Der mit dem Holz spricht

Weihnachten rückt näher und mit dem Fest auch die Zeit finaler Hektik. Gefühlt ganz Markranstädt rückt dann wieder aus und überfällt das Nova Eventis. Was schenkt man Leuten, die scheinbar schon alles haben oder bei denen man nicht weiß, was ihnen außer einem Gewinn bei „Wer wird Millionär“ noch fehlt?
Für Stine und Frank Michael aus der Schkeuditzer Straße beginnt an diesem Punkt alljährlich die Zeit, da ihre „Markranstädter Werkstätten“ zum Zentrum für Seelsorge völlig verwirrter Kaufrausch-Opfer werden, die sich plötzlich am Ziel ihrer Wünsche sehen.

Es gibt viele Möglichkeiten, anderen Menschen mit Weihnachtsgeschenken eine Freude zu bereiten. Kerzenständer aus einem skandinavischen Einrichtungszentrum zum Beispiel wäre eine davon. Die tragen dann meist so lustige Namen wie vielleicht Erek Tion oder Lasse Leuchten. Aber mit dem Spaß ist es schnell vorbei, wenn man einen Blick auf die Bauanleitung wirft. „Nehme das Staender (3) und fuhre die Stift (8) durch den Loch von Bohrer (2) mit Drehung von links in Aussparung (4) von Halter (1) von Kerze.“ Da kann am Ende schon mal ein Dildo dabei herauskommen oder eine Fernbedienung für eine Abschussrampe interstellarer Trägerraketen.

Man kann auch direkt ins Nova Eventis gehen und dort raten, ob es bei GEOX Schoko-Weihnachtsmänner, bei BiBA Handschuhe oder bei zero MP4-Player gibt. Falls nicht, gibt’s da noch Roland, ara, Viba, Esprit, Whörl, nanu-nana oder idee. Die Auswahl ist groß, die Bezeichnung der Läden verrät halt nur nicht, woran. Und hat man dann doch mal ein Geschäft gefunden, das einen Traum von BH für die Frau verheißt, dann fällt dem Mann garantiert nicht die Größe ein. So kann Einkaufen in der Vorweihnachtszeit in der Tat zu einem unvergesslichen Nova-Event werden – inklusive Plattfuß, Rückenschmerzen und 220 Blutdruck.

Mit diesen körperlichen Leiden kann man dann auf dem Rückweg bei einem unserer Markranstädter Ärzte einkehren oder … tja … kaum zu glauben: Bei den Markranstädter Werkstätten in der Schkeuditzer Straße 25. Denn immer öfter geschah es in den letzten Jahren, dass völlig entnervte Kunden nach erfolgloser Safari durch die Günthersdorfer Konsumwüste oder anderen Handelstempeln bei Stine und Frank Michael einkehrten und hier genau das fanden, was sie eigentlich suchten: Attraktive Geschenke mit Gebrauchswert, Ästhetik, hoher handwerklicher Wertschöpfung und vor allem mit einzigartiger Geschichte!

Lebendige Gegenstände mit Geschichte

Jedes Teil ist ein Unikat und birgt sowohl in Material als auch Ausführung seinen eigenen, ebenso interessanten wie mitunter auch kuriosen Lebenslauf. Unter der erfahrenen Hand des Tischlermeisters Frank Michael erhalten die seltsamsten Hölzer eine völlig neue, attraktive Identität. Da ist zum Beispiel die eindrucksvolle Schale mitten im Entree. Die Esche wurde einst in Quesitz von der Straßenmeisterei gefällt. „Das Zopfende, wo am Stamm die Äste begannen, lag im Straßengraben“, erinnert sich Frank Michael. „Es sah interessant aus und ich dachte, dass sich daraus was machen ließe.“

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In Quesitz aufgewachsen, nach Borna gebracht und schließlich in Markranstädt zu einem stilvollen Wohn-Accessoire geworden: Eine Esche, deren Maserung sie zur „Sonnenschale“ werden ließ.

Zu Hause erzählte er es seiner Frau, die am nächsten Tag vorbei fuhr und sich das Stück ansah. Weil sie nicht wusste, wem es gehört, schrieb sie mit Kugelschreiber Namen und Telefonnummer auf eine Schnittstelle am Stamm. Es kam der Winter und das folgende Frühjahr ging ins Land. Die Michaels hatten das Gehölz schon vergessen.

In der Straßenmeisterei in Borna, in die das große Holzstück inzwischen transportiert wurde, entdeckte ein aufmerksamer Mitarbeiter unter dem schmelzenden Schnee einen Schriftzug auf dem Stamm. Kurzerhand rief er in Markranstädt an und einen Tag später lag das Esche-Stück im Hof der Michaels. Der Tischlermeister schuf daraus ein eindrucksvolles Unikat. Jetzt wartet die Schale auf einen Interessenten, der nicht nur die kreative Handwerkskunst zu schätzen weiß, sondern auch die ganz besondere Geschichte dazu.

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Im Nebenraum steht eine interessante Kugel in der Vitrine, die ihr Geheimnis zunächst nur dem Fachmann preisgibt. Sie beherbergt einen Glaszylinder, in den man eine Kerze oder Blumenschmuck stellen kann. Die Löcher in der Kugel hat die Natur gefertigt, aber das gleich in vielerlei Hinsicht. „Die großen Löcher sind Astlöcher“, weiß Stine Ose-Michael. „Aber das hier, das ist etwas ganz Besonderes. Es ist ein Specht-Loch!“ In der Tat sieht man ganz genau die Spuren, die der Schnabel des Spechts dort hinterließ.

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„Guck mal, wer da gehämmert hat.“ Deutlich sind die Spuren zu sehen, die der Specht mit seinem Schnabel hinterlassen und mit dem er der Kugel einen einzigartigen Wert verliehen hat.

Der eindrucksvolle Kerzenständer, den der Meister aus einem Balken der abgerissenen Markranstädter Brauerei gefertigt hat und der damit ein wirklich bedeutendes Stück Heimatgeschichte verkörpert, ist in der Schkeuditzer Straße leider nicht mehr zu bewundern. Er hatte schon kurz nach seiner Fertigstellung einen Liebhaber gefunden und erzählt seine Markranstädter Heimatgeschichte nun in der Weltstadt Berlin.

Eine Weltreise endet in Markranstädt

Dafür hat eine andere originelle Anekdote hier in der Stadt am See ihren wirklich würdigen Abschluss gefunden. Begonnen hatte sie am Nordkap in Norwegen. Dort fanden die Michaels vor ein paar Jahren ein markantes Stück Treibholz. Fachmann Frank Michael stellte bald fest, dass die auffälligen Löcher von einem Parasiten stammen, der als Schiffsbohrmuschel bekannt ist. Sie war in der Seefahrt einst gefürchtet, weil sie das Holz der Schiffe befallen und zerstören konnte.

Aber die Schiffsbohrmuschel kommt nur in tropischen Gebieten vor. „Das Holz wurde von den Tropen ans Nordkap geschwemmt, hatte also eine wahre Weltreise hinter sich“, weiß Meister Michael. Doch am Nordkap war die Reise für den Stamm noch nicht zu Ende. Die Handwerker- und Künstlerfamilie nahm das Holz mit nach Markranstädt. Hier wartet es auf Eingebungen des Meisters. Ein Stück davon wurde schon zu einem reizvollen Teelicht verarbeitet und fand sofort einen dankbaren Käufer. Es ziert jetzt als Accessoire ein namhaftes Autohaus.

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Dieses Stück Treibholz begann seine Reise in den Tropen und machte Station am Nordkap, bevor es die Michaels nach Markranstädt mitbrachten. Das von der Schiffsbohrmuschel gezeichnete Material hat hier schon erste Liebhaber gefunden.

Apropos Eingebungen des Meisters: Überall in der Werkstatt warten Baumstämme, Holzscheiben, Wurzeln und Astknollen auf die Ideen von Frank Michael. „Hundertmal gehe ich an solch einem Stück vorbei, manchmal jahrelang. Irgendwann bleibe ich dann davor stehen und weiß plötzlich, was ich zu tun habe.“ Es ist, als ob das Holz zu ihm spricht.

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Historische Möbel werden auf Kundenwunsch auch aufgearbeitet.

Stine Ose-Michael unterstützt ihren Mann derweil nicht nur im Geschäft, sondern auch mit kreativen Ideen rund um die Werkstatt. Neben den Produkten aus der Tischlerei verkauft sie in den reizvollen Gewölben des Anwesens historische Möbel und Antiquitäten, die auf Wunsch auch aufgearbeitet werden.

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messer2Seit einiger Zeit sind auch handgeschmiedete Messer im Angebot. Die Griffe dafür fertigt Frank Michael in seiner Werkstatt selbst und jedes der verwendeten Hölzer hat natürlich auch wieder eine eigene Geschichte. Da ist zum Beispiel die Aprikose, die gefällt wurde, weil sie nicht mehr trug und „hässlich“ aussah. Stine Ose-Michael rettete den Stamm vorm Schredder und siehe da: Der einst hässliche Baum gebar die schönsten Messergriffe mit stilvollen Maserungen in den harmonischsten Naturkontrasten.

made in markranstädt: Am 7. Dezember ab 14 Uhr hautnah zu erleben!

„handmade in markranstädt“ ist am 7. Dezember hautnah zu erleben. Dann nämlich, wenn die Markranstädter Werkstätten ab 14 Uhr zu „Kunst, Kultur und Krempel“ ins Kreuzgewölbe in der Schkeuditzer Straße 25 laden. Und spätestens dann, wenn der Meister höchstpersönlich den alten Ofen anheizt, damit es im historischen Ambiente gemütlich warm wird, werden die großen und kleinen Besucher wissen, was ein wirkliches nova event ist.

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Ä Tännschn pliehs: Die Doppelspitze ist wieder da!

Weihnachten ist das Fest, mit dem die meisten Traditionen verknüpft sind. Der Ruprecht zählt ebenso dazu wie die Bescherung, der alljährliche Gang in die Kirche, das Familientreffen oder der Gänsebraten. Auch der Weihnachtsbaum gehört in diese Aufzählung. In Markranstädt steht seit heute so ein Gewächs auf dem Marktplatz. Und er vereint in besonderer Weise gleich eine Vielzahl von Traditionen in sich. Die Herausragendste: Wir haben wieder eine Doppelspitze!

So ein vorweihnachtlicher Baum auf dem Marktplatz ist irgendwie auch sowas wie eine künstlerische Installation. Selbst wenn da jemand einfach nur Schrott abladen würde, fänden kreative Geister in dem Metallhaufen sicher noch eine ästhetische Interpretation. Frei nach dem Motto: Was wollte der Künstler damit ausdrücken?

Die gleiche Frage eröffnet sich manchem Freigeist sicher auch beim Betrachten des Markranstädter Weihnachtsbaumes. Eigentlich ein wirklich schönes Exemplar und auch wenn es sich im oberen Viertel etwas abseits des Ideals präsentiert, macht das eigentlich nichts. So ist eben die Natur. Nicht alles funktioniert da nach Schablone und im Gleichschritt. Wenn da nicht gerade dieser Umstand ausgerechnet in Markranstädt Spielraum für mannigfaltige Interpretationen böte.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Amtsantritt des Bürgermeisters werden beim Betrachten unseres öffentlich-rechtlichen Christbaumes Erinnerungen an die Ära nach Carina Radon und vor Jens-Reiner Spiske wach. An die Zeit, da sich die legendäre Markranstädter Doppelspitze, designed by lehmann & kirschner, den Platz auf dem Thron der Stadt am See teilte. Wurde möglicherweise ganz bewusst ein zweizinkiges Exemplar aus der biologischen Randgruppe versehrter Kulturen ausgesucht?

Sozusagen als Reminiszenz an die legendären Zeiten der Markranstädter Doppelspitze, die so manchem Bürger in nicht allzu schlechter Erinnerung geblieben sind?

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V wie Victory: Markranstädt hat die Sieger-Fichte.

Unabhängig von möglichen Antworten bietet die demokratische Wuchsform des Gehölzes ungeahnten Spielraum für die künstlerische Gestaltung des Anputzes.

 

Der obligatorische einsame Stern auf der Spitze war ohnehin langweilig geworden. Sogar Leipzig und Nürnberg haben sowas schon, da wird es wirklich Zeit für neue Innovationen.

Leider könnte das auch wieder Anlass für verbal-politischen Raufhändel geben. Ob nun eine oder zwei Kugeln mit Gesichtern da oben leuchten: Es wird immer Dritte, Vierte und Fünfte geben, die sich benachteiligt fühlen. Eigentlich gibt es nur eine Lösung für das Problem: Morgens um sechs Uhr treten während der Adventszeit Stadtrat und Stadtverwaltung zum Appell auf dem Marktplatz an und hissen jeden Tag zwei neue Kugeln. Da kann dann jeder mal auf der Spitze hängen und sich die Sache von oben anschauen.

Schwierig wird’s bei der Wahl der Partner, die den Tag da oben zusammen verbringen müssen. Da haben sich ja in den letzten Monaten Konstellationen ergeben, die sowohl in einem Säbeltanz als auch einem Kuschelmarathon auf der Christbaumspitze enden könnten.

Aber jetzt kommt erst mal die Adventszeit und damit, so die christliche Tradition, eine Art vorweihnachtlicher Frieden. Nehmen wir die Sache so, wie sie ist: Wir haben in den kommenden Wochen nicht nur einen schönen Baum auf dem Marktplatz, sondern auch einen ganz besonderen. Seine Spitze stellt ein großes V dar. V wie „victory“.

Die nächste Sperrung der Leipziger Straße droht

Das Lichterfest in der Leipziger Straße ist buchstäblich ins Wasser gefallen. Dass sich die Händler, die neben jeder Menge Arbeit und Aufwand auch viel Hoffnung hatten, Petrus‘ Gunst selbst mit Glühwein und Rostbratwürsten nicht erkaufen konnten, war dennoch zu verschmerzen. Das Straßenfest am 3. Oktober hatte zwar Maßstäbe gesetzt, aber unter den regensicheren Pavillons sammelten sich am Dienstag in den Abendstunden dennoch allerhand Besucher.

Das Gute zuerst: Die mehrfach angekündigte weihnachtliche Straßenbeleuchtung wurde eingeschaltet und funktionierte auch. Kurzfristig schien es so, als hätte man auf Seiten der Verantwortlichen aus lauter Urlaubsfreude den Stecker versiebt und die Schaltberechtigung in einem Akt finaler Verzweiflung dem Veranstalter des Lichterfestes in die Schuhe schieben wollen. Dem Gott des Lichtes sei Dank, dass es unter Verantwortlichen auch Verantwortliche gibt. So leuchteten die Sterne in der Leipziger Straße schließlich doch.

Etwa eine halbe Stunde vor dem Beginn des Festes wurden dann allerdings die Schleusen geöffnet. Petrus ergoss seinen kompletten Frust über Markranstädt. Und er machte ganze Arbeit. Alles was Füße und keinen Schirm hatte, verzog sich unter die wenigen Pavillons. Dort gab es zum Glück ausreichend Kulinarisches, so dass die Stimmung alles in allem gut war. Dazu trug auch der Lampionumzug bei, von dem sich viele Kinder und Eltern trotz Regens nicht abhalten ließen.

Dennoch wollte das Gesamtbild wegen des Regens nicht so recht in die Erwartungen passen. Kaum ein Mensch zwischen den Pavillons und Licht kam dort nur aus den Schaufenstern und der Straßenbeleuchtung, weil das Himmelswasser sogar Kerzen löschte.

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Ja, mit Dach macht das Einkaufen gleich noch mehr Spaß. Und wenn es fertig ist, kommt dann die Fußbodenheizung dran.

Hier offenbarte sich ein schwerer Fehler bei der Planung des Neubaus der Leipziger Straße. Fassungslos schauten die Menschen nach oben und stellten erschüttert fest, dass man die Überdachung vergessen hatte. Nun droht eine erneute mehrjährige Schließung, um das unglaubliche Versäumnis nachzuholen. An beiden Enden der Straße müssen Pylone errichtet werden, die das stählerne Gerüst für die Glasscheiben tragen.

In sechs Bauabschnitten wird dieses Vorhaben sukzessive realisiert. Ab Sommer 2017 ist man dann in der Leipziger Straße komplett vor Regen geschützt. Das Dach kann ähnlich einem Caprio-Verdeck bei Sonnenschein unter den Marktplatz eingefahren werden und verfügt alternativ über Sonnensegel. Von Oktober bis April soll es ständig geschlossen bleiben.

Damit in der Weihnachtszeit auch winterliches Flair aufkommen kann, sollen unterhalb des Firstbereiches zudem leistungsfähige Schneekanonen installiert werden. Weil das jedoch wahre Stromfresser sind und man in Markranstädt den Energy Award verteidigen will, muss während des Kunstschneefalls die weihnachtliche Straßenbeleuchtung abgeschaltet werden.

Da kommt also was zu auf die Händler und die Stadt. Aber was macht man nicht alles, wenn es darum geht, im Trockenen zu weilen …

 

Wer hat Angst vorm heißen Eisen?

Ein Blick in die heutige Ausgabe der LVZ (Seite 18, rechts oben) lässt es mehr als nur ahnen: Die neu geschaffene Stabsstelle, die sich um die Außendarstellung der Stadt bemühen soll, steht massiv unter Druck. Sie wird sozusagen angefochten. Kein neuer Begriff in Markranstädt, eher Tradition. Nach der Art und Weise, wie die Stelle installiert wurde, kommt das jedoch nicht unerwartet. Nicht unbedingt zu erwarten waren hingegen Art und Weise sowie vor allem der Zeitpunkt des CDU-Konters. Dass es genug andere heiße Eisen gebe, war zu vernehmen, wohlgleich ein solches man in der letzten Stadtratssitzung selbst nicht angefasst hat.

Fast … nein … ganz bestimmt sogar muss man ein wenig Mitleid mit dem neuen Sprachrohr des Rathauses haben. Stadtsprecherin Anja Landmann (Bildmitte bei der Andacht) hat einen schweren Start. Allein schon der etwas verunglückt scheinende Startschuss war kein gutes Omen. Auch die Verheißung, dass neue Besen wohl gut kehren sollen, ist schwer zu erfüllen.

Immerhin muss die Journalistin gegen mächtigen Wellengang antreten. Dass es ihr nach 11 Tagen im Amt noch nicht gelungen ist, die lokale Tagespresse an die Kette zu legen und ihr beispielsweise eine wohlwollendere Berichterstattung über die Schlüsselübergabe des Bürgermeisters an die Karnevalisten in den Block zu diktieren, kann man ihr sicher nachsehen. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Okay … niedergebrannt schon. Aber Markranstädt ist ja auch nicht Rom. Nicht mal Berlin. Eigentlich nicht mal Leipzig.

Feierliche Einweihung

Dafür hat sie in ihrem jungfräulichen Amt mit der Eröffnung der Leipziger Straße und eben jenem Faschingsklamauk am 11. 11. um 11:11 Uhr schon zwei öffentlichkeitswirksame Events begleiten dürfen, bei denen man sich gewöhnlich recht sympathisch profilieren kann und keine Sorgen haben muss, im Blätterwald gleich als welkes Laub herabzufallen. Woanders werden PR-Leute oft erst dann engagiert, wenn die Kacke schon am Dampfen ist und es gilt, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Wohl dem, der eine Initiativbewerbung zum richtigen Zeitpunkt abgibt.

Nach oberflächlich betrachteter Lage der Dinge sind die Dissonanzen, die mit der Schaffung der Stabsstelle entstanden, sicher auch nachzuvollziehen und so erfolgte die Reaktion der CDU sozusagen mit Ansage. Allerdings hatte man die wohl eher in der letzten Stadtratssitzung erwartet als nun in Form eines über die Presse transportierten Muskelspiels.

Sollbruchstelle oder Flüchtigkeitsfehler?

Die CDU kritisierte demnach auf ihrer Fraktionssondersitzung auch die Vorgehensweise des Bürgermeisters, der einen Antrag der Fraktion auf Rücknahme der Stelle der neuen Stadtsprecherin abschmetterte, weil dieser nur vom Vorsitzenden unterzeichnet war. Man unterstellt dem Bürgermeister nun, dass er damit nur Zeit gewinnen wolle, um inzwischen den Haushaltsplan beschließen zu lassen, der die PR-Stabsstelle unanfechtbar in Beton gießt. Letzteres mag zwar nicht auszuschließen sein, fakt ist aber auch der Formfehler beim Einreichen des Antrages.

Da muss man sich schon fragen, ob ein Fraktionsvorsitzender mit dem Erfahrungsschatz eines politischen Methusalem sowas nicht hätte wissen müssen? Oder anders gefragt: Warum wurde ein Antrag mit derartigen Mängeln eingebracht?

Das ist ein Gedanke, der einen Gast bei den jüngsten Stadtratssitzungen (ein gewisses Grundmaß an strategischem Denken und gesundem Zweifel vorausgesetzt) durchaus beschleichen kann, wenn er Zeuge einer auf geradezu aufreizende Harmonie ausgerichteten Kommunikation zweier führender Personen wird.

Zum Glück nur Gedanken? Vielleicht. Aber auch die anderen Mitstreiter auf der einst rechten Seite des Ratstischs bekleckerten sich in der Wahrnehmung zumindest einiger Teile des Publikums nicht gerade mit Ruhm – oder besser gesagt: Mut. Innerhalb der CDU-Fraktion wusste man bei der letzten Stadtratssitzung ausnahmslos, dass der Antrag nicht angenommen wurde und man hatte den Entwurf des Haushaltsplans vor sich liegen. Zugegeben: Als Tischvorlage und in der Dimension sämtlicher sieben Harry-Potter-Bände. Trotzdem hat niemand den Mund aufgemacht, obwohl schon Tage vorher in den Wäldern Markranstädts das Kriegsgeheul unüberhörbar war. Es gab Zeiten, da hätte solch Verhalten als Feigheit vor dem Feind interpretiert werden können.

Was nun zu kommen droht, wird wohl kaum noch zu verhindern sein. Sofern die CDU-Fraktion wirklich bis zum allerletzten Mann dahinter steht, niemand umkippt und nicht plötzlich einer – beispielsweise wegen Krankschreibung – fehlt, müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn der Haushalt 2015 nicht in der Blauen Tonne landet.

Ironie des Schicksals: Spätestens dieser Punkt könnte dann zur ersten wirklichen Feuerprobe jener Person werden, die am wenigsten dafür kann, aber am exponiertesten im Zentrum steht. Aus ihrer Feder werden jene Worte fließen müssen, die diese Niederlage in der öffentlichen Wahrnehmung zum Sieg machen. Es ist leicht, die Ablehnung des Haushalts der CDU in die Schuhe zu schieben. Die Herausforderung besteht darin, es so aussehen zu lassen, als trüge sie wirklich die Schuld daran.

 

EU hat große Pläne mit Seebad Kulkwitz

Während in Kulkwitz, dem Land der drei Seen, gespenstische Stille herrscht, was die perspektivische Entwicklung des neuen Fischerdorfes angeht, hat die Natur Nägel mit Köpfen gemacht. Ganz nebenbei hat sie damit hervorragende Bedingungen für den künftigen Wohlstand des Ortes geschaffen. Klein-Mecklenburg steht am Beginn einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Blüte. Nun will sich die EU darum kümmern, dass aus dem Gebiet zwischen Reet-Feldern und Marschland eine prosperierende Metropole wird. Der Landmann wird zum Seemann.

 

Kulkwitz, das Land der drei Ortschaften mit drei Seen. Da ist einmal der idyllische Lago Radona, wenige hundert Meter weiter der Gebeine-Teich unterhalb des Friedhofes, der von den internationalen Touristik-Ketten bereits als „Lake Funeral“ beworben wird und ihm gegenüber noch die Kulkwitzer Lachen, der „Lake lol“. Zusammen bergen alle drei Gewässer nicht nur enormes touristisches Potenzial, sondern stellen auch die wirtschaftliche Zukunft der maritimen Ortschaften dar.

Die Planungen dazu sind bereits in Sack und Tüten. Noch liegen sie in einem Brüsseler Tresor der zuständigen Kommission, doch bald schon wird man damit Stück für Stück an die Öffentlichkeit gehen. Ein Faksimile des brisanten Papiers wurde den Markranstädter Nachtschichten gestern im Austausch gegen die Planungsunterlagen des neuen Kindergartens am JBZ zugespielt.

Projekt „Fischerdorf 3000“

Demnach wurde mit der Umsetzung des Vorhabens „Seebad Kulkwitz“ bereits begonnen. Kernprojekt ist der größte der drei Seen, der Lago Radona. Er bildet sozusagen das Zentrum der Fischersiedlung Seebenisch-Gärnitz-Kulkwitz. Tausende Vögel unterschiedlichster Arten haben sich bereits hier angesiedelt und schufen kurzfristig das erste Problem. Sie alle kacken in das Gewässer und verunreinigen es damit.

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Schon heute erheitern lustige Wasserspiele an der Radonau, einem Abfluss des größten der drei Seen, das Auge des Touristen.

In der Stadtverwaltung befürchtete man schon, dass die Vernässungsfläche zur Kloake wird, da hatte die KLW den rettenden Einfall. Erfahren in globalen wie kommunalen Finanzgeschäften, gelang es den Leipziger Wasserdealern, ein finanztechnisches Konstrukt zu errichten, mit dem man die Seebenischer Bürger an den Kosten beteiligen kann. „Wir bieten den Bürgerinnen und Bürgern damit die einmalige Gelegenheit, sich aktiv in die Gestaltung ihrer Zukunft einzubringen.“, heißt es in einer KLW-Pressemitteilung.

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Die Bodenpreise auf der Seebenischer Hallig steigen ins Unermessliche. Während das Westufer des Kulki für läppische Hunderttausende unter den Hammer kommt, geht es hier bald um Millionen.

Dahinter verbirgt sich nicht nur ein neues Abwassermanagement für den Ort, sondern auch gleich eins für die Verwertung der Vogelkacke am Grund des Sees. Vogeldung ist die beliebteste und zugleich teuerste Zutat für Gartenerde auf dem Weltmarkt. Ein Kormoran frisst pro Tag rund 500 g Fisch. Macht nach Abzug des energetischen Potenzials und des Wassers rund 300 Gramm Dung pro Tag und Tier. Da kommt praktisch bares Geld aus dem gefiederten Hinterteil eines solchen Vogels.

Ähnlich verhält es sich mit dem Nahrungsgewicht bei Gänsen und Schwänen. Blässhühner und Enten fressen etwas weniger. „Bei dreitausend Vögeln, die derzeit an diesem See lagern, macht das rund eine Tonne Kacke pro Tag.“, weiß Professor Theo Moccafix vom Fäkalornithologischen Institut Darmstadt. Fünf Kilogramm reiner Guano kosten im Baumarkt rund zehn Euro. „Macht 2000 Euro pro Tag und damit rund 0,72 Millionen Euro pro Jahr!“, frohlockt der Wissenschaftler und prophezeit Seebenisch eine Zukunft, wie sie einst Halle mit den Salzsiedern oder München mit den Fußballern hatte.

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Baywatch in Seebenisch. Mit EU-Fördermitteln errichtet und kurz vor der Fertigstellung: Neuer DLRG-Rettungsturm im Lago Radona.

Seit sich die Seen in Kulkwitz ausgebreitet haben, kehren auch längst ausgestorben geglaubte Wirtschaftszweige zurück. So haben findige Gärtner am Ufer des Lago Radona mit der traditionellen Marschlandgewinnung begonnen. Da sich der Tidenhub des Sees in Grenzen hält und die Stärke von Ebbe und Flut bestenfalls durch die digital arbeitende Pumpe (1 = geht, 0 = geht nicht) beeinflusst werden, trotzen die Kleingärtner den Naturgewalten das Land schrittweise durch die geschickte Ablagerung von rottefähigem Kompostmaterial ab. Ein Trick, auf den nicht einmal die LMBV bei der Verwaltung ihrer Tümpel im Leipziger Neuseenland gekommen ist.

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Marschlandgewinnung auf sächsisch: Dem Lago Radona wird in mühevoller Kleinarbeit nach alter nordischer Handwerkskunst wertvoller Boden aus Kompost abgetrotzt.

Derweil geht es am Lake Funeral zwischen Friedhof und ehemaliger Müllkippe beschaulicher zu. Hier ist der sanfte Tourismus eingekehrt. In stillen Abendstunden kann man bei Sonnenuntergang die Seelen der Toten ausgelassen im Wasser planschen hören, wirbt ein Touristik-Flyer. Es könnten natürlich ebenso gut zu ausgewachsenen Wels-Bestien mutierte Stichlinge sein, die sich zu viel von dem Zeug aus der Müllkippe eingeworfen haben. Aber der PR-Trick mit dem nach Gärnitz umgezogenen Ungeheuer von Loch Ness soll erst später kommen, wenn die Touristenströme mal ausbleiben. Angesichts des Müll-Steilufers an der Südseite träumen Tattoo- und Piercingstudios jedoch bereits von neuen Märkten.

Wenn die Chemie stimmt…

Als Hoffnung verheißender Heiland erweist sich dabei das Dossier eines führenden Chemie-Labors. Darin heißt es, dass man den Finger nur zehn Sekunden ins Wasser halten müsse und er anschließend makellos verchromt sei. Allerdings warnen die Chemiker davor, die zehn Sekunden zu überschreiten. „Dann kann es passieren, dass man gar nichts mehr aus dem Wasser zieht oder nur einen skelettierten Knochen.“ Der Gärnitzer Stinkefinger – nicht nur eine bloße Marketing-Idee für Souvenierhändler und Franchise-Unternehmen.

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Der Gebeine-Teich, international als „Lake Funeral“ bekannt, birgt Potenzial für die Beauty-Branche.

Gegenüber, am Lake lol, werden inzwischen die ersten Landwirte umgeschult. Fallmanager Job Destroyer (32) von der Arbeitsagentur ist überzeugt: „Es muss in die Köpfe der Menschen, dass hier künftig nicht mehr der Landmann, sondern der Seemann gefragt ist.“ So greifen die einst so stolzen Erntekapitäne auf Mähdreschern jetzt zur Sichel und lernen, Reet zu ernten. Kulkwitz wird in den kommenden Jahren sein Gesicht verändern. Kleine Fischerhäuschen mit Schilf-Dächern, gedörrter Fisch auf der Wäscheleine, in jedem Hof ein Räucherofen und jede Menge Ferienwohnungen. Der Boom ist jetzt schon spürbar.

Dort, wo einst die „Villa Renate“ neben dem Sportplatz thronte, entsteht gegenwärtig ein supermodernes Kassenhäuschen für das neue Erlebnisbad. Der SSV Kulkwitz wird nach dem Baustopp für den neuen Fußballplatz in SchwimmSportVerein umfirmieren müssen.

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Letzte Aufnahmen kurz vor der Flutung, weil man erst feststellen wollte, woher das Wasser kommt: Neues Schwimmstadion des SSV Kulkwitz.

Der plötzliche und völlig unvorhersehbare Wassereinbruch während der Drainagearbeiten hat das kommunale Bauamt zum Umdenken gezwungen. Da sich die avisierte Suche nach der Herkunft des Wassers angesichts der Tatsache, dass man die offensichtlichsten Quellen erbarmungslos ausschließt, als sehr langwierig erweisen könnte, dürfte das neue Schwimmstadion bis zum Ende der Suche vollständig geflutet sein.

Hier eröffnet sich dann auch eine energiepolitische Perspektive für die erst gestern wieder mit dem „European Energy Award“ ausgezeichnete Stadt Markranstädt. Da man sich hier zuletzt gegen den weiteren Ausbau der Windenergie stellte, muss nun ein anderes Konzept her, um die Lorbeeren zu rechtfertigen. Da kommt eine Wasserkraftanlage in der Kleingartensparte gerade richtig. Das natürliche Gefälle des unterirdischen Zulaufs zum Freizeit- und Erlebnisbad des SSV könnte mittels Turbinen genutzt werden, um die Ortschaft in Zukunft energieautark aufzustellen.

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Die Natur bietet am Lake lol einen geradezu unermesslichen Reichtum an Reet. Jetzt fehlt es nur noch an geschickten Erntehelfern.

Kulkwitz – Gärnitz – Seebenisch: Eine kleine Fischerortschaft im Herzen Mitteleuropas, von der man in den kommenden Jahren noch viel hören wird.

 

Trabant statt Panzer: Die kurze, aber wahre Geschichte des Mauerfalls

Heute v or 25 Jahren, am 9. November 1989, überfiel die Bevölkerung der DDR das Nachbarland Bundesrepublik Deutschland. In zahllosen feierlichen Akten wird dieses weltgeschichtlich einmaligen Ereignisses gedacht. Niemals zuvor  ist es Aggressoren gelungen, die Annexion und anschließende Unterwerfung eines Volkes so aussehen zu lassen wie eine Niederlage. Nur so konnte die Wiedervereinigung mit Billigung des unterjochten West-Volkes vollzogen werden. Die Wiedervereinigung: Ein wahrhaft überzeugender PR-Plan. Nicht umsonst wurde die Presse-Tante des damaligen DDR-Ministerpräsidenten später Kanzlerin. Halten wir inne und gedenken wir der wahren Geschichte…