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Besuch in Räpitz beim Trödeltrupp für unter der Erde

Zwischen Räpitz und Meyhen soll die Ferngasleitung erneuert werden. Deshalb zelebrieren Archäologen, sehr zum Leidwesen der betroffenen Landwirte, hier seit Monaten eine Rettungsgrabung. Gestern gab es eine öffentliche Führung über die Grabungsfläche, in deren Rahmen auch einige Funde präsentiert wurden. Da sowas den Laien interessiert, war die Veranstaltung auch gut besucht. Der Fachmann jedoch ist eher scharf auf die Interpretation all dessen, was nicht gefunden wurde. Und das war jede Menge!

Großer Bahnhof gestern Nachmittag an der Mühle zwischen Schkeitbar und Meyhen. Das Landesamt für Archäologie hatte zur Führung gebeten und im Laufe der Veranstaltung waren dann auch rund einhundert Menschen dem Rufe gefolgt. Selbst der Bürgermeister befand sich unter den Besuchern.

In der Annahme, dass es Transparenz, gute Gespräche oder Demokratie schon vor 6.000 Jahren gab, wollte Jens Spiske „mal schauen, ob sie nicht auch das Skelett eines meiner Vorgänger gefunden haben.“ Aber dem war nicht so.

Nicht mal auf Opferbeigaben für Verlierer frühbronzezeitlicher Wahlanfechtungsklagen sind die Archäologen gestoßen. Lediglich das Skelett eines Kindes und das Gerippe eines Hirsches (kann auch ein Einhorn gewesen sein) landeten auf den Seziertischen des Landesamtes.

Dafür gabs aber jede Menge Scherben aus Zeiten bis 4.000 v.Chr. Für den Laien erschloss sich daraus zunächst nur, dass es schon in der Bronzezeit und davor tiefgreifende eheliche Auseinandersetzungen gegeben haben muss. Die Zeugnisse dieser historischen Frühform antiken Ehegattensplittings lagen fein säuberlich ausgebreitet auf einem Tisch.

Klarer Fall: In Räpitz gab es schon vor 6.000 Jahren jede Menge Beziehungsstress.

Dr. Christoph Heiermann, Referatsleiter im Dresdener Landesamt, klärte die verstörten Gäste jedoch schnell auf. Seine Euphorie über die gefundenen Scherben stieß dennoch manchmal auf eher verhaltene Resonanz.

Keltische Amphoren voller Gold oder wenigstens urschriftliche Fragmente des Kamasutra hätten die Erwartungshaltung einiger Gäste wahrscheinlich attraktiver erfüllt und mehr Begeisterung hervorgerufen.

Keine antiken Goldschätze

Beim Gang über das Grabungsfeld dann die nächste Ernüchterung. Siedlungsspuren wurden, abgesehen von einigen Löchern, in denen mal Pfähle gesteckt haben, nicht gefunden. Auch hier weiß der Laie aber, dass dies nichts zu bedeuten hat. Vielleicht war es ja auch nur ein frühzeitlicher Campingplatz?

Bei der dunkel gefärbten Erdschicht handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine mehrere tausend Jahre alte Abfallgrube. Die schraffierten Bereiche sind hingegen Gänge von Tieren. Solche Erdschnitte werden nicht nur fotografiert, sondern detailgetreu auf Millimeterpapier gezeichnet.

Jede Menge gefundener Abfallgruben sind zumindest  deutliche Indizien. Immerhin befindet sich die städtische Obdachlosenunterkunft selbst heute noch quasi in Sichtweite des Grabungsfeldes.

Archäologen sind bekanntlich sowas wie der Trödeltrupp für unter der Erde. Was sie gefunden haben oder nicht, klärt sich oft durch das Mittel des Vergleichs mit anderen Funden.

Für den Laien sieht das zunächst wie die freigelegten Reste einer rund 75 Jahre alten Rune aus. Das wissenschaftlich sensibilisierte Auge erkennt hier aber nicht die vor der Ernennung zum SED-Parteisekretär hastig vergrabenen Insignien eines Ortsbauernführers, sondern einen Ofen aus der Zeit um 1000 v.Chr. Der größte Teil der Feuerstätte wurde inzwischen geborgen und wird gegenwärtig von Spezialisten untersucht.

So entdeckte man kürzlich in Leipzig bei Grabungen in einer Tiefe von 30 Zentimetern größere Mengen Draht aus der Zeit um 1910.

Das Mittel des Vergleichs

Es stellte sich heraus, dass er von einer alten Telefonleitung stammt und man deshalb bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Messestadt drahtgebundene Telefonie kannte.

In Räpitz fand man so etwas selbst in einer Tiefe von einem Meter nicht. Der wissenschaftliche Rückschluss der MN-Experten: Die hier siedelnden bronze- und eisenzeitlichen Horden kannten schon Mobiltelefone.

Wie gesagt: Archäologie ist wie Satire – quasi unterirdisch.

 






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