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Lautlos in Markranstädt: Das Schweigen der Lämmer

Überall im Landkreis herrscht seit Wochen Zoff um die Neuvergabe der Flüchtlingssozialarbeit. Die lokalen Tageszeitungen in Borna, Grimma und anderswo überschlagen sich geradezu bei der Berichterstattung, weil ein Verein den Zuschlag erhalten soll, dem die Staatsanwaltschaft auf den Schnürsenkeln steht. Nur um Markranstädt macht das Thema wieder mal einen Bogen, obwohl das Kaff zwischen Floßgraben und Zschampert am stärksten betroffen ist. Bloß eine Verschwörungstheorie?

Was bisher geschah: Weil damals, als die Flüchtlingswelle auf die deutschen Ufer brandete, alles schnell gehen musste, hat der Landkreis die Flüchtlingssozialarbeit nicht ausgeschrieben, sondern quasi per Schuss aus der Hüfte vergeben. In Markranstädt hatte es die Caritas getroffen.

Nun ist etwas Ruhe eingekehrt und damit haben die Beamten Zeit, ihrem Dasein eine neue Berechtigung, hier und da vielleicht sogar einen Sinn zu geben. Die Leistungen müssen ausgeschrieben und auf dieser Grundlage neu vergeben werden, hieß es. Die vorgegebene Formel für die Bewerber lautete: Vierzig Prozent Inhalt, sechzig Prozent Preis.

Rein vorsorglich sei den bisherigen Leistungsanbietern per 31. Dezember gekündigt worden. Kann man machen, wenn man sicher ist, dass es einen Nachfolger gibt. In Markranstädt aber gibt es den nicht. Hier sollte ein Verein aus Duisburg den Staffelstab von der Caritas übernehmen. ZoF nennt er sich, was so viel heißen soll wie Zukunftsorientierte Förderung.

Bald schon stellte sich aber heraus, dass da wohl noch ein F fehlt. Zoff würde besser passen, denn den gibt es jetzt reichlich. Gegen den (inzwischen ehemaligen) Geschäftsführer sowie zehn weitere Mitglieder des Vereins würde die Staatsanwaltschaft ermitteln, heißt es. Vorwurf: Sie hätten rund zwei Millionen Euro an Vereinsgeldern veruntreut. Ex-Geschäftsführer Deniz A. habe zeitweilig sogar in U-Haft gesessen, berichtet die LVZ.

Gegen den Verein selbst würden keine Vorwürfe erhoben, zitiert sich der neue Geschäftsführer Bülent A. selbst. Das A steht übrigens sowohl bei Deniz als auch bei Bülent für den Nachnamen Aksen. Das ist nicht etwa ein biologisch zusammenhangloser Zufall, wie er hierzulande bei Namen wie Schmidt oder Müller konstruiert werden könnte. Vielmehr ist dieser Zufall der Tatsache geschuldet, dass es sich um Brüder handelt.

Der zuständige Ausschuss des Kreistages wollte die Vergabe an ZoF deshalb ablehnen, Landrat Graichen hingegen den Zuschlag trotzdem erteilen und wurde dafür in der LVZ (wohlgemerkt: Ausgabe Borna, der Markranstädter Leser erfuhr davon nichts) mit der Schlagzeile „Verein im Zwielicht – Graichen will Millionenauftrag dennoch vergeben“ geadelt. Inzwischen dürfte aber auch der Landrat durch die neuesten Informationen geläutert sein. Wie die Presse unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft mitteilt, werde nun auch gegen Neu-Geschäftsführer Bülent ermittelt.

Im Qualm der Gerüchteküche zeichnet sich ab, dass die Bewerbung des ZoF letzte Woche in Borna endgültig durch das Raster fiel, trotz Unschuldsvermutung und Erfüllung der Formel „40 Prozent Inhalt, 60 Prozent Preis“.

Der Preis war dann wohl doch zu heiß. Jetzt haben die Damen und Herren in der fernen Kreisstadt aber ein Problem. Der Caritas wurde bereits gekündigt und bis 31. Dezember ist nicht mehr viel Zeit, um die Flüchtlingssozialarbeit in Markranstädt auf neue Fundamente zu stellen.

Dass dieses Treiben ausgerechnet in Markranstädt, wo sich die Aufbewahrung von Flüchtlingen nach Schließung anderer Unterkünfte in der Region konzentriert, nicht öffentlich thematisiert wird, hat gute Gründe, die vor allem gestandene Satiriker positiv bewerten.

Immerhin hat sich die hartleibige Strategie in der Vergangenheit bewährt. Also, nicht immer so negativ denken, sondern sich auch mal die positiven Merkmale und Errungenschaften vor Augen führen! Als da wären:

1. Als seinerzeit die Wohncontainer für angeschwemmte Flüchtlinge knapp wurden, hat man einen unsäglichen Deal geschlossen. Der Landrat reichte eine Vermietungszusage über acht Jahre (plus x) aus. Mit dem Ding in der Tasche hätte sogar ein Hartz-IV-Empfänger bei der Bank einen Kredit für den Erwerb des Hotels bekommen.

Aber man zog es vor, einen Vertreter jenes Unrechtsstaates damit zu bevorzugen, auf den man alljährlich am 3. Oktober im Rahmen diverser Festreden schimpft. Sei’s drum. Glaubt eh längst keiner mehr, was da so gesungen wird. Aber es hat funktioniert. Mehr noch: Den Betrieb des Hotels neu auszuschreiben, steht nicht zur Disposition. Also warum dann die Flüchtlingssozialarbeit? Gleiches Recht für alle.

2. Die Integration der Flüchtlinge klappt in Markranstädt vom ersten Tag an auch ohne Flüchtlingssozialarbeit und anderem Gedöns. Wir werden hier täglich neu Zeugen gelebten internationalen Zusammenseins. Zuletzt wurde das Hotel nun sogar eingezäunt. Das macht Mut für ein weiteres Zusammenwachsen der Kulturen.

3. Sogar die GRÜNEN sehen in Markranstädt ein großartiges Pilotprojekt beispielhafter Integration. So bescheinigt Alexander Schmidt, Sprecher des Grünen-Kreisverbandes, eine „bisher im gesamten Landkreis gut gelaufene Flüchtlingssozialarbeit“.

Also wenn das so ist, kommen zum neuen Zaun am gelben Hotel demnächst möglicherweise doch ein paar Wachtürme dazu. Vielleicht hat der Hotelier auch noch ein paar alte Selbstschussanlagen aus Beständen seines früheren Dienstherren im Keller?

4. Die Polizeiautos, die in regelmäßiger Unregelmäßigkeit durch Markranstädt fahren, sind nicht nur wegen Problemen mit der Integration nicht hier, sondern gar nicht. Alles pure Einbildung.

Fata Morgana mit Blaulicht

In den täglichen Berichten der Polizeidirektion Leipzig kommt der Begriff „Markranstädt“ schon seit Wochen überhaupt nicht vor. Und wenn, dann nur weil eine sehschwache Seniorin mal bei Rot über die Straße gelaufen ist. Sogar wenns gar nicht um Flüchtlinge geht, wird das Erscheinen der Polizei in Abrede gestellt.

So geschehen vor zwei Wochen, als eine kommunale Mitarbeiterin im Hotel vorsprach und wissen wollte, warum zwei Stunden zuvor die Polizei in die Lobby eingekehrt war.

Als ihre Behauptungen selbst nach zweimaliger Nachfrage von der Wachmannschaft des Hotels bestritten wurden, erfolgte erst nach Vorlage eines von Bürgern geknipsten Beweisfotos die Bestätigung des Vorgangs. Und das, obwohl nur eine geflüchtete deutsche Rentnerin gesucht wurde. Auch da übrigens keine Erwähnung im täglichen Bericht der Polizeidirektion Leipzig.

Lösung liegt auf der Hand

Genau das wäre aber eine fluffige Lösung des Problems bei der Besetzung der vakanten Flüchtlingssozialarbeit. Wozu Caritas oder ZoF, wenn die Polizeibeamten in der Ratzelstraße offenbar nur Däumchen drehen?

Sie wären sicher dankbar, wenn sie wieder mal was zu tun hätten. An der Aufgabenstellung würde sich ohnehin nicht viel ändern, nur dass sie sich dann sogar ganz offiziell in Markranstädt aufhalten dürfen.

Jetzt fehlt nur noch jemand, der den Landkreis über diese Alternative in Kenntnis setzt. Aus Markranstädt kann diese Information leider nicht kommen. Eine Kommunikation zwischen dem Landkreis und seinem Bürgertum im Westen des Reiches gibt es bekanntlich nicht. Aber vielleicht klappts ja auch diesmal wieder mit der bewährten Strategie des Aussitzens und Weglächelns? Immerhin gehts ja nur um ein 1,1 Millionen Euro leichtes Auftragsvolumen aus der Tasche des Steuerzahlers…

 






3 Comments to Lautlos in Markranstädt: Das Schweigen der Lämmer

  1. Biker sagt:

    Traurige Realität. die sich sicher nicht durch die Neubesetzung eines Posten für Parteivorsitzende ändern wird. Trotz allem ist zumindest die Neubesetzung oben genannten Postens ein Gläschen Sekt wert!

  2. Nachbar sagt:

    Super Artikel. Danke dafür.

    Ausschreibung für das Heim gab es auch nicht. Das Volumen hätte EU-weit ausgeschrieben werden müssen, für mindestens 10 Tage, Pustekuchen auch hier.
    Das Schweigen der Verantwortlichen legt nur einen Verdacht nahe.
    Und nebenbei bestand auch gegen den Herrn Betreiber zum Zeitpunkt der Vergabe ein Strafverfahren bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt wegen Verdacht auf Körperverletzung , Nötigung, Veruntreuung und Bestechung (Frankfurter Rundschau vom 9.10.2015 und hessenschau vom 23.12.2015).
    Beim Hinweis darauf an das Gremium in der Stadthalle wurde das mit Unmut versucht zu entkräften, weil die Unschuldsvermutung gelten würde. Dem Fragesteller hingegen wurden strafrechtliche Konsequenzen angedroht, wofür erschließt sich mir nicht.
    Aber wer erinnert das noch?
    Auf alle Fälle eine feine Gesellschaft, die Schweigsamen. …oder

  3. Ute Weigand-Münzel sagt:

    Hier braucht man keinen Halloween, um sich zu gruseln!

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