter zuerst drankommen können. Ein erleichterndes Lächeln ziert das Antlitz der Schwester. Doch nun meldet sich eine der wartenden Patientinnen zu Wort.

Sie habe den Vorgang der Entscheidungsfindung verfolgt und halte diesen für undemokratisch und geradezu sexistisch. Es sei unerträglich, wie dieser Mann über die Köpfe seiner Frau und der Töchter hinweg entscheide. Er solle gefälligst selber den ersten Schritt machen.

Die verzweifelte Empfangsdame will den nun drohenden politisch-feministischen Grundsatzdisput mit dem Vorschlag umgehen, dass man ja auch eine Münze werfen könne. Doch diese Lösung fährt ins Leere. Sie wolle doch wohl nicht behaupten, dass Gesundheit Glückssache sei in unserem wohlhabenden Staate, macht sie der sprechende Strickpulli endgültig mundtot.

Noch bevor sich die medizinisch-technische Assistentin wegen ihres menschenverachtenden Vorstoßes entschuldigen kann, sehe ich meine Chance gekommen und frage sie, ob es denn vielleicht auch Glückssache sei, dass ich hier mal aufgerufen werde? Immerhin bin ich jetzt an der Reihe und der Herr Doktor wartet schon seit Minuten im leeren Sprechzimmer.

Totenstille im Raum. Das atmende Jute-Fell teilt mit beiden Händen seine Zotteln vorm Gesicht und schaut mich entgeistert an.

Flucht vor dem Schauprozess

In seinen Pupillen sehe ich mein Spiegelbild. Ich habe Glatze und trage Springerstiefel. Das Tattoo auf meiner Stirn kann ich nicht genau erkennen, doch intuitiv vermute ich eine das Erscheinungsbild komplettierende Rune. „Ja, gehen sie schon mal rein“, rettet mich die Schwester vor einem öffentlichen Schauprozess. Endlich!

Tach! Nehmse Platz. Wo fehlts uns denn?

Ja, tach. Adduktoren glaub ich.

Dazu kommen wir gleich. (Der medizinische Heiland blättert in meinen Akten.) Wann hat man bei ihnen eigentlich das letzte EEG gemacht?

Keine Ahnung. Gibts die eigentlich noch? Wir sind doch jetzt EU.

(Er mustert mich von oben bis unten und wieder zurück.)

Hm, sie sind zu dick, wissen sie das?

Weiß.

Mit dem Bauch sind sie kardial gefährdet.

(Was der Kardinal dazu sagt, ist mir eigentlich egal. Bin ja nicht ohne Grund direkt zum Papst gegangen.)

Sind da auch Adduktoren dran, am Herz?

Das mit ihren Adduktoren weiß ich ja nun. Kennen sie ihren BMI?

Ähm, pfff, ja, nö… Nicht so direkt jedenfalls.

Gehnse mal rüber auf die Waage.

Schuhe vorher ausziehen?

Könnse anlassen. Die paar Gramm … marginal bei ihnen. Fällt sozusagen gar nicht ins Gewicht.

Und nun?

Oha, 96! Sieht gar nicht gut aus. Bei 1,86 macht das … ihr BMI ist 27,7. Deutlich zu hoch. (Macht eine sorgenvolle Miene)

Und was heißt das für meine Adduktoren?

Jetzt hörnse mal auf mit ihren Adduktoren. Sie sind zu dick, wenn sie da nichts machen, dann …

(Sein besorgtes Gesicht lässt in mir die Frage nach meiner Lebenserwartung keimen.) Wieviel habe ich noch? Also … Tage … meine ich.

Na, so schlimm isses noch nich. Und wir wollen da doch jetzt was machen, deshalb sinse doch da, nicht wahr?

Ja. Und wegen meinen Adduktoren.

(Seine Heiligkeit verdreht genervt die Augen) Die nützen ihnen auch nichts mehr, wenn ihre Kiste mit einem Schwerlastkran vom Balkon gehoben werden muss. Wir kümmern uns jetzt erstmal um ihr Gewicht und dann kommt das auch mit ihren Adduktoren auf die Reihe.

Na ja…wenn sie meinen?

Klar. Aber die Medizin kann da nicht viel ausrichten. Da müssense schon selber bisschen mitmachen. Bewusste Ernährung und so. Bewegung. Ich kann ihnen da … wartense mal … (der Doktor guckt in seinen PC und googelt eine Weile bei wikipedia vor sich hin) Ja, da geht was, das ist gut. Ist aber ne Igel-Leistung.

(Igel? Spitz, Stacheln – das muss was mit Spritzen zu tun haben. Aber gleich ein ganzer Igel? Jetzt bekomme ich doch Angst.)

Gefangen in dieser Zelle, ausgeliefert diesem Inquisitor, sehe ich vor meinem geistigen Auge einen Schwarz-Weiß-Film aus dem Zweiten Weltkrieg ablaufen, in dem ein russisches Raketenbataillon eine Stalin-Orgel mit lauter geladenen Spritzen auf einen unschuldigen Zivilisten abschießt.

So viel wollte ich eigentlich nicht. Eine Spritze würde mir schon reichen.

Wie Spritze? Mit einer Spritze ist es da nicht getan.

Dass er das Wort „Spritze“ betonte, ist mir vor Schreck entgangen. Statt dessen habe ich im Singular einen ironischen Ton herausgehört. Mit einer Spritze … Das habe ich befürchtet.

Also doch eine Igel-Batterie aus der Stalinorgel. Nie und nimmer werde ich meinen Leib von diesem Knochen-Fetischisten gleich mehrfach durchbohren lassen. In meiner Verzweiflung kommt mir eine Idee.

Ja okay, das machen wir. Aber nicht heute. Bin schon ziemlich spät dran. Vielleicht erstmal eine Grippeschutzimpfung?

Der Heilige Medicus lässt sich auf diesen Deal ein, misst aber vorher noch meinen Blutdruck, schaut mir in Hals sowie Ohren, horcht mich auch noch ab und zieht literweise Blut. Als Begründung für dieses Komplettprogramm beruft er sich auf das überzeugende medizinische Argument „Wo sie nun schon mal da sind“.

Als er sich einen Handschuh anzieht und seinen Mittelfinger in Aspik taucht, breche ich die Maßnahme ab. „Das ist alles noch in Ordnung“, höre ich mich sagen, während sich meine Hinterbacken instinktiv so zusammenpressen, dass eine dazwischen steckende Münze garantiert ihre Prägung verlieren würde.

Nur wenige Minuten zuvor hegte ich ernste Zweifel an dieser Aussage. Ich sollte Urin abgeben. „Mittelstrahl!“, rief mir eine klaverte Monstranze in Weiß noch nach.

Da stand ich nun und habe die Manschette meines Ventils so lange traktiert, bis da wirklich drei Strahlen gleichzeitig austraten und ich den Becher mit der anderen Hand gezielt unter dem Mittelstrahl drapieren konnte.

Den Befehlston der Kommandeuse noch in den Ohren, war es mir eine Genugtuung, den Becher randvoll bekommen zu haben. Zurück am Schreibtisch des Pillen-Papstes, bekomme ich trotzdem eine der drei letzten Grippespritzen. Die Hostie sozusagen. Bis zur nächsten Messe, auf Wiedersehen!

Als ich mich auf dem Weg nach draußen trotz meiner gerade diagnostizierten Fettleibigkeit unbemerkt an der Menschentraube vor der Empfangstheke vorbei schleichen kann, sind sich Betreuer, Schwester und diverse Patienten gerade darüber einig geworden, welche der elf Familienmitglieder die drei verfügbaren Impfdosen erhalten dürfen.

Beim Gedanken an das Drama, das sich da jetzt gleich bei der Neuordnung der Sozialauswahl für die beiden verbliebenen Immunisierungen abspielen wird, plagt mich mein Gewissen.

Ich will das wiedergutmachen. Versprochen! Künftig werde ich nur noch Igel-Leistungen in Anspruch nehmen und das mit der FSME-Impfung im Frühjahr überlege ich mir auch nochmal. Lieber von Zecken gebissen als vom Gewissen.

In der Zwischenzeit ernähre ich mich gesund und bewege mich viel. Das ist auch gut für meine Adduktoren, wie ich aus berufenem Munde erfahren habe.

 






2 Comments to Götter in weiß (3): Das Sprechzimmer

  1. Waldsiedler sagt:

    Ich habe lang nicht so bissig geschmunzelt, wie über diesen Artikel. Beleuchtet er doch den aktuellen Standard überaus real! Besonders im Zusammenhang mit meinem persönlichen notorisch dünnen und auf jeden Cent verplanten Geldsäckel, meinem sich wöchentlich wiederholendem überaus bedauernswerten Freitags-Blick auf Freunde, Familie und Nachbarn, die sich nach einer auslaugenden 40 Stunden Arbeitswoche und mehr, in das oft ebenso arbeitsreiche Wochenende schleppen.
    Spätestens dann fallen mir solche atmenden Jute-Felle mit ihrem ebenso stressfreiem Schlepptau ein und ich bin froh und dankbar, daß meine pingelig verplanten Cents, meinen Magen nicht übermäßig füllen lassen. Denn ansonsten wäre mir ja ständig nur übel…und dann noch zum Arzt gehen? Bitte nicht!

    • -st- sagt:

      Oder anders gesagt: Wenn das Geld nicht reicht, um sich sattessen zu können, kann das nur gut für die Adduktoren sein. Gesunde Adduktoren sind wichtig, damit man die Woche über arbeiten kann und das wiederum kommt der gesamten Gesellschaft zugute. Der wahre Patriot geht nicht zum Arzt!

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