First Responder unterfahren

Es hat den Anschein, als seien die Kameraden unserer Feuerwehr unentwegt im Einsatz. Die Sirenen in der Stadt heulten in den letzten Tagen so oft, dass man meinen könnte, deren Stromverbrauch müsste bald als eigenständige Position in den städtischen Haushalt einfließen. Auch in Frankenheim hat es am Samstag wieder gebrannt. Diesmal züngelten die Flammen aus einer Laube. Trotzdem war es eine andere Meldung, die für unsere satirischen Antennen die richtige Wellenlänge hatte.

Zehn Tage – fünf Einsätze, so lautet das Fazit der ersten Tage im Jahr 2015. Vom brennenden Griff eines Einkaufswagens bis zur Vernichtung eines 500 Jahre alten Gotteshauses war alles dabei. Die Kameraden kommen kaum noch zur Ruhe, könnten sich eigentlich gleich in Einsatzkleidung zum Schlafzimmer begeben. Da kann man nur noch den Hut ziehen und allerhöchsten Respekt zollen.

Einen guten Feuerwehrmann zeichnet aus, dass er trotz Hektik, Stress und Anspannung die Ruhe und Übersicht bewahrt. Und wenn er dann in der Nachbearbeitung des Einsatzes auch noch etwas Schalk hinterm Ohr hat, dann weiß man, dass es sich um einen Kameraden handelt, der für die Feuerwehr geboren und mit Leib und Seele dabei ist.

René Hentschel, zuständig für die Pressearbeit bei der Markranstädter Feuerwehr und in dieser Funktion ein nicht nur zuverlässiger und kompetenter Kamerad, sondern ein wahrer Glücksfall für Markranstädt, hatte die Einsatzberichte schon in der Vergangenheit immer mal mit einem Augenzwinkern garniert. Erinnert sei nur an einen schlecht geparkten Golf im Straßengraben oder die sorgfältige Aufzählung des Großaufgebotes bei der Rettung eines in Seenot geratenen Anglers auf dem Kulki.

Am Samstag wurde die FFW gegen 20 Uhr unter dem Stichwort „First Responder“ zur B 186 gerufen. Man kann sicher alle Wörterbücher der Welt wälzen, um herauszubekommen, welche Relevanz sich hinter diesem Begriff für einen deutschen Feuerwehrmann verbirgt.

Dazu bleibt aber in der Regel keine Zeit und ob Google auf einem Einsatzfahrzeug verfügbar ist, steht auch auf einem anderen Blatt. Bei einem Dachstuhlbrand können die Flammen schon mal auf den „First“ übergreifen und vielleicht ist auch ein „Responder“ irgendwo da oben versteckt. Aber darum ging es hier nicht.

Kirche in Flammen: Auch die Kameraden der Markranstädter Feuerwehr waren am Samstag in Tellschütz im Einsatz.

Auf Nachfrage in der Leitstelle wurde den Kameraden mitgeteilt (Zitat FFW Markranstädt): „Vor Ort solle ein Radfahrer von einem PKW überfahren worden sein.“ Weiter ist zu lesen: „Dies bestätigte sich nach Ankunft jedoch nicht.“

Schon ertappt sich der Leser dabei, innerlich aufzuatmen, weil nichts passiert ist. Die Aufklärung folgt im nächsten Satz: „… Der E-Bike-Fahrer wurde dabei über das Fahrzeug geschleudert und erlitt nicht unerhebliche Verletzungen.“ Korrekt wäre also die Leitstellen-Mitteilung gewesen, dass ein E-Biker von einem Auto nicht überfahren, sondern unterfahren wurde. Damit hätten die Kameraden allerdings wahrscheinlich ebenso wenig anfangen können wie mit der Meldung „First Responder“.

Dass auch der Fahrer des PKW völlig überrascht war, von einem Fahrrad überfahren worden zu sein, zeigt der Umstand, dass er mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Da bleibt nur noch zu wünschen: Gute Besserung beiden Verkehrsteilnehmern und weiter so viel Ruhe, Übersicht und Fingerspitzengefühl für das richtige Maß Schalk und die gelungenen Formulierungen der FFW-Pressestelle. Der Job ist schwer genug, als dass man auf diese Art trockenen und feinsinnigen Humors auch noch verzichten sollte.

 

 

Schere im Kopf muss endlich zum Schrotthändler

Markranstädts Stadtverwaltung zeigt Flagge: Die Fahnen vor dem Rathaus wurden auf Halbmast gesetzt. Ein deutliches Zeichen, eine sichtbare Solidarisierung mit den Opfern der Pariser Attentate und ein Aufruf an alle Markranstädter, ihnen zu gedenken. Was in Paris geschah, war auch ein Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Die steht jedoch auch abseits der Pariser Bluttaten in Deutschland auf dem Prüfstand und viele Medien haben sich selbst nach den Attentaten in Frankreich erneut nicht mit Ruhm bekleckert.

In der Kritik einiger weniger Journalisten, aber auch Teilen des Journalistenverbandes, steht eine recht zweifelhafte Aktion des Bundes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Der hat vorgestern eine Karikatur protegiert, die letztendlich in vielen Zeitungen erschienen ist. Bundesweit haben sich über 20 unabhängige und überparteiliche Zeitungen diesem Ansinnen ihres Politbüros gebeugt.

Um es vorweg zu nehmen: Die LVZ hat sie nicht veröffentlicht und auch einige andere Blätter haben darauf verzichtet. Und das hoffentlich nicht nur aus Platzmangel, sondern Überzeugung.

In dieser Zeichnung werden die friedlichen Pegida-Demonstranten mit den Verbrechern in Verbindung gebracht, die in Paris eine Blutspur hinterließen und fast 20 Menschen auf dem Gewissen haben. Der Berliner Journalist Stefan Niggemeier (bei einem Klick darauf sehen Sie auch besagte Karrikatur) schreibt dazu: „Aber die Parallele, die die Karikatur zwischen den Worten der Pegida-Anhänger und den Taten des islamistischen Terroristen zieht, ist falsch. Und ihre Wirkung ist verheerend. Wiederum aus Sicht dieser Leute formuliert: Die deutsche „Lügenpresse“ ist nicht nur zu feige, die Wahrheit zu sagen. Sie erklärt sich nach den Attentaten sogar für solidarisch, wenn nicht identisch mit denen, die dafür nicht zu feige waren. Und erklärt stattdessen ihre Kritiker zu Komplizen der Täter. Die Presse bestätigt aus Pegida-Sicht so, auf kaum zu übertreffende Weise, den Vorwurf von der „Lügenpresse“.

Niggemeier sieht auch ein weiteres Problem. Von der Pegida wird auch die Gleichschaltung der Presse kritisiert. Ein Argument, das von dieser Aktion explizit bedient wird, denn die Karikatur wurde vom BDZV nicht nur für seine im Verband organisierten Zeitungen bereitgestellt, sondern auch noch mit einem Text des BDZV-Präsidenten versehen. Darin nutzt er den Hintergrund der Bluttaten für eine Art Eigenwerbung, die geradezu infam klingt, heißt es doch unter anderem: „In herausragender Solidarität berichten freie Medien weltweit seit Tagen über dieses unmenschliche Verbrechen …“

Es gäbe sicher noch mehr zu erzählen über diese einheitliche Aktion der Nationalen Pressefront, aber das bringt nichts. Die Anforderungen an den Begriff „Lügenpresse“ sind zwar auch mit dieser Karikatur nicht annähernd erfüllt, aber von Objektivität ist man damit weit entfernt. In der Tat konnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich die Medien sehr einfach gemacht haben mit ihrer Berichterstattung. Getreu dem Motto „Wo Millionen Fliegen kreisen, muss ein Scheißhaufen sein“ haben sie über eben jenen berichtet, ohne ihn gesehen zu haben.

Auch die LVZ fiel bislang nicht gerade als Quell objektiver Nachrichtenverbreitung auf, wenngleich das Blatt im Vergleich zu anderen Organen eher noch zurückhaltend war. Aber auch ihm passierte es, dass es von 10.000 Demonstranten schrieb, während in Wahrheit fast die doppelte Zahl unterwegs war.

Dass man diese Ente einer objektiv falschen Polizeimeldung in die Schuhe schieben kann, macht es nicht besser. Zeigt es doch, was dabei herauskommt, wenn man nicht selbst vor Ort ist, sondern etwas weitergibt, was man von jemandem gehört hat, der einen kennt, der einen gesehen hat, dessen Neffe dabei gewesen sein soll.

Das Spiel ist bekannt. Es heißt „Stille Post“ und sorgt bei jedem Kindergeburtstag für mannigfaltige Erheiterung. Schlimm wird’s halt dann, wenn man dem Letzten glaubt, was der Erste gesagt haben soll. In diesem Fall ist das die Presse das letzte Glied und deshalb hat sie in den letzten Wochen einen immensen Vertrauensverlust erlitten. Es waren vielleicht keine Lügen, die von den deutschen Medien verbreitet wurden, aber die selten objektiven Berichte waren nicht seltener mit Unwahrheiten gespickt. Unwahrheit oder Lüge … wer will da richten? Allein Begriffe wie „tendenziös“ oder „subjektiv“ reichen eigentlich schon, um sich das Wasser der Presse- und Meinungsfreiheit selbst abzugraben.

Die Leipziger Volkszeitung hat dem Pegida-Thema heute eine ganze Seite gewidmet und das sogar auffallend objektiv. Selbst die 19 Punkte der Pegida-Thesen wurden endlich mal veröffentlicht. Und siehe: Kein Wort von Ausländerhass steht drin, nichts von Vertreibung oder gar Völkermord. Wie kommts?

Nun, auch wenn er es sicher nicht hören will, ist aber auch das ein Werk von Frank Richter, der am 20. Januar in Markranstädt referieren wird. Unter seiner Gesprächsleitung hat sich die Pegida erstmals strukturiert artikulieren können und dabei unter anderem die Vertreter der Sächsischen Zeitung in Bedrängnis gebracht. Die konnten die vorgebrachten Argumente vor Ort zwar nicht bestätigen, aber sozusagen über Nacht hat sich auch in Chemnitz was getan. Noch vor Wochenfrist erkennbare Tendenzen in der Berichterstattung sind einer merklich erhöhten Sachlichkeit gewichen.

Trotzdem ist man überall noch immer dabei, gebetsmühlenartig mit den gleichen Argumenten zu arbeiten. So beispielsweise mit der abgenutzten Keule, dass nur 0,48 Prozent der Einwohner Sachsens Muslime seien. Na und? Nicht nur Pegida-Sympathisanten werden bei solchen Informationen denken: Weniger als 0,05 Prozent der Einwohner Sachsens sind in der FDP und trotzdem haben die hier jahrelang mitregiert.

Bissig, anspruchsvoll, aber einseitig und oberflächlich: ZDF-Satire contra Pegida in der „Anstalt“

Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch der (bislang eher leise ausgesprochene) Vorwurf, dass auch die Satire in Sachen Pegida versagt hat. Satire muss Position beziehen, das ist richtig. Meist tut sie das für den Schwachen, was sie sympathisch macht, solange der Schwache zumindest gefühlsmäßig zu den Guten zu zählen ist.

Im Idealfall beleuchtet die Satire bei der Betrachtung eines Konflikts beide Seiten. Leider war das in Bezug auf die Pegida eher eine Seltenheit. „Die Anstalt“, Deutschlands inzwischen beliebtestes TV-Kabarett, lässt in ihren Stücken keinerlei Spielraum und verschießt ihre satirischen Pfeile ausschließlich in Richtung Dresden.

Andere Komödianten und Kabarettisten führen gegenüber der „Anstalt“ zwar die rhetorisch feinere Klinge, sind dafür aber klar auf Pegida-Seite zu finden und ihrerseits nicht bereit oder in der Lage, diese Position wenigstens für einen kurzen Perspektivwechsel zu verlassen. Schade. Auch hier wurden Chancen vertan und Sympathien verspielt.

Unterhaltsam, lustig, aber auch nur einseitig und oberflächlich: Dr. Alfons Proebstl pro Pegida.

In Netzwerken wie Twitter werden die Pegida- und Anti-Pegida-Argumente zwangsläufig objektiver aufs Korn genommen. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil die Zensur-Schere im eigenen Kopf durch die Anonymität des Netzes nicht ganz so erbarmungslos schneiden muss.

Da las man nach dem kurzzeitigen Wintereinbruch vor wenigen Tagen beispielsweise bei Twitter: „Erst kommt ja immer nur eine Schneeflocke, aber dann holen die ihre ganze Familie nach“ oder „Ich habe nichts gegen Schnee, solange er sich an unser Klima anpasst und Regen ist.“

Es wird ein langer Weg sein, der vor der gesamten Gesellschaft liegt. Vertrauen zurückgewinnen wird die Aufgabe der Medien sein. Erkennen, dass fremdenfeindliche Parolen nicht zu Antworten führen, ist der Part der Pegida. Markranstädt steht erst am Anfang dieses Weges und hat dadurch die Möglichkeit, frühzeitig die richtige Richtung einzuschlagen.

Ein erstes Achtungszeichen: Die Ankündigung der Veranstaltung mit Frank Richter hat bereits nach einem Tag so große Resonanz gefunden, dass der Veranstaltungsort ins KuK verlegt wurde!

 

 

Aufruf zum „Markranstädter Dialog“

Es waren erschütternde Stunden. Seit gestern ist nichts mehr, wie es war. Satiriker haben ihre Meinungsäußerungen mit dem Leben bezahlen müssen. Da kann man nicht einfach so weitermachen, auch wenn Paris und Markranstädt mehr als 750 Kilometer Luftlinie trennen. Und gleich gar nicht, weil Paris in Frankreich liegt und Markranstädt in Deutschland. Wir sind Europa. Gerade jetzt!

(Titelkarikatur: Maumont)

Nicht nur wegen der aus Gründen des Gedenkens gebotenen Stille haben wir uns einen Tag Abstand auferlegt, bevor wir Stellung zu dem Attentat in Paris nehmen. Gerade auf dem Gebiet der Satire ist der Grat zwischen Verstand und Emotion mitunter sehr schmal. Unter dem Eindruck solch starker Emotionen kann man aus ohnmächtiger Wut heraus schnell die falschen Worte wählen, die dann andere Menschen zu falschen Taten veranlassen könnten. Daher war und ist es geboten, sich seine Worte gut zu überlegen.

Sarajevo 1914 – Paris 2015: Es gibt so viele Gemeinsamkeiten und die Angst ist groß. Nicht vor dem Islam, sondern vor den Emotionen und was sie anrichten können. Die radikalen Islamisten sind ebenso die Gewinner wie die radikalen Rechten. Dazwischen sitzen wir. Wir, die nur in Frieden leben wollen. Mit allen anderen Menschen. Auch den Moslems.

Wir wollten auch mit Stéphane Charbonnier, Jean Cabut, Bernard Verlhac, Philippe Honoré, Georges Wolinski und ihren Kolleginnen und Kollegen in Frieden zusammenleben. Das geht jetzt nicht mehr. Sie sind tot. Ermordet von Menschen, die sich offenbar berufen fühlen, im Auftrag von Allah Rache zu üben. Kann Allah oder irgendein anderer Gott wollen, dass in seinem Namen Menschen geschlachtet werden? Ist ein Gott so menschlich, dass auch er selbst Geschaffenes zerstört? Oder gar zerstören muss, weil der Unfehlbare bei der Schöpfung Fehler gemacht hat, die per Mord wieder ausgemerzt werden müssen? Dazu noch von seinen eigenen Kreaturen?

Satirisch betrachtet, wäre in dieser Entwicklung sogar eine Regel erkennbar. Während sich das Christentum seit dem Jahre Null ausbreitet, entwickelte sich der Islam erst ab dem 7. Jahrhundert. Das Abendländische Christentum hat also rund 700 Jahre Vorsprung. Rechnen wir diese Zeit von heute aus zurück und schauen also ins Europa des 14. Jahrhunderts, so wäre der Islam heute in der Tat an der Schwelle zur heiligen Inquisition. Wohlgemerkt: Satirisch gesehen.

Aber Satire ist heute nicht gefragt. Nur heute nicht, aber eben und gerade schon morgen muss weitergemacht werden! Vielleicht nicht mit Mohammed-Abbildungen, aber mit der Meinungsfreiheit. Denn genau an dieser Stelle haben islamistische Extremisten ihre Axt an die Grundpfeiler unserer demokratischen Wertmaßstäbe gesetzt.

Die Satire ist die wirkungsvollste Ausdrucksform gelebter Meinungsfreiheit. Selbst die Nationalsozialisten haben es nicht vermocht, sie zum Schweigen zu bringen. Lene Voigt, die große Lene Voigt, verkaufte im Dritten Reich „Heringe, Heringe! So fett wie Göring!“ Als es ihr die Nazis untersagten und die Gestapo mit Haft drohte, verkaufte sie am nächsten Tag „Heringe, Heringe! So fett wie gestern!“ Lene Voigt wurde nicht getötet. Nicht einmal von den Nazis.

Nachdem mit den Medien die vorletzte Bastion der Meinungsfreiheit gefallen ist, zertrampelt von Käuflichkeit, Gewinnstreben, Einschalt- und Abonnentenquoten oder auch Bequemlichkeit, ist die Satire der letzte unangetastete Stein im Fundament der freien Meinungsäußerung. Medienwissenschaftler prophezeien heute schon weltweit, dass es in 20 Jahren keine lokalen Tageszeitungen mehr gibt und dieses Feld von der Satire besetzt wird. Auch weil das, beispielsweise in den USA oder der Schweiz, heute schon ablesbar ist.

Was diese wissenschaftlichen Analysen nicht berücksichtigt haben, ist Gewalt. Gewalt religiöser Fanatiker, die dem geschliffenen Wort oder der pikanten Zeichnung mit Bomben entgegen treten und sie ebenfalls zu vernichten drohen.

Es ist begrüßenswert, dass man in Deutschland auf die Straße geht und der Gewalt gegen Ausländer eine Absage erteilt. Ein ebenso gutes Zeichen wäre es, wenn Ausländer auf die Straße gehen würden, um Gewalt gegen Deutsche zu verurteilen. Und dann endlich alle gemeinsam einfach nur gegen Gewalt Stellung beziehen. Europa gegen Gewalt, das wäre doch mal was. Allein die Verheißung, die Sterne auf dem Star-Spangled-Banner in schamesrot zu sehen, müsste uns das wert sein.

In Markranstädt wurde gestern ein Aufruf verbreitet, sich am Montag an einer Anti-Pegida-Demonstration in Leipzig zu beteiligen. Das ist nicht der richtige Weg! In vielerlei Hinsicht nicht. Zum Einen wird die Auseinandersetzung mit dem Thema vor Ort vermieden und nach Leipzig exportiert, andererseits trägt eine Anti-Haltung niemals zur Konsens-Bildung oder auch nur Verständigung bei. Im Gegenteil: Sie teilt die Gesellschaft und verhindert konstruktiven Dialog. Weder Pegida noch Anti-Pegida können Fragen beantworten oder Ängste beseitigen. Sie können bestenfalls die Eitelkeiten ihrer Anführer bedienen, nach dem Motto: Wer hat das größere Heer?

Wir fordern dazu auf, sich den Fragen hier vor Ort in Markranstädt zu stellen – mit den Menschen, die hier leben. Es gibt Muslime in Markranstädt. Ja, wirklich! Wir sehen sie vielleicht deshalb nicht, weil sie sich integriert haben oder – man höre und staune – weil es Markranstädter sind, Deutsche also. Es gibt hier auch Christen und Buddhisten. Atheisten sowieso. Und es gibt auch viele, sehr viele Menschen, die mit Pegida sympathisieren. Manche einfach nur so, andere aus Überzeugung, Dritte wieder aus prinzipieller Opposition. Aber es gibt sie. Alle! Warum nicht jetzt reden, sondern erst warten, bis sich die eine oder andere Gruppe untergebuttert oder provoziert fühlt und dann vielleicht Margida gründet?

Es ist, einige Menschen werden das kennen, wie bei einer Scheidung. Man hat jahrelang miteinander gelebt und stellt plötzlich Unterschiede fest. Wenn dann der Zeitpunkt des Redens verpasst wird und nur noch Vorwürfe hin und her fliegen, endet die Auseinandersetzung tragisch.

Markranstädter Dialog

Lasst uns also reden. Alle miteinander!

Am Dienstag, dem 20. Januar, findet im Lesecafé der Schul- und Stadtbibliothek eine Veranstaltung unter dem Thema: „Die Freiheit, sich entscheiden zu können, ist der Zwang, sich entscheiden zu müssen“ statt. Frank Richter wird dazu einen Vortrag halten und damit den Grundstein für einen möglichen Dialog legen. Richter spielte in seiner damaligen Funktion als Kaplan eine zentrale Rolle beim friedlichen Ausgang der Revolution vom Herbst 1989. Er ist einer der inzwischen schon legendären „Gruppe der 20“.

Frank Richter hatte damals den Dialog mit der SED-Führung möglich gemacht und hat seither immer wieder bei politischen Spannungen erfolgreich vermittelt. Und Anfang dieser Woche ist ihm erneut gelungen, was weder Politik noch Medien gelang: Er hat die Pegida an den Gesprächstisch und damit den Dialog in Gang gebracht!

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Ein Glücksfall für Markranstädt? Mehr! Es ist eine einmalige Chance. Lassen Sie uns diese Möglichkeit nutzen und miteinander ins Gespräch kommen! Wie die Markranstädter Nachtschichten aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, würden die Organisatoren die Veranstaltung sogar ins KuK verlegen, um so vielen Bürgerinnen und Bürgern als möglich eine Beteiligung gewährleisten zu können.

Lassen Sie uns Gebrauch davon machen! Wir müssen unsere Fragen, Sorgen und Ängste nicht in Leipzig präsentieren oder in Dresden zu Markte tragen. Wir leben hier, also liegen auch unsere Antworten hier. Bei uns In Markranstädt!

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Wir sehen uns am 20. Januar um 18 Uhr im Lesecafé oder im Kuk. Egal, ob Sie Christ, Moslem, Buddhist, Atheist, Pegidiaist oder einfach nur interessiert sind: Melden Sie Ihre Teilnahme im Rathaus an und sorgen Sie rechtzeitig dafür, dass das Kuk oder gar die Stadthalle rechtzeitig reserviert werden. Zeigen wir mal, was wir können! Andere sprechen übereinander, wir miteinander. Ein Impuls aus Markranstädt für Deutschland, der vielleicht sogar Europa erreichen kann!

 

 

Sprengstoffanschlag auf dem Bahnhof

In den gestrigen Morgenstunden wurde in Markranstädt ein Sprengstoffanschlag verübt. So zumindest lautet das in die Öffentlichkeit kolportierte Vokabular, das für einen explodierten Fahrkartenschalter vielleicht etwas zu spektakulär ist.

Ein Bekennerschreiben liegt noch nicht vor, deshalb kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass der Islamische Staat (IS) dahinter steckt. Vielleicht aber handelt es sich auch nur um die Tat eines überforderten Mitglieds der „Generation 50plus“? Verständlich wärs.

Am Montag früh um 3:35 Uhr wurde nach Polizeiangaben auf dem Markranstädter Bahnhof ein Fahrkartenautomat zerstört. In der Meldung hieß es: „Auch hier könnte, wie in ähnlichen Fällen in Leipzig, Gas eingeleitet worden sein.“ Tränen der Rührung kommen dem Leser dann spätestens in Anbetracht der Sorge um Gesundheit und Wohlergehen der Täter. So ist zu lesen: „Diese Art der Sprengung ist auch für die Täter sehr gefährlich, da sich die Zündung des Gases kaum kontrollieren lässt.“

Nicht immer muss unbedingt blinde Zerstörungswut hinter einer solchen Tat stecken. Manchmal könnte man auch nur Verständnis für eine besondere Ausdrucksform tiefer Frustration haben, weil man selbst nicht in der Lage ist, der komplizierten Gedankenwelt eines solchen Automaten zu folgen. Der soll ja angeblich dazu da sein, das Leben zu vereinfachen. Aber der letzte Automat, der diese Zielstellung erfüllte, stammte aus dem Jahr 1951 und wurde 1990 im Klo der Leipziger Kongresshalle abgebaut, weil der gegen Westgeld keine Kondome mehr ausspuckte.

Die Zeiten, da man auf jedem Provinzbahnhof eine Schalterangestellte belöffeln konnte, sind längst vorbei. Dafür hängen jetzt Automaten herum und wie sich das gehört, versteht man bei der Auseinandersetzung mit diesem Gerät auch wirklich nur Bahnhof. Aber weil das effizient ist und Kosten spart, will man von diesem Schritt in die Zukunft nicht zurücktreten.

Schon bietet die Deutsche Bahn für die „Generation 50 plus“ (ja, so werden alte Menschen heute political correct bezeichnet) Lehrgänge an, damit die vom demografischen Wandel gezeichnete Gesellschaft den Umgang mit den lebenserleichternden Automaten lernen kann.

Tarifstreit am Automaten

Bei dem Irrsinn an Tarifen und Tarifbezeichnungen fehlt eigentlich nur noch, dass sich der Fahrgast auch den Anbieter für den Fahrleitungsstrom aussuchen muss. „Super-Flat-Gruppentarif für Einzelreisende ohne Begleitperson in Tarifgruppe IV des Nahverkehrsverbundes Mitteldeutschland mit Stromtarif ÖkoPlus der Stadtwerke Wiesbaden“ könnte es dann heißen.

Bevor man das allerdings ordnungsgemäß eingegeben hat, ist der Zug bereits abgefahren. Da kann es schon mal passieren, dass man von Zorn getrieben gegen die Maschine schlägt und die sich explosionsartig auf dem Bahnsteig verteilt.

Wesentlich einfacher hat man es da, wenn man gar nicht erst mitfahren kann. In folgendem Video hat der Lokführer – aus Richtung Markranstädt kommend – das Anhalten am Weißenfelser Bahnhof gleich mal abgehakt.

Möglicherweise hat er schon bei der Einfahrt erkannt, dass die Passagiere noch mit dem Automaten beschäftigt waren und mangels gültigem Fahrschein nicht zusteigen durften. Nicht auszuschließen, dass er aus lauter diebischer Freude dann erst recht aufs Gaspedal trat. Denn wer das Umfeld des Weißenfelser Bahnhofs kennt (das ist prädestiniert als Drehort für Filme über die Schlacht von Stalingrad), der weiß, dass man da besser im Schritttempo durchfährt, damit die Ruinen vom Fahrtwind nicht zum Einsturz gebracht werden.

Der eigentliche Brüller kommt aber erst nach der Durchfahrt. Legen Sie dazu bitte eine Packung Tempo-Taschentücher bereit und achten Sie dann auf die Durchsage der Stadionsprecherin. Sie geht offenbar davon aus, dass es einigen Fahrgästen gelungen sein könnte, rechtzeitig abzuspringen.

 

Apocalypse now: Ein Neujahrsspaziergang

Punkt 23:58 Uhr war der am 31. Dezember ausgebrochene Häuserkampf in Markranstädt beendet und die Sekt-Milizen stellten sich der offenen Auseinandersetzung auf den Straßen der Stadt. Bis auf vereinzelte Gefechte war die Schlacht in den Morgenstunden beendet. Das neue Jahr wurde traditionell mit vom Geruch verbrannten Schwarzpulvers geschwängerter Luft und tonnenweise Müll begrüßt.

Da der Kampfmittelbeseitigungsdienst bis zum Neujahrs-Abend noch nicht ausgerückt war, bot sich dem Spaziergänger in der Stadt ein chaotisches Bild. Während sich die Hauptkampfzonen vor den Gaststätten und der Stadthalle erfreulicherweise aufgeräumt zeigten, glichen die Parkplätze vor den Einkaufszentren Markranstädts eher den Schlachtfeldern vor Bagdad. Nicht nur leere Geschosshülsen lagen dort herum, sondern auch die zu Abschussrampen zweckentfremdeten Sektflaschen und ganze Verpackungen der Munitionslieferungen.

Was am Tag nach der Schlacht auffiel: Während die Parkplätze vor Aldi, Netto, Lidl und REWE im Munitionsmüll geradezu erstickten, waren unmittelbar daneben gelegene Wohngebiete und hier vor allem die neuen Eigenheimsiedlungen – beispielsweise die an der Schachtbahn – geradezu jungfräulich sauber. Sowohl Straßen als auch Gärten und Grundstücke präsentierten hier wie zu Friedenszeiten, als hätte es Silvester nie gegeben. Es hatte den Anschein, als hätten sich deren Bewohner der Strategien des US-Militärs angenommen, dafür gesorgt, dass die Kriegschauplätze an andere Orte verlagert werden und haben auch ihre Einheiten dahin verlegt. Clever!

Was Banken dürfen, das muss schließlich auch für den einfachen Bürger gelten: Spaß haben, zündeln und nach dem großen Knall die Konsequenzen sozialisieren. Das Aufräumen ist immer Sache der ganzen Gesellschaft. Also haben die Müllmänner in den folgenden Tagen wieder alle Hände voll zu tun. Nur wehe, wenn wieder mal die Entsorgungskosten steigen sollen. Da liegt der Gedanke nicht fern, dass ausgerechnet die am lautesten protestieren, die pünktlich zu Silvester wieder tonnenweise Schwarzpulver in den Himmel jagen. Koste es, was es wolle.

Um die Schönheit eines bunten Raketen-Lichtspiels am Himmel zur Begrüßung des neuen Jahres geht es scheinbar längst nicht mehr. Laut knallen muss es. Dass da in den kommenden zwölf Monaten auch mal ein Echo erhallen kann, wird am Tag danach gern ignoriert. Willkommen im Jahr 2015.

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Mach ihn! … Mach ihn! … Er macht iiiihn!

Die Vorgefechte hatten bereits vor Tagen begonnen, aber erst in wenigen Stunden wird der Höhepunkt erreicht sein: Speziell die Kernstadt wird dann einen Geräuschpegel entwickeln, der die Ureinwohner unserer Gegend an den britischen Bombenangriff vom 4. Dezember 1943 erinnern wird. Zerfetzte Briefkästen auf den Straßen, verängstigte Tiere in der Natur (oder was von ihr übrig ist) und Notärzte, die mit flinker Nadel abgerissene Finger annähen. Silvester ist die destruktive Ausdrucksform 364 Tage unter Verschluss gehaltener Emotionen.

„The same procedure as last year?“, wird Freddy Frinton heute abend wieder fragen und natürlich wird es wieder „The same procedure as every year, James!“ sein. Also werden sich heute exakt um 24 Uhr wieder Menschen gegenseitig die Zungen in die Hälse stecken, die sich sonst auf der Straße nicht einmal grüßen und sich eher den Tod als ein gesundes neues Jahr wünschen würden. Während dessen fliegen zielsicher abgeworfene Blitzknaller mit der Sprengkraft mehrerer Megatonnen TNT durch die Morgenluft des neuen Jahres und detonieren im besten Fall direkt neben den Ohren der sich küssenden Silvester-Opfer. Herzlich willkommen im Jahr 2015.

Wir sparen uns diesmal den Rückblick auf das dahinscheidende Jahr. Es wäre ohnehin nur ein Aufwärmen von schalem Sud gewesen und uns ist trotz geistiger Höchstleistungen unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Substanzen im Glühwein nichts eingefallen, was sich da noch einmal aufzukochen lohnen würde. Der einzig halbwegs lustige Ansatz, den wir fanden, wäre die alte „Zitate-Nummer“ gewesen. Also die markantesten Zitate des Jahres einer anderen Person in den Mund zu legen. Das hätte sich dann in Erinnerung an die Fußball-WM und den jüngsten Klarstellungsbeschluss des Stadtrates ungefähr so gelesen: „Kirschner … Der kommt an! … Mach ihn! Mach ihn! Er macht iiihn!!! Jens Spiskeeee!“ Der Rest ist bekannt: Wir sind Weltmeister – in welcher Disziplin auch immer.

Nun, mit dieser Eingebung hatte sich die Satire hinsichtlich eines Jahresrückblicks jedoch fast völlig erschöpft. Wenn der Höhepunkt des Jahres in einer Stadt darin besteht, dass am 7. April in Seebenisch der Storch aus seinem Winterquartier zurückgekehrt ist, hat man es schwer, Schlagzeilen zu finden, die das noch toppen. Also haben irgendwann im Juni ein paar Verrückte beschlossen, selber welche zu machen und die Markranstädter Nachtschichten zu reanimieren.

Rund 38.600 Zugriffe in den letzten sechs Monaten (davon etwa 11.500 Klicks auf die Titelseite seit 18. August 2014) und zuletzt sogar die Erhebung zum Markranstädter Stadtkulturerbe durch die LVZ haben zumindest gezeigt, dass eine Nische dafür vorhanden ist. Wenngleich die Interaktion zwischen Lesern und MN noch von Zurückhaltung geprägt ist. Die Markranstädter Nachtschichten teilen hier wohl das Schicksal der BILD-Zeitung: Niemand liest sie, aber alle wissen, was drin steht.

„Was geht ab, Alder?“- App erst ab 2016

Natürlich könnte man mit wenigen Handgriffen für eine globale Präsenz sorgen. Eine MN-App für Smartphone wäre des Pudels Kern. Im Audio-Format selbstverständlich, damit die bildungsfernen Leserkreise nicht erst die Buchstaben zusammenziehen müssen. Die „Was geht ab, Alder?“-App ist für 2016 geplant. Hoffentlich gibt’s da noch sowas wie Apps.

In unserer Zeit, in der schnelllebig mit drei L geschrieben wird, könnte es immerhin passieren, dass man in 12 Monaten schon so was wie Schiefertafeln und Schreibgriffel erfunden hat. Wachstum, Wachstum, Wachstum.

Neujahrsansprache als Ersatzdroge

Wie auch immer: Heute ist erstmal Silvester. Was fehlt, ist eigentlich nur eine zünftige Neujahrsansprache per Videobotschaft unseres Bürgermeisters. Solche Ansprachen haben es ja in der Regel in sich. Zumindest auf Bundesebene sind sie stark betäubend, schmerzstillend und schlaffördernd. Also eigentlich rezeptpflichtig, was insofern gut ist, wenn man einen hörigen Medizinmann in seinem Dunstkreis weiß.

Immerhin warnt die Uni-Klinik Leipzig schon: „„Die Neujahrsansprache ist kein harmloser, billiger Kick! Es gibt schließlich genügend weniger starke Alternativen wie etwa Marihuana.“

Aber was sollte es sagen, unser Stadtoberhaupt? Dass die Pro-Kopf-Verschuldung in Markranstädt gesunken ist? Toll, darüber freuen wir uns. Wirklich! Blöd nur, dass da nicht alle mitmachen, die uns in die Taschen greifen. Beim Freistaat steht jeder Markranstädter mit über 2.000 Euro in der Kreide und beim Bund gar mit fast 26.000 Euro. Da fallen die knapp sechs Hunderter bei der Stadt kaum ins Gewicht.

Hunger ist nur ein statistischer Wert

Eigentlich fällt das gar nicht ins Gewicht, denn die Mathematik der Finanzhaie ist sowieso recht fragwürdig. Wenn wir uns beispielsweise als Vorsatz fürs neue Jahr vornehmen, dass jeder Bundesbürger 28.000 (in Worten: achtundzwanzigtausend) Euro zur Bank bringt, hätten die allen Grund zu feiern, weil dann erstmals in der Geschichte Deutschlands nichts mehr da ist. Die schwarze Null sozusagen. Es ist der feine Unterschied, ob man weniger als kein Brot zu essen hat oder gar keins.

Russen bezahlen unsere Maut

Bei so viel verkorkster Wissenschaft möchte man dann doch besser auf Neujahrsansprachen verzichten und lieber mit Böllern werfen. Oder den Abend bei einem Glas Buttermilch ausklingen lassen und das Knaller-Geld lieber für die Maut aufheben. Obwohl … wenn die Kriegstreiber bei der NATO so weitermachen, rollen bald russische Militärkonvois über unsere Autobahnen. Da wären wir dann plötzlich von einem auf den anderen Tag entschuldet. Wenn das keine guten Aussichten sind?

Gesundes Neues und so …

Irgendwas wird es schon bringen, das neue Jahr. Genießen wir also die letzten Stunden im Alten und schauen nicht, was auf uns zukommt. Einen guten Rutsch allen Markranstädterinnen und Markranstädtern und … wie würde Freddy Frinton sagen? „I’ll do my very best, Miss Sophie.“