Neues aus der vierten Etage (26)

Der alte Hoppenstedt hat’s schon immer gewusst: Früher war mehr Lametta. Vielleicht ist es ein Zeichen vorgerückter Alterungsprozesse, von früher zu reden, aber in diesem Fall bezieht sich „früher“ schlicht auf die Zeit, als man die Leute noch am Gesicht erkannte und nicht an der farblichen Gestaltung des Papiers, das heute an der Gesichtsfront befestigt werden muß. Früher jedenfalls, in der gesichtspapierfreien Zeit, war es auch bei den Nachtschichten ein Highlight, wenn die Stadtratssitzung anstand.

Wir zogen sogar Hölzchen, wer die Berichterstattung vornehmen darf und es freute sich wie eines der nervenden Bälger vorm Christbaum, wer den Jackpot gewonnen hatte.

Heute jedoch ist es andersherum: Wer den Kürzeren zieht, muß hingehen, die anderen dürfen weiterhin beim 25er im Keller bleiben. Ähnlich scheint es allerdings inzwischen auch den andern Bürgern zu gehen. Auch sie vermissen offensichtich Erkenntnisse in politischer Hinsicht oder zumindest satirische Lichtblicke.

Zur letzten Sitzung hatten sich nur noch ganze sieben Markranster eingefunden, um als Öffentlichkeit im KuK zu fungieren. Einer davon war noch nicht mal freiwillig da. Den Holzmedien verpflichtet, war er dazu vedammt, qualitätsmedial über das Event berichten.

Allerdings kann man es den Bürgern auch nicht übel nehmen, denn heute wird ihre Geduld auf härteste Proben gestellt. Früher war die Bürgerfragestunde bei jeder Sitzung ein inhaltliches oder zumindest ein satirisches Highlight.

Heute wird dieses Moment gelebter Demokratie fernmündlich angeschrieben.Wenn einer fragt, wo das Grünzeug geblieben ist, wird darauf verwiesen, daß an dieser Stelle sonst immer einer gefragt hat, wo denn nur das ganze fremdländische Grünzeug herkäme.

Früher durfte die Öffentlichkeit, egal aus wie vielen Personen sie bestand, auch an der öffentlichen Sitzung teilhaben. Heute wird die Öffentlichkeit für geschlagene 22 Minuten aus dem Sitzungssaal verbannt, da die Bürgermeisterin „Internas“ mit dem Stadtrat besprechen muß. Der Plural ist allerdings verzeihbar wenn man weiß, dass der Verwendende sein Abi in einem musisch orientierten Gynmasium gewonnen hat.

Nach der Tratschrunde vor dem KuK wird die Öffentlichkeit, also die sieben Bürger, wieder hereingebeten und der Inhalt der 22 Minuten wird ihr auch noch vorgestellt. Es ging um das seit 2015 geplante Protonentherapiezentrum im Gewerbegebiet, darum, ob denn in der Zwischenzeit jedes Proton austherapiert sei oder ob der Investor nach sieben Jahren wenigstens mal eine Finanzierungszusage über sein Bauvorhaben vorlegen kann.

Früher hätte sich die Öffentlichkeit darüber beschwert, geschlagene 22 Minuten von zwei Stunden öffentlicher Sitzungszeit einfach rausgeschickt zu werden. Immerhin wird Gastlichkeit in Markranstädt groß geschrieben: 120 ukrainische Kriegsflüchtlinge wurden bislang hier aufgenommen. Sieben Bürger in der Stadtratssitzung nicht.

Harmonie unterm Christbaum

Früher hätte man angesichts der Situation aber sowas von auf den Bürgermeister geschimpft, dass wenigstens diese Tiraden den fehlenden Unterhaltungswert ausgeglichen hätten.

Heute herrscht zwischen Stadtrat und Verwaltungsleitung die pure Harmonie. Der Bürgermeisterin ist gelungen, woran all ihre Vorgänger seit 2005 kläglich scheiterten: Die Gräben sind zugeschüttet. Was unter der Grasnarbe blubbert, kriegt man bei all der gelebten Zufriedenheit nicht mit. Gleich gar nicht beim Warten vorm Ratssaal.

Früher war halt mehr Lametta, aber wer braucht das Zeug schon?

2 Kommentare

  1. Für immer die selben Antworten, oder besser Floskeln auf Bürgerfragen, die mit teils unterirdischer Manier abgebügelt werden, oder einfach nicht beantwortet werden, braucht man sich nicht dahin begeben.
    Was man unterschätzt, der Bürger nimmt die Sache am Ende selbst in die Hand statt auf die träge Politik zu warten. Ob das immer gut ist, wird sich zeigen.
    Abgehoben und realitätsfremd, wer brauch das noch?

  2. Liegt es am allgemeinen Desinteresse oder speziell an der Politikverdrossenheit, dass sich immer weniger Lallendorfer die, wie man ließt, spannenden Politikthriller in der vierten Etage freiwillig reinziehen?
    Vielleicht könnte man ja mit ein paar angebotenen Schnittchen und einem Glas Chateau Lafite die Wartezeit versüßen, wenn der Plebs während der eigentlich öffentlichen Sitzung mal wieder vor die Tür geschickt wird?
    Jedenfalls ein anerķennendes Dankeschön an die Schreiberlinge von den MN, die sich trotz all dieser Widrigkeiten tapfer in den Kampf begeben, um Objektivität zu vermitteln!

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