U wie unten: Der zweite Teil

Nachdem die Entstehung des Berufsbildes eines Urologen nun hinreichend erläutert wurde, kommen wir im zweiten Teil des Bewerbungsschreibens für den Medienpreis Urologie 2015 zur allgemeinverständlichen Darlegung dessen, was ein Urologe so macht. Das zu wissen ist wichtig, damit man auf des Arztes Frage „Brennt’s beim Wasserlassen?“ nicht versehentlich antwortet: „Weiß nicht. Ich habs noch nicht angezündet.“

Im Bild: Manchmal will man gar nicht wissen, was so zum Werkzeug eines Arztes zählt. (Foto: Kalumet, CC BY-SA 3.0)

Im Grunde genommen kümmert sich der Urologe oder die Urologin um das gesamte Abwassersystem des menschlichen Körpers. Das mäandert bekanntlich vom Magen durch Leber, Nieren und Blase über den Harnleiter bis zur Auslassdüse.

Da es die Schöpfung so eingerichtet hat, dass diese sowohl beim Mann als auch bei der Frau in der gleichen Körperregion enden, kommt es mitunter nicht nur zu Verwechslungen bei der Wahl des Spezialisten (Gynäkologe, Androloge), sondern auch um Kompetenzgerangel der Ärzte untereinander.

So verirrt sich nicht selten auch ein Urologe mal in jenen Kanalisationseinstieg, der laut Festlegung der Kassenärztlichen Vereinigung eigentlich dem Proktologen vorbehalten sein sollte. Da geschieht vor allem bei männlichen Patienten sehr oft. Weil der Mann kurz vor der Auslassklappe fester Abfallstoffe ein kleines Organ hat, das auch für die Steuerung liquider Körpererleichterung zuständig ist: die Prostata.

Die wird per Finger ertastet. Böse Zungen behaupten deshalb gern, dass so mancher urologische Patient bei dieser Untersuchungsart sozusagen von der Krankenkasse bezahlten Analsex bekommt. Es wird aber auch von Urologen berichtet, die da ganz ökonomisch handeln.

So fragte ein Patient in einer Berliner Praxis, wieso er gleich zwei Finger in seiner Hinterpforte spüren würde, worauf der Arzt antwortete: „Nun, ich dachte, sie würden gern noch eine zweite Meinung hören.“

Natürlich wird diese Untersuchungsmethode nur bei der diagnostischen Abklärung von Fragen angewandt, welche die Prostata betreffen. Anderen Beschwerden, wie temporärem Druckverlust, leichten Lecks an der Auslassmanschette oder kleineren Fissuren und Hämorrhoiden kann man ganz einfach selbst auf die Spur kommen, ohne einen Arzt zu bemühen. Man nennt es die „Mexikanische Methode“. Einfach den Zeigefinger in Tabasco tauchen und dann anal einführen. Wenn’s gleich danach dunkel wird, ist das ein ernster Hinweis.

Neben dem bereits im ersten Teil beschriebenen Andrologen ist auch der Urologe ein kompetenter Ansprechpartner für den Mann, wenn es um die Potenz oder deren Nichtvorhandensein geht. Man muss den Medizinmann nur in entsprechender Weise mit dem Problem vertraut machen.

Wenn man beispielsweise sagt „Hallo Doc, ich hab’n Anliegen!“, kann es durchaus passieren, dass dieser antwortet: „Na und? Glauben sie, mir steht er immer?“ Auch Urologen sind eben nur Menschen und Urologinnen, wenngleich dünn gesät, erst recht.

Auf das weitere Aufgabenspektrum des Urologen, zu dem unter anderem eine breit gefächerte Palette aller möglichen Infektionskrankheiten zählt, wollen wir so kurz vor dem Frühstück nicht näher eingehen.

Es sollte auch reichen an allgemeinverständlichen Erklärungen über die Rolle der Bedeutung der Urologie. Mehr ist für ein Preisgeld von 2.500 Euro einfach nicht drin. Wenns nicht reicht, müssen es die Ärzte eben selber erklären.

 

U wie unten: Urologie für Laien

Post von höchster Stelle: Die Deutsche Gesellschaft für Urologie hat kürzlich einen gut dotierten „Medienpreis Urologie 2015“ ausgeschrieben. Gesucht wird die journalistische Arbeit, die ein urologisch relevantes Thema am besten transportiert, um eine möglichst breite Öffentlichkeit laienverständlich zu erreichen und auf der Basis seriöser Informationen aufzuklären. Und es ist egal, ob der Beitrag in einem Druckerzeugnis, Online, im Radio oder TV veröffentlicht wurde. Online! Das steht wirklich so da. Na dann wollen wir uns mal das Preisgeld, immerhin 2.500 Euronen, abholen. Hier Teil 1 unseres Bewerbungsschreibens:

Um das Tätigkeitsprofil eines Urologen oder einer Urologin ranken sich viele Gerüchte. Zum Beispiel, dass der Urologe der Doktor sei, zu dem der Mann gehen muss, falls er zum Gynäkologen müsste, wenn er eine Frau wäre. Das stimmt aber nicht. Jedenfalls nicht ganz. Wenigstens stimmt aber die Angabe des Stockwerks, in das sich der Schamane mit seinen Gerätschaften begeben muss, um seiner Kernkompetenz als Urologe Geltung zu verschaffen.

Dass so viele Gerüchte über diesen Berufsstand in Umlauf sind, mag daran liegen, dass es vergleichsweise wenig Urologen gibt. Und noch weniger, oder besser gesagt gar keine, in Markranstädt. Widmen wir uns also zunächst der Begriffserklärung.

Die Schulmedizin unserer Zeit agiert in einem weltweit verzweigten Netz unterschiedlicher Disziplinen. Um das Wissen, vor allem aber auch das Nichtwissen, streng zu hüten, kommunizieren die Mediziner lateinisch und haben sich zu einem Geheimbund ähnlich dem der Freimaurer zusammengeschlossen. Und genau wie die Freimaurer, so haben auch die Ärzte ihre eigenen Logen. Da gibt es beispielsweise Proktologen, Gastroenterologen, Gerontologen, Neurologen, Dermatologen oder Psychologen und so weiter.

Lange Zeit galten die Gynäkologen sozusagen als die Aristokraten unter den Mitgliedern des medizinischen Geheimbundes, dessen Illuminati eine sich um den Äskulapstab windende Schlange verkörpert. Im Gegensatz zu den anderen Logen hatten die Gynäkologen freien Zugang zu den letzten Geheimnissen der Biologie.

Wie ein weit geöffnetes Buch liegt der Quell dieses Wissens auch heute noch täglich in mannigfaltiger Form vor ihnen. Das sorgt bisweilen nicht nur für Neid unter Kollegen anderer Disziplinen, sondern oft auch für die ersten präpubertären Berufswünsche wissensdurstiger Teenager, vornehmlich der männlichen. Nachwuchssorgen musste sich die Loge der Gynäkos also noch nie machen.

Das Ende des Genital-Kartells

Im Laufe der Jahre wurde das Unterleibsmonopol der Gynäkologen jedoch mehr und mehr aufgeweicht. Spätestens seit der legendären Stadtratssitzung im Spätherbst 2014 weiß selbst Markranstädts Bürgertum aus berufenem Munde, dass sich auch Allgemeinmediziner auf dem Gebiet der Höhlenforschung aktiv betätigen dürfen. Das gelte allerdings nur für jene Weißkittel, die in der DDR ausgebildet wurden und nicht für Bundeswehrärzte. Selbstredend, da diese sich vorzugsweise mit jenen Kreaturen zu beschäftigen haben, in denen das für militärische Auseinandersetzungen erforderliche Triebmittel Testosteron produziert wird. Damit hat die Natur vorzugs- und gleich beutelweise den Mann gesegnet.

Damit wären wir schon beim Gegenstück des Gynäkologen, dem … nein, nicht dem Urologen, sondern dem Andrologen. Eigentlich müsste man angesichts der geschlechtlichen Zusammensetzung unserer Gesellschaft denken, dass es davon mindestens ebenso viele geben müsste wie Gynäkologen.

Die Ornithologen helfen Vögeln und die Andrologen erforschen Andromeda

Doch weit gefehlt! Es gibt Landstriche in Deutschland, da weiß man noch nicht einmal, wie das Wort Androloge geschrieben wird und man vermutet dahinter eine spezialisierte Richtung der Astronomie, die sich ausschließlich mit Andromeda beschäftigt. Eher noch müsste man sich in diesen Regionen unserer Republik bei Problemen wie Wanderhoden einem Meteorologen oder Ornithologen anvertrauen, als darauf zu hoffen, einen Männerarzt zu finden. Ein seltsamer Umstand.

aeskulapDer gute alte Asklepios, einer der medizinischen Illuminati, wacht im Vatikan mit dem Geheimsymbol der medizinischen Logen, dem Äskulapstab.

Es gibt dafür wohl nur zwei Lösungsansätze. Erstens liegt die Lebenserwartung des Mannes weit unter der einer Frau und Aufgabe des Mannes ist es ohnehin, arbeiten zu gehen und nicht in Wartezimmern abzuhängen. Insofern wären die Kosten für die Ausbildung von Andrologen gesellschaftsökonomisch kontraproduktiv.

Zwischen Becken und Abfluss

Zweitens gilt auch für die nach wie vor männlich dominierte Szene der Mediziner freie Berufswahl. Selbstkritisch hinterfragt: Wofür würden Sie sich als Mann entscheiden, wenn Sie vor der Wahl stünden, den Rest Ihres Berufslebens entweder mit sinnlichen Emotionen verborgen geglaubter Reize zu verbringen oder mit der defekten Hydraulik von Standleitungen und tropfenden Wasserhähnen?

Na? Na? … Na also!

Wahrscheinlich sind aus diesem Grunde Andrologen zwischen Elbe und Rhein (ja, auch am Zschampert) so dünn gesät wie Schamhaar nach dem Klimakterium. Und wenn man(n) doch mal zufällig einen findet, kommt die Ernüchterung spätestens beim Besuch in der Praxis.

ASU für den Mann

Während die in farblich mediterranem Ambiente gehaltenen Wartezimmer der Frauenärzte mit gepolsterten Stühlen ausgestattet sind, Unterhaltungszeitschriften auf Glastischen ausliegen und psychedelische Musik Körper und Geist für den kommenden Gang nach Canossa vorbereitend entspannt, erinnert das Ambiente des Andrologen oftmals eher an die Auftragsannahme einer Autowerkstatt.

Gespräche gegen Impotenz

Mehr noch: Flimmern auf den Bildschirmen im Damen-Wartezimmer die glamourösen Gestalten von Prinz Andrew oder Carmen Nebel über die Wand, hängt im maskulinen Pendant bestenfalls ein Plakat mit einem lächelnden Grauhaarigen, das die Wartenden auf die nahenden Alterserscheinungen des Mannes vorbereiten soll. Er will sagen: Impotenz geht weg, wenn man mit dem Arzt drüber redet. Bei ihm jedenfalls habe es geholfen, ist seine Botschaft.

Das Grinsen des vermeintlich 80jährigen mit den überzeugend weiß blinkenden Original-Zähnen kann natürlich auch vom Gedanken an das Foto-Honorar kommen. Auch in der Medizin heiligt der Scheck manchmal die Mittel.

Kleiner Unterschied mit großer Wirkung

Abseits dieser Szenerie sind aber auch die eigentlichen Behandlungsräume miteinander nicht zu vergleichen. Bequeme, innovativ gestylte und ergonomisch an die Stromlinie der Frau angepasste Sitzmöbel im Zimmer des Gynäkologen mit stufenlos verstellbaren Ablagemöglichkeiten wahlweise für Füße oder Knie, gibt es beim Andrologen ebenso wenig wie spanische Wände, Entspannungsmusik oder Kabinen mit sauberen Einweg-Wickelröcken im Regal.

Während eine Frau im wahrsten Sinne des Wortes die Beine hochlegen kann, heißt es für den Mann: Wer im Stehen pinkelt, wird auch im Stehen untersucht! Aufs Polster fläzen kann sich der Macho schließlich nachher in seinem Auto während der Fahrt nach Hause.

Die Wiedergeburt der Urologie

Diese unausgereifte Situation bildet den idealen Nährboden für die weitere Entwicklung jener lange Zeit unterschätzten Zunft, um die es hier eigentlich geht: die Urologen.

Eine Parallelwelt, die nahezu unbemerkt im Schatten der Auseinandersetzung zwischen Gyno und Andro gedeihen konnte und nun selbstbewusst ihr Haupt gen Sonne streckt.

Der vor allem in Sachsen verbreitete Aberglaube, dass sich der „Ouchulooche“ um die Augen („de Ouchen“) kümmert, gehört wirklich ins Reich der Legenden. Eher käme für o wie oben ein Oraloge in Betracht (oral → oris, Mund), aber den gibt es nicht. Dafür jedoch u wie unten, den Urologen. (Teil 2 folgt)

 

Facebook-Ausfall: Der Tag danach …

Fieberhaft suchen Verschwörungstheoretiker weltweit nach den Ursachen für die Katastrophe, von der auch Markranstädt betroffen war. Zumindest die Regionen der Stadt, in denen es Internet gibt. Am Dienstag hatte irgendwer irgendwo auf der Welt das Facebook kaputt gemacht. Rund eine Stunde lang war es, als hielte die Welt den Atem an. Kurz bevor die ersten Menschen ihre Siuzid-Gedanken wahr machen konnten, flackerte es jedoch auf den Monitoren und Zuckerbergs Heiland war wieder da. Aber die Folgen dieser Katastrophe haben dramatische Ausmaße.

Eine Stunde ohne Facebook! Erst jetzt weiß man, was das in der Praxis bedeutet. Ganze Städte wurden in Schutt und Asche gelegt, weil niemand mehr da war, der die Verteidigung vor den heranrückenden Armeen organisieren konnte. Bei Farmville ging nahezu die gesamte Versorgung unseres Planeten mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Flammen auf. Dramatische Szenen spielten sich auf nahezu sämtlichen Servern unseres Erdballs ab.

Farrmville

Tausende Landwirtschaftsbetriebe der Farmville-Kette gingen weltweit in Flammen auf.

Doch auch im echten Leben hinterließ der Facebook-Ausfall eine Schneise seelischer Zerstörung quer durch die Gesellschaft. In Miltitz musste ein Familienvater in die Psychiatrie eingeliefert werden. Er zerbrach daran, dass er seiner Frau das Foto vom Mittagessen nicht posten konnte.

Aber der Mann hatte wenigstens was zu essen. Härter traf es nämlich eine Markranstädter Familie, die ihren Sohn im Kinderzimmer nicht erreichen konnte. Vergeblich versuchte die Mutter, dem Jungen die Nachricht zu senden, dass das Essen fertig sei. In ihrer Verzweiflung teilte sie diese Mitteilung mit allen ihrer 1.972 Freunde, doch auch die waren von der Außenwelt völlig abgeschnitten.

Sogar Demos mussten verlegt werden

Noch weitreichendere Auswirkungen hatte die Tragödie auf die Streitkultur im Freistaat. So war die Leipziger Ausländerhilfsorganisation Legida außerstande, auf analogem Wege genügend Unterstützer für ihre am folgenden Tag geplante Sammelaktion zu organisieren und sah sich veranlasst, die Maßnahme auf Freitag zu verschieben.

Drohende Klagen wegen entgangener Likes

Und selbst in Markranstädt war das Sendungsbewusstsein streitbarer Facebook-Aktivisten vorübergehend außer Kraft gesetzt. Zudem trauern Unternehmen den in rund einer Stunde virtueller Stille entgangenen Likes nach. Die sind ja heutzutage immerhin sowas wie ein Gradmesser der Wertschöpfung.

Aber es gab auch Lichtblicke an diesem dunklen Tag. Lieselotte Hinkelmeier aus Priesteblich beispielsweise bekam gar nicht mit, wie die Welt um sie herum aus den Angeln gehoben wurde.

herd

Braucht keine Feuerzeug-App und das Essen kann auch ohne Tastatur geteilt werden: Lieselotte Hinkelmeiers Herd.

Während sich ihr Enkel im Nachbardorf Markranstädt in einen wahren Blutrausch steigerte und seinem Smartphone Namen wie Motherfucker, Spast, Opfer oder Spacko verlieh, weil er seinem Kumpel nicht posten konnte, dass er gerade auf dem Klo sitzt, legte die rüstige Seniorin einen alten Hausschuh im Küchenherd nach und rührte die Linsensuppe um. Als sie fertig war, rief sie die analoge ID ihres Mannes und beide setzten sich an den gedeckten Tisch.

 

Stehende Ovationen mit Miktionshintergrund

Gibt man bei Google das Wort urinieren ein, kommen solch eigenartige Vorschläge, wie „urinieren in der Öffentlichkeit“, „urinieren englisch“ oder gar „urinieren brennt“. Das wirft zweifelsfrei mehr Fragen auf als Antworten. Wie um Himmels Willen uriniert man englisch? Muss man da warten, bis Nebel aufzieht oder dabei das linguistisch korrekte ‚th‘ mit der Zunge schnalzen? Und wieso brennt urinieren? Wer schon mal ein Lagerfeuer entfacht hat, könnte bestenfalls ein „urinieren löscht“ nachvollziehen. Was aber generell fehlt, ist ein Hinweis auf urinieren im Stehen und dazu gibt es seit dieser Woche sogar ein Gerichtsurteil.

Die Entscheidung des Düsseldorfer Amtsgerichts, dass Männer grundsätzlich im Stehen urinieren dürfen, hat weitreichende Auswirkungen. Eine davon: Endlich dürfen sich auch mal Satiriker des Themas annehmen, ohne gleich in die indiskrete Schäm-Dich-Ecke geschoben zu werden. Der Begriff „urinieren“ ist praktisch über Nacht gesellschaftsfähig geworden. Wir wollen aus sittlichen Gründen trotzdem lieber auf die wissenschaftliche Variante ausweichen und den Vorgang fachgerecht „miktionieren“ nennen.

Nun ist es also amtlich: Sogar in einer Mietwohnung darf sich die Spezies Mann in aufrechter Haltung ihrer liquiden Lasten entledigen. Allerdings, so schränkt das Urteil ein, nur ‚grundsätzlich‘. Wer die Juristensprache kennt, der weiß, dass dieser Begriff Ausnahmen zulässt. Da diese leider nicht näher beschrieben sind, ist viel Spielraum für die eigene – und hier vor allem die weibliche – Fantasie gegeben.

Biologie setzt Grenzen

Die Ausnahmen sollten aus Sicht der Frau beispielsweise dann gegeben sein, wenn ER sein Werkzeug nicht ordnungsgemäß zu bedienen versteht oder auch schon von der Natur nicht mit den optimalen Voraussetzungen gesegnet wurde, den Akt der Erleichterung zielgerichtet vollziehen zu können. Das Spektrum reicht hier von nicht kalkulierbarer ballistischer Kurve bis hin zu den unterschiedlichen Konstruktionsmerkmalen der Auslassdüse, was dann zum viel kritisierten Gießkanneneffekt und – ja, das vor allem – einer hohen Kontaminierung des an das Zielgebiet angrenzenden Umfeldes führt.

Andererseits: Haben wir Frauen die maskulin-aufrechte Art der Stand-Miktionierung nicht schon oft beneidet? Denken wir nur an den Winterurlaub auf der Piste. Mangels Schrittöffnung im Overall-Ski-Anzug sind wir bei voller Blase praktisch gezwungen, einen kompletten Strip hinzulegen. Allein die Suche nach einem entsprechenden Örtchen mitten im Wald dauert schon ewig und dann kommt da noch der Ent- und Ankleideprozess hinzu. Da kann Frau froh sein, wenn vor Verlassen des Örtchens inzwischen nicht schon das Tauwetter eingesetzt hat.

Bilder im Schnee

Aber auch der Mann hat damit so seine Probleme. So reicht der Reißverschluss des Ski-Anzuges nur selten bis in die Region hinab, auf die es ankommt. Dann hat er meist noch eine Trainingshose darunter oder zumindest eine lange Unterhose und schließlich auch einen Slip, vorzugsweise ohne Eingriff. Es ist leicht vorstellbar, welche Marginalie schließlich ans Licht kommt, nachdem das Organ durch das Labyrinth aus linkem Hosenbein des Slips, rechts angelegtem Eingriff der langen Unterhose und schließlich dem viel zu hohen Ende des Reißverschlusses in der Nabel-Gegend gefädelt wurde.

Was dann so an den Bäumen neben der Piste beim Versuch zu sehen ist, die eigenen Schuhe zu verschonen, hat mit aufrechter Haltung nichts mehr gemein. Es sieht so hilflos aus, dass selbst bei Frauen der eigentlich dem Manne zugesprochene Beschützerinstinkt geweckt wird und man der armen Kreatur nur irgendwie helfen möchte. Vielleicht an den Hüften festhalten, damit er sich noch weiter vorbeugen kann, Mut zusprechen oder einfach nur die Skistöcke halten? Jedenfalls gehört die Mär, das der Mann in der Lage ist, ganze Liebesschwüre in den Schnee zu schreiben, definitiv ins Reich der Legenden. Gefrorene Schnürsenkel, die irgendwann auch wieder auftauen, sind dagegen eklige Realität.

Zum Glück ist Winterurlaub nur einmal im Jahr. Aber zu Hause ist immer, und da hört der Spaß irgendwie auf. Als Frau hat man ja wenig Ahnung, welche naturwissenschaftlich erklärbaren Prozesse beim Miktionieren des Mannes so in Gang kommen. Allein aus biologischer Sicht scheint es zumindest höchst erstaunlich, in wie viele Richtungen gleichzeitig so ein männlicher Miktionsstrahl den Körper verlassen kann. Ob da überhaupt eine halbwegs repräsentative Masse ins Abwassersystem gelangt?

Man kann sich sicher lange darüber streiten, wer wann was und in welcher Qualität wegzuwischen hat. Und ganz bestimmt wird die Frau nie im Leben das Rätsel lösen können, wie es ein Mann schafft, den geöffneten, vertikal an die Wand geklappten Klodeckel sogar von hinten zu treffen. Im Prinzip handelt es sich in den meisten Fällen damit um eine anstehende Komplettreinigung der gesamten Toilette. Und der Düsseldorfer Richter hat nun entschieden, dass das hinzunehmen ist.

Berufung auf die Klassiker

Klar, er weiß schließlich an besten, warum das so ist und auch er wird sich jedesmal vor Beginn des unheilvollen Miktionsprozesses sagen: „Hier steh‘ ich nun und kann nicht anders.“ Das ist die einzige Möglichkeit, sich die nachfolgenden Konsequenzen schönzureden. Dann noch fein die Hände waschen und schnell weg aus dem Krisengebiet.

Um diesen Zustand zu ändern, müsste man entweder die physischen Konstruktionsmerkmale des männlichen Ausscheidungsorgans umgestalten oder … Ja, man könnte natürlich auch den Hebel an der Funktionalität der abendländischen Toilettenarchitektur ansetzen. Je näher das Ziel, umso höher die Treffsicherheit. Pissbecken nennt man das im Volksmund und zumindest in öffentlichen Erleichterungsanstalten sind sie in der Regel vorhanden. Warum also nicht auch zu Hause, sozusagen als vorgeschriebener Standard? Wenn neuerdings sogar die maximale Stromaufnahme von Staubsaugern von der EU vorgeschrieben wird oder der Verzicht auf Heizplatten an Kaffeemaschinen per Gesetz verankert wird, wäre sicher auch ein neuer Kultur-Kanon auf den privaten Klos durchsetzbar.

Im Bereich der festen Ausscheidungen ist man da in Europa wesentlich weiter. Sogar die Durchschnittseinlage des EU-Bürgers beim großen Geschäft ist bereits genormt worden. Die liegt bei 110 Gramm, darf aber durchaus in täglich mehreren Tranchen abgesetzt werden. Weitere Kriterien der Funktionsnorm 997, in der die „konstruktiven und funktionellen Anforderungen an Klosettbecken mit angeformtem Geruchsverschluss“ niedergelegt sind, fordern unter anderem, dass

  • die vom Spülwasser unberührte Fläche 50 Quadratzentimeter nicht überschreiten darf
  • bei vier von fünf Spülungen 12 Blatt Toilettenpapier auf einmal verschwinden müssen
  • bei acht von zehn Spülvorgängen noch 2,5 Liter Wasser in die Kanalisation laufen müssen, nachdem das Exkrement weggeschwemmt wurde.

waldkloDie letzte Domäne ist gefallen: Nicht einmal im Wald darf man mehr sitzen.

Angesichts dieser klaren Regelungen bei der Behandlung fester Ausscheidungsstoffe wäre es doch gelacht, wenn man nicht auch passende Normen finden könnte, die den männlichen Miktionsstrahl in die richtige Richtung lenken.

Aber wollen wir das wirklich? Nicht auszudenken, wohin die Mieten explodieren würden, wenn sämtliche Toiletten per Gesetz nachzurüsten sind.

Die Natur wirds regeln

Schon jetzt ächzt Markranstädt unter zweistelligen Steigerungsraten der Mietpreise in den letzten 18 Monaten. Da wäre es wahrscheinlich günstiger, auf die guten alten Windeln zurückzugreifen.

Das Gefühl der Macht und des Stolzes beim Stehend-Miktionieren scheint ohnehin von eher flüchtiger Natur. In den voll besetzten Seniorenheimen der Stadt ist es längst ein offenes Geheimnis, dass die Männerwelt irgendwann von ganz allein an den Punkt gelangt, wo sie froh ist, wenns wenigstens im Liegen klappt.

 

Demonstrieren, bis eine Frau kommt

Das KuK war bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den rund 100 Gästen, die in den gestrigen Abendstunden dem Vortrag von Frank Richter lauschten, befanden sich sogar zahlreiche Besucher aus den umliegenden Ortschaften. Um die wesentlichen und ernsthaften Fakten wird sich die lokale Presse kümmern, also konzentrieren wir uns gemäß unseres selbst gestellten, niederen Anspruchs um die satirische Seite der Veranstaltung.

(Foto: SLpB,  Detlef Ulbrich, Montage Zitat: MN)

Da war zunächst die Geduld des Publikums gefragt, denn Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, musste noch einen Termin beim MDR dazwischen schieben. Dort waren die Fähigkeiten des ehemaligen katholischen Kaplans als Zimmermann gefragt.

Sozusagen in Josephs Fußstapfen musste er die angesägten Beine seines eigenen Stuhls reparieren. Neben der Verletzung des 11. Gebots „Sprich nicht mit deinem Nächsten, wenn es dein Herr nicht will“ wird ihm jetzt auch noch vorgeworfen, die Räumlichkeiten der Landeszentrale für eine Pressekonferenz der Pegida zur Verfügung gestellt und damit das politische Loyalitätsgebot seiner Einrichtung verletzt zu haben.

Kommunikation und Zeit als Geschenk

Dass er damit nur eine Brücke bauen wollte, ist in der Stadt des Waldschlösschenviadukts für so manchen Gesellschaftsarchitekten wahrscheinlich nur schwer auszumachen. Richter, so hat man den Eindruck, sitzt im kaukasischen Kreidekreis zwischen Bürgern und Politik

Dickes Lob an die Stadtverwaltung, die es auf sich nahm, alle möglichen Bürger auf allen möglichen Kommunikationswegen kurzfristig von der Verspätung zu unterrichten. Jene, die trotzdem zu früh da waren, hatten zumindest gute Unterhaltung. Beate Lehmann sprach von einer „geschenkten Zeit“ und griff damit schon im Vorfeld den Faden auf, den Richter nach seiner Ankunft dankbar weiter spann. Positiv an eine Sache herangehen, so das Credo beider Akteure am Mikro.

Zwischen Flensburg und Jericho

Zunächst aber warb Frank Richter um Verständnis für sein Zuspätkommen, welches sich auch dadurch nicht verhindern ließ, „…dass ich die Fahrt von Dresden nach Markranstädt unter großzügiger Auslegung der StVO absolviert habe“. Gedenkt man allein des medialen Marathons, den dieser Mann in den letzten Tagen absolvierte, war es schon erstaunlich, wie locker und sympathisch er zum Thema „Die Freiheit, sich entscheiden zu können, ist der Zwang, sich entscheiden zu müssen“ referierte.

Als der Schuster bei den Leisten blieb

Da kam durchaus Interessantes aus dem berufenen Munde und so wurde auch klar, warum Mittelalterfeste so großen Zulauf haben. Es ist die Stetigkeit der alten Werteordnung. Wer als Sohn eines Schmiedes geboren wurde, starb irgendwann als Schmied. Ebenso erging es dem Tischler, dem Stellmacher oder dem Winzer. Diese Stetigkeit gibt es anno 2015 bestenfalls noch für die blaublütigen Könige. Nicht einmal als KWL-Manager ist man heute mehr sicher vor gesellschaftlicher Ächtung und sogar St. Uli von Bayern blieb der Kerker nicht erspart.

Freiheit: Richter garnierte diesen Begriff mit dem Slogan zu „Risiken und Nebenwirkungen“. Nie waren wir so frei wie heute und deshalb gibt es auch im Umgang mit dieser Freiheit keine Erfahrungswerte.

Gleich gar nicht aus alten Ordnungssystemen. Die Erfahrungen müssen wir selber machen und deshalb auch Fehler, um aus ihnen lernen zu können.

Das jüngste Gericht

Nicht dass es Frank Richters Ausführungen an Spannung mangelte, aber man hatte das Gefühl, dass das Publikum zunehmend auf die Zündung der Lunte wartete, die am Pegida-Paket angebracht war. Die Offenbarung des Frank! Richter, aus seiner Studienzeit als Theologe mit Prophezeiungen bestens vertraut, musste sicher selbst kein Prophet sein, um das zu erkennen. Wahrscheinlich … nein: ganz sicher sogar … hat er sich schon auf der Pole-Position am Dreieck Nossen die entsprechenden Worte zurecht gelegt. An Abenden wie diesen fängt das Alphabet mit P an. P wie Pegida.

Facebook-Revoluzzer

Und wahrlich, Frank Richter legte nicht nur einmal mehr seine bereits hinlänglich bekannte Position dar, sondern gab auch interessante Einblicke in das Geschehen hinter den Kulissen. Allein drei seiner Mitarbeiter sind rund um die Uhr damit beschäftigt, mit sendungsbewussten Bürgern auf Facebook zu korrespondieren. Der Glückliche: Woanders würden derer Fünf nicht reichen. Doch als ob das nicht genügt, stünden zudem sowohl der analoge Briefkasten als auch Richters Outlook kurz vor dem Kollaps.

Neues aus der Anstalt

Die meisten Fragen und Probleme, so der Anstalts-Direktor, drehen sich dabei nicht um Asylbewerber oder Burkas in deutschen Ehebetten, sondern darum, dass die Politik de facto losgelöst von den Bürgern handelt und zunehmend eine andere Sprache spricht. Und damit ist nicht arabisch gemeint. Da kämen Themen wie Maut oder Arbeitslosigkeit ebenso auf den Tisch wie manche Schmunzler. Ein besorgter Bürger habe ihm beispielsweise geschrieben: „Sie können sich noch so viel Mühe geben, ich werde so lange Montag für Montag auf die Straße gehen, bis ich einen Job und eine Frau habe!“

Anschließend wurde die Diskussion eröffnet. Emotionsfrei war sie nicht, aber geprägt von einem hohen Maß an Sachlichkeit und gegenseitigem Respekt. Zwischen Fragen, Sorgen und Anregungen mischte sich hier und da zwar auch ein Statement, das eher einen Mono- denn einen Dialog förderte, aber durchweg gab es das, was man sich für so manch soziales Netzwerk wünschen würde: Netiquette.

Vom Gewicht der Zahlen

Natürlich kam auch das Thema „Lügenpresse“ aufs Parkett und noch natürlicher gab es unterschiedliche Meinungen dazu. Aber auch hier spielte Richter seine mediatorischen Fähigkeiten aus und verwies auf den Unterschied zwischen verschweigen und lügen. Er habe ein Umdenken in den Redaktionen festgestellt, meinte er. „Die können natürlich nicht von heute auf morgen um 180 Grad umschwenken, das ist doch klar.“, stellte er die Aufgabe in den Redaktionsbüros dar.

Dass aber beispielsweise über 3.800 Legida-Demonstranten bundesweit auf den Titelseiten berichtet wird, dagegen jedoch 50.000 (!!!) Demonstranten gegen das Freihandelsabkommen drei Tage später in Berlin (letzten Samstag) nicht einmal eine Kurzmeldung wert waren, darauf kam die Rede nicht.

Obwohl gerade das die verheerende Botschaft ist, die damit ins Unterbewusstsein der Bürger transportiert wird: Je abartiger die Parolen, desto größer die Wahrnehmung. Wo also glaubt ein Mensch gehört zu werden, wenn Kreuzchen auf dem Wahlschein, Unterschriften auf Petitionen und 50.000 Demonstranten nicht einmal ansatzweise dazu führen, dass ein Diätenempfänger seinen Hintern vom wärmenden Kissen hebt?

Respekt und Etikette im KuK

Einigkeit, so zumindest der Tenor der Diskussionsbeiträge, bestand darin, dass man nicht alle Pegida-Demonstranten in einen Topf werfen darf. Aber auch zur Notwendigkeit, dass der Kern (nicht die Anführer) dieser Bewegung eine eigene Artikulation entwickeln muss und fehlende Jobs oder Frauen, Maut oder TTIP nicht im Geschenkpapier fremdenfeindlicher Parolen überreichen darf, gab es keinen Widerspruch. Fast konnte man an Konsens glauben, im KuK.

Eigentlich war es ein interessanter, Horizont erweiternder und Mut machender Abend. Wenn da nicht Richters aus nahezu allen politischen Richtungen befeuerte Position wäre und seine darauf beruhende Befürchtung, dass er erstmals in seinem Leben auch die Möglichkeit in Betracht ziehe, „…dass der Dialog auch misslingen kann.“

Wer vorher gut zugehört hat, konnte ahnen, dass nicht die Pegida der Hort dieser Befürchtung ist. Zu viele Akteure schreiben zu vielen Akteuren vor, mit wem man sprechen darf und mit wem nicht. Aber Frank Richter wäre nicht Frank Richter, wenn er nicht positiv denken würde. Er lasse es sich nicht vorschreiben, mit wem er reden dürfe und mit wem nicht. Davon weiche er keinen Millimeter ab, versprach er den rund 100 Gästen in KuK.

Mit Humor ist nicht zu spaßen

Eine Aussage Richters hat die vier MN-Vertreter im Saal aufhorchen lassen: Ihm fehle bei allem Ernst der Humor. Manchmal sei mit einem Lächeln mehr erreicht als mit endlosen Diskussionen. Endlich mal eine konkrete Ansage für uns: Mein Arbeitsplatz – mein Kampfplatz für den Humor! Oder: Arbeite mit, schreibe mit, grinse mit!

Lag es daran, dass die Wertmaßstäbe des Abendlandes doch noch nicht so weit gesunken sind, um über dem Durchschnitt liegenden Beifall zu besteuern oder daran, dass der Mindestlohn für das Brot des Referenten noch nicht in Applaus gemessen wird? Das Markranstädter Publikum spendete jedenfalls reichlich davon und verließ das KuK mit sicher unterschiedlichen Meinungen, aber auch wahrnehmbarem Respekt vor anderen Standpunkten. Das könnte zwar schon vorher so gewesen sein, aber es ist doch immer wieder schön, wenn man es auch mal hautnah spüren kann.

Änderung/Korrektur: Die Darstellung, dass über die Demonstrationen gegen das Freihandelsabkommen nicht berichtet wurde, ist nicht für alle Medien zutreffend. Sowohl in der LVZ als auch einigen überregionalen Blättern und auch in den Spätnachrichten der Tagesschau wurde über die Demo berichtet. Ob dabei die Verhältnismäßigkeit hinsichtlich Platzierung, Umfang und Zeitpunkt ausreichend berücksichtigt wurde, unterliegt der individuellen Wertung der Leser und Zuschauer.

 

Humanoides Wettrüsten

Das war mal ein erfolgreicher Sport-Tag! Ab 17 Uhr wurde in Leipzig zurückdemonstriert und die Medien haben Demonstranten mit Demonstranten vergolten. Die No-Legida hat gegen die Legida mit 35.000 : 2.000 gewonnen! Damit ist das seltsame Treiben auf Deutschlands Straßen ein für allemal beendet und alle Sorgen oder Fragen sind wie weggefegt. So einfach geht das. Jogi Löw wurde Welttrainer des Jahres, Manuel Neuer Vize-Weltfußballer und im Biathlon gabs keinen neuen Doping-Fall, weil kein Wettkampf stattfand.  (Foto: MN/ag)

Die Mehrheitsverhältnisse waren am gestrigen Abend zwar geklärt, trotzdem gab es zahllose Fernsehsendungen mit Erklärungsversuchen.

Die für Satiriker beste Sendung war „Fakt ist …“ vom MDR. Da hatten sie neben Frank Richter, der am 20. Januar im Markranstädter KuK zu Gast sein wird, auch den sächsischen Innenminister eingeladen.

Als Quotenpolitiker, wollte man erst meinen. Nach seinem völlig farblosen Auftritt, der eher von unsicherer Körpersprache und unverbindlichem Gefloskel geprägt war, das auch nach mehrmaligem Nachhaken des Moderators nicht verbindlicher wurde, konnte man als einfacher Bürger schon Angst bekommen. Angst davor, was passiert, wenn wirklich mal was passiert und wir einen verbindlichen Innenminister brauchen

Interessant war auch „Hart aber fair“ in der ARD. Hier machte ausgerechnet eine junge Muslime die beste Figur und stellte nicht nur die politischen Akteure in den Schatten, sondern zeichnete ein glaubwürdiges Bild von der friedlichen, intergrierten Seite des Islam.

Ihre Kernbotschaft: Redet mit uns! Trotzdem: Hart mag sie gewesen sein, die Sendung, aber nicht fair. Waren sich zu Beginn alle Teilnehmer inklusive Moderator einig, dass es lächerlich sei, mit vergleichenden Teilnehmerzahlen der Demos zu operieren, wurden eben diese am Ende der Sendung visuell wirksam eingeblendet. Und da hatten es dann auch die Zuschauer begriffen: Ja wirklich, es ist lächerlich.

Die daraus entstandene Botschaft ist ebenso klar wie verheerend: Eine deutliche No-Legida-Mehrheit hat gesprochen und die Minderheit Pegida in die Schranken gewiesen. Das jedoch erfüllt gerade die augenscheinlichen Pegida-Forderungen. Die Minderheit hat sich der Mehrheit zu beugen. Was für 5,47 Prozent der Demonstranten in Leipzig gilt, sollte dann wohl auch für 0,48 Prozent der Muslime gelten. Was für ein Irrsinn!

Hier fallen den politischen und medialen Akteuren ihre eigenen plumpen Argumente auf die Füße. Mit Teilnehmerzahlen erreicht man nichts. Die humanoide Aufrüstungsspirale hat sich spätestens bei 80 Millionen Bundesbürgern heiß gelaufen.

Ab da muss man auf dem internationalen Transfermarkt tätig werden und Teilnehmer aus dem nahen Tschechien oder Polen mit Bus-Konvois herein holen. Das wird lustig. Und teuer, was durch die Maut nur bedingt wieder ausgeglichen werden kann. Auch eine Generalamnestie wäre denkbar, um schließlich die letzten menschlichen Ressourcen der Demokratie ins Feld führen zu können.

Trotzdem gaben der gestrige Abend und sein Ende Anlass zur Hoffnung. Es ist eine Kehrtwende spürbar. Sogar der MDR-Moderator räumte ein, dass Journalisten tendenziös berichtet hatten und dadurch ein Vertrauensverlust entstanden sei. Und das hat er nicht etwa bei den Markranstädter Nachtschichten abgelesen, sondern freimütig geäußert.

Auch die Politik signalisierte Gesprächsbereitschaft und macht jetzt einen Unterschied zwischen den Demonstranten und ihren Anführern. Die kommenden Tage werden spannend. Auch in sportlicher Hinsicht. Wer bekommt die besten Haltungsnoten bei der Kehrtwende mit doppeltem Salto rückwärts? Dabei wird es nicht nur auf Technik und künstlerische Aussage ankommen, sondern vor allem auf Glaubwürdigkeit.