Freitag, 27. Februar 2026, 13:34 Uhr: In der vierten Etage nehmen die Reste einer Familie Aufstellung zu einem letzten Foto, das schon zu diesem Zeitpunkt einen unermesslichen historischen Wert hat. Vorn von links: Hausmeister Christian Conrad, Zweck-Ehefrau Nadine Stitterich und Verbandsgatte Peter Wasem, dahinter ein paar TrauScheidungszeugen. Nur wenige Minuten zuvor wurde eine Ehe geschieden. Eine ungewöhnliche Ehe. Eine Partnerschaft, in der Zuneigung oder gar Sex nie eine Rolle gespielt haben. Es war von Beginn an eine Beziehung, die auf einem mittelalterlichen Rollenbild beruhte: Ein reiner Zweckverband. Eine Vernunftehe, in der es nicht um die inzestive Machtsicherung einer Dynastie ging, sondern um einen See, der sich inmitten des Grenzverlaufes zweier Königreiche befindet. MN-Hausgeist Claus Narr, der die On-Off-Beziehung von Anfang an begleitet hat und auch beim Abgesang dabei war, blickt zurück.
Der Ablauf der Scheidung war der gleiche wie der im wahren Leben. Nur eben in größeren Dimensionen.
Weil sich niemand aus der Sippe je um eine Familienchronik gekümmert hat, ist der Tag der Eheschließung heute unbekannt. Fest steht lediglich, dass das unzüchtige Treiben einst mit einer Art kommunalem Swingerclub begann. Miltitz, Lausen, Göhrenz, Markranstädt und Leipzig kopulierten damals an den FKK-Stränden des Kulkwitzer Sees wild durcheinander.
Jeder mit jedem
Weil Leipzig offenbar den Längsten hatte, musste die Messestadt die heißesten Bräute gar nicht erst über den Tisch ziehen. Miltitz und Lausen sind freiwillig drübergerutscht. Markranstädt gab sich mit Göhrenz zufrieden und so ist aus der regenbogenbunten Gruppenorgie irgendwann eine abendländisch korrekte monogame Beziehung zwischen Leipzig und Markranstädt entstanden. Bis dass der Tod euch scheidet.
Die Aufteilung der Mitgift
Erst später sollte es sich als dramatisch erweisen, dass niemand eine Liste über die Hochzeitsgeschenke und die eingebrachte Mitgift geführt hat. Wie das eben so ist, wenn man jung verliebt ist, nur Sex im Kopf hat und nicht auf die warnenden Worte der Alten hört. Und so gab es weder einen Ehevertrag noch wurden die Folgen einer Zugewinngemeinschaft geklärt.
Mit der Hausordnung auf Kriegsfuß
Auch ihr Heim sahen die beiden Partner nicht als gemeinsamen Lebensmittelpunkt an. Jeder kümmerte sich um seinen eigenen Hobbyraum, das Niemandsland dazwischen wurde weder gewischt, noch gebohnert oder gekehrt. Damit die Bude nicht ganz und gar verfiel und die Nachbarn mit den Fingern drauf zeigen, hatte sich das Paar irgendwann mal darauf geeinigt, einen Hausmeister einzustellen. Und wurde bei der Leipzig Seen GmbH fündig.
Damit er sie nicht ständig beim Onanieren stören muss, hatten die beiden Eheleute ihren Facility Manager schon bald mit einigen Kompetenzen ausgestattet. So durfte der schon mal eine Rolle Tapete kaufen, das Leergut wegbringen oder den Rasen mähen.
Im Gegenzug musst er aber auch den ganzen Ärger mit den Nachbarn abfangen, damit das junge Glück im Schlafzimmer ungestört seine Flitterjahre genießen konnte.
Um ihm diese bittere Pille etwas zu versüßen, überließ das Paar dem Hausmeister Anfang der 2000er-Jahre schließlich auch das Sorgerecht über eines der Bälger – für 30 Jahre! Das Strandbad am Westufer litt ohnehin chronisch unter ADHS, also war das immerhin humaner, als es ins Heim zu stecken.
Sorgerecht an den Hausmeister abgegeben
Der Hausmeister nahm sich des Kindes gern an und ließ ihm zunächst ein eigenes Häuschen bauen. Das wies mit seinen architektonischen Merkmalen sogar eine Art pädagogische Erinnerungskultur an jede Zeit auf, als Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes wirklich baden ging.
Schließlich kaufte der Hausmeister seinem Schützling sogar teures Spielzeug. Unter anderem einen schwimmenden Steg, dessen Auslieferung heute jeder Online-Shop wegen statischer Überbeanspruchung seiner Lastenfahrräder ablehnen würde. Ein Meisterstück moderner Logistik!
Was die Beziehung zerrüttet hat
Doch dann änderte sich die Situation. Markranstädt wurde zunehmend frigide, bei Leipzig sorgte der finanzielle Hormonhaushalt immer öfter für erektile Dysfunktionen.
Am Ende war es wie in jeder guten deutschen Familie: Burkhard Jung störte sich daran, wie Nadine Stitterich die Zahnpastatube ausdrückt und die wiederum fand es unerträglich, dass ständig seine Socken irgendwo im Wohnzimmer rumlagen. Und wenn sie ihn diplomatisch darauf hinwies, dass mal wieder tapeziert werden müsste, antwortete er: „Ja, gleich.“
Lediglich bei der Toilettenreinigung gab es keine Reibereien. Ein Klo gibt es nicht. Am Kulkwitzer See macht man das große Geschäft nach wie vor im Gebüsch und der urinale Ausfluss geht in den rund 30 Millionen Kubikmetern des gemeinsamen Wasserhaushalts nahezu rückstandslos auf. Dennoch war die Ehe so zerrüttet, dass sich anno 2012 beide Partner dafür aussprachen, künftig getrennte Wege zu gehen. Man kann ja trotzdem noch Freunde bleiben.
14 Trennungsjahre
Im wahren Leben müsste nun ein gesetzlich vorgeschriebenes Trennungsjahr folgen. Dass Markranstädt und Leipzig diese Phase allerdings gleich in deren 14 ausgelebt haben, liegt an der Gütertrennung. Wer hat welche Mitgift eingebracht, welche Tante hat was geschenkt, was passiert mit den Ersparnissen, wer bezahlt die Schulden?
Am Ende lag auch noch der Umgang mit dem Hauspersonal vorm Scheidungsrichter. Der Anstellungsvertrag mit Facility Manager Conrad läuft zwar nur noch bis 2027, aber das ihm überlassene Sorgerecht für das Strandbad darf er noch bis 2032 ausüben. Grundsätzlich war er zwar bereit, darauf zu verzichten, aber das teure Spielzeug für das Balg wollte er nicht so einfach hergeben.
Das scheidende Paar versuchte es zunächst mit der Feststellung, dass der Steg zum Strandbad zählt und damit ebenso zum Kind gehört wie dessen Arme und Beine. Aber genau damit hatten die Scheidenden einen weiteren juristischen Nerv zum Zucken gebracht. Denn das Sorgerecht ist nur eine Seite bei der Zerteilung des Nachwuchses. Im Gegensatz zum Grundstück des Strandbades ist der Steg nämlich nicht fest auf der Erde angewachsen.

Weil der Steg nicht am Ufer festgewachsen ist, kann der Hausmeister das Aufenthaltsbestimmungsrecht über sein Eigentum wahrnehmen.
Weil der Ponton-Steg schwimmen und damit seinen Standort verändern kann, muss in diesem Fall auch über das Aufenthaltsbestimmungsrecht entschieden werden. Und das hat der Eigentümer, also der Hausmeister. Kompliziert, so eine Scheidung.
Also wird Hausmeister Conrad seinen Steg noch in diesem Jahr rüber zum Ostufer flößen und dort irgendwo vor Anker gehen. Dass er das Strandbad bis 31. Dezember besenrein übergeben muss, wird nicht das Problem sein. Die Asche der 2020 abgebrannten Laube hat der Küstenwind längst verweht.
Wie Cicero: Jedem das Seine
Die Immobilien des geschiedenen Paares werden nach geografischen Merkmalen aufgeteilt, das überschaubare Vermögen geht zu 20 Prozent an Markranstädt und zu 80 an Leipzig. Dafür muss sich der Ost-Anrainer als Liquidator auch um die Umzugswagen, die Bürokratie mit den Ummeldungen und die ganze Endreinigung kümmern.
Jetzt darf man gespannt sein, wie es auf Markranstädter Seite weitergeht. Immerhin ist Nadine Stitterich nicht nur Ex-Verbandsvorsitzende und Bürgermeisterin, sondern auch Standesbeamtin. Sie weiß also aus erster Hand, dass eine Eheschließung stets nur der erste Akt zu einer bevorstehenden Scheidung ist. Gut möglich also, dass die Stadt Markranstädt künftig als Witwe durch den Küstennebel am Westufer zieht. Aber wenigstens hat sie damit die Chance, sich ihr eigenes Klo zu bauen.
Endlich mal in Ruhe kacken. Das geht wirklich nur, wenn man alleine ist.



















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