Neues aus der vierten Etage (4)

Als schon nach vierzehn Minuten elf der dreizehn Tagesordnungspunkte abgearbeitet waren, konnte den Zuschauer das Gefühl beschleichen, dass er beim Studium des Fernsehprogramms einen wichtigen Höhepunkt verpasst hat. Ein Länderspiel vielleicht oder einen erotischen Streifen? Nicht einmal die unter Punkt 12 folgende Vorstellung des Etats für 2015 konnte den hohen Rat zu einem zünftigen Schlagabtausch motivieren. Frieden?

 

Wer da vorher das von Kampfeslust geprägte Säbelrasseln einiger Parteien und Räte vernommen hatte, konnte durchaus mit einer anderen Erwartungshaltung in den Fahrstuhl zur vierten Etage gestiegen sein, als da oben ein Freundschaftstreffen vorzufinden.

Eigentlich fehlten nur noch Schunkel-Lieder. Schlussendlich ließ sich sogar das anwesende Bürgertum von der Stimmung anstecken und unterließ es, den Sitzungsfluss durch mögliche Einwürfe unnötig aufzuhalten. Es war die erste Bürgerfragestunde seit langem, in der keine Fragen gestellt wurden. Es scheint, als diskutiere man in Markranstädt lieber per Facebook als am Tisch.

Breit gefächertes medizinisches Angebot

Dass man bei dieser Sitzung seinen Horizont nicht erweitern konnte, kann man trotzdem nicht behaupten. Die Besucher dieses Events wissen jetzt zum Beispiel aus berufenem Munde, dass ein in der DDR ausgebildeter Allgemeinmediziner nicht nur befähigt ist, Erwachsene und Kinder zu behandeln, sondern auch gynäkologische Untersuchungen durchzuführen. An der Tatsache eines fehlenden Kinderarztes in Markranstädt ändert das allerdings nichts und auch die Damen in den Seniorenwohnanlagen dürfte es kaum beruhigen, dass da auch in Zukunft jemand für sie da ist, wenn es während der Schwangerschaft Komplikationen gibt oder der ihnen die Pille verschreibt.

Ebenfalls horizonterweiternd: Auf eine wiederholte Anfrage wurde wiederholt festgestellt, dass der Abriss von Gebäuden auf einem Grundstück in der Leipziger Straße zu einhundert Prozent gefördert wird. Wenn man sich allerdings mit den Begriffen Förderung oder Fördermittel näher auseinandersetzt, können da ganz andere Fragen entstehen. Fördermittel sollen ein Anreiz sein, um zur entsprechenden Investition zu motivieren. Wenn diese Investition aber mit 100 Prozent abgegolten wird, was wird dann gefördert? Im täglichen Leben des Normalbürgers jedenfalls ist es so, dass der, der für eine Sache den vollen Preis entrichtet, diese bezahlt hat und nicht gefördert. Abseits irritierender Wortgeplänkel wird aber die Erleichterung siegen, dass ein weiterer Schandfleck aus dem Stadtbild verschwindet.

"Wenn sie möchten, kann ich sie auch erstmal gynäkologisch untersuchen. Mein Zahnarztstuhl ist aus der DDR und ganz schnell umgebaut."

„Wenn sie möchten, kann ich sie auch erstmal gynäkologisch untersuchen. Mein Zahnarztstuhl ist aus der DDR und ganz schnell umgebaut.“

Der letzte Tagesordnungspunkt brachte dann endlich etwas Leben in die Bude. „Wichtige Mitteilungen und Aktuelles“ hieß er und nahm alleine so viel Zeit in Anspruch wie alle anderen zwölf Tagesordnungspunkte vorher insgesamt. Darin wurde unter anderem  informiert, dass die Bauarbeiten am Sportplatz in Kulkwitz gestoppt wurden. Bei den Arbeiten an der Drainage sei man schon in geringer Tiefe auf „zu viel Wasser“ gestoßen. Jetzt wolle man erst einmal klären, woher das kommt.

Spätestens an diesem Punkt wird Ex-Stadtrat Dieter Trotz (CDU) für die weise Eingebung, nicht mehr kandidiert zu haben, sehr dankbar gewesen sein. Das gesundheitliche Risiko bei der Konfrontation mit solchen Fragestellungen ist wirklich schwer abschätzbar. So aber kann er sich jetzt beruhigt vom Schaukelstuhl aus anschauen, wie gut bezahlte Hydrologen mit gps-gesteuerten Wünschelruten an seinem Wohnzimmerfenster vorbei durch das Seebenischer Dreiseenland ziehen und sich schlussendlich doch dort treffen, wo er schon vor Jahren den Finger in die Wunde gelegt hat. Wohl dem, der am verdienten Abend eines arbeitsreichen Lebens noch so viel Spaß haben darf.

Das wars dann schon im öffentlichen Teil. Wer wollte und sich beeilt hat, konnte zu Hause sogar noch die 5617. Folge von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gucken. Das ist doch mal eine wirklich bürgerfreundliche Kommunalpolitik.

 

Am Ende des langen Weges zur neuen Straße

Auf himmlischen Beistand sollte man sich in der Politik zwar ohnehin nie verlassen, aber gerade unser Bürgermeister scheint nicht gerade gesegnet mit guten Kontakten nach oben. Fast schon scheint es Tradition zu werden, dass Petrus auf Spiskes Zettel pieselt, wenn dieser unter freiem Himmel auftritt. So auch in den gestrigen Abendstunden bei der lang ersehnten Freigabe der Leipziger Straße. Zum Glück waren es nur ein paar Tröpfchen.

 

Ein paar Tröpfchen waren es auch, die im Vergleich zu anderen Großbaustellen Deutschlands in die Leipziger Straße flossen. Rund 1,7 Millionen Euro waren es. Was man dafür bekommen hat, das kann sich sehen lassen. Vor allem im Vergleich zu eben jenen Großbaustellen.

In Berlin beispielsweise wurden schon Milliarden in den neuen Flughafen versenkt, ohne dass irgendwas Greif- oder gar Nutzbares da wäre. In Leipzig kosteten 1,4 Kilometer City-Tunnel über eine Milliarde Euro. Das macht 714.285,70 Euro pro Meter! In Markranstädt dagegen kostete ein Meter Straße nur 1889,- Euro.

Zwischen Hartz IV und 3D-Flachbildfernseher

Man kann es aber auch anders rechnen. Pro Monat wurden in die Leipziger Straße etwa 113.333,33 Euro eingebaut. Macht pro Tag 3.777,78 Euro oder pro Stunde 472,23 Euro. In 60 Minuten also 30 Prozent mehr als ein Hartz IV-Empfänger im Monat hat. Andererseits soll es ja Leute geben, die diese Summe für einen Fernseher ausgeben, um sich abends auf dem Sofa in 3-D verarschen zu lassen.

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Die Altranstädter Plautzer spielten auf.

Genug der Zahlenspiele. Wie immer, wenn es um Eröffnungen, Freigaben oder andere feierliche Anlässe geht, waren huldvolle Worte zu hören und man übte sich in mannigfaltiger Interpretation von Gleichnissen. Von einigen orange gewesteten Arbeitern abgesehen, die für die Beseitigung der letzten Absperrungen Überstunden schieben mussten, war wertschöpfendes Personal unter den Feiernden erwartungsgemäß Mangelware.

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Nicht nur die neue Leipziger Straße hatte ihre erste öffentliche Bewährungsprobe zu bestehen.

Es mögen rund 200 Markranstädter und Gäste gewesen sein, die sich den Augenblick der Freigabe und das Freibier mit Bratwurst nicht entgehen lassen wollten.

Vielleicht waren einige auch aus Neugier gekommen, um zu sehen, wie die Leipziger Straße eigentlich verläuft. Nach 15 Monaten kann so manches in Vergessenheit geraten. Fast möchte man Wetten darauf abschließen, dass der eine oder andere Kraftfahrer selbst in drei Tagen noch gewohnheitsmäßig Slalom durch die Albertstraße fährt, dann in die Karlstraße abbiegt und schließlich die Schachtbahn unsicher macht, bevor er im „Gelb-Roten Viertel“ (Netto, Star, Lidl) quer durch die Tankstelle heizt.

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Stolze Besitzer von Souvenirs, die vielleicht einmal einen besonderen Wert haben dürften: Abschnitte des zerschnittenen Bandes zur Eröffnung der Leipziger Straße.

Jetzt ist sie also freigegeben, die Leipziger Straße, deren neuer Spitzname dem Volke fast gebetsmühlenartig als NEUES ZENTRUM eingehämmert wird. Da selbst das Nova Eventis nach über zehn Jahren im Volksmund noch Saalepark heißt, wird sich am Ende wahrscheinlich bestenfalls der „Lange Markt“ durchsetzen, so er denn ein solcher werden wird. Die verkehrsinfrastrukturellen Voraussetzungen dafür sind jetzt jedenfalls hervorragend.

Es kommen noch ein paar Möbel

Wenn ein Passant dennoch meckern möchte, dann sollte ihm zumindest klar sein, dass er mit jedem Schritt auf der neuen Straße rund 2.000 Euro unter den Sohlen hat. Und da sind die exclusiven Stadtmöbel noch nicht einmal eingerechnet. Aber die roten Eimer sind, wenn sie erst einmal aufgestellt wurden, schnell gezählt. Mit 5.000 multipliziert und auf die Kosten draufgerechnet, sind wir noch nicht einmal beim Preis einer Rolltreppe des Berliner Flughafens.

 

Das wahre Genie kennt keine Schranken

Warum auch sollte Markranstädt anders handeln als der Rest der Welt? Längst geht es nicht mehr darum, das Übel an der Wurzel zu packen, sondern es woandershin zu delegieren oder – wenn es schon woanders ist – dort zu lassen. So spielt sich also der Kampf gegen Ebola nicht in Afrika, sondern auf europäischen Flughäfen ab und in Kurdistan werden die letzten Verteidiger des Abendlandes aus der Luft von deutsch-amerikanischen Waffenlieferungen erschlagen. Hauptsache, der Krieg kommt nicht zu uns.

Ähnlich müssen auch die Gedanken derer gewesen sein, die für die Aufstellung einer Schranke mitten auf der Priesteblicher Straße in Frankenheim agitiert und dieses Vorhaben letztendlich auch durchgesetzt haben. Zur Erinnerung:

Polizeimeldung vom 24. September 2013: Bei einem Verkehrsunfall sind drei Menschen schwer verletzt worden. Wie die Polizei mitteilte, ignorierte ein 21-jähriger Pkw-Fahrer an der Kreuzung zwischen Priesteblicher und Markranstädter Straße die Vorfahrtsregelung.
Polizeimeldung vom 27. September 2014: An der Kreuzung Priesteblicher / Markranstädter Straße bog ein Fahrzeug verkehrswidrig nach links in Richtung Frankenheim ab. Dort kam es zum Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden PKW. Dabei wurde eine Person schwer verletzt.

Neben einigen kleineren Blechschäden, die auf Grund der umfassenden Zoo-Berichterstattung der Tageszeitung im Lokaldienst nicht einmal angemessen ignoriert wurden, waren es vor allem diese beiden Unfälle, die in den zuständigen Verkehrsgremien für das Zustandekommen eines gewissen geistigen Kreislaufs verantwortlich zeichneten. Freilich gibt es viele Lösungen für ein solches Problem. Die Billigste war ein einfaches Schild. Nachdem sich das als untauglich erwies, kann der Steuerzahler eigentlich froh sein, dass man für Frankenheim nicht gleich einen City-Tunnel zur Ausführung gebracht hat.

Unter all den mannigfaltigen Möglichkeiten zwischen Schild und Unterführung wählte man letztendlich jedoch eine, die offenbar so richtig ins Weltbild unserer heutigen Gesellschaft passt. Das Problem wurde dahin delegiert, wo es nicht auffällt. Wozu auch sich Gedanken machen über die Vermeidung von Unfällen, wenn die sowieso immer wieder passieren? Diese These ist sogar beweisbar! Obwohl deutschlandweit täglich tausende von Politessen ihren Dienst tun, gibt es trotzdem noch immer tausende Falschparker.

Innovationen in Sachen Beschränkung oder -theit gibt es, wie diese Aufnahme eindrucksvoll beweist, nicht nur in Markranstädt.

Innovationen in Sachen Beschränkung oder -theit gibt es, wie diese Aufnahme eindrucksvoll beweist, nicht nur in Markranstädt.

Also hat man das Problem einfach verlagert. Um von der Markranstädter Straße (oder, ganz wie man will: An den Windmühlen) aus eine Einfahrt in die Priesteblicher Straße oder eine Ausfahrt aus ihr zu verhindern, hätte es am Unfallschwerpunkt sicher auch eine Schranke oder ein anderes Hindernis getan. Das machen sogar Kinder so, wenn sie „Autofahrer & Politesse“ (früher: Räuber & Gendarm) spielen.

Nicht so in Markranstädt. Da haben findige Verkehrsexperten bereits vier Monate nach Ankündigung im Stadtjournal vom Juli 2014 eine nachhaltigere Lösung installiert und die Schranke einfach ans gegenüberliegende Ende der Gefahrenquelle gesetzt: Mitten in den Ort! Und damit sie ihre Wirkung auch gleich richtig entfaltet, wurde sie so gebaut, dass auch für Fußgänger und Radfahrer unmissverständlich das Ende der Welt angezeigt wurde. Natürlich könnte man sich angesichts dieser verkehrsstrategischen Vollbremsung fragen, warum der Weg ins Nirvana dahinter asphaltiert ist, aber das hat wohl was mit Religion zu tun und der Reformationstag ist vorbei. Also zurück zu den Fakten.

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Nicht auszudenken, wenn diese Schranke dort errichtet worden wäre, wo sie hingehört: Am Unfallschwerpunkt. Wenn dort jemand durch das Bollwerk bräche, hätte man schließlich wieder einen Unfall an der Unfallstelle und das würde nicht nur die Statistik versauen, sondern die Kompetenz der Erbauer jener Schranke in Zweifel ziehen.

So jedoch wurde das imposante Bauwerk am anderen Ende errichtet. Sollte dort jemand gegen den Schlagbaum fahren, würde der Unfall in Frankenheim registriert. Damit hätte der Ort zwar einen Unfall mehr in der Statistik, der Unfallschwerpunkt 800 Meter weiter vorn aber dadurch gleichzeitig einen weniger. Wer in Mathematik gut aufgepasst hat, der wird sicher noch wissen, dass eins minus eins gleich null ist und wo kein Unfall passiert, kann es auch keine Opfer geben.

So sterben wir früher oder später alle eines natürlichen Todes. Das ist wohl jener Aspekt, den unsere Religionsführer im Wort zum Sonntag immer mit „Bewahrung der Schöpfung“ meinen.

Nun ist gerade dieser Fall am letzten Samstag jedoch eingetreten. Allerdings war es wohl nicht die Macht des Herrn, sondern die der Gewohnheit, die das Lenkrad führte und den Fuß des Fahrers selbst in jenem Sekundenbruchteil auf dem Gaspedal ruhen ließ, als er des Schlagbaumes gewahr wurde. Jedenfalls wurde die nagelneue Schranke in Frankenheim von einem Fahrzeug auf Walmdach-Format gefaltet. Nicht schön für Frankenheim, das jetzt einen Unfall mehr in der Statistik hat, der nicht nötig gewesen wäre, aber schön für die Schöpfung, weil ja statistisch gesehen eigentlich gar nichts passiert ist.

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Obwohl: Gar nichts, das ist auch wieder nicht richtig. Durch den Knick im Schlagbaum ist dieser in seiner Längenausdehnung etwas kürzer geworden, was wiederum Radfahrer und Fußgänger befähigt, ihn jetzt seitlich zu passieren, ohne die anliegende landwirtschaftliche Nutzfläche frequentieren zu müssen. Natürlich wird dieser Zustand nur so lange andauern, bis die Schranke nach erfolgter Ausschreibung, VOB-Prüfung und entsprechender Vergabe wieder gerichtet ist. Anschließend wird dann wohl – und spätestens hier sollten ernsthafte Zweifel am tieferen Sinn der Schöpfung aufkommen – eine den geltenden EU-Vorschriften entsprechende Schranken-Umgehung für Fußgänger und Radfahrer auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche nebenan errichtet werden. Vielleicht jetzt endlich sogar die längst fällige Unterführung? Selbstverständlich mit entsprechenden Verkehrsleiteinrichtungen und Signalanlagen.

Zur Entlastung der Planer dieses Schlagbaumes sollte man allerdings das Argument gelten lassen, dass es Schranken nicht nur auf Verkehrswegen gibt. So gilt der Begriff „beschränkt“ im deutschen Wortschatz beispielsweise nicht nur für Bahnübergänge oder vergleichbare Anlagen. Und damit, liebe Leserinnen und Leser, ist jetzt wirklich nicht gemeint, dass die Schranken am Markranstädter Bahnübergang besser auf dem Marktplatz aufgestellt werden sollen.

 

 

Markranstädt im ZDF: Fernes Land

Es kommt nicht oft vor, dass Markranstädt als Kulisse für einen Kinofilm dient. Wenn überhaupt Film, dann oft minderwertige Smartphone-Streifen auf Youtube, in denen sich beispielsweise bedauernswerte Randexistenzen mit Kadavern von überfahrenen Kaninchen auseinandersetzen. Im Jahr 2012 aber kam ein Film in die Kinos, den jetzt auch das ZDF zeigte und der in der Online-Mediathek noch abzurufen ist.

Der Beginn des Filmes handelt in Markranstädt und der findige Interpret sieht hier vielleicht auch den Schlüssel zum Titel des Spielfilms: „Fernes Land“. Da düst der Versicherungsvertreter Mark durch die Leipziger Straße, als hätte es da nie eine Baustelle gegeben. Die gab es damals freilich auch noch nicht und obwohl die Dreharbeiten noch nicht lange her sind, kennt die Markranstädter Magistrale wohl kaum noch jemand so.

Dass der Hauptakteur nach dem Schnitt des Filmes zugleich in unterschiedlichen Richtungen (Leipziger, Lützener und Schkeuditzer Straße) unterwegs ist, wissen die restlichen 80986000 Deutschen wahrscheinlich ebenso wenig, wie sie von der Existenz des Ortes Kenntnis haben, dessen Rathaus zu Zeiten der Dreharbeiten noch erdfarben-gelb angestrichen war.

Das wars dann zwar schon, was das Drama an lokalpatriotistischem Esprit für den Markranstädter zu bieten hat, aber der Rest ist dennoch nicht von schlechten Eltern und absolut sehenswert.

(Fotos: Screenshot, ZDF-Mediathek)

Anstatt eine Asienreise anzutreten, übernimmt Versicherungsvertreter Mark ein Karriereangebot im ungeliebten Job und wird zur Strafe von seiner Freundin verlassen. Als er unglücklich durch die Leipziger Winternacht braust, fährt er mit seinem Wagen den Pakistani Haroon an. Der lebt illegal im Land, und der hilfsbereite Mark wird Zeuge, wie ein lokaler Immigrantenpate den Jungen um sein Geld prellt, der damit keine Chance auf einen gefälschten Pass hat und seine Hoffnung, hier zu leben, aufgeben muss. Der illegal eingewanderte Pakistani und Mark lernen sich näher kennen und es entwickelt sich ein authentisches Drama, das zwei Männer für eine schicksalhafte Nacht in einer Odyssee quer durch Leipzig zusammenschweißt.

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Marks Reise beginnt in Markranstädt. Einfach auf das Bild klicken und Film ab!

 

Riesen-Fete unter den Blusen: Der Büstenhalter wird 100!

So viele Deutsche, wie in diesem Jahr 50 geworden sind, hat kein anderer Jahrgang an Jubilaren vorzuweisen. Auf beiden Seiten Deutschlands erblickten insgesamt 1.357.304 kleine Erdenbürger das Licht der Welt. Und trotzdem waren die Jubelfeiern anlässlich der 50. Geburtstage in diesem Jahr nur ein marginaler Aspekt im Gegensatz zu den in unserer Gesellschaft mit 51 Prozent zahlenmäßig dominanten Wesen. So feierten mehr als 42 Millionen Frauen Geburtstag. Deren vor Freude schwellender Thorax wurde vielfach unterstützt durch ein Produkt, das in diesen Tagen ebenfalls einen runden Geburtstag feiert: Der Büstenhalter wird 100!

Jawoll: Schon seit einhundert Jahren tobt unter Blusen und Hemdchen der ritterliche Zweikampf zwischen künstlichen Gurten und natürlichem Gewebe. Und dabei hat er es nicht immer leicht gehabt, der BH. Vor allem jenseits der lange als maximaler Durchschnitt propagierten Körbchengröße C. Auch wenn heute scheinbar keine Frau darauf verzichten will oder kann, hat er noch immer entschiedene Gegner, aber auch – man lese und staune – vor allem Gegnerinnen.

Das hält die Modebranche allerdings nicht davon ab, dieses stützende Accessoire als absolute Grundlage seelischen und körperlichen Wohlbefindens für jede Frau anzupreisen. Bei der etwas stattlicheren Dame lässt er den Nabel zwischen den Brüsten verschwinden, bei der androgynen Amazone sorgt er dafür, dass die bei ihr in der Regel waagerecht ausgerichteten Erhabenheiten glattgepresst werden. Es findet sich immer ein Grund, Bondage-Fantasien im Verborgenen zu fröhnen. Und sei es nur, dass man als bulimisches Knochenmobile den irritierten Männern mittels eines auftragenden Verschlusses auf dem Rücken überproportional ausgebildete Herzkranzgefäße auf der Vorderseite vorgaukelt.

Irgendwie ist es aber eine verkehrte Welt, seit Mary Phelps-Jacob 1914 ihr Ersatz-Mieder aus zwei Tüchern und ein paar Bändern zum Patent angemeldet hat. Unversehens befand sich die Spezies Frau in einer Zwickmühle. Während die Männerwelt gerade jenen Damen hinterher blickt, die auf die Fesselung ihrer Brüste verzichten, werden diese von der übrigen Damenwelt konsequent als Schlampen gemobbt. Es ist die gleiche Erfahrung, die übrigens auch die wasserstoffblonden Motorradmiezen in ihren Miniröcken machen. Es hat fast den Anschein, als würden die Halfter tragenden Frauen ihre abgezäumten Konkurrentinnen davor bewahren wollen, dass man sie nur auf deren innere Werte reduziert.

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Sowas gab es schon 1864, aber der Erfinder dieser Rüstung hat wohl vergessen, das schmeichelhafte Accessoire zum Patent anzumelden.

Die Modebranche überschlägt sich derweil in der Erfindung immer neuer „Musthaves“ für die lifestyle-gerechte Präsentation der Milchdrüsen. Und weil man so endlos erfinderisch gar nicht sein kann, werden längst beerdigte Accessoires wieder aus der Versenkung geholt. So erinnert ein frisch auf den Markt gekommener Sport-BH (Foto) eher an das Tragegestell der Teile I und II aus alten NVA-Beständen. Zumindest könnte man daran aber völlig problemlos einen Fallschirm befestigen oder das arme Konsum-Opfer damit an einen Paraglider hängen.

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Auch als Scherpa bei Himalaja-Expeditionen könnte sich eine Frau mit solch einem BH verdingen. Da passt vom Kochtopf über das Funkgerät bis zum Mannschaftszelt alles dran.

Nicht zuletzt beschäftigt sich auch die Wissenschaft intensiv mit dem Büstenhalter. Unterschiedliche Maßangaben haben zur Entwicklung unzähliger Formeln geführt, mit denen man Unterbrustweiten und Körbchengrößen be- und vor allem länderspezifisch umrechnen kann. Fast könnte man meinen, dass sich in den letzten Jahren eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin herausgebildet hat.

Höhere Mathematik

So wird beispielsweise die Unterbrustweite einer deutschen Frau wie folgt berechnet: g=[u]5cm=5⋅(u+2,5cm:5cm), wobei g möglicherweise für ‚Gurtmaß‘ steht? Die Körbchengröße dagegen wird ermittelt mit der Formel c=[b-u]2cm=f((b-u-11 cm):2cm. Dabei stellt b den Brustumfang und u den Unterbrustumfang dar. Länge und Gewicht des Busens spielen dabei keine Rolle, da beide physikalische Größen durch den BH praktisch auf den Nullwert reduziert werden.

Schwierig ist es vor allem für die Männer, mit den Größenangaben zurecht zu kommen. Aber man braucht sie ja auch selten. Bestenfalls für die Beschaffung eines Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenkes und die meisten Männer haben sich dabei schon ihre Eselsbrücken gebaut. Die flache Hand entspricht Körbchengröße A, eine gewölbte Hand ist ungefähr B, eine mit beiden Händen geformte kleine Kugel entspricht C und die große Kugel (backe, backe Kuchen) wäre demnach ungefähr D.

Damit wäre das Spektrum der gängigen Größen erschöpft, wenngleich die Skala bis Größe R reicht. Das entspricht einem Unterschied zwischen Unterbrust- und Brustumfang von 47 Zentimetern. Das ist fast ein halber Meter!!!! Die US-Amerikanerin Norma Stitz (nicht Stütz!!!) schaffte es mit 140 Z ins Guiness-Buch. In Sachsen wird sowas nur auf Bauernmärkten verkauft – als Kartoffelbehnert.

Neuzeit: Miederhosen für Skelette

Ein Blick in die gängigen Wäsche-Kataloge zeichnet allerdings ein eher seltsames Bild von den weiblichen Oberkörpern. Oft ist bei Körbchengröße C das Ende der Fahnenstange erreicht und man fragt sich besorgt, wie eine Frau aussehen mag, die bei Unterbrustumfang 120 grade mal eine A vorzuweisen hat. Hier offenbart die Marktforschung ebenso wie die Analyse einschlägiger Kundinnenbefragungen eklatante Lücken.

Das gilt allerdings nicht nur für den BH. So werden heute beispielsweise bestimmte Modelle von Miederhosen nur in den Größen 36 und 38 angeboten. Das ist gängige Praxis und dennoch vergleichbar mit einem Diätprogramm für Bulimie-Kranke oder Kaltwelle für Glatzköpfe.

Die Wirtschaft wächst – der BH auch

Der Markt und das stete Wirtschaftswachstum sorgen dafür, dass der BH sicher auch noch die nächsten 100 Jahre überstehen wird. Als Push-up, als Minimizer, als Bikini-Oberteil, als Sport-BH, Stillbüstenhalter, Nackt-BH aus transparentem Nylon, als offene Hebe, Harnisch oder auch nur als Halterung für einen Verschluss, dessen erhabene Sichtbarkeit auf dem Rücken einfach zum Wohlfühlen dazu gehört und deren Trägerin damit nicht als Schlampe abstempeln lässt. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Du wichtigstes aller Kleidungsstücke.

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Unsere Nachbarn: Die Fahne hoch, die Köpfe fest geschlossen…

Ein Bierdeckel ist ein sehr vielseitiges verwendbares Artefakt. Man kann damit Kartenhäuser bauen oder sie sammeln, kann darauf Werbebotschaften transportieren, anschreiben lassen, sich die Telefonnummer der Blondine vom Nebentisch notieren und nicht zuletzt ist da noch sein eigentlicher Sinn: Er soll das Kondenswasser des Bierglases aufsaugen. Wussten Sie schon, dass ein runder Bierdeckel standardmäßig einen Durchmesser von 10,7 Zentimetern hat? Wenn der Gastwirt darauf auch Art und Anzahl der konsumierten Getränke festhält, wird der Pappuntersetzer sogar ganz legal und hochoffiziell zur Urkunde im Sinne des materiellen Strafrechts nach § 267 Abs. 1 Strafgesetzbuch.

Normalerweise auch ein Fall für das Strafgesetzbuch sind die Bierdeckel, die jetzt in Sachsen-Anhalts Kneipen auf Betreiben der dortigen Landeszentrale für politische Bildung verteilt werden. Allerdings wirklich nur normalerweise … wenn da nicht auch noch die Rückseiten wären, die angeblich alles wieder gut machen. Bierdeckel statt Lehrer, so stellt sich wenige Kilometer westlich von Markranstädt der Alltag dar. Vor diesem Hintergrund wird der tiefe Wunsch nach Grenzkontrollen am Floßgraben immer größer.

„Wir brauchen wieder die Todesstrafe“ oder „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ – solche Parolen werden neuerdings ganz offiziell in den Kneipen von Sachsen-Armut verteilt. Auch die Parole „Alle Muslime sind Terroristen“ steht auf einem dieser Bierdeckel. Nur dem, der da am Stammtisch nicht gleich das Horst-Wessel-Lied anstimmt, erschließt sich möglicherweise der Hintergrund. Auf der Rückseite steht die Erklärung. Im Fall der Moslem-Terroristen steht beispielsweise: „In Deutschland leben 4 – 4,5 Millionen Muslima und Muslime. Von diesen gelten rund 0,86 % als Islamisten“.

Das ist eine Aussage, die nicht nur den IQ des durchschnittlichen sachsen-armutinischen Kneipenbesuchers zu reflektieren scheint, sondern stellt auch den Verfassern ein schlechtes Zeugnis aus. Abgesehen davon, dass mit dieser Aussage alle Islamisten pauschal als Terroristen bezeichnet werden, kann man darüber hinaus nicht erwarten, dass sich der Durstige die aufklärende Rückseite seines Bierdeckels auch anschauen kann, weil da in der Regel sein Glas draufsteht.

Wie immer, wenn man die Farbe Braun symbolisieren will, muss auch auf den Bierdeckeln in Sachsen-Armut die Schriftart Fraktur herhalten. Die wurde auf Anordnung Hitlers übrigens schon am 3. Januar 1941 aus den deutschen Dokumenten wie auch aus der

Presse verbannt und durch die lateinische Antiqua ersetzt. Der Duden erschien letztmals im Jahr 1941 in Fraktur. Aber die Geschichtsschreibung hat es nun mal so gewollt: An ihrer Schriftart sollt ihr sie erkennen…

Übrigens: Nicht nur Politik wird mit den Deckeln gemacht. Auch in Sachen Biologie erhält der Sachsen-Armutiner zwischen Arendsee und Zeitz Aufklärung. Auf einem der Bierdeckel steht zum Beispiel der Spruch: „Homosexualität ist widernatürlich“. Dreht man die Pappe um, findet man nicht etwa die Unterschriften der Mitglieder der katholischen Bischofskonferenz, sondern in der Tat einige Fakten, die als Beweis für Gegenteil gelten sollen. Ein sicher zweifelhaftes Bildungsmodell. Woanders braucht man keine Bierdeckel dazu, weil man das schon in der Schule lernt. Genau dort liegt aber im Nachbarland der Hase im Pfeffer.

An der Lützener Grundschule beispielsweise wurde letzte Woche gestreikt, weil es dort nur vier Lehrer für sechs Klassen gibt. Sieben Eltern haben ihre Kinder zum Ende der Herbstferien schon abgemeldet, weil es keinen Sinn macht, aus mehreren Jahrgängen wild zusammengewürfelte Klassen per Notprogramm zu unterrichten. Das Ergebnis der Demo: Eine Studentin solls jetzt richten und zwei Lehrer aus Hohenmölsen ab und zu mal in Lützen vorbeischauen.

An ökonomischer Effizienz ist dieses Modell derweil nicht zu überbieten und könnte bald beispielgebend für die anderen 15 Bundesländer werden.

Wenn man auf die Schulbildung seiner Kinder verzichtet und sie so von Beginn an konsequent auf die Pfade der neuzeitlichen Hitlerjugend führt, spart man teure Lehrkräfte. Die kann man später durch ein paar preiswerte Biedeckel ersetzen, mit denen man die dann ausgewachsenen SS-Kader am Stammtisch wieder auf den Pfad der demokratischen Tugend zurückführt. Hier kommt die absolute Überlegenheit der politischen Bildung gegenüber banaler Schulbildung voll zum Tragen: Bierdeckel statt Lehrer. Das ist schon beängstigend einfach.

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Das wäre unser Vorschlag.