Koloniale Stereotype auf Markranstädter Baustellen

Ein Aufatmen geht durch die Gesellschaft: Nachdem die komplette Weltliteratur umgeschrieben, Kunstwerke umgestaltet und ganze Ethnien umbenannt wurden, dürfen wir jetzt nicht innehalten auf dem Weg zu einer diversen Gesellschaft. Mehr denn je gilt es jetzt erst recht, rassistische Wurzeln, koloniale Stereotypen und sexistische Wortschöpfungen mit Stumpf und Stiel auszurotten! Ein Reporterteam der Markranstädter Nachtschichten hat sich deshalb mal auf Baustellen der Stadt rumgetrieben.

Es sind längst keine Einzelfälle und man kann es auch nicht mehr verharmlosen: Verallgemeinerung kolonialer Stereotype, rassistische Äußerungen, ja sogar Sklaverei sind auf Baustellen in und um Markranstädt ebenso trauriger wie unerträglicher Alltag.

„Hol mal den Franzosen“, befiehlt der Meister einem Azubi, der daraufhin entgeistert die umherstehenden Gesellen mustert. Doch keine der grinsenden Gestalten hat auch nur ansatzweise eines der rassischen Merkmale vorzuweisen, die man einem Franzmann traditionell zuschreibt. Der Lehrling ist ratlos.

Der Franzose

Der Franzose ... ist mit dem Schneckenrad so fein justierbar, dass er die Hummel jeder Frau zum Summen bringt. Ein Stereotyp, das so nicht länger hingenommen werden darf!

Der Franzose … ist mit dem Schneckenrad so fein justierbar, dass er die Hummel jeder Frau zum Summen bringt. Ein Stereotyp, das so nicht länger hingenommen werden darf!

Woran erkennt man einen Franzosen, dessen Sklavendienste der Meister so dringend in Anspruch nehmen will?

Ja, wenn der Chef nach einem Polen gefragt hätte, dann wäre dem Azubi vielleicht ein Licht aufgegangen. Er hätte sich einfach dort umgeschaut, wo deutsche Fachkräfte gerade ihr Werkzeug suchen. Aber einen Franzosen zu finden auf einer Baustelle, in deren Nähe sich weder Frösche noch Frauen aufhalten, das ist nicht nur für einen Azubi unmöglich.

Der Japaner

Der Japaner ... nicht nur ethnisch stereotyp, sondern auch sexistisch, denn bei diesem Becken und den herrlich geöffneten Schenkeln kommt nur eine Japanerin in Frage.

Der Japaner … nicht nur ethnisch stereotyp, sondern auch sexistisch, denn bei diesem Becken und den herrlich geöffneten Schenkeln kommt nur eine Japanerin in Frage.

Nur zwei Baustellen weiter ein noch katastrophaleres Bild: Ein blonder Bauhelfer mit blauen Augen und kruppstählernen Muskeln schiebt gleich eines flinken Windhundes einen asiatischen Kuli vor sich her, der fünf Zentner Sand zum Betonmischer schleppt.

Dabei macht sich der lederzähe Aufseher nicht einmal die Mühe, die ethnische Herkunft des unter der Last ächzenden Sklaven zu verschleiern. „So ein Japaner ist nicht mit Gold zu bezahlen“, strahlt der Hilfsarbeiter.

Es sind solch kolonial geprägte Stereotype, die jeden Bauherren im Schamdreieck springen lassen müssten. Wie kommt man darauf, eine zweirädrige Schubkarre als Japaner zu bezeichnen? Als ob so ein Japs den ganzen Tag mit einem Kasten auf dem Rücken auf zwei Gummirädern durch die Gegend eiert. Das waren mal unsere Freunde, damals in der Achse! Also wenn schon ein Name, dann passend zum Produkt. In diesem Fall also wenigstens Japanerin, als Reminiszenz an dieses herrliche Becken mit zwei ebenso stabilen wie einladend geöffneten Schenkeln.

Der Engländer

Der Engländer ... kann das th so gut sprechen, weil er vorn keine Zähne hat. Nachdem die Seefahrer-Nation früher monatelang auf den Meeren untewegs war, bekamen die Leute Skurbut. Nach dem Niesen lagen dann die zwei Einser auf dem Deck. Das zahnlose Werkzeug ist ein unerträgliches Stereotyp.

Der Engländer … kann das th so gut sprechen, weil er vorn keine Zähne hat. Nachdem die Seefahrer-Nation früher monatelang auf den Meeren untewegs war, bekamen die Leute Skurbut und beim Niesen puzelten dann die zwei Einser aufs Deck. Das zahnlose Werkzeug ist ein unerträgliches Stereotyp.

Wenig später wird an der dritten Baustelle offenbar, dass in den letzten Monaten still und heimlich genau das passiert sein muss, woran ein österreichischer Architekt vor knapp 75 Jahren kläglich gescheitert ist: Deutschen Sanitärern ist es offenbar gelungen, auf ihrem Weg zur Weltherrschaft diesmal auch die britische Insel zu besetzen. Davon zeugen zahllose Engländer, die in germanischen Klempnerfirmen täglich Frondienste leisten und mit bloßen Händen Heizungsrohre zusammenschrauben müssen.

Dass dieses Werkzeug auffällige Ähnlichkeit mit dem Franzosen hat, scheint kein Zufall zu sein. „Weil sie uns in den letzten rund 100 Jahren schon zwei Siege gekostet haben, liegen sie jetzt auch in der gleichen Werkzeugkiste“, sagt Handwerksmeister Christian Harten (53) endsiegessicher. Selbstredend kommen die unterjochten Hilfsdienstleister nur zum Einsatz, wenn’s um verstopfte Abflussrohre, undichte Syphons oder wie im Falle von Kundin Claire Grube (49), um die Zuleitung zur häuslichen Kläranlage geht.

Mit diesen sterotypisierenden Bezeichnungen werden auf Markranstädter Baustellen jeden Tag aufs Neue ethnische Vorurteile in Beton gegossen, diskriminierende Klischees reproduziert und rassistische Ressentiments genährt.

Der Pole ... ist auch so ein Werkzeug, dessen Bezeichnung eindeutig diskriminierend ist. Angeblich verfügt dieses Gerät über die Eigenschaft, dass es weg ist, sobald man es aus der Hand gelegt hat. Darum gibt es auch keine Fotos davon, heißt es auf den Baustellen.

Der Pole … ist auch so ein Werkzeug, dessen Bezeichnung eindeutig diskriminierend ist. Angeblich verfügt dieses Gerät über die Eigenschaft, dass es weg ist, sobald man es aus der Hand gelegt hat. Darum gibt es auch keine Fotos davon, heißt es auf den Baustellen.

Zum Kreise der so Gedemütigten Japaner, Franzosen und Engländer zählen übrigens auch tausende leibhaftiger Sachsen, die heute vorwiegend auf Baustellen in den gebrauchten Bundesländern zum Einsatz kommen. Wertschöpfend tätige Bayern oder Baden Württemberger findet man hingegen weder hüben noch drüben. Warum, wenn man die Diskriminierung schon nicht abschaffen kann, nicht wenigstens mit der Diskriminierung für alle beginnen? Das wäre doch wahre Gleichstellung.

Diskriminierung für alle!

So könnte man beispielsweise einen Anfang wagen, indem man den noch nicht verletzten westelbischen Ethnien ihre eigenen Lebensinhalte widmet, also Büroartikel.

Wenn das einst weiche Sitzkissen zu hart geworden ist, könnte die Sekretärin im Kölner Hauptsitz des Dresdener Unternehmens dann beispielsweise „einen neuen Bayern“ verlangen, für den Schlüssel zur Portokasse bietet sich „der Schwabe“ an und wenn der Chef den Kugelschreiber in den Bleistiftspitzer schiebt, benutzt er „den Ostfriesen“. Der Schredder wäre „das Hessen-Fax“ und das Festnetztelefon „Berliner W-LAN“.

So könnte die Arbeitswelt wirklich etwas gerechter werden, man muss nur endlich mal damit beginnen, diese Unerträglichkeit für alle Menschen erlebbar zu machen. Lesen Sie dazu auch unseren nächsten Artikel, der sich unseren Speisen widmet. Nein, nicht Negerküssen oder Zigeunersoße – diesmal kommen ganz andere, bislang völlig ausgeblendete Nahrungsmittel auf den Richtertisch. Bleiben Sie dran!

1 Kommentar

    • Heidi auf 22. September 2022 bei 10:19
    • Antworten

    …und wie nennt man ein Werkzeug, mit dem man einen defekten Wasserschlauch dicht machen kann?
    Das wäre nämlich nötig gewesen um VIELLEICHT den Wasserschaden im Ratsgutkeller zu verhindern. Augenzeugen erzählen sich, dass die Arbeiter, die die Rollstuhlrampe bauten, ihr dafür benötigtes Wasser mit einem defekten Schlauch zugeführt hätten. Es wäre angeblich, für vorüber gehende Passanten gut sichtbar gewesen, dass das herausspritzende Wasser durch das Kellerfenster geflossen sei. Ob sich unter der Einfließstelle die neu entdeckte Problemstelle im Keller befindet, wäre zu überprüfen. Evtl. klärt sich damit auch die Frage, warum die Schadstelle erst jetzt entdeckt wurde und nicht schon bei der Beräumung der Möbel des Heimatmuseums.
    Vielleicht haben es die Kellermäuse auch gesehen u. können nähere Auskünfte geben?

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