Nachdem die Schockstarre wegen des unerwarteten Schneefalls mitten im Winter als überwunden gilt, ist in Markranstädt wieder Leben eingekehrt. Die Langfinger waren in der vergangenen Woche zuerst unterwegs. Was sie wohl mit den geklauten Dienstsiegeln aus dem Standesamt vor haben? Vielleicht ist es doch besser, wenn man wenigstens eine gültige Eheurkunde hat, nachdem unterwegs schon den Pass verloren hat? Themenwechsel: Nachdem im neuen Jahr auch die Statistiker wieder aufgewacht sind, gibt es allerhand neue Zahlen über Markranstädt. Und was die aussagen, ist so lustig, dass sich die Satiriker eine Interpretation sparen können.
Seit vor rund 12 Jahren die letzten Gäste das Hotel in der Krakauer Straße verlassen hatten, ist es um die Herbergslandschaft in Lallendorf schlecht bestellt, sagen die Kritiker. Immerhin bot der gelbe Bunker einst 55 Gästezimmer.
Sparen an der Bettensteuer
Okay, mit Tourismus hat Markranstädt ohnehin nicht viel am Hut. Was hier mal besuchens- oder sehenswert war, ist entweder abgerissen worden oder verfallen. Und was den See angeht, wird dort eine Willkommenskultur gepflegt, mit der solventes Gästetum kaum was anfangen kann. Während sich andere Kommunen im Neuseenland (sogar Lützen, obwohl die nur einen Löschteich haben), in Tourismusverbänden organisieren, spart man sich in Markranstädt solche Aktionen.
Richtig so. Warum sollte man Touristen anlocken, wenn man sie weder versorgen noch unterbringen kann? Obwohl…
Ein Blick in die aktuelle Zahlensammlung des Statistischen Landesamtes lässt vermuten, dass Markranstädt auf dem Weg zu einer touristischen Hochburg ist. Demnach existieren in Lallendorf vier größere Beherbergungsstätten mit einer Kapazität von 10 und mehr Betten!
Rechenspiele unter der Bettdecke
Das macht insgesamt 145 Übernachtungsplätze, kleinere Herbergen mit weniger als zehn Betten nicht eingerechnet. Und die Daten offenbaren noch weitere Überraschungen. So beträgt die Auslastung der Niederkünfte lediglich 35 Prozent. Das heißt, 95 der 145 Betten stehen in den Markranstädter Herbergen nur sinnlos rum. Und trotzdem haben laut Angaben der Dresdener Statistiker im vergangenen Jahr knapp 2.500 Menschen wenigstens eine Nacht in Markranstädt verbracht.
Nach satirischer Statistik würden damit im Schnitt rund sieben Gäste pro Nacht in Markranstädter Pfühlen träumen. Was im mathematischen Umkehrschluss bedeutet, dass von den 145 Gästebetten 138 unbelegt wären.
Das wiederum würde aber nur eine Auslastung von 5 Prozent ergeben. Haben Sie die statistischen Rechenoperationen verstanden?
Jepp: Wir auch nicht. Aber darauf kommt es auch nicht an, sondern allein auf das Ergebnis und den richtigen Antwortsatz: Wir brauchen in Markranstädt kein Hotel.
Wie die Umgehungsstraße umgangen wird
Beim zweiten Dokument, das im Laufe der letzten Woche ins Auge fiel, handelt es sich um eine Argumentationshilfe des sächsischen Verkehrsministeriums. Damit die Leute in Markkleeberg nicht so traurig sind, weil ihr Agra-Tunnel aus Kostengründen abgewählt wurde, wollte die Ministerin ihnen wenigstens das Gefühl vermitteln, dass sie mit ihrem Verlust nicht alleine sind.
Trauerarbeit nennt man das in der Psychotherapie, wenn über den Verlust mit dem Vergleich hinweggetröstet wird, dass auch andere verlieren. Also nicht nur die Markkleeberger, sondern auch die Markranstädter. Hier ist es zwar kein Tunnel, der begraben werden muss, aber an der Umgehungsstraße hingen schließlich auch so manche Erwartungen.
Doch die Trauer hält sich in Lallendorf in Grenzen. Denn das eröffnet jetzt plötzlich die Möglichkeit, die schon längst vorhandene Ortsumfahrung für Markranstädt endlich nutzen zu können. Bislang hieß es ja, dass der Schwerlast-Tranistverkehr nicht gezwungen werden kann, auf der Autobahn zu bleiben. Er habe das Recht, über die B 186 abzukürzen.
Es fragt ja keiner
In Markkleeberg wird der Schwerlastverkehr jetzt gezwungen, auf die Bundesstraße zu verzichten. Da müsste sich halt nur mal jemand die Frage stellen, warum das nicht auch in Markranstädt möglich ist. Billiger wär`s allemal, denn die Autobahn ist bereits vorhanden. Und vor allem wäre das sofort möglich und nicht erst 30 Jahren. Nur leider: Es fragt ja keiner.
Außerdem muss man ja nicht unbedingt immer mit dem Auto fahren. Es gibt schließlich noch Bus und Bahn. [Lachen Sie an dieser Stelle ruhig erst mal fertig, bevor Sie weiterlesen].
Taktvoll beschwert
In einem Brandbrief, der neben ihrem einstigen Arbeitgeber ZVNL auch an die Landesregierungen von Sachsen und Sachsen-Armut sowie die Nahverkehrsbetreiber gerichtet ist, fordert Nadine Stitterich die Einführung des kürzlich ausgeführten 30-Minuten-Taktes auf der Bahnlinie zwischen Leipzig und Sachsen-Armut.
Dass Nadine Stitterich in Sachsen offenbar keine Verbündeten für ihre Revolte fand, liegt auf der Hand. Hier käme nur Leipzig in Frage und Junker Burkhard hat ganz andere Probleme. Er hat noch nicht einmal Zeit gehabt, sich mit der Auflösung des Zweckverbandes Kulkwitzer See zu beschäftigen.
Markranstädt first!
Also hat Stitterich im Nachbarland nach Mitstreitern gesucht – und sie mit den Bürgermeistern von Bad Dürrenberg und Leuna gefunden. In einer gemeinsamen Aktion hat die lokale Dreifaltigkeit nun eine Klageschrift enbunden, die Besserung bringen soll. Ein edles Ansinnen mit ehrbarem Hintergrund.
Wenn da nicht einige Aussagen wären, die nicht nur den ÖPNV, sondern gleich die gesamte Zukunft unseres Landstrichs in Frage stellen könnten. So heißt es in diesem Brandbrief: „Die herausragende überregionale Einordnung der Städte Markranstädt, Leuna und Bad Dürrenberg ist wesentlicher Baustein für eine nachhaltige Entwicklung des ÖPNV…“
Bloß gut, dass Donald Trump gerade in Davos ist und dort mit Europa Schlitten fährt. Wenn der mitkriegt, welch herausragendes und überregional bedeutendes Potenzial hier schlummert, könnte er sein Interesse an Grönland schlagartig verlieren und die USA knapp 80 Jahre nach dem letzten Einmarsch erneut in Markranstädt einfallen lassen. Nordlichter gab’s letzte Woche auch hier.


















6 Kommentare
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Tolle Abschluss Ihrer Betrachtung Grönland, Trump und Markranstädt, dem ich, wenn ich darf, noch eine Wirklichkeit hinzufügen möchte.
Stieg Larsson, schreibt in „Vergebung“ S. 127: „Sobald er auf seinem Zimmer war, ging er auf die Toilette. Mittlerweile hatte er das Alter erreicht, in dem er ziemlich häufig auf die Toilette musste. Es war schon ein paar Jährchen her, dass er eine ganze Nacht durchgeschlafen hatte, ohne aufzuwachen, weil er pinkeln gehen musste.“
Männer, um die Achtzig, befallen solche Großmachtphantasien, da sitzen sie noch gar nicht richtig auf der Toilette und sie erobern Venezuela, Grönland, Markranstädt – jaaa, da gab’s doch noch was?
Klar gibt’s da noch was. Wir reden ja nach wie vor lediglich vom Wasserlassen. Erst später gehen die Großmachtphantasien in Erfüllung. Nämlich dann, wenn nicht nur kleine Bubenspitz betroffen ist, sondern auch noch das Mokkastübchen. Spätestens wenn beim vermeintlichen Darmwind plötzlich Land mitkommt, kann man sich das mit territorialer Expansion schöndenken, ohne dass man dafür in den Krieg ziehen musste. Sie sehen: Mit zunehmendem Alter gibt es für alles eine Erklärung.
Auch ich möchte mich bedanken, der Artikel hat meinen Sonntagvormittag äußerst unterhaltsam und gleichsam sehr informativ bereichert. Weiter so!
Sehr gern geschehen!
Wunderbar geschrieben, vielen Dank dafür!
Der Dank ist ganz unsererseits: Das erste Leser-Lob in diesem Jahr. Und es ist erst Januar!