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Neun Kilometer Anarchie

Der gestrige Sonntag war geradezu ideal, um die Nachtschichten gegen eine Tagschicht zu tauschen. Endlich mal wieder mehr als drei Leute an Bord und herrliches Wetter. Also nichts wie raus und ab an den Kulki. Sozusagen eine erste Bestandsaufnahme nach dem harten, sibirischen Winter. Was das MN-Team am See vorfand, hat alle Erwartungen übertroffen! Insbesondere am Westufer zeigt sich das Bild einer weltoffenen, lernfähigen Stadt.

Eins gleich vorweg: Das Ostufer auf Leipziger Seite geht uns eigentlich nichts an. Trotzdem begann die Seeumrundung genau dort. Das war der Neugier geschuldet, denn der Volksmund spricht speziell im Bereich zwischen Bootsverleih und Tauchschule seit einiger Zeit von „Neu-Istanbul“. Warum eigentlich?

Nun ja … dort Fotos zu machen, ist eher Sache von verdeckt recherchierenden Reportern. Dem Laien ist da wohl das Opfer einer teuren Kamera zu schade und deshalb muss an dieser Stelle eine bildliche Beschreibung mit ein paar digital aufgezoomten Fotos aus sicherer Entfernung genügen.

Neu-Istanbul ist vielleicht etwas irreführend. Es könnte auch Klein-London sein, wenn man den Nebelschwaden traut. Die resultieren allerdings nicht aus den meteorologischen Verhältnissen über der Themse, sondern aus den Ausdünstungen der Holzkohle. Allein an der Promenade zwischen Bootlverleih und Rotem Haus zählten wir am Sonntagnachmittag 39 aufgrund des Qualmes mehr oder weniger sichtbare Grills.

Nebelschwaden über dem Ostufer.

Dazu kommt noch der Qualm aus 21 Wasserpfeifen, die dort ebenso selbstbewusst wie selbstverständlich betrieben wurden. Und so richtig international ward’s dann mit Einbruch der Dämmerung. Nach Neu-Istanbul und Klein-London kam dann auch noch das südamerikanische Feuerland ins Spiel. Da wurden dann sogar Sandkästen auf Spielplätzen zu Stilleben mit Lagerfeuer umfunktioniert.

Asche im Sandkasten, garniert mit brandneuen Ästen.

Man muss sich erst daran gewöhnen. Auch an die neuen Anzüge der Taucher, die mitten in diesem Treiben ihrem Hobby nachgehen. Bei 28 Grad und Sonnenschein mit einem schwarzen Anzug am Strand rumzulaufen und lediglich durch einen Schlitz die Sonne zu sehen, das kann schon Mitleid erzeugen bei denen, die sich nackt am Strand aalen.

Die Partner dieser Taucher haben derweil oberhalb des Nacktstrandes, sozusagen in der Fankurve, Platz genommen und telefonieren mit ihren Smartphones. Unwissend, dass die Kamera des Gerätes dabei eingeschaltet ist.

Aber während den Grillern und Feuermachern wenigstens technikaffine und sicher ebenso rechtskundige heimische Betreuer zur Seite stehen, sind die Telefonierer auf sich allein gestellt. Da sollte man nicht so hart ins Gericht gehen und eher dem Glauben anhaften, dass die versehentlich aufgenommenen Videos unverzüglich nach ihrer Entdeckung auf dem Chip gelöscht werden.

Ungestörte friedliche Welt

Es ist eine schöne, friedliche Welt, die nichts und niemand zu stören droht. Weder Ordnungsbeamte noch Security oder gar Polizei, die vielleicht deshalb nicht auffallen, weil sie bestenfalls als Nudisten verkleidet verdeckt ermitteln. So ein Strand ist eben kein rechtspopulistischer Balkon oder ein deutsch-nationaler Kleingarten, wo man noch den Nachbarn fragen muss, ob der Rauch vom Grill oder der Geruch verbrannten Grases stört.

Man könnte jetzt natürlich sagen, dass es verboten ist, am Kulkwitzer See Lagerfeuer zu machen, am Ufer zu grillen oder Wasserpfeifen mit bewusstseinserweiternden Stimulanzien zu rauchen. Könnte man. Um am Ende ungewollt einen Mitgliedsantrag bei der AfD gestellt zu haben. Man könnte aber andererseits wirklich nur einfach political correct voneinander lernen und die Vorteile des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Kulturen genießen. Und damit wären wir auf der Markranstädter Seite der Leipziger Badewanne angelangt.

Es sage im Angesicht der folgenden Fotos niemand mehr, der Markranstädter sei nicht weltoffen und würde nicht von anderen Kulturen lernen wollen. Das Gegenteil ist der Fall!

Ganz ohne sündhaft teure Kurse hat er freiwillig verinnerlicht, dass Hörigkeit gegenüber der Obrigkeit nur zu Frust und Depression führt. Wieviel fröhlicher ist doch das Leben, wenn man den Gesetzen und ihren ungläubigen Hütern in morgenländischer Tradition keine allzu hohe Bedeutung beimisst und statt dessen einfach nur lebt?

Asche zu Asche. Silleben mit Grillschale und Baumstamm.

Getreu dem Motto „Was die am Ostufer dürfen, das dürfen laut Grundgesetz auch wir“, wird nun also auch am Westufer nach Herzenslust gekokelt, gezündelt und gegrillt. Es ist eine geradezu lebensbejahende Halde über Bord geworfenen gesellschaftlichen Ballasts, die man an der Westuferpromenade betritt.

Sozialkompetenz: Die Flaschen werden auf einem Haufen abgelegt, damit der Opa, dessen Rente nicht reicht, auf der Suche nach Pfandartikeln für seinen Lebensunterhalt, nicht auch noch ins Gebüsch kriechen muss.

Die beiden am Sonntag vor der Terrasse herumliegen 8 mm-Kartuschen waren allerdings eine bestenfalls halbherzige Einladung zum Weitergehen. Die grünen Kappen verrieten gar zu schnell, dass es sich um Platzpatronen handelte, die da in der vorangegangenen Nacht auf wen auch immer abgefeuert wurden. Abschreckung sieht anders aus, mittlerweile auch in Deutschland. Also mutig weitergelaufen in Richtung Göhrenz.

Die Schattenseite des Industriezeitalters: Die Security schaffts mit ihrem Auto nicht bis hierher, ein läppischer Einkaufswagen schon.

Und siehe: Nach nur wenigen Metern erhält die Kultur „Kulki-Besucher welcome“ eine völlig neue Dimension. Wohlfühlambiente, wo das Auge hinreicht! Fast glaubt man sich in der heimischen Küche, sofern man einem Messi-Haushalt entstammt. Auch wenn man keinen Menschen sieht, ist es, als würde das Motiv Leben ausstrahlen. Gerade eben ist die Meute vom Essen aufgestanden

Keine Umweltverschmutzung, sondern Informationsreste im Niemandsland des schnellen Internet: Leerer E-Mail-Behälter in Markranstädt..

Plastiktüten, leere Flaschen, Gewürzflaschen, ganze Grills und Assietten säumen die Feuerstellen. Zerrissene Strumpfhosen und herumliegende Slips legen Zeugnis ab von der Lebensfreude, denen die gesättigten Körper nach dem Mahl beim Dröhnen der Rap-Beats aus den Ghettoblastern anheim fielen. Fast möchte der Betrachter dieses Stillebens in tiefes Bedauern versinken, den Ausbruch dieses modernen Woodstock verpasst zu haben.

Und von wegen, unsere Jugend wäre ohne Apps und Handy nicht überlebensfähig! Die wissen sehr wohl mit der Axt umzugehen und sogar noch im Triebe des Frühlings stehendem Gehölz wärmende Flammen zu entlocken.

Eines von zahllosen hölzernen Zeugnissen individueller Forstwirtschaft am Westufer.

Gut – rein forstwirtschaftlich lassen diese Aktionen noch etwas an Sensibilität und Fachkunde missen, aber Förster laufen schließlich in Uniform rum und sind meist Beamte. Muss man nicht ernst nehmen. Diese Lehren haben sich die Besiedler des Westufers von ihren östlichen Vorbildern zumindest schon mal angeeignet.

Geschlagene Pfingstmaie. Sie entging dem Feueropfer, weil sie in die falsche Richtung fiel. Ein bissl dämlich sind sie dann doch, die Bekloppten.

Aber schon droht Ungemach. Fremde dringen ein in diese friedliche Welt, Tiere mit heimischem Migrationshintergrund. Ganze Rotten von Wildschweinen durchkämmen nachts das Terrain, wühlen den Boden auf, verwüsten ganze Lichtungen. Am Ende ist aber auch das kein Problem, passt sich doch die Natur auf diesem Wege nahtlos an die umweltgestalterischen Visionen des Menschen an. Es ist ein Stück von Recht und Gesetz unberührter Natur, die sich da am Westufer des Kulkwitzer Sees ungehemmt entwickeln darf.

Früher wurde sowas einfach in den Müllkübel geworfen. Heute denkt man schon mal an seine Mitmenschen. Da kann noch einer von satt werden.

Natürlich könnten Bilder wie diese den Volkszorn heraufbeschwören. Zumindest den Zorn ewig-gestriger Populisten, die in jeder Veränderung ein Stück Niedergang sehen. Aber auch hier laden wir dazu ein, die Ergebnisse aus einer anderen Sicht zu betrachten und sich ein Lächeln ins Antlitz zaubern zu lassen.

Auch das Westufer hat sein Feuerland.

Da gibt es einen Zweckverband, dazu zahlreiche Initiativen und mehr oder weniger politisch inspirierte Arbeitsgruppen, die sich damit beschäftigen, wie man den Kulki noch attraktiver machen kann. In deren Akten findet man Vorschläge zu allerhand Neuem, wie Volleyballplätze und Chill-Zonen und so weiter.

Eine geradezu lebensbejahende Halde über Bord geworfenen gesellschaftlichen Ballasts.

Wenn man dann in der Realität sieht, dass es nicht einmal gelingt, das Vorhandene zu bewahren und zu nutzen, kann man nur noch in herzhaftes Lachen ausbrechen. Und allein für dieses humoristische Erlebnis lohnt sich eine Umrundung des Sees.

 



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6 Comments to Neun Kilometer Anarchie

  1. Berny sagt:

    Schöne neue Welt! Wer wundert sich angesichts solcher Zustände, wenn der mündige Bürger sein Kreuz auf dem Wahlzettel an der ‚falschen‘ Stelle macht? Auch von mir herzlichen Dank für die treffliche Schilderung!(hatten uns vor ein paar Tagen durch das schöne Wetter zu einem Spaziergang am Ostufer verleiten lassen und können das Geschriebene voll inhaltlich bestätigen….so bald werden wir uns das sicher nicht wieder antun)
    Aber: „Wir schaffen das schon!“ Lacht jetzt jemand???

  2. Pazifist sagt:

    Das räumt die Nationalen Front schon auf!

    Das sieht um den Kulki am Schiff recht unstrukturiert aus, da hilft nur noch eine staatlich gelenkte Bürgerinitiative in Form eines sozialistischen Wettbewerbs mit dem Ziel der Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität. Die Gut-Bürger werden dazu angehalten, in ihrer Freizeit und an Wochenenden (Subbotnik) unentgeltliche Arbeitsleistungen vor allem bei der Verschönerung des Wohn- bzw. Freizeitumfelds zu leisten. Die Einheit ist halt nicht zum Nulltarif zu haben und die Landschaften erblühen wie vorhergesagt, allerdings im Müll. In der Volksrepublik China immerhin, im weiter mutierten Sozialismus, ist im Übrigen die Todesstrafe für Umweltvergehen möglich. Es war wohl doch nicht alles schlecht, oder wer hat jetzt nicht eben so ein Kopfkino gehabt? So Kulki-Müll-Waffe. Leider bin ich auch noch Pazifist. Also dann bleibt mir ein Lob und Danke für den excellent geschriebenen Beitrag!

  3. Etu sagt:

    Die sind nicht unwissend. Wenn man sie beim Fotografieren fotografieren will, kommen sie gleich im Rudel und wollen einem mit viel Rhabarberpalaver das Handy wegnehmen, weil man hier erstens nicht fotografieren darf und sie zweitens das Recht am eigenen Bild haben. Wie heißt es im Film? „Denn sie wissen schon, was sie tun.“

  4. Hingucker sagt:

    so weit ich mich erinnern kann, bezahlt die Stadt für den Sicherheitsdienst am See jährlich einen respektablen 5-stelligen Betrag. Rausgeschmissenes Geld angesichts des Zustandes und der Tatsache, dass die nur an jene Stellen gelangen, die auch mit dem Auto erreichbar sind. Hier müsste mal der Bund der Steuerzahler eingreifen oder zumindest informiert werden. Tausende Euro für nichts.

  5. jabadu sagt:

    Das ist ein super Bericht. Wir haben vorige Woche den Kulki umrundet und können euch nur zustimmen. Es ist schlimm. Am Schiff sah es aus wie auf den ehemaligen Müllhalden der DDR. Bergeweise Dreck und Abfälle, vergammelte Blumenkästen. Die Gastlichkeit selbst glich einem vor Jahren verlassenen Lager der Vandalen. Der Laden war zu. Auch das Rote Haus war verschlossen. Hier stand ein Schild „Öffnung nach Wetterlage“. Es war sehr schönes Wetter – also zu!
    Die ganze Unordnung um den See interessiert doch, auf deutsch gesagt, keine Sau, egal ob auf Leipziger oder Markranstädter Seite. Ein großes Problem haben die Ordnungsbehörden sicher damit, sich mit den lebenslustigen und weltoffenen Müllverteilern auseinander zu setzen und mal richtig zuzulangen (in die Geldbörse). Vielleicht könnte man am Kulki Wildkameras einsetzen und dann Busgeldbescheide an die Müllsünder versenden. Da wären die Ordnungshüter weiter unerkannt, aber es gäbe ein neues Problem – Abzocke!
    Aber es ist ja Rettung in Sicht. Überall blasen die Behörden zur Jagd auf herumliegenden Müll. Frühjahresputz ist angesagt. Wie alljährlich werden wieder Freiwillige den Dreck anderer einsammeln und das machen, was die Behörden zu leisten nicht in der Lage sind – Ordnung schaffen.
    Ach, und übrigens kann man auf dem Spielplatz an der Krakauer Straße ab und zu auch schon Ausdünstungen von Holzkohle und Rauch beobachten. Das fröhliche Leben abseits der Gesetzte und das Verschmelzen der Kulturen beginnt auch hier zu keimen.

  6. Annett Aukthun sagt:

    Wieder mal super geschrieben. Als Hundehalter ist man am See oft unterwegs und sieht morgens immer wieder die Reste der Party vom Vorabend. Da sind die Bilder in euerm Beitrag echt noch harmlos. Mir ist immer noch unverständlich warum dagegen nichts unternommen wird.