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Ausgesessen und Gras drüber

Was bisher geschah: Irgendwann anno 2011 kam ein Vorschlag auf den städtischen Tisch, wonach es wieder mal an der Zeit wäre, Markranstädt mit einem weiteren Kunstwerk heimzusuchen. Der metallene Schneckenphallus vorm alten Friedhof wird ja schließlich irgendwann mal langweilig und im Zuge der Eingemeindungen war auch nicht so viel Beutekunst an die Kernstadt gefallen, dass sich damit international punkten ließe. Also musste mal was Neues her für die Kunststadt am See.

Da kam die Idee eines Markranstädter Künstlers mit norddeutschem Migrationshintergrund gerade recht. Eine Art Dach sollte es werden, getragen von bunten Figuren und aufgestellt im Schulhof zwischen KuK und Ärztehaus.

Die Installation ohne Namen erblickte dann auch, so berichtete die Ostfriesen-Zeitung am 15. November 2012, in einer Werkhalle in Leer das Licht der Welt.

Nur zur Erklärung: Leer, also das liegt ganz hoch im Norden. Irgendwo bei Jever, dem Heimatort unseres Bürgermeisters. Dahinter fängt gleich Grönland an. Trotz der geografischen Nähe hat unser Majestix, das sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, mit der Entstehungsgeschichte des Kunstwerks aber genauso wenig zu tun wie mit anderen Projekten, die in Markranstädt in den letzten Jahren geboren wurden.

Die Ostfriesen-Zeitung – der Name sagt’s – widmete sich als Erste dem Thema „Kunstwerk Markranstädt“

Bis zu jenem Zeitpunkt war ja auch noch alles in Ordnung mit der künstlerischen Installation. Mehr noch: Wenige Wochen zuvor hatten Markranstädter Schüler im Rahmen eines für den Referenten recht stattlich dotierten Projekttages sogar die Möglichkeit bekommen, mit Schweißbrenner und Flex selbst Hand anzulegen an dem Kunstwerk, das eines nicht allzu fernen Tages ihren langweiligen Schulhof aufhübschen sollte.

Schon freuten sich die ersten Fünftklässler über eine überdachte Raucherinsel, andere hatten im Geiste bereits die Sprayflaschen geschüttelt und wieder anderen war es eigentlich scheißegal, was da passieren sollte.

Der für den Referenten recht stattlich dotierte Projekttag wurde im Oktober 2012 auch von der LVZ aufgegriffen.

Vielleicht gab es sogar schon geheime Schülerprojekte, in deren Umsetzung leistungsfähige UV-Lampen unter dem Dach des Kunstwerks für optimale Wachstumsbedingungen zum Gedeihen THC-haltiger Kulturen sorgen sollten. Praxisnaher Biologie-Unterricht sozusagen. Aber erst mal passierte gar nichts.

Bis … ja … bis dann wirklich was passierte. Ein Bautrupp rückte an, buddelte und baggerte im Schulhof und goss schlussendlich ein wahrhaft monolithisches Fundament in den Markranstädter Heimatboden. Und es dauerte gar nicht so lange, bis dann wieder was im Schulhof passierte.

Unangenehme Fragen

Aber vorher geschah etwas in der vierten Etage. Eine neugierige Stadträtin wollte im April 2014 mal wissen, was denn da eigentlich so läuft in Sachen teures Kunstwerk, das Markranstädt weit über die Verhüllung des Reichstages hinaus ein neues Standortmerkmal verleihen sollte und was das Ganze denn nun so kosten solle.

Die Antwort: Die Gesamtkosten belaufen sich auf 27.000 Euro (in Worten: siebenundzwanzigtausend). Davon seien 19.000 Euro als Auftragssumme an den Künstler veranschlagt worden, was sich auf Grund der fünfstelligen Spende eines großen Energieversorgers auf neuntausend für die Stadt reduziere. Das Kunstwerk sei fertiggestellt, hieß es damals im April 2014, und harre auf dem Gelände des Künstlers in Markranstädt seiner weiteren Verwendung. Gegenwärtig laufe die Prüfung der Statik.

Wofür die Differenz zwischen den 19.000 und den 27.000 Euro veranschlagt wurde, war nicht Teil der Bekanntgabe. Ein hübsches Sümmchen davon wird aber wohl ins Fundament geflossen sein, ein anderer Teil vielleicht auch in die statische Überprüfung, die ergeben hat, dass das Fundament so nicht ausreicht und verstärkt werden muss.

Diese „Verstärkung des Fundaments“ sah anno 2015, so aus, dass man im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache wachsen ließ. Natürlich ist das nicht von alleine gewachsen, sondern wurde sorgfältig angesät, nachdem die verräterischen Grundfesten des künstlerischen Monuments und damit wohl auch unliebsame Nachfragen mit reichlich fruchtbarem Mutterboden abgedeckt wurden, die das beauftragte Unternehmen gleich mitbrachte.

Praxistag in der Schule

Das war sicher auch eine unbezahlbare Erfahrung und zugleich praktischer Anschauungsunterricht für die Kids an den Schulfenstern. Endlich hatte das langweilige Kaff am Zschampert auch mal sowas wie einen Hauptstadt-Flughafen. Und nirgendwo konnte man besser live verfolgen, wie Geld sprichwörtlich im Boden versenkt wird und anschließend Gras drüber wächst. Das muss ein geradezu unvergesslicher Projekttag gewesen sein, wenn man nicht gerade das Ziel hat, später mal BWL zu studieren oder irgendwas mit Logik.

Heute präsentiert sich da, wo sich einst ein eindrucksvolles 27.000-Euro-Kunstwerk über den Köpfen wissensdurstiger Schüler gen Himmel recken sollte, eine idyllische Grünfläche, unter deren Grasnarbe ein rund 3.000 Euro teures Fundament sein nutzloses Dasein fristet. Nicht mal Hanf könnte man dort anbauen. Nutzlose Schulbrache also.

Über den Verbleib des eigentlichen Kunstwerkes gab es unter dem traditionell diskussionsfreudigen Publikum in Markranstädt zunächst mancherlei Rätselraten. Alte Luftaufnahmen auf Google-Earth machten die Runde und ließen tatsächlich vermuten, dass das metallene Gebilde den Weg von Leer nach Markranstädt vollzogen hat.

Recherchen mit Google-Earth

Aber dort, wo es der Google-Satellit damals geortet hat, liegt es nicht mehr. Andere wollen es demontiert und abholbereit neben dem Haupteingang des Künstleranwesens gesehen haben, wo es seit einigen Jahren still vor sich hin oxidiert.

Einen entsprechenden Beitrag der Markranstädter Nachtschichten aufgreifend, wandte sich Stadträtin Dr. Ingrid Barche während der Ratssitzung im September 2015 erneut an die Verwaltung und bat um Auskunft über den weiteren Umgang mit der künstlerischen Wertanlage.

Der Bürgermeister zuckte mit den Schultern und gab an, von diesem Vorgang nichts zu wissen. Die Erinnerung daran wie auch die im Bauamt liegenden Verantwortlichkeiten schienen wie weggeblasen. Okay, damals konnte man die Ausrede, dass er die Markranstädter Nachtschichten nicht liest, noch gelten lassen.

Projektvorstellung im Markranstädter Amtsblatt, damals noch mit Bauamts-Chefin Carina Radon (2.v.r.)  und ihrer Stellvertreterin (ganz links)..

In einer späteren Sitzung bekam Frau Dr. Barche dann eine Information, die irgendwie an das Spiel „Schraps hat den Hut verlor’n“ erinnert. Probleme mit der Statik würde es geben und zwischen den Worten war der Tenor zu vernehmen, dass es zur Schuldfrage dieser Probleme noch keine eindeutige Antwort gäbe. Sie wurde demnach zwischen dem Bauamt (damals noch unter Leitung von Frau Dr. Richter) und dem Künstler hin und her geschoben.

Hinter den Kulissen ging es wohl auch um die Materialauswahl tragender Teile, die von der elektrischen Spannungsreihe her nicht miteinander kopulieren konnten und mangels chemischem Sex irgendwann so impotent werden könnten, dass das Dach auf die unter ihm kiffenden Kinder fällt.

Nachdem das behoben war, sollte wohl das Fundament nicht mehr den statischen Anforderungen entsprochen haben und daher gabs dann juristischen Raufhändel. So ähnlich jedenfalls lässt sich das Drama für den baurechtlich ungebildeten Steuerzahler zusammenreimen.

Das ist nun schon wieder fast zwei Jahre her und inzwischen hat sich die Welt weitergedreht. Nicht nur die kühnsten Pessimisten gehen heute mit der Hoffnung schwanger, dass die statischen Missverständnisse in der Zwischenzeit entbunden oder zumindest ausgesessen sein müssten. Das Kunstwerk, wie eine Lego-Skulptur sorgsam zerlegt, ist im Gewerbegebiet geortet worden und auch am Campus gibt es neue Entwicklungen.

Zwischenstation oder Ende eines Kunstwerks? Hier jedenfalls oxidiert es seit langer Zeit vor sich hin.

Dort wird demnächst gebaut. Für 1,4 Millionen Euro entstehen im Magnetfeld der August-Bebel-Halle vier neue Klassenräume fürs Gymnasium. Viele Fragen hatten die Stadträte dazu. Es ging um den verbleibenden Hofraum, um Bäume, Gestaltung und … ähm ja … leider nicht um das Kunstwerk, dessen Fundament kaum 50 Meter entfernt noch immer schlummernd in der Erde ruht.

Ignorierte Synergie-Effekte

Dabei wäre das doch ein guter Anlass gewesen, die rund 3.000 bereits versenkten Euro plus die Zehntausend der ENVIA wieder zu einer Wertanlage zu erwecken, wo man dort doch bald schon ohnehin mit Baumaschinen zu Werke geht.

Allein die Tatsache, dass selbst in den Köpfen der Abgeordneten der Markranstädter Duma bereits Gras über die Sache gewachsen ist, ließ das künstlerische Traumschloss nicht wieder zum Thema werden.

Wenn unsere Nachfahren später mal an dieser Stelle buddeln, werden sich ihnen viele Fragen stellen.

Für den Steuerzahler bleibt damit wieder einmal nur die Erkenntnis, dass es einen Unterschied zwischen kostenlos und umsonst gibt. Ein Architekturstudium zum Beispiel ist nicht kostenlos, mitunter aber eben trotzdem umsonst. Andersrum verhält es sich mit einem Schwamm, einem Teppich und Gras. Was auf den ersten Blick unvereinbar scheint, hat viele Gemeinsamkeiten. „Schwamm drüber“ und „unter den Teppich kehren“ haben das gleiche Ergebnis, wie „Gras drüber wachsen lassen“.

Und so ist in Markranstädt über ein anfänglich nahezu kostenloses Kunstwerk sprichwörtlich Gras gewachsen, bis alle Aufregung umsonst und die Sache unterm Teppich war. Schwamm drüber? Na ja, nennen wir es lieber: ausgesessen.

Kandidat für Unwort des Jahres 2017: ausgesessen

Wenn unsere Nachfahren in 200 Jahren an dieser Stelle eine Moschee bauen wollen, werden sie wohl erst mal das Landesamt für Archäologie kontaktieren müssen. Zu untersuchen ist ein Relikt aus längst vergangenen Tagen und man wird sich fragen, was die Altvorderen einst damit bezweckten, eine überdimensionale Grube auszuheben und dort mal eben so ein paar Kubikmeter Beton in die Erde zu gießen.

Sie werden lange rätseln und anschließend an der Fragestellung scheitern, dass doch selbst im 21. Jahrhundert keine zivilisierte Kultur in Europa irgendwas umsonst gemacht hat. Wo also lag der Sinn, wo der Wert und wer hatte was davon gehabt?

Genau diese Fragen stellt man sich bei den Markranstädter Nachtschichten heute schon…

„… und dann haben sie das Fundament … haben sie es wieder ausgegraben und rüber zur Kita gebracht. Dort haben sie es … es wieder eingebuddelt und Fix und Foxi drauf geschraubt. Du Gerlinde, ich glaub, ich muss erstmal meine Einlage wechseln…“






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