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Joseph Pujol: Der mit dem Wind sprach

Den Bundesbürger mit ostdeutschem Migrationshintergrund erinnert der heutige 1. Juni reflexartig an den sogenannten Internationalen Kindertag. Ein Tag, welcher einer der wenigen war, an dem man gern in die Schule ging. Gewöhnlich wurde der Unterricht da nicht so genau genommen und war eher mit Sport und Spiel ausgefüllt. Was uns damals (leider) nicht mitgeteilt wurde: Am 1. Juni hat auch ein Mann Geburtstag, der wie kein anderer die Lieblingssprache der Kinder beherrschte.

Früher wurde der Kindertag mitunter genutzt, um die Durststrecke zwischen Osterkörbchen und buntem Weihnachtsteller mit einer Extra-Portion Zuckerwerk zu versüßen oder zumindest eine nachmittägliche Exkursion in die Milchbar zu veranstalten.

Heute ist von dem ganzen Tam-Tam nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Süßigkeiten, Eis in tausend Varianten, Spielzeug bis zum Überdruss; all das haben die lieben Kleinen beliebig zur Verfügung und in der Schule braucht es schon lange keinen Feiertag mehr, um es ordentlich krachen zu lassen und die pädagogischen Bemühungen der Lehrer ad absurdum zu führen.

Auf der Suche nach einem neuen Sinn für diesen Tag kann man auf ein beinahe in Vergessenheit geratenes Genie stoßen, an dem sicher nicht nur die lieben Kleinen ihre helle Freude hätten. Die Rede ist von Joseph Pujol, der heute vor 160 Jahren das Licht der Welt erblickte.

Pujol, gebürtiger Franzose, konnte sich auf eine Art und Weise verständlich machen, die als geradezu bahnbrechend in ihrer Internationalität bezeichnet werden kann.

Vom Bäcker zum Kunstfurzer

Mehr noch: Man darf sich sicher sein, dass die Laute, die Pujol fabrizierte, auf jedem Kontinent, in jedem Land und selbst auf der kleinsten Südseeinsel bewusst oder unbewusst verstanden werden.

Mit seinem außergewöhnlichen Talent erlangte der Sohn eines Bildhauers Ende des 19. Jahrhunderts internationale Berühmtheit. Natürlich nicht unter seinem bürgerlichen Namen, sondern als Le Pétomane (franz.: péter = furzen). Jawollja, allein mit dieser Gabe erzielte der Kunstfurzer aus Marseille sagenhafte Gagen.

Flatulenz-Millionär

Mit nichts weiter als seinem Schließmuskel und etwas Luft im Gedärm brachte es Le Pétomane fertig, vom Kinderlied bis zur Marseillaise alles zu schmettern, was die damaligen Charts so hergaben. Selbst Donnergrollen, die Imitation von Blasinstrumenten sowie Tenor-, Bariton- oder Bassfürze gehörten zum Repertoire.

So wie sich jedes Kind in seinem Leben mal im künstlichen Rülpsen übt, entdeckte Pujol seine Begabung ebenfalls eher zufällig. Er perfektionierte seine Technik und wurde Ende des 20. Jahrhunderts damit zum unumstrittenen Star im Pariser Moulin Rouge.

Notärzte gehörten zum Team

Wenn Le Pétomane auf die Bühne trat, schraubten die Rot-Kreuz-Helfer an den Seiteneingängen schon mal ihre Riechsalz-Fläschchen auf. Gleich reihenweise sind die nach damaligem Modetrend in enge Mieder geschnürten Damen vor Lachen in Ohnmacht gefallen.

Nur wer nach der Intonation diverser Couplets noch bei Bewusstsein war, konnte erleben, dass Pujol selbst das rektale Rauchen einer Zigarette beherrschte. Das Ende der allabendlichen Show markierte eine finale Flatulenz, mit der Le Pétomane die damals übliche Gasbeleuchtung im Saal schlichtweg ausfurzte.

Joseph Pujol war der Star des französischen Varietés und dessen bestbezahltester Künstler. Zu den Glanzstücken seines Repertoires zählte zweifellos die beeindruckende Intonation der Geräuschkulisse des Erdbebens in San Francisco 1906. Allerdings setzte er dabei nicht nur einstürzende Häuser in ein nachhaltiges Hörerlebnis um, sondern auch berstende Gasleitungen.

Am Ende Materialermüdung

Möglicherweise etwas zu echt, denn kurz darauf begann der Stern des furzenden Alleinunterhalters zu sinken. Die für Druckaufbau und -auslassung wichtigen Organe quittierten infolge permanenter Überbeanspruchung zunehmend ihren Dienst. Aber auch in soziokultureller Hinsicht konnte der gelernte Bäcker gegen den echten Kanonendonner des Ersten Weltkriegs im wahrsten Sinne des Wortes nicht anstinken.

Joseph Pujol alias Le Pétomane in Aktion.

Nur einmal noch kletterte Pujols Marktwert in astronomische Höhen. Nachdem er am 8. August 1945 gestorben war, bot die medizinische Fakultät des Collège de Sorbonne den Hinterbliebenen sagenhafte 25.000 Franc, um die sterbliche Hülle des Kunstfurzers nach dem anatomischen Geheimnis seines außergewöhnlichen Talents untersuchen zu dürfen. Das war dann aber wohl etwas zu viel Wind um den, der mit dem Wind sprach. Die Familie lehnte ab.

Furzen als Unterrichtsfach?

Wenn wir nun wieder zum Anfang unseres Gedenkens zurückkehren, so fällt die Vorstellung nicht schwer, mit wieviel Freude unsere Kinder im Gedenken an Joseph Pujol an diesem 1. Juni in die Schule gehen würden. Stünde doch einen ganzen Tag lang Furzen auf dem Stundenplan.

Bei Pujol sollen die Flatulenzen ja noch geruchlos gewesen sein, aber der musste ja auch nicht vorher Pizza, Döner und anderes Fastfood essen. Doch allein die Vorstellung, wie dazu aufgefordert wird, kollektiv heiße Luft abzudrücken, das erinnert schon fast an die Vorbereitung auf etwas ganz Großes. Schließlich befinden wir uns mitten im Super-Wahljahr und da weiß der mündige Wähler sowieso, dass es jede Menge heiße Luft mit dem Prädikat „geruchsfrei“ geben wird.

Die einzige erhaltene Filmaufnahme mit dem Kunstfurzer. Damals gab es noch keinen Tonfilm. Denken Sie sich einfach Ihre Lieblingsmelodie dazu…

Bei Pujol, so ist überliefert, saß nicht nur das gut betuchte Bürgertum im Publikum. Auch gekrönte Häupter zählten zu seinen Fans. Warum also nicht mal die Spitzenkandidaten der angetretenen Parteien zur Wahlkampfveranstaltung in die Schule einladen? Das gemeinsame Abfurzen der Nationalhymne am Ende der Diskussionsrunde würde zudem die ewige Frage nach der richtigen Strophe überflüssig machen.

Für die Zeit bis zur nächsten Wahl hilft in den heutigen Zeiten wie immer das Internet. Mit Hilfe von YouTube kann man jederzeit an der Perfektion seiner Technik arbeiten.

Für Markranstädt würde das Unterrichtsfach Flatulenz noch eine weitere Nuance ans Tageslicht bringen. Geübt im Wahrnehmen diverser Gerüche, würde künftig nur noch andächtig geschnuppert und sich nicht mehr über etwaige Geruchsbelästigungen mokiert. Schließlich könnte es ja sein, dass es sich nicht um auf den Feldern gärenden Klärschlamm handelt, sondern Marcell-Kevin-Dustin-Jason oder Jaqueline-Chantalle-Ashley gerade über den Hausaufgaben brütet.

Und wenn wir es dann zur Meisterschaft im Flatulieren gebracht haben, widmen wir uns einem anderen Pujol’schen Talent. Der Mann zeugte tatsächlich 10 Kinder. Mit der eigenen Frau! Wir wissen zwar noch nicht, wie das entsprechende Unterrichtsfach heißen könnte, aber dass es im Zeitalter leerer Rentenkassen zum Pflichtfach erklärt werden sollte, ist unbestritten.

Auf Hilfe aus der Politik darf die Kinder produzierende Familienindustrie dabei aber nicht hoffen. Dort ist man noch immer damit beschäftigt, Pujols eigentliche Kernkompetenzen zur Perfektion zu bringen. Allzu oft nämlich kommt da die heiße Luft noch immer in Begleitung anderer Erscheinungen. Manchmal ist es nur der berühmte Löffel Dünnes, gar zu oft aber auch ein ganzes Stück Land. In beiden Fällen mutmaßt man den Ursprung der Einfachheit halber nur anhand der Farbe.

Aber so einfach ist Furzen nun auch wieder nicht. Gleich gar nicht am Kindertag.

 



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