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Markranstädt: Mit Privatisierung der Sicherheit kommt Spaß zurück

Es wird alles wieder gut in Markranstädt! Letzte Nacht hat es geregnet, in die Katastrophenmeldungen der vergangenen Wochen mischen sich bereits zaghaft wieder erste Erfolgsnachrichten und dass es um die No-Go-Areas der Kernstadt etwas ruhiger geworden ist, hat auch nachhaltigere Gründe als nächtliche Regengüsse. Aber genau diese Gründe haben bisweilen so lustige Auswirkungen, dass man sich als Satiriker einen Platz auf einem Balkon in der Leipziger Straße mieten möchte, um nichts zu verpassen.

Die ersten Markranstädter Haus- und Wohnungseigentümer haben aus den Vorgängen der letzten Wochen Konsequenzen gezogen. In einem Akt tief empfundener Dankbarkeit für den Schutz von Leib, Leben und Eigentum, der ihnen rund um die Uhr unermüdlich dargeboten wird, haben sie nun ihrerseits Geld in die Hand genommen und unterstützen das rechtsstaatliche Bemühen, wo es nur geht.

Die Folge: Private Sicherheitsmilizen durchstreifen nachts die dunklen Gassen der Stadt. Noch vermisst der verunsicherte homo marcransis die Aufschrift „Bürgerwehr“ auf den Leibchen seiner Bewacher, aber der Begriff „Security“ reicht offenbar auch aus. Seither ist es jedenfalls ruhiger geworden um zumindest jene Orte, an denen sie auftauchen.

Auch das Areal um das Alte Ratsgut in der Leipziger Straße wird seit kurzem privat bewacht. Da sich das in den Kreisen der Partisanen noch nicht bis zum letzten Junkie herumgesprochen hat, kam es in der Nacht von Samstag zu Sonntag zu einigen kuriosen Szenen, die den Beobachter nahe an den Rand eines Muskelkaters im Zwerchfell bringen konnten. Hier ein Beispiel:

Der Typ mit dem Backblech

Samstagnacht, kurz vor der Geisterstunde. Es regnet leicht, ein Wachmann steht im Durchgang von der Leipziger Straße zum Hof des Ratsguts. Da kommt plötzlich ein cooler Typ um die Ecke, will wohl der Gewohnheit entsprechend durch den Hof zum Alten Friedhof abkürzen. Sein Äußeres ist typisch für jene Jugendlichen, die zur nächtlichen Stunde den Transit über diesen Weg wählen.

Von unten nach oben: riesige Freizeitschuhe, kurze Hose, T-Shirt und Basecap. Vor sich her trägt er ein kleines Backblech, in welches er hineinspricht und das per Draht über die Knöpfe in seinen Ohren mit dem Hirn verkabelt ist. Während des Laufens zuckt sein Körper rhythmisch.

Da er mit dem Backblech spricht, kann die Ursache dieser Zuckungen nicht auf Beats zurückgeführt werden, die in Form musikähnlicher Übertragungen in die Ohrknöpfe gelangen. Die motorischen Defizite deuten mithin eher auf eine temporäre, durch bewusstseinserweiternde Stimulanzien erworbene Spastik hin.

Lassen wir uns jedoch das Gute im Menschen sehen und gehen davon aus, dass das Gerät in seinen Händen nur scheiße programmiert war und einfach die falschen Befehle an das mit ihm verbundene Nervenzentrum gesendet hat. Jedenfalls kommt der Typ, den Blick starr auf das Backblech gerichtet und mit ihm sprechend, zuckend um die Ecke.

Da erfasst sein Auge einen dunklen, eindrucksvollen Schatten im Durchgang, der mit der Aufschrift „Security“ versehen ist. Es ist, als hätte diese Erscheinung den Arbeitsspeicher des Jugendlichen per Tastendruck gelöscht.

Was jetzt in dem Typen vorgeht, ist praktisch optisch hörbar. Im Bemühen, keinen Schreck zu zeigen und cool zu bleiben, will sich das Wesen nichts anmerken lassen. Doch seine natürlichen Instinkte lassen sich nicht mehr rational steuern.

Falsch programmiert?

Schlagartig ändert der junge Mann die Richtung seiner Fortbewegung und beginnt mitten im Durchgang vor den Augen des erstaunten Sicherheitsmannes im Kreis zu laufen, wobei er unablässig (jetzt aber viel lauter und noch viel inhaltsloser) weiter mit dem Backblech spricht.

Nach drei bis vier Kreisen, während derer er die völlig neue Situation zumindest schemenhaft verarbeitet zu haben scheint, dreht er sich zweimal um die eigene Achse und setzt dann seinen Weg über den Hof fort. Vorbei am Wachmann, den er dabei unter Aufbietung seines gesamten Intellekts sowas von ignoriert, als hätte er dessen Erscheinung nicht einmal wahrgenommen.

Nun aber hat der junge Mann den Milizionär im Rücken. Nach ihm umdrehen kann er sich nicht, weil der Wachmann ja weder da ist noch sonstwie real existiert. Deshalb muss der junge Mann auch weiter mit dem Backblech sprechen, obwohl es schon längst nicht mehr antwortet.

Ein Mann scheitert gewöhnlich schon daran, zwei Dinge auf einmal tun zu müssen. Unser Jüngelchen auf dem Hof steht nun vor der unlösbaren Aufgabe, gleich vier Probleme zeitgleich zu lösen. Cool bleiben, weiter mit dem Backblech reden, über die Situation in seinem Rücken nachdenken bei alledem auch noch unfallfrei weiterlaufen. Das kann nicht gut gehen.

Es ist schon fast unglaublich, dass und vor allem wie er die ersten zwei Dinge auf die Reihe kriegt. Es sieht cool aus, wie er sich so fortbewegt, auch wenn die Zuckungen stärker zu werden scheinen. Zugleich rhabarbert er auch weiter mit dem Gerät vor seinem Gesicht.

Allein Punkt drei, also das mit dem Nachdenken, ist dann wohl doch zu viel. Es beansprucht ihn derart, dass er der Aufgabe „Fortbewegung“ sämtliche Aufmerksamkeit entziehen muss.

Er läuft nicht mehr über den Hof, sondern schlingert unter Ausnutzung sämtlicher Himmelsrichtungen über selbigen. Cool zwar und aufrecht, aber ziellos und unter Zuhilfenahme kreisförmigen Vorankommens.

Und während er so durch den Hof mäandert, den Blick stur auf das Backblech gerichtet, nähert sich ihm unbemerkt die Fassade des Hinterhauses.

Dass es im letzten Augenblick nicht zu einer verhängnisvollen Kollision kommt, ist allein dem Umstand zu verdanken, dass der Typ sein Basecap verkehrt aufgesetzt hat. Also mit dem Schild nach vorn.

Das kratzende Geräusch warnt ihn nur wenige Millisekunden vor dem Zusammenprall und beweist dem hinter den Fenstern platzierten Publikum, dass zumindest die überlebenswichtigen Reflexe des Jungen noch nicht restlos verkümmert sind.

Über dem Wachmann, der die Situation zunächst mit augenscheinlicher Fassungslosigkeit beobachtet, bildet sich ein Heiligenschein. Erst bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass es sich bei diesem optischen Phänomen um ein Strahlen handelt, das einer gewissen Heiterkeit geschuldet ist.

Satiriker – ein geiler Job. Aber bei der Security ist’s noch geiler. Da kriegt man den Spaß auch noch bezahlt. Und erstklassige Perspektiven für einen zukunftssicheren Job gibts in Markranstädt noch dazu. Nicht gratis zwar und auf Kosten der hier lebenden Bürger, aber wie heißt es doch: Eigentum verpflichtet.

Wir möchten uns trotzdem bei all denen bedanken, die durch private Initiative und privates Geld einen (gefühlt den einzigen) Beitrag dazu leisten, dass man sich wenigstens in einigen Gebieten Markranstädts wieder etwas sicherer fühlen kann.

 






One Comment to Markranstädt: Mit Privatisierung der Sicherheit kommt Spaß zurück

  1. G. Magli sagt:

    Vielen Dank für den Bericht
    Typ mit Backblech!
    Ich bin zuversichtlich das unsere Initiative Früchte trägt und Patienten und Mieter wieder die nächtliche Ruhe genießen können (natürlich auch unser Personal). Liebe Männer, mit den Traumfiguren in Uniform, haltet die Stellung!!
    Weiter so!

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