Seebad Markranstädt: So lief die erste Saison

Im Urlauberparadies am Kulkwitzer See kehrt langsam Ruhe ein. Die Blätter werden braun, das Wasser wird kühler. Maden vertilgen die letzten Zeugnisse opulenter Grillfeten, der Markranstädter Mittelstand durchkämmt das Gelände nach Pfandflaschen, im frischen Herbstwind treibt einen zurückgelassener Damenslip über die herbstlichen Ufergefilde. Während die Natur vorsichtig aufatmet, hat MN-Geschichtsschreiber Claus Narr zur Feder gegriffen und ein Fazit der 2026-er Saison entbunden.

Eins gleich vorab: Es war nicht alles schlecht. Auf dem Weg zur Kurstadt hat das Seebad Markranstädt in der vergangenen Saison sogar seinen eigenen Strandabschnitt bekommen.

In erster Linie ist das natürlich eine geradezu traumhafte Kulisse für Videoproduktionen von auf jung gestylten Milfs und Influenzerinnen. Schon spricht man im Volke über die Film-Hochburg am Markranstädter Westufer vom „Klein-Babelsberg“. Wobei die Betonung zwar auf „Babel“ liegt, aber das ist nur dem Neid geschuldet. Denn es wurde längst nicht nur gebabelt.

Hunde, Nudisten, Notdürftige – alle wurden bei der Strandreform 2026 bedacht. Allerdings war das Volk, wie so häufig, mit den Folgen dieser Umwälzung nicht immer einverstanden. So wurde zwar ein Hundestrand ausgerufen, dabei aber die Gemeinde der Nudisten bloßgestellt. Ein gefundenes Fressen für … nein, nicht für den prüden homo marcransis, sondern für die Umweltschützer!

Die Beschreibung eines traumatischen Erlebnisses: Der Anblick nackter Senioren ist ein unerträglicher Angriff auf die ethische Souveränität junger Menschen.

Die Beschreibung der unerträglichen Szene, dass man am Hundestrand auf nackte Senioren stoßen kann, mag sich auf den ersten Blick wie neopopulistische Altersdiskriminierung lesen. Da es aber keinen Aufschrei aus der demokratischen Szene gab, muss etwas anderes dahinterstecken. Nach längerem Nachdenken und erneutem Lesen kann man von selbst auf den wahren Hintergrund kommen.

Der gesellschaftliche Ekel richtet sich nicht gegen FKK-ler an sich, sondern speziell gegen nackte Senioren. Das hat tiefgreifende ökologische Gründe: Denn wenn sich die greisen Nudisten mit ihren Rollatoren vom Ufer gen Wasser quälen, ziehen sie mit ihren Hängebrüsten und Schlepphoden tiefe Furchen in den Boden. Dabei zerstören sie ökologisch wichtige Habitate von Ameisen, Regenwürmern, Löwenzahn oder Huflattich und nehmen so der jungen Generation jegliche Zukunftsperspektiven.

Generation Z im Clinch mit den Boomern

So viel Egoismus will die junge Generation „u 30“ heute offenbar nicht mehr dulden. Für alte Leute, die das Bedürfnis haben, unter Aufsicht fremder Personen mit Wasser in Berührung zu kommen, gibt’s schließlich Pflegeheime. Dort können die Geronten mit waschlappenschwingenden Servicekräften Spaß haben, ohne die Generation Z mit den körperlichen Verfallsprozessen zu konfrontieren, die in deren Hirnen längst begonnen haben.

Angestachelt von Alterssturheit und ihren Erfahrungen aus dem Herbst ’89 hat die Boomer-Generation am Westufer daraufhin eine eigene Republik ausgerufen. Okay – eher ein Reservat oder selbstgewähltes Ghetto, das aus der Not ihrer Deportation aus anderen Strandbereichen entstand. Allerdings sollte hier unter dem scheinbar demokratiefördernden Begriff einer „Wohlfühloase“ eine nicht hinnehmbare Ausgrenzung von Hunden, Musikliebhabern und Bekleideten erfolgen.

Dieser unerträglichen Ausgrenzung von Gebell und Mother-Fucker-Rap durch diskriminierte Nudisten wurde mit einem Schild-Bürgerstreich ein Ende gemacht und die H4-Lagune wieder in den Geltungsbereich des Markranstädter Grundgesetzes übernommen.

Das hat, wie nicht anders zu erwarten, sofort die rechtsstaatliche Exekutive auf den Plan gerufen. In einer konzertierten Sonderaktion wurden die in hartnäckige Stellungskämpfe mit dem ruhenden Verkehr verwickelten Einsatzkräfte mit Akkuschraubern bewaffnet und zum Einmarsch in das abtrünnige Gebiet befohlen, um dort die Demokratie wiederherzustellen. Ein wahrer Schild-Bürgerstreich, der den Beitritt der Lagune in den Geltungsbereich des Markranstädter Grundgesetzes zur Folge hatte. Sofort, unverzüglich.

Derweil hat sich auch im benachbarten Strandbad die Welt weitergedreht. Dort war zunächst ein neuer Betreiber eingezogen. Dessen Konzept hatte allerdings wohl noch ein paar Schwächen. Zwar galt das Versorgungsangebot rein quantitativ als ausreichend, doch nachdem so mancher Besucher sein Budget bereits auf dem Parkplatz investieren musste, wäre der Betrieb einer Bankfiliale zukunftsträchtiger gewesen als der Unterhalt zweier Toilettenboxen.

Strandbad erhält neue Seebrücke

Um das Strandbad für die Ansiedlung eines neuen Betreibers interessant zu machen, hat das Rathaus allerdings reagiert und mit einer touristischen Aufwertung des Ufers begonnen. Dazu wurde zunächst der schwimmende Steg ans Leipziger Ufer übergesetzt. Mögen sich die Grünauer mit diesem mobilen Lost Place rumärgern oder ihn zum „El Urinal“ umwidmen.

Der schwimmende Steg wurde ans Ostufer übergesetzt. An die damit verbundene Möglichkeit, ihr Geschäft gleich von dieser Plattform aus ins Wasser erledigen zu können, müssen sich die Grünauer offenbar erst noch gewöhnen.

Mit der Auslagerung des Steg-Problems war es aber nicht getan. Inzwischen hat die Kurstadt Markranstädt an der gleichen Stelle schon eine neue Attraktion geschaffen, die für noch mehr Anziehungskraft sorgen soll.

Spätestens seit unterhalb des Strandbades dieser eindrucksvolle Ersatzneubau in Form einer mondänen Seebrücke ins Wasser ragt, ist auch den letzten Zweiflern klar geworden, warum das neue Stadtbad in der Weststraße keinen behindertengerechten Ausstieg hat. Er wurde nicht eingespart, sondern aus Gründen knapper Haushaltsmittel nur an einem attraktiveren Standort installiert. Am Kulki.

Was Ahlbeck, Binz oder andere Ostseebäder auszeichnet, hat jetzt auch das Seebad Markranstädt! Wo vor kurzem noch ein lächerlicher Schwimmsteg vor sich hin oxidierte, lädt jetzt eine mondäne Seebrücke zum Genuss romantischer Sonnenuntergänge bei Wellenrauschen, Möwengeschrei und entspannendem Blasendruck ein

Dort soll die Attraktion jetzt einen multiprofressionellen Investoren anlocken. Glaubt man den Ausschreibungsunterlagen, darf sich der Gesuchte nebenbei zwar auch gern als Gastronom und Strandbetreiber versuchen, in erster Linie soll es sich jedoch um einen Ceramic-Director of Latrinen-Managing mit Kernkompetenzen in der Abführung von Stoffwechselendprodukten handeln.

Notdurft Hafenkante

Zur Erinnerung: Seit Mai ist die Aufgabe als Toilettenbeauftragter Bestandteil der Stellenbeschreibung des Ersten Beigeordneten der Bürgermeisterin. Höchste Zeit also, dass sich ein ausgebildeter Fachmann um den Scheiß kümmert.

Gastronomen mit Erfahrung in der Errichtung, der Unterhaltung und dem Betrieb von EU-konformen WC-Anlagen sind rar. Vielleicht sollte man doch lieber eine Klo-Frau suchen, die nebenbei noch ein bisschen servieren kann? Sie sollte halt nur die Wischtücher nicht verwechseln.

Leider hat der Fachkräftemangel auch die Lokus-Branche längst erreicht. Obwohl die Ausschreibung des Rathauses sogar in Fachorganen wie Facebook oder dem Wirtschaftsteil von Instagramm wieder und wieder erneuert wurde, hat sich offenbar noch kein Visionär gefunden, der über den erforderlichen Befähigungsnachweis nach DIN WC 00 für die Errichtung, Unterhaltung und den Betrieb sanitärer Vorrichtungen oder Anlagen zur Aufnahme von Körperausscheidungen verfügt.

Aber sind das nicht hervorragende Aussichten auf die nächste Saison? Es wäre doch stinklangweilig, wenn nicht ein paar Bedürfnisse bleiben würden, auf deren Befriedigung man sich noch freuen kann.

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