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Die Bonsai-Plantage auf dem Kulturlehrpfad

Jeder Autor, Schriftsteller oder Dichter mit Weltruf hat’s wenigstens einmal getan. Goethe zu Ostern oder im Wald, Heine sogar das ganze Jahr über quer durch Deutschland. Gemeint ist der Spaziergang. Unser Autor Jab Adu wollte den großen Geistern nicht nachstehen und ist ebenfalls losgezogen. Er kam allerdings nur bis zur Kippe, da war sein Poem für die Nachwelt schon fertig.

Neulich kam mir die wunderliche Idee, mal so richtig durchs Herbstlaub zu rascheln. So wie früher, als wir noch im König-Albert-Park das „Rosental“ vom Laub befreien mussten. Dank Google Earth kann man sich heute zum Glück schon im Wohnzimmer die geeignete Route aussuchen und so stand ich nur wenige Minuten nach der Planung fertig gerüstet in der Haustür.

Mein Weg sollte mich diesmal durch die halbe Stadt Richtung „Weißen Schrecken“, also gen Kulkwitz führen. Vorerst war auf dem Weg von der Südstraße kommend kein Laub zu finden. Dafür waren aber die Rasenstreifen zu beiden Seiten des Wegs blitzeblank und stoppelkurz gemäht.

Auch die Hinterlassenschaften der Hunde lagen bis zur letzten Faser säuberlich geschreddert in der Flur. Bei diesem Streubild würde das Herz eines jeden Landwirts höher schlagen.

Unweit des Wegesrands sieht es aber schon anders aus. In Hoffnung auf den Frühjahrsputz haben dort schon einige Emsige ihre Gartenabfälle und sonstigen Ramsch hingeschmissen, obwohl die LAV in diesem Bereich schon rein nasal wahrnehmbar ist. Aber 500 Meter weiter tragen und ein paar Euro zahlen, das passt nicht in ein Zeitalter, in dem Eigennutz vor Gemeinnutz geht.

Da lieber bei Mäc Geiz einen Plastelöffel mit Melodie sowie Beleuchtung kaufen und den dann – wenn die Batterie runter ist – über den Zaun werfen. Es gibt genug Freiwillige (in der Neusprache: Free Willys), die den Dreck wegräumen. Und wenn nicht, da kann man sich ja immer noch beschweren, dass es hier lodderlich aussieht.

Nach einigen weiteren Schritten stehe ich dann plötzlich vor einer wundersamen Installation.

Ist das Kunst? Nun auch noch „Kreativtstadt Markranstädt“? Direkt neben einem Baum – gut, eher in der Intimsphäre eines Bäumchens – hat ein unbekannter Künstler eine Stele aus Eisen in die Erde gegründet und diese mittels eines gordischen Knotens aus blauem Draht mit dem Bäumchen verbunden. Sozusagen eine Einheit zwischen Natur und Moderne.

Kunst oder Können?

Mir gehen sofort tausende Gedanken durch den Kopf. Soll man angeregt werden, den Knoten naturnah zu lösen oder ist es etwa nur ein symbolisches Rätsel? Ja, wer stützt hier wen? Das Stämmchen die eiserne Stele oder die Stele das Stämmchen? Oder handelt es sich gar um eine philosophische Interpretation des ewigen Grundgedankens, dass wir nur gemeinsam stark sind?

Die Sache fesselt mich und so begebe ich mich zurück zum Anfang des Weges, um dahinter zu kommen, was es wohl mit dem Drahtknoten auf sich hat.

Am Startpunkt entdecke ich eine Tafel, die mir verrät, dass hier die Jahrgangsbäume der im Jahre des Herrn 2008 Geborenen stehen. Und es gibt den Hinweis: „Mit den Jahrgangsbäumchen erhalten die Familien ein Symbol des Wachsens und Werdens ihrer Sprösslinge“

Das weckt Neugier! Mal sehen, was aus den Sprösslingen so geworden ist. Erfüllen sie das Gelöbnis des Wachsen und Werdens?

Erstmal kann ich nur sehen, dass jeder Baum eine Nummer hat. Das ist ja fast wie ein Name, so wie Lukas, Klara oder Paul. Sozusagen ein Nummer-Namensschild. Oder gar doch schon ein Teil der Steuer-Identifikationsnummer? Klar, wenn es dumm kommt, werden später mal die Aufwendungen für die Baumpflege gleich von der Rente abgezogen. Man weiß ja nie, was so noch kommt.

Vielleicht brauchen die Sprösslinge später mal auf dem Arbeitsamt keine Nummer mehr ziehen, sondern sind durch die Gnade ihrer Geburt sozusagen schon genetisch Nummer 7008 oder 2417? Im Wartezimmer des Arztes erübrigt sich dann die obligatorische Frage, wer der Letzte war. Einfach auf die Nummern gucken und sich einordnen. Der Nächste bitte!

Die Nummern irritieren mich allerdings auch in anderer Hinsicht. Sie sind nur vierstellig, obwohl doch heute fast jedes Kind eine aus mindestens drei Namen bestehende Typenbezeichnung trägt. Marcel-Dustin-Kevin beispielsweise oder Chantall-Deborah-Cheyenne. Wo sind die Plaketten mit den Nummern 7007-0815-4711?

Zudem werden diese Schildchen deutlich sichtbar und mit einem stabilen Nagel an die Stämmchen der Bäumchen gehämmert. Wahrscheinlich geht man davon aus, dass die Plaketten mitwachsen und irgendwann mal beim Durchmesser von zwei Metern und 17 Kilo Gewicht einen BMI von 35 haben. Das muss der Nagel dann tragen können!

In Mark und Bein

Der Anblick geht mir richtig ins Mark. Ich hoffe, das Mark der Bäumchen hat dabei nichts abbekommen. Hier und da ist der Nagel Gott sei Dank vorsorglich ins Totholz geschlagen. Aber Nummern und Ordnung müssen sein. Man will ja wissen, welcher Baum wo und ob er überhaupt noch steht.

Beim Betrachten der Jahrgangskulturen kommen mir noch weitere Bedenken. Ehrlich gesagt: Kurz vor dem 10. Jahrestag der Baumpflanzung sehen die Bäumchen recht mickrig aus. Wenn man sich die so ansieht, könnte man zu der Schlussfolgerung gelangen, dass es 2008 in Markranstädt einen nuklearen Fallout gab und deshalb nur Kleinwüchsige mit Down-Syndrom geboren wurden.

Einzelne Stauden sind über einen Stammdurchmesser von 3 Zentimetern nicht hinausgekommen. Der Spaziergänger mit kultureller Affinität denkt bei diesem Anblick automatisch an Oskar Matzerath aus der Blechtrommel. Also doch ein Kulturlehrpfad.

Mein Blick verlässt die Niederung in der Hoffnung, doch noch kräftige Kronen des nuklearen Katastrophenjahres 2008 zu erspähen. Schwierig. Dort, wo die Kronen der der Jahrgangsbäume dereinst weit ins Land schauen sollten, erblicke ich ein, … sagen wir mal … „Gefitze“ von Geäst. Bunt sieht es ja aus, schön angemalt. So richtig „patchwork“. Und zum Laub der Jahrgangsbäumchen muss der Herbst hier nicht mal auf die Leiter klettern.

Aber was gehört wozu? Über dem Tunnel der Bäumchen hat sich ein Mantel aus wild wachsenden Bäumen und Büschen ausgebreitet, der ihnen den Raum zum Leben entzieht. Die Bäumchen müssen sich einen Weg zum Sonnenlicht erkämpfen.

Wieder bin ich bei der Kultur gelandet und sehe, wie Jack Nicholson einen Hund in den Müllschlucker wirft und ihm hinterher ruft: „Das ist New York! Wer hier überlebt, schafft es überall!“ Ich ersetze New York durch Markranstädt und beginne zu verstehen.

Das Recht des Stärkeren

Und wie es so im Leben ist, tut den Wilden auch hier niemand was. Wo die sich austoben da wächst kein Kraut mehr. Sie sind inzwischen stärker als die Jahrgangsbäumchen. Denen bleibt nur, diesen Hindernissen aus dem Weg zu wachsen um überhaupt überleben zu können.

Kaum Raumgewinn in der Höhe, dafür taumelnd in alle anderen Richtungen. Der Begriff Ast bekommt hier eher die Dimension des Buckels, der sich unter dem Wams von Quasimodo im „Glöckner von Notre Dame“ bläht. Die nächste kulturelle Station. Und der Himmel ist fern.

Als Symbole für das „Wachsen und Werden“ taugt dieses Unterdrücken der heimischen Flora wirklich nur unter dem Edikt der künstlerischen Interpretation.

Ist das so vielleicht gewollt? Verkenne ich hier die Tatsachen und die Jahrgangsbäumchen sind kleine Bonsai-Experimente? Nein, das kann es auch nicht sein. Zwergbäume sind zwar klein, aber gesund und stattlich im Wuchs. Sie sind verschnitten, geformt und gepflegt. Fast verhätschelt. Und sie wachsen im Licht. Das trifft auf die Jahrgangsbäumchen nicht zu. Also keine Bonsais.

Ich ergebe mich der bitteren Erkenntnis, dass die Jahrgangsbäumchen 2008 in einer sehr schlechten Zeit leben und es richtig schwer haben. Und ich ertappe mich bei der Prognose, dass sie die nächsten paar Jahre nicht überleben werden.

Überlebenskampf auf der Kippe

Ich wünsche mir und den Kindern, für die diese Bäumchen gepflanzt wurden, dass sich diese viel stärker und gesünder entwickeln als ihre „Paten-Bäume“. Und den Eltern wünsche ich, dass sie sich keine Sorgen um deren Wachsen und Werden machen müssen.

Und hier bin ich vielleicht bei der Lösung des Rätsels vom Anfang. Sicher hat ein doch besorgter Vater gesehen, wie schlecht es seinem „Patenbäumchen“ geht. Er hat dem Gewächs in Eigeninitiative etwas Hilfe verschafft.

Mit einem einfachen Stück Eisen, geschickt durch die Wurzel getrieben, hat er den Baum mit einfachsten orthopädischen Mitteln vor dem Umfallen gerettet und den Weg zum Licht gewiesen. Folglich keine Kunst, sondern eine lebenserhaltende Maßnahme für sein Bäumchen.

Einmal nur den Himmel sehen

Mehr konnte er wohl nicht tun. Davon, dass irgendjemand mal die wilden Bäume und Sträucher zurecht schneidet, kann er nur träumen.

Ein Lichtblick bleibt aber trotzdem. Im kommenden Jahr stehen die Jahrgangsbäumchen geschlagene zehn Jahre. Und an diesem Jahrestag einmal den Himmel sehen zu dürfen, das wäre doch mal was.

 






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