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Die Darmspiegelung (3): „Schwester, Luft!“

Was bisher geschah: Unser verdeckter Patient steht unmittelbar vor der ersten Koloskopie seines Lebens. Seit der Räumungsaktion des Bauches weiß er jetzt auch, warum das Spiegelung heißt: Das Innere seines Darms, so glaubt er zumindest, glänzt wie ein Spiegelkabinett auf der Kleinmesse. Hoffentlich verblitzt sich der Betreiber des Koloskops nicht die Augen?

Im nächsten Moment stehe ich im Behandlungsraum. Eigentlich ist es eher eine Art Werkstatt. Von Gemütlichkeit keine Spur.

Dafür jede Menge Computer, Monitore sowie Diagnosegeräte für TÜV und Abgas-Sonderuntersuchung. Sieht eher nach einem Labor von Darth Vader in Star Wars aus, wo androide Klon-Mutanten programmiert werden.

Die Schwester verhält sich passend zu diesem Szenario und deutet in Manier einer Domina auf zwei Schemel an der Wand. Auf den rechten Stuhl soll ich alles legen, was ich unterhalb des Nabels an Textilien trage. Die linke Sitzgelegenheit ist für mich, wenn ich mich danach wieder anziehen darf.

Noch während ich mich frage, ob ich die Socken auch ausziehen muss, drückt mir Fräulein Hitler zwei blaue Tüten in die Hand, die ich über die Füße ziehen soll. „Und dann springen sie mal da drauf!“, schließt sie ihre Befehlskette.

Die Folgen des Klimawandels

Da drauf? Das muss ein Irrtum sein! Nicht dass die Hebebühne für einen Oldtimer wie mich zu hoch wäre. Ich könnte da vielleicht sogar noch ohne Anlauf draufklettern. Aber die beiden Accessoires an den Flanken dieser Liege lassen mich kurz zweifeln, ob ich in der richtigen Praxis bin.

Das sind eindeutig die Astgabeln eines Pflaumenbaums und ein solches Gewächs gehört selbst im Zeitalter des Klimawandels nicht in diese Region!

Ich kenne solche Gebilde aus den Kurzfilmen, die immer dann ablaufen, wenn ich das Fenster fürs Internet-Banking schließen will und zufällig mal den falschen Button erwische. Obwohl ich diese Sauereien schon nach wenigen Minuten immer sofort wegdrücke, habe ich selbst da noch nie einen Mann drauf sitzen sehen.

Leider kann ich das offensichtliche Missverständnis nicht ausdiskutieren, weil Schwester Hitler inzwischen das Zimmer verlassen hat und ich alleine bin. Also schaue ich mich erst mal um, welche Alternativen für die Niederkunft eines Mannes dieser Raum noch so zu bieten hat.

Auf der Hebebühne

Bis auf eine Art Anrichte, von der man vorher noch diverses Verbandsmaterial, seltsam designte Besteck- und Geschirrteile sowie den Computer abräumen müsste, entdecke ich aber nichts.

Da öffnet sich die Tür und die Schwester kommt in Begleitung einer zweiten Weißgekittelten zurück. ‚Aha, Hitlers Helfer‘, fährt es mir durch den Kopf. Im nächsten Moment kriege ich an selbigen geknallt: „Na was ist? Rauf da. Hopp, hopp!“

Die Helferin rollt über der Liege eine geradezu gigantische Küchenrolle ab, als wollte sie das Teil verpacken wie Christo einst den Reichstag. Dann klopft sie mit der Hand auf die Sitzfläche und weist mir wortlos meinen Platz zu. Ich folge artig. „Beine hier drauf“, befiehlt sie in ihrem keinen Widerspruch duldenden Ton.

Ich bin wirklich bemüht, allen Anweisungen korrekt zu folgen, weil ich das Personal nicht verärgern will. Sie sollen keinen Grund haben, mir aus Gnatz mehr Schmerzen zuzufügen als nötig.

Trotzdem reicht denen mein Entgegenkommen nicht. Insgesamt 4 (in Worten: vier!) mal werde ich aufgefordert, noch ein Stück vor zu rutschen. Am Schluss reißt ihr der Geduldsfaden und sie zieht mich an meiner Hüfte über die Kante der Liege. Hang over!

Jetzt kann ich mir wenigstens mit den Knien die Ohren zuhalten. Mein Hintern ragt dabei aber so weit über die Hebebühne hinaus, dass er sich wie die Nase eines Kindes fast schon an der davor befindlichen Fensterscheibe platt drückt. Hoffentlich geht jetzt da draußen niemand vorbei, der meinen Arsch erkennt.

Seid ihr alle da?

Während eine der Schwestern an meinem Finger eine Elektrode befestigt, zieht sich Fräulein Hitler mit diabolischem Blick einen Handschuh über, taucht die Hand danach in Vaseline und geht daran, meine Anschlussmanschette für den Zugang der nachfolgenden Untersuchung geschmeidig zu machen. Nicht nur äußerlich.

Und wenn ich sage, nicht nur äußerlich, dann meine ich das auch so! Als ich tief in meinem Inneren das Gefühl habe, ihren Ellenbogen zu spüren, befallen mich Erinnerungen an das Kasperle-Theater aus meiner Kindheit.

Ich komme mir vor wie eine Handpuppe. Jetzt fehlt nur noch, dass sie mich mit ihrem Unterarm aufstehen lässt, ihre Hand an meinem Zäpfchen auf und zu macht und meine Stimme imitiert. „Tri-tra-trallala, gleich ist der Herr Doktor da.“

Kurvenreiches Gebiet

In diesem Moment kommt er wirklich! Aus dem Sud-Eimer holt er den Untersuchungsschlauch raus und erklärt mir, was er damit anzufangen gedenke. Ich kann vor lauter Angst kaum richtig zuhören und frage mich nur, ob das Ding noch von meiner Vorgängerin warm ist. Ob sie überhaupt noch lebt? Sie sah ja gar nicht gut aus, als sie draußen so teilnahmslos an die Theke gelehnt wurde.

Er werde die „Sonde“ also in mich einführen, erklärt der Doc. Da es sich bei einem Darm naturgemäß um kurvenreiches Gebiet handelt und das Gerät keine 90-Grad-Krümmungen bewältigen kann, würde er die entsprechenden Streckenabschnitte durch Zufuhr von Druckluft begradigen. Das könne etwas schmerzhaft werden und damit ich ihm nicht vom Stuhl springe, würde ich jetzt in einen leichten Dämmerschlaf versetzt.

Dafür bin ich ihm dankbar. Nichts wäre peinlicher, als vor den Augen entsetzter Mithäftlinge mit einem Schlauch im Hintern durchs Wartezimmer zu flüchten und im Patientenklo Asyl zu suchen.

Aber ich durchschaue diese Foltermethode. Böse Schwester – guter Arzt. Der will nur, dass ich Vertrauen zu ihm aufbaue. In der Fachsprache nennt sich das Stockholm-Syndrom. Ja ja … und dann soll ich unter Narkose alles gestehen.

Zum Beispiel, dass ich im Fragebogen vor der Untersuchung gelogen habe und ich nicht nur zehn, sondern zwanzig Zigaretten am Tag rauche.

Mit Zuckerbrot und Peitsche

Oder die Sache mit dem Wasserlassen. Mensch – ich bin nun mal über 50 und da muss nicht mehr alles so schnell wie früher gehen. In meinem Alter pullert man entschleunigt. Man macht doch da freiwillig kein Kreuz bei „ja“, wenn damit möglicherweise gleich noch ein zweiter Schlauch droht?

So nach dem Motto: „Oh, was lese ich denn hier? Na dann … wo sie doch schon mal da sind …“ Dann werden Darm und Blase gleichzeitig mit Luft befüllt und du schwebst im Behandlungszimmer wie ein Luftballon. Nö, muss ich nicht haben. Jedenfalls jetzt noch nicht.

Weiter kann ich aber nicht denken. Im nächsten Moment setzt mir Schwester Hitler die Giftspritze an die Vene. Zehn, neun, acht … wirkt! Ich sinke in Morpheus‘ Arme und höre gerade noch die Stimme des Arztes: „Schwester, Luft!“.

Im Traum liege ich mitten im Wartezimmer, die Schwester dreht den Kompressor auf und aus der Bettdecke erschwillt eine Puppe aus dem Orion-Shop. Das Publikum im Wartezimmer krümmt sich vor Heiterkeit.

Ich aber erstarre vor Schreck. Der Seemannsballon hat mein Gesicht! Und er wird größer und größer. Die Schwester grinst und denkt gar nicht dran, den Hahn zuzudrehen. Dann folgt ein gewaltiger Knall. Ich bin geplatzt!

Kacke am Dampfen

Der Knall entpuppt sich als äußerst schmerzhafte Pressewehe, die mir in der Realität wahrscheinlich per Turbolader in den Darm geblasen wurde. „Bleiben sie liegen!“, herrscht mich die Praxis-Führerin an. Offenbar hat der Doc gerade eine Haarnadelkurve strecken müssen.

Die weiße Matrone legt nach: „Hinlegen, es ist gleich vorbei!“ Wie immer sie das gemeint hat, ich zweifle dran. Wenn der Schmerz so groß ist, dass nicht mal ihr Zyklon B in meinen Adern hilft, dann ist sprichwörtlich die Kacke am Dampfen.

Ich flehe benommen um Erhöhung der Dosis, weil mein Bauch von der Natur nicht dafür geschaffen wurde, binnen einer Minute Vierlinge aufzunehmen und sie im nächsten Moment gleich wieder zu entbinden. Die Schwester schraubt am Computer rum und kurz darauf falle ich wieder in den Schlaf. Ein neuer Traum beginnt.

Was ich da träume und was sonst noch so passiert, erfahren Sie im vierten und letzten Teil.

 






2 Comments to Die Darmspiegelung (3): „Schwester, Luft!“

  1. Ute Weigand-Münzel sagt:

    OMG!

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