EU hat große Pläne mit Seebad Kulkwitz

Während in Kulkwitz, dem Land der drei Seen, gespenstische Stille herrscht, was die perspektivische Entwicklung des neuen Fischerdorfes angeht, hat die Natur Nägel mit Köpfen gemacht. Ganz nebenbei hat sie damit hervorragende Bedingungen für den künftigen Wohlstand des Ortes geschaffen. Klein-Mecklenburg steht am Beginn einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Blüte. Nun will sich die EU darum kümmern, dass aus dem Gebiet zwischen Reet-Feldern und Marschland eine prosperierende Metropole wird. Der Landmann wird zum Seemann.

 

Kulkwitz, das Land der drei Ortschaften mit drei Seen. Da ist einmal der idyllische Lago Radona, wenige hundert Meter weiter der Gebeine-Teich unterhalb des Friedhofes, der von den internationalen Touristik-Ketten bereits als „Lake Funeral“ beworben wird und ihm gegenüber noch die Kulkwitzer Lachen, der „Lake lol“. Zusammen bergen alle drei Gewässer nicht nur enormes touristisches Potenzial, sondern stellen auch die wirtschaftliche Zukunft der maritimen Ortschaften dar.

Die Planungen dazu sind bereits in Sack und Tüten. Noch liegen sie in einem Brüsseler Tresor der zuständigen Kommission, doch bald schon wird man damit Stück für Stück an die Öffentlichkeit gehen. Ein Faksimile des brisanten Papiers wurde den Markranstädter Nachtschichten gestern im Austausch gegen die Planungsunterlagen des neuen Kindergartens am JBZ zugespielt.

Projekt „Fischerdorf 3000“

Demnach wurde mit der Umsetzung des Vorhabens „Seebad Kulkwitz“ bereits begonnen. Kernprojekt ist der größte der drei Seen, der Lago Radona. Er bildet sozusagen das Zentrum der Fischersiedlung Seebenisch-Gärnitz-Kulkwitz. Tausende Vögel unterschiedlichster Arten haben sich bereits hier angesiedelt und schufen kurzfristig das erste Problem. Sie alle kacken in das Gewässer und verunreinigen es damit.

wasserspiele

Schon heute erheitern lustige Wasserspiele an der Radonau, einem Abfluss des größten der drei Seen, das Auge des Touristen.

In der Stadtverwaltung befürchtete man schon, dass die Vernässungsfläche zur Kloake wird, da hatte die KLW den rettenden Einfall. Erfahren in globalen wie kommunalen Finanzgeschäften, gelang es den Leipziger Wasserdealern, ein finanztechnisches Konstrukt zu errichten, mit dem man die Seebenischer Bürger an den Kosten beteiligen kann. „Wir bieten den Bürgerinnen und Bürgern damit die einmalige Gelegenheit, sich aktiv in die Gestaltung ihrer Zukunft einzubringen.“, heißt es in einer KLW-Pressemitteilung.

hallig

Die Bodenpreise auf der Seebenischer Hallig steigen ins Unermessliche. Während das Westufer des Kulki für läppische Hunderttausende unter den Hammer kommt, geht es hier bald um Millionen.

Dahinter verbirgt sich nicht nur ein neues Abwassermanagement für den Ort, sondern auch gleich eins für die Verwertung der Vogelkacke am Grund des Sees. Vogeldung ist die beliebteste und zugleich teuerste Zutat für Gartenerde auf dem Weltmarkt. Ein Kormoran frisst pro Tag rund 500 g Fisch. Macht nach Abzug des energetischen Potenzials und des Wassers rund 300 Gramm Dung pro Tag und Tier. Da kommt praktisch bares Geld aus dem gefiederten Hinterteil eines solchen Vogels.

Ähnlich verhält es sich mit dem Nahrungsgewicht bei Gänsen und Schwänen. Blässhühner und Enten fressen etwas weniger. „Bei dreitausend Vögeln, die derzeit an diesem See lagern, macht das rund eine Tonne Kacke pro Tag.“, weiß Professor Theo Moccafix vom Fäkalornithologischen Institut Darmstadt. Fünf Kilogramm reiner Guano kosten im Baumarkt rund zehn Euro. „Macht 2000 Euro pro Tag und damit rund 0,72 Millionen Euro pro Jahr!“, frohlockt der Wissenschaftler und prophezeit Seebenisch eine Zukunft, wie sie einst Halle mit den Salzsiedern oder München mit den Fußballern hatte.

DLRG

Baywatch in Seebenisch. Mit EU-Fördermitteln errichtet und kurz vor der Fertigstellung: Neuer DLRG-Rettungsturm im Lago Radona.

Seit sich die Seen in Kulkwitz ausgebreitet haben, kehren auch längst ausgestorben geglaubte Wirtschaftszweige zurück. So haben findige Gärtner am Ufer des Lago Radona mit der traditionellen Marschlandgewinnung begonnen. Da sich der Tidenhub des Sees in Grenzen hält und die Stärke von Ebbe und Flut bestenfalls durch die digital arbeitende Pumpe (1 = geht, 0 = geht nicht) beeinflusst werden, trotzen die Kleingärtner den Naturgewalten das Land schrittweise durch die geschickte Ablagerung von rottefähigem Kompostmaterial ab. Ein Trick, auf den nicht einmal die LMBV bei der Verwaltung ihrer Tümpel im Leipziger Neuseenland gekommen ist.

marschland

Marschlandgewinnung auf sächsisch: Dem Lago Radona wird in mühevoller Kleinarbeit nach alter nordischer Handwerkskunst wertvoller Boden aus Kompost abgetrotzt.

Derweil geht es am Lake Funeral zwischen Friedhof und ehemaliger Müllkippe beschaulicher zu. Hier ist der sanfte Tourismus eingekehrt. In stillen Abendstunden kann man bei Sonnenuntergang die Seelen der Toten ausgelassen im Wasser planschen hören, wirbt ein Touristik-Flyer. Es könnten natürlich ebenso gut zu ausgewachsenen Wels-Bestien mutierte Stichlinge sein, die sich zu viel von dem Zeug aus der Müllkippe eingeworfen haben. Aber der PR-Trick mit dem nach Gärnitz umgezogenen Ungeheuer von Loch Ness soll erst später kommen, wenn die Touristenströme mal ausbleiben. Angesichts des Müll-Steilufers an der Südseite träumen Tattoo- und Piercingstudios jedoch bereits von neuen Märkten.

Wenn die Chemie stimmt…

Als Hoffnung verheißender Heiland erweist sich dabei das Dossier eines führenden Chemie-Labors. Darin heißt es, dass man den Finger nur zehn Sekunden ins Wasser halten müsse und er anschließend makellos verchromt sei. Allerdings warnen die Chemiker davor, die zehn Sekunden zu überschreiten. „Dann kann es passieren, dass man gar nichts mehr aus dem Wasser zieht oder nur einen skelettierten Knochen.“ Der Gärnitzer Stinkefinger – nicht nur eine bloße Marketing-Idee für Souvenierhändler und Franchise-Unternehmen.

funeral

Der Gebeine-Teich, international als „Lake Funeral“ bekannt, birgt Potenzial für die Beauty-Branche.

Gegenüber, am Lake lol, werden inzwischen die ersten Landwirte umgeschult. Fallmanager Job Destroyer (32) von der Arbeitsagentur ist überzeugt: „Es muss in die Köpfe der Menschen, dass hier künftig nicht mehr der Landmann, sondern der Seemann gefragt ist.“ So greifen die einst so stolzen Erntekapitäne auf Mähdreschern jetzt zur Sichel und lernen, Reet zu ernten. Kulkwitz wird in den kommenden Jahren sein Gesicht verändern. Kleine Fischerhäuschen mit Schilf-Dächern, gedörrter Fisch auf der Wäscheleine, in jedem Hof ein Räucherofen und jede Menge Ferienwohnungen. Der Boom ist jetzt schon spürbar.

Dort, wo einst die „Villa Renate“ neben dem Sportplatz thronte, entsteht gegenwärtig ein supermodernes Kassenhäuschen für das neue Erlebnisbad. Der SSV Kulkwitz wird nach dem Baustopp für den neuen Fußballplatz in SchwimmSportVerein umfirmieren müssen.

ssv

Letzte Aufnahmen kurz vor der Flutung, weil man erst feststellen wollte, woher das Wasser kommt: Neues Schwimmstadion des SSV Kulkwitz.

Der plötzliche und völlig unvorhersehbare Wassereinbruch während der Drainagearbeiten hat das kommunale Bauamt zum Umdenken gezwungen. Da sich die avisierte Suche nach der Herkunft des Wassers angesichts der Tatsache, dass man die offensichtlichsten Quellen erbarmungslos ausschließt, als sehr langwierig erweisen könnte, dürfte das neue Schwimmstadion bis zum Ende der Suche vollständig geflutet sein.

Hier eröffnet sich dann auch eine energiepolitische Perspektive für die erst gestern wieder mit dem „European Energy Award“ ausgezeichnete Stadt Markranstädt. Da man sich hier zuletzt gegen den weiteren Ausbau der Windenergie stellte, muss nun ein anderes Konzept her, um die Lorbeeren zu rechtfertigen. Da kommt eine Wasserkraftanlage in der Kleingartensparte gerade richtig. Das natürliche Gefälle des unterirdischen Zulaufs zum Freizeit- und Erlebnisbad des SSV könnte mittels Turbinen genutzt werden, um die Ortschaft in Zukunft energieautark aufzustellen.

lachen

Die Natur bietet am Lake lol einen geradezu unermesslichen Reichtum an Reet. Jetzt fehlt es nur noch an geschickten Erntehelfern.

Kulkwitz – Gärnitz – Seebenisch: Eine kleine Fischerortschaft im Herzen Mitteleuropas, von der man in den kommenden Jahren noch viel hören wird.

 

Trabant statt Panzer: Die kurze, aber wahre Geschichte des Mauerfalls

Heute v or 25 Jahren, am 9. November 1989, überfiel die Bevölkerung der DDR das Nachbarland Bundesrepublik Deutschland. In zahllosen feierlichen Akten wird dieses weltgeschichtlich einmaligen Ereignisses gedacht. Niemals zuvor  ist es Aggressoren gelungen, die Annexion und anschließende Unterwerfung eines Volkes so aussehen zu lassen wie eine Niederlage. Nur so konnte die Wiedervereinigung mit Billigung des unterjochten West-Volkes vollzogen werden. Die Wiedervereinigung: Ein wahrhaft überzeugender PR-Plan. Nicht umsonst wurde die Presse-Tante des damaligen DDR-Ministerpräsidenten später Kanzlerin. Halten wir inne und gedenken wir der wahren Geschichte…

Neues aus der vierten Etage (4)

Als schon nach vierzehn Minuten elf der dreizehn Tagesordnungspunkte abgearbeitet waren, konnte den Zuschauer das Gefühl beschleichen, dass er beim Studium des Fernsehprogramms einen wichtigen Höhepunkt verpasst hat. Ein Länderspiel vielleicht oder einen erotischen Streifen? Nicht einmal die unter Punkt 12 folgende Vorstellung des Etats für 2015 konnte den hohen Rat zu einem zünftigen Schlagabtausch motivieren. Frieden?

 

Wer da vorher das von Kampfeslust geprägte Säbelrasseln einiger Parteien und Räte vernommen hatte, konnte durchaus mit einer anderen Erwartungshaltung in den Fahrstuhl zur vierten Etage gestiegen sein, als da oben ein Freundschaftstreffen vorzufinden.

Eigentlich fehlten nur noch Schunkel-Lieder. Schlussendlich ließ sich sogar das anwesende Bürgertum von der Stimmung anstecken und unterließ es, den Sitzungsfluss durch mögliche Einwürfe unnötig aufzuhalten. Es war die erste Bürgerfragestunde seit langem, in der keine Fragen gestellt wurden. Es scheint, als diskutiere man in Markranstädt lieber per Facebook als am Tisch.

Breit gefächertes medizinisches Angebot

Dass man bei dieser Sitzung seinen Horizont nicht erweitern konnte, kann man trotzdem nicht behaupten. Die Besucher dieses Events wissen jetzt zum Beispiel aus berufenem Munde, dass ein in der DDR ausgebildeter Allgemeinmediziner nicht nur befähigt ist, Erwachsene und Kinder zu behandeln, sondern auch gynäkologische Untersuchungen durchzuführen. An der Tatsache eines fehlenden Kinderarztes in Markranstädt ändert das allerdings nichts und auch die Damen in den Seniorenwohnanlagen dürfte es kaum beruhigen, dass da auch in Zukunft jemand für sie da ist, wenn es während der Schwangerschaft Komplikationen gibt oder der ihnen die Pille verschreibt.

Ebenfalls horizonterweiternd: Auf eine wiederholte Anfrage wurde wiederholt festgestellt, dass der Abriss von Gebäuden auf einem Grundstück in der Leipziger Straße zu einhundert Prozent gefördert wird. Wenn man sich allerdings mit den Begriffen Förderung oder Fördermittel näher auseinandersetzt, können da ganz andere Fragen entstehen. Fördermittel sollen ein Anreiz sein, um zur entsprechenden Investition zu motivieren. Wenn diese Investition aber mit 100 Prozent abgegolten wird, was wird dann gefördert? Im täglichen Leben des Normalbürgers jedenfalls ist es so, dass der, der für eine Sache den vollen Preis entrichtet, diese bezahlt hat und nicht gefördert. Abseits irritierender Wortgeplänkel wird aber die Erleichterung siegen, dass ein weiterer Schandfleck aus dem Stadtbild verschwindet.

"Wenn sie möchten, kann ich sie auch erstmal gynäkologisch untersuchen. Mein Zahnarztstuhl ist aus der DDR und ganz schnell umgebaut."

„Wenn sie möchten, kann ich sie auch erstmal gynäkologisch untersuchen. Mein Zahnarztstuhl ist aus der DDR und ganz schnell umgebaut.“

Der letzte Tagesordnungspunkt brachte dann endlich etwas Leben in die Bude. „Wichtige Mitteilungen und Aktuelles“ hieß er und nahm alleine so viel Zeit in Anspruch wie alle anderen zwölf Tagesordnungspunkte vorher insgesamt. Darin wurde unter anderem  informiert, dass die Bauarbeiten am Sportplatz in Kulkwitz gestoppt wurden. Bei den Arbeiten an der Drainage sei man schon in geringer Tiefe auf „zu viel Wasser“ gestoßen. Jetzt wolle man erst einmal klären, woher das kommt.

Spätestens an diesem Punkt wird Ex-Stadtrat Dieter Trotz (CDU) für die weise Eingebung, nicht mehr kandidiert zu haben, sehr dankbar gewesen sein. Das gesundheitliche Risiko bei der Konfrontation mit solchen Fragestellungen ist wirklich schwer abschätzbar. So aber kann er sich jetzt beruhigt vom Schaukelstuhl aus anschauen, wie gut bezahlte Hydrologen mit gps-gesteuerten Wünschelruten an seinem Wohnzimmerfenster vorbei durch das Seebenischer Dreiseenland ziehen und sich schlussendlich doch dort treffen, wo er schon vor Jahren den Finger in die Wunde gelegt hat. Wohl dem, der am verdienten Abend eines arbeitsreichen Lebens noch so viel Spaß haben darf.

Das wars dann schon im öffentlichen Teil. Wer wollte und sich beeilt hat, konnte zu Hause sogar noch die 5617. Folge von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gucken. Das ist doch mal eine wirklich bürgerfreundliche Kommunalpolitik.

 

Am Ende des langen Weges zur neuen Straße

Auf himmlischen Beistand sollte man sich in der Politik zwar ohnehin nie verlassen, aber gerade unser Bürgermeister scheint nicht gerade gesegnet mit guten Kontakten nach oben. Fast schon scheint es Tradition zu werden, dass Petrus auf Spiskes Zettel pieselt, wenn dieser unter freiem Himmel auftritt. So auch in den gestrigen Abendstunden bei der lang ersehnten Freigabe der Leipziger Straße. Zum Glück waren es nur ein paar Tröpfchen.

 

Ein paar Tröpfchen waren es auch, die im Vergleich zu anderen Großbaustellen Deutschlands in die Leipziger Straße flossen. Rund 1,7 Millionen Euro waren es. Was man dafür bekommen hat, das kann sich sehen lassen. Vor allem im Vergleich zu eben jenen Großbaustellen.

In Berlin beispielsweise wurden schon Milliarden in den neuen Flughafen versenkt, ohne dass irgendwas Greif- oder gar Nutzbares da wäre. In Leipzig kosteten 1,4 Kilometer City-Tunnel über eine Milliarde Euro. Das macht 714.285,70 Euro pro Meter! In Markranstädt dagegen kostete ein Meter Straße nur 1889,- Euro.

Zwischen Hartz IV und 3D-Flachbildfernseher

Man kann es aber auch anders rechnen. Pro Monat wurden in die Leipziger Straße etwa 113.333,33 Euro eingebaut. Macht pro Tag 3.777,78 Euro oder pro Stunde 472,23 Euro. In 60 Minuten also 30 Prozent mehr als ein Hartz IV-Empfänger im Monat hat. Andererseits soll es ja Leute geben, die diese Summe für einen Fernseher ausgeben, um sich abends auf dem Sofa in 3-D verarschen zu lassen.

neu-3

Die Altranstädter Plautzer spielten auf.

Genug der Zahlenspiele. Wie immer, wenn es um Eröffnungen, Freigaben oder andere feierliche Anlässe geht, waren huldvolle Worte zu hören und man übte sich in mannigfaltiger Interpretation von Gleichnissen. Von einigen orange gewesteten Arbeitern abgesehen, die für die Beseitigung der letzten Absperrungen Überstunden schieben mussten, war wertschöpfendes Personal unter den Feiernden erwartungsgemäß Mangelware.

neu-2

Nicht nur die neue Leipziger Straße hatte ihre erste öffentliche Bewährungsprobe zu bestehen.

Es mögen rund 200 Markranstädter und Gäste gewesen sein, die sich den Augenblick der Freigabe und das Freibier mit Bratwurst nicht entgehen lassen wollten.

Vielleicht waren einige auch aus Neugier gekommen, um zu sehen, wie die Leipziger Straße eigentlich verläuft. Nach 15 Monaten kann so manches in Vergessenheit geraten. Fast möchte man Wetten darauf abschließen, dass der eine oder andere Kraftfahrer selbst in drei Tagen noch gewohnheitsmäßig Slalom durch die Albertstraße fährt, dann in die Karlstraße abbiegt und schließlich die Schachtbahn unsicher macht, bevor er im „Gelb-Roten Viertel“ (Netto, Star, Lidl) quer durch die Tankstelle heizt.

neu-4

Stolze Besitzer von Souvenirs, die vielleicht einmal einen besonderen Wert haben dürften: Abschnitte des zerschnittenen Bandes zur Eröffnung der Leipziger Straße.

Jetzt ist sie also freigegeben, die Leipziger Straße, deren neuer Spitzname dem Volke fast gebetsmühlenartig als NEUES ZENTRUM eingehämmert wird. Da selbst das Nova Eventis nach über zehn Jahren im Volksmund noch Saalepark heißt, wird sich am Ende wahrscheinlich bestenfalls der „Lange Markt“ durchsetzen, so er denn ein solcher werden wird. Die verkehrsinfrastrukturellen Voraussetzungen dafür sind jetzt jedenfalls hervorragend.

Es kommen noch ein paar Möbel

Wenn ein Passant dennoch meckern möchte, dann sollte ihm zumindest klar sein, dass er mit jedem Schritt auf der neuen Straße rund 2.000 Euro unter den Sohlen hat. Und da sind die exclusiven Stadtmöbel noch nicht einmal eingerechnet. Aber die roten Eimer sind, wenn sie erst einmal aufgestellt wurden, schnell gezählt. Mit 5.000 multipliziert und auf die Kosten draufgerechnet, sind wir noch nicht einmal beim Preis einer Rolltreppe des Berliner Flughafens.

 

Das wahre Genie kennt keine Schranken

Warum auch sollte Markranstädt anders handeln als der Rest der Welt? Längst geht es nicht mehr darum, das Übel an der Wurzel zu packen, sondern es woandershin zu delegieren oder – wenn es schon woanders ist – dort zu lassen. So spielt sich also der Kampf gegen Ebola nicht in Afrika, sondern auf europäischen Flughäfen ab und in Kurdistan werden die letzten Verteidiger des Abendlandes aus der Luft von deutsch-amerikanischen Waffenlieferungen erschlagen. Hauptsache, der Krieg kommt nicht zu uns.

Ähnlich müssen auch die Gedanken derer gewesen sein, die für die Aufstellung einer Schranke mitten auf der Priesteblicher Straße in Frankenheim agitiert und dieses Vorhaben letztendlich auch durchgesetzt haben. Zur Erinnerung:

Polizeimeldung vom 24. September 2013: Bei einem Verkehrsunfall sind drei Menschen schwer verletzt worden. Wie die Polizei mitteilte, ignorierte ein 21-jähriger Pkw-Fahrer an der Kreuzung zwischen Priesteblicher und Markranstädter Straße die Vorfahrtsregelung.
Polizeimeldung vom 27. September 2014: An der Kreuzung Priesteblicher / Markranstädter Straße bog ein Fahrzeug verkehrswidrig nach links in Richtung Frankenheim ab. Dort kam es zum Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden PKW. Dabei wurde eine Person schwer verletzt.

Neben einigen kleineren Blechschäden, die auf Grund der umfassenden Zoo-Berichterstattung der Tageszeitung im Lokaldienst nicht einmal angemessen ignoriert wurden, waren es vor allem diese beiden Unfälle, die in den zuständigen Verkehrsgremien für das Zustandekommen eines gewissen geistigen Kreislaufs verantwortlich zeichneten. Freilich gibt es viele Lösungen für ein solches Problem. Die Billigste war ein einfaches Schild. Nachdem sich das als untauglich erwies, kann der Steuerzahler eigentlich froh sein, dass man für Frankenheim nicht gleich einen City-Tunnel zur Ausführung gebracht hat.

Unter all den mannigfaltigen Möglichkeiten zwischen Schild und Unterführung wählte man letztendlich jedoch eine, die offenbar so richtig ins Weltbild unserer heutigen Gesellschaft passt. Das Problem wurde dahin delegiert, wo es nicht auffällt. Wozu auch sich Gedanken machen über die Vermeidung von Unfällen, wenn die sowieso immer wieder passieren? Diese These ist sogar beweisbar! Obwohl deutschlandweit täglich tausende von Politessen ihren Dienst tun, gibt es trotzdem noch immer tausende Falschparker.

Innovationen in Sachen Beschränkung oder -theit gibt es, wie diese Aufnahme eindrucksvoll beweist, nicht nur in Markranstädt.

Innovationen in Sachen Beschränkung oder -theit gibt es, wie diese Aufnahme eindrucksvoll beweist, nicht nur in Markranstädt.

Also hat man das Problem einfach verlagert. Um von der Markranstädter Straße (oder, ganz wie man will: An den Windmühlen) aus eine Einfahrt in die Priesteblicher Straße oder eine Ausfahrt aus ihr zu verhindern, hätte es am Unfallschwerpunkt sicher auch eine Schranke oder ein anderes Hindernis getan. Das machen sogar Kinder so, wenn sie „Autofahrer & Politesse“ (früher: Räuber & Gendarm) spielen.

Nicht so in Markranstädt. Da haben findige Verkehrsexperten bereits vier Monate nach Ankündigung im Stadtjournal vom Juli 2014 eine nachhaltigere Lösung installiert und die Schranke einfach ans gegenüberliegende Ende der Gefahrenquelle gesetzt: Mitten in den Ort! Und damit sie ihre Wirkung auch gleich richtig entfaltet, wurde sie so gebaut, dass auch für Fußgänger und Radfahrer unmissverständlich das Ende der Welt angezeigt wurde. Natürlich könnte man sich angesichts dieser verkehrsstrategischen Vollbremsung fragen, warum der Weg ins Nirvana dahinter asphaltiert ist, aber das hat wohl was mit Religion zu tun und der Reformationstag ist vorbei. Also zurück zu den Fakten.

neu-7

Nicht auszudenken, wenn diese Schranke dort errichtet worden wäre, wo sie hingehört: Am Unfallschwerpunkt. Wenn dort jemand durch das Bollwerk bräche, hätte man schließlich wieder einen Unfall an der Unfallstelle und das würde nicht nur die Statistik versauen, sondern die Kompetenz der Erbauer jener Schranke in Zweifel ziehen.

So jedoch wurde das imposante Bauwerk am anderen Ende errichtet. Sollte dort jemand gegen den Schlagbaum fahren, würde der Unfall in Frankenheim registriert. Damit hätte der Ort zwar einen Unfall mehr in der Statistik, der Unfallschwerpunkt 800 Meter weiter vorn aber dadurch gleichzeitig einen weniger. Wer in Mathematik gut aufgepasst hat, der wird sicher noch wissen, dass eins minus eins gleich null ist und wo kein Unfall passiert, kann es auch keine Opfer geben.

So sterben wir früher oder später alle eines natürlichen Todes. Das ist wohl jener Aspekt, den unsere Religionsführer im Wort zum Sonntag immer mit „Bewahrung der Schöpfung“ meinen.

Nun ist gerade dieser Fall am letzten Samstag jedoch eingetreten. Allerdings war es wohl nicht die Macht des Herrn, sondern die der Gewohnheit, die das Lenkrad führte und den Fuß des Fahrers selbst in jenem Sekundenbruchteil auf dem Gaspedal ruhen ließ, als er des Schlagbaumes gewahr wurde. Jedenfalls wurde die nagelneue Schranke in Frankenheim von einem Fahrzeug auf Walmdach-Format gefaltet. Nicht schön für Frankenheim, das jetzt einen Unfall mehr in der Statistik hat, der nicht nötig gewesen wäre, aber schön für die Schöpfung, weil ja statistisch gesehen eigentlich gar nichts passiert ist.

foto1

Obwohl: Gar nichts, das ist auch wieder nicht richtig. Durch den Knick im Schlagbaum ist dieser in seiner Längenausdehnung etwas kürzer geworden, was wiederum Radfahrer und Fußgänger befähigt, ihn jetzt seitlich zu passieren, ohne die anliegende landwirtschaftliche Nutzfläche frequentieren zu müssen. Natürlich wird dieser Zustand nur so lange andauern, bis die Schranke nach erfolgter Ausschreibung, VOB-Prüfung und entsprechender Vergabe wieder gerichtet ist. Anschließend wird dann wohl – und spätestens hier sollten ernsthafte Zweifel am tieferen Sinn der Schöpfung aufkommen – eine den geltenden EU-Vorschriften entsprechende Schranken-Umgehung für Fußgänger und Radfahrer auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche nebenan errichtet werden. Vielleicht jetzt endlich sogar die längst fällige Unterführung? Selbstverständlich mit entsprechenden Verkehrsleiteinrichtungen und Signalanlagen.

Zur Entlastung der Planer dieses Schlagbaumes sollte man allerdings das Argument gelten lassen, dass es Schranken nicht nur auf Verkehrswegen gibt. So gilt der Begriff „beschränkt“ im deutschen Wortschatz beispielsweise nicht nur für Bahnübergänge oder vergleichbare Anlagen. Und damit, liebe Leserinnen und Leser, ist jetzt wirklich nicht gemeint, dass die Schranken am Markranstädter Bahnübergang besser auf dem Marktplatz aufgestellt werden sollen.

 

 

Markranstädt im ZDF: Fernes Land

Es kommt nicht oft vor, dass Markranstädt als Kulisse für einen Kinofilm dient. Wenn überhaupt Film, dann oft minderwertige Smartphone-Streifen auf Youtube, in denen sich beispielsweise bedauernswerte Randexistenzen mit Kadavern von überfahrenen Kaninchen auseinandersetzen. Im Jahr 2012 aber kam ein Film in die Kinos, den jetzt auch das ZDF zeigte und der in der Online-Mediathek noch abzurufen ist.

Der Beginn des Filmes handelt in Markranstädt und der findige Interpret sieht hier vielleicht auch den Schlüssel zum Titel des Spielfilms: „Fernes Land“. Da düst der Versicherungsvertreter Mark durch die Leipziger Straße, als hätte es da nie eine Baustelle gegeben. Die gab es damals freilich auch noch nicht und obwohl die Dreharbeiten noch nicht lange her sind, kennt die Markranstädter Magistrale wohl kaum noch jemand so.

Dass der Hauptakteur nach dem Schnitt des Filmes zugleich in unterschiedlichen Richtungen (Leipziger, Lützener und Schkeuditzer Straße) unterwegs ist, wissen die restlichen 80986000 Deutschen wahrscheinlich ebenso wenig, wie sie von der Existenz des Ortes Kenntnis haben, dessen Rathaus zu Zeiten der Dreharbeiten noch erdfarben-gelb angestrichen war.

Das wars dann zwar schon, was das Drama an lokalpatriotistischem Esprit für den Markranstädter zu bieten hat, aber der Rest ist dennoch nicht von schlechten Eltern und absolut sehenswert.

(Fotos: Screenshot, ZDF-Mediathek)

Anstatt eine Asienreise anzutreten, übernimmt Versicherungsvertreter Mark ein Karriereangebot im ungeliebten Job und wird zur Strafe von seiner Freundin verlassen. Als er unglücklich durch die Leipziger Winternacht braust, fährt er mit seinem Wagen den Pakistani Haroon an. Der lebt illegal im Land, und der hilfsbereite Mark wird Zeuge, wie ein lokaler Immigrantenpate den Jungen um sein Geld prellt, der damit keine Chance auf einen gefälschten Pass hat und seine Hoffnung, hier zu leben, aufgeben muss. Der illegal eingewanderte Pakistani und Mark lernen sich näher kennen und es entwickelt sich ein authentisches Drama, das zwei Männer für eine schicksalhafte Nacht in einer Odyssee quer durch Leipzig zusammenschweißt.

fernland2

Marks Reise beginnt in Markranstädt. Einfach auf das Bild klicken und Film ab!