Ritterschlag für eine Suchende

Und wieder ein bewegender Moment „made in markranstädt“: Am Sonnabend wurde Hanna Kämmer vom sächsischen Kurfürsten Michael Kretschmer das Bundesverdienstkreuz an die Brust geheftet. Zumindest davon scheint er Ahnung zu haben, der Görlitzer Spross eines westpolnischen Adelsgeschlechts, denn die Markranstädter Stadthistorikerin kehrte unverletzt aus Dresden zurück. Nachdem sie am Dienstag ihr Büro für Stadtgeschichte wieder geöffnet hatte, ging es darin zu wie in einem Taubenschlag. Gratulationen an eine stetig Suchende nach Stadtgeschichte.

Den Akt der Verleihung im Dresdener Regierungspalast hatte Hanna Kämmer mit Bravour gemeistert. Klingt einfach, ist aber nicht so.

Man kann sich dabei auch dämlich anstellen, wie beispielsweise Otto Waalkes erfahren musste. Der hat seinen Orden, den er 2018 sogar vom Betroffenheitsmimiker Frank Walter Steinmeier persönlich erhielt, bei der Übergabe versehentlich fallen lassen.

Es gibt auch Leute, die haben was gegen die Show rund um eine Verleihung und verweigern die Annahme mit der Hinweis: „If leeehne diefen Prrreif ab!“ Als Lehre daraus überlegen sich die Stifter seit ein paar Jahren genau, wem sie ihre Nadeln ans Revers heften wollen.

Ehre wem Ehre gebührt: Es hat die Richtige erwischt

Wieder andere werden für das blecherne Lob nicht einmal nominiert. Ist wahrscheinlich auch besser so. Nicht auszudenken diese Peinlichkeit, wenn Carsten Maschmeier oder Anton Schlecker das Ding kriegen und erst mal draufbeißen, um die Echtheit zu überprüfen.

Nein, mit Hanna Kämmer hatte es die Richtige erwischt. Einen schönen Orden und dazu noch einen von Steinmeier persönlich unterschriebenen Denkzettel für die Wohnzimmerwand. Denn was die Frau geleistet hat, macht ihr so schnell niemand nach.

Stadtgeschichte zu finden in einer Stadt, die bauhistorisch völlig entkernt wurde und in deren Archiven kaum Dokumente zu finden sind, die „mit sozialistischem Gruß“ oder wenigstens mit „Heil Hitler“ unterzeichnet wurden, deren berühmteste Söhne im chilenischen Exil begraben liegen oder von Markranstädt nichts mehr wissen wollten, das ist eine wahrlich beachtliche Leistung. Da wird jeder Heuhaufen zur Nadel.

Wer über Leipzig was wissen will, über Mittweida oder selbst über solche Metropolen wie Mohorn oder Flöha, der googelt einfach oder geht dort ins Stadthistorische Museum. In Markranstädt hingegen führt kein Weg an Hanna Kämmer vorbei. Sie hat all das, was man in anderen Städten im Handumdrehen rauskriegt, über Jahrzehnte mühsam und akribisch recherchiert, zusammengetragen und für die Nachwelt erhalten.

Angesichts dieser Lebensleistung ist es fast schon traurig, dass der Orden in einer Expertise von Heide Rezepa-Zabel lediglich auf den Materialwert kommt und Eifel-Waldi bestenfalls ein „achzisch Euro un damit is dat Teil jut bezahlt“ entlocken würde.

Das Bundesverdienstkreuz ist eine Würdigung für normale Volksteilnehmer, da gibts kein Geld dazu – auch wenn es bei Hanna Kämmer besser angelegt wäre als in russischem Gas.

Aber was ist schon ein Scheck gegen die höchste Anerkennung der Gesellschaft? In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch zu dieser Würdigung, liebe Frau Kämmer und eine tiefe Verneigung vom Team der Markranstädter Nachtschichten.

Die Sächsische Staatskanzlei sagt: Sie hat sich um die Bewahrung, Pflege und Weitergabe der Heimatgeschichte verdient gemacht. Mit weiteren Mitstreitern baute sie in den 1990er Jahren das Heimatmuseum wieder auf und ist als dessen ehrenamtliche Leiterin tätig. …  Mit ihren Aktivitäten verfolgt sie das Ziel, Bürgern, Interessierten und Besuchern der Stadt die Wahrnehmung des kulturellen Erbes der Region zu ermöglichen.

7 Kommentare

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    • Simsalabim auf 16. Juli 2022 bei 15:32
    • Antworten

    Herzlichen Glückwunsch zur Ehrung! Viel Gesundheit, Kraft, Ausdauer und Laune zur Fortführung ihrer Tätigkeiten!
    Frau Kämmer, die sich gegen alle Widerstände der Geschichte von Markranstädt verschrieben hat, wie sonst niemand, sollte vielleicht jeden Monat von einem anderen Stadtratsmitglied unterstützt werden. Wie wir alle können Sie von ihr eine Menge lernen und vielleicht die Erkenntnisse für kommende Entscheidungen nutzen, wenn es mal wieder heißt, dass hat ja vorher keiner gewusst. 😉

    • markranster auf 15. Juli 2022 bei 6:40
    • Antworten

    Ich durfte ihr persönlich gratulieren, und das wiederum hat mich mit großer Freude erfüllt.
    Wenn jemand diese Auszeichnung verdient hat, dann ist es Hanna Kämmer, die mit Herzblut die Geschichte Markranstädts bewahrt.

  1. Herzlichen Glückwunsch zu dieser ehrlich verdienten Auszeichnung, liebe Frau Kämmer!
    Vielleicht ist ja in dem Rundflugflieger für die ehemalige Aushilfskämmerin der Stadt, Frau Lehmann, auch noch Platz für die dem Namen nach echte Kämmerin, Frau Kämmer? Sie bekäme dabei einen schönen Überblick über ihr langjähriges Grabungsfeld und könnte als Gesamtbild sehen, worauf sie ihr Lebenswerk gebaut hat. (Noch genussvoller wäre allerdings ein Ballonflug, falls man den präzise über das Markranster Territorium platzieren könnte.)
    Ob die Stadtkasse, entsprechend der Expertise von Waldi u. Frau Rezepa-Zabel, mit dem dafür hinzublätternden Sümmchen zurecht kommt, es notfalls mit Fürsprache des Stadtrates ergänzen könnte?

  2. Hier hat es die Richtige getroffen- Gratulation Frau Kämmer. Für ihre Leistungen und für Ihre Geschichtsbewahrung gibt es das „Goldene Buch“ der Stadt Markranstädt. Dahergereiste (ehemalige) Sängerknaben die auch noch sieben Fässer Wein versaufen sind da im goldenen Buch Fehl am Platze, gehören da überhaupt nicht in DIESE LIGA wie Frau Kämmer von und zu Markranstädt. Nachtschichten: Danke für die Verbreitung dieser wirklich guten Nachricht.

  3. Herzlichen Glückwunsch, das hat sie wirklich verdient. Wenn sie nun auch noch „Ihr“ Museum wieder bekommt, dann hat sie ein schönes Lebenswerk geschaffen.

    • EddiKonstantin auf 13. Juli 2022 bei 9:51
    • Antworten

    Jeder Interessierte Markranstädter schließt sich dieser Laudatio gerne an. Frau Kämmers Lebensleistung hier, kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Wenn ihr nun gar das Bundesverdienstkreuz zuerkannt wurde, steht sie in einer Reihe mit den anerkannten und erkannten Persönlichkeiten unserer Stadt Ganz und Kauka. Ihr gemeinsames Buch mit Günther Kluge , Markranstädt Die Stadt am See, hat schon 2000 Zeugnis ihrer unvergleichlichen Heimatkenntnis und – Verbundenheit im historischen Kontext, dargelegt. Auch die Markranstädter Heimatblätter tragen ihre Handschrift. Diese waren nach der Wende die Rückbesinnung auf nachhaltige Werte, die in sozialistischen Zeiten mitunter arg gelitten hatten. Wir hoffen, das Frau Kämmer in der Ihr eignen schöpferischen Art noch viele Jahre bei guter Gesundheit für unsere sich gut entwickelnde Stadt , tätig sein kann.

  4. Der Verneigung schließe ich mich an. Die Arbeit und das damit verbundene Engagement von Frau Kämmer ist bemerkenswert und muss als Vorbild für die Folgegenerationen mehr nach außen getragen werden. Man kann nur hoffen, dass sich Menschen finden die das fortführen. Beste Grüße

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