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Der letzte Sonnenstrahl

Sonntagabend kurz nach 18 Uhr. In London geht der Siebenkampf bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften gerade in die entscheidende Phase, da ertönt die englische Nationalhymne. Siegerehrung im Siebenkampf. Auf dem Treppchen stehen nur zwei Frauen, dazu noch in „Zivil“. Eine von beiden ist sogar schwanger. Und weil die andere Frau in Markranstädt wohnt, haben wir mal genauer auf die ungewöhnliche Szene geschaut.

Sportinteressierte Leserinnen und Leser wissen natürlich um die besonderen Umstände dieser besonderen Siegerehrung. Die vor wenigen Wochen zurückgetretene Siebenkämpferin Jennifer Oeser ist seit gestern offiziell zweifache Vizeweltmeisterin.

Ihren einstigen dritten Platz von den Titelkämpfen 2011 in Daegu hat sie an die Polin Tyminska abgetreten. Die war zu dieser Sondersiegerehrung allerdings gar nicht erst gekommen.

Weltmeisterin ist jetzt die inzwischen ebenfalls zurückgetretene Britin Jessica Ennis-Hill und ihr zu Ehren erklang auch das „God save the Queen“ im Stadion. Alle Teilnehmerinnen des Siebenkampfes von 2011 sind quasi einen Platz nach vorne gerutscht.

Jennifer Oeser mit ihrer Bronzemedaille von Daegu. Am Sonntag ist daraus eine Silberne geworden.

Der Grund: Die Russin Tatjana Chernova, die den Titelkampf damals gewann, hatte sowas wie einen deutschen Dieselmotor im Leib, inklusive Schummelsoftware in der Harnröhre. Erst Jahre später, im Oktober 2016, wurde festgestellt, dass ihre Abgaswerte eindeutig zu hoch waren.

Sperre statt Rückruf in Werkstatt

In der Wirtschaft regelt man sowas mit einem Krisengipfel und dem Rückruf in die Werkstatt, begleitet von einer durch die Autoindustrie verfassten Regierungserklärung.

Erklärungen gibt es im Sport hinsichtlich Dopings auch. Aber eine Sportlerin kann man nicht eben mal in die Werkstatt zurückrufen und dort die Prostata gegen eine neue Sonde tauschen, die niedrigere Testosteronwerte meldet. Da gibt’s nur Sperren und rückwirkende Aberkennung von Plätzen oder Titeln.

Mehr allerdings nicht. Die Siegprämien können die überführten Athleten behalten und während ihrer Sperren dürfen sie sogar unkontrolliert weiter dopen. Frisch gestärkt geht’s dann nach Ablauf der Sperre wieder in die Wettkämpfe.

So geschehen etwa 18 Stunden vor Oesers nachträglicher Siegerehrung in London. Kurz vor Mitternacht beginnt am Samstag der große Showdown im 100-Meter-Sprint der Herren. Das letzte Rennen von Superstar Usain Bolt. Qualifiziert hat sich für dieses Finale allerdings auch Justin Gatlin.

Epo-Justin, wie er hinter vorgehaltener Hand schon mal genannt wird, wurde in der Vergangenheit bereits zweimal des Dopings überführt. Nach dem ersten positiven Test erhielt er eine zeitweilige Sperre, nach dem zweiten wurde er den Regeln entsprechend auf Lebenszeit aus dem Verkehr gezogen. Findige Anwälte hauten ihn da aber raus und so darf er nun wieder starten.

Katastrophe kam in unter 10 Sekunden

„Ich find’s schade, dass der hier im Finale ist“, tönte denn auch ein Reporter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Aber Gatlin war da und in den nur knapp zehn Sekunden nach dem Knall der Startpistole nahm die Katastrophe ihren Lauf.

Dass Usain Bolt nicht immer gewinnen kann, war klar. Aber dass mit Gatlin ausgerechnet ein Mann mit der Vergangenheit eines Chemie-Baukastens Weltmeister 2017 wird, hat den Titelkämpfen in London nachhaltig einen schwarzen Stempel aufgedrückt.

Da half es auch wenig, dass IAAF-Präsident Sebastian Coe die neuen Medaillen für Jennifer Oeser und Jessica Ennis-Hill persönlich überreichte. Neben den alten Wunden, die er mit dieser Salbe zukleistern wollte, waren Stunden zuvor neue geschnitten worden. Klaffende, tiefe und sicher lange blutende Verletzungen des Sports.

Mit dem Brexit hat scheinbar auch die IAAF ihre Probleme und so findet die Satire auch nach der gestrigen Korrektur-Siegerehrung kein Ende. Ob Jenny nach Bronze und Silber demnächst eine weitere Medaille bekommt? Auf dem ihr gestern verliehenen Exemplar ist sie jedenfalls Britin (GBR) und nicht Deutsche (GER).     (Foto: J. Oeser)

Die aus diesen Wunden eiternden Schmerzen verdeutlicht ein Vergleich der Siegerehrungen. Beim 100-Meter-Sprint wurde der Drittplatzierte Bolt wie ein Sieger gefeiert und Gatlin nach allen Regeln der Musiklehre derart ausgebuht, dass sogar die amerikanische Nationalhymne wie eine Sakraloperette in Moll klang.

Nationalhymnen in Moll und Dur

Anders die Stimmung, als Jessi und Jenny aufs Treppchen stiegen. Das war trotz der inzwischen vergangenen sechs Jahre noch mal Emotion pur. Sogar das eine oder andere Tränchen kullerte da die Wangen runter. Ein letzter Sonnenstrahl, der durch die aufziehenden Wolken am Leichtathletik-Himmel dringen konnte.

Die nachgeholte Siegerehrung am Samstag in London (einfach aufs Bild klicken und genießen).

Jennifer Oeser hat vor ein paar Monaten auch gegenüber den Markranstädter Nachtschichten wiederholt, dass es nichts bringt, die Ergebnislisten alle paar Jahre neu zu schreiben, wenn wieder mal eine geöffnete B-Probe nach verfaulter Jagdwurst stinkt. Da muss mehr passieren!

Genau da liegt der Hund begraben. Unter der Unsicherheit über die Ehrlichkeit einzelner Athleten leiden ausschließlich die Ehrlichen. Schon gibt es Stimmen, die (freilich eher noch aus Spaß) den warnenden Finger heben und meinen, irgendwann werde dann sicher auch mal festgestellt, dass Usain Bolt in einem russischen Gen-Labor hergestellt wurde und eigentlich eine chinesische Schwimmerin werden sollte.

Der Sport wird zum Treppenwitz

Solche Witze und manchmal eine nachträgliche Ersatz-Siegerehrung ist alles, was vom Unterhaltungswert des internationalen Leistungssports geblieben ist. Schalten wir also unsere Fernseher in der beruhigenden Gewissheit aus, dass beim Abgesang der ehrlichen Leichtathletik eine Markranstädterin dabei war.

Herzlichen Glückwunsch zu Silber, Jenny!

 



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