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Die Uhr hat fünf nach zwölf geschlagen…

Ja, es gibt sie noch und manche leben sogar davon! Am vergangenen Wochenende haben sich in Markkleeberg knapp 30 Nachtwächter aus Deutschland und Österreich getroffen. Sie alle strahlten um die Wette und meinten unisono, dass die Gilde gerade einen Mords-Aufschwung erlebe. „Jede Stadt die was auf sich hält, hat einen Nachtwächter“, war der Tenor. Da guckt man als Markranstädter ziemlich dumm aus der Wäsche. Wo ist unser Laternenträger?

Im Mittelalter waren die Nachtwächter das, was heute die Security ist. Nur eben, dass sich die Männer mit Laterne und Hellebarde damals noch alleine durch die dunklen Gassen wagen konnten. Aber nicht nur deshalb haben sich die Zeiten geändert.

Wer richtig hinschaut, kann in Markranstädt viele Nachtwächter entdecken. Sogar am frühen Morgen schon und den ganzen Tag über. Und dann gibt es da noch die echten Nachkommen der Zunft. Nein, nicht die Nachtwächter, die sich alle vier Wochen in einem Raum hoch über den Dächern der Stadt treffen.

Die Männer in Uniform mit der Aufschrift „Security“ sind gemeint! Die allerdings kreisen nur in den wohlhabenderen Stadtgebieten, weil die regelmäßige Buchung eines solchen Events nicht ganz billig ist.

Apropos touristisches Event: Woanders sind die Nachtwächter mit historischen Trachten bekleidet, tragen Laterne sowie Hellebarde und haben sinnstiftende Sprüche auf Lager. „Hört ihr Leute, lasst euch sagen, die Uhr hat grade 12 geschlagen. Löscht das Feuer und das Licht – und dass der Knecht die Magd nicht sticht!.

Freilich geht es längst nicht mehr um Feuer oder die Einhaltung der Nachtruhe. Die modernen Nachtwächter haben ganze Rudel ebenso zahlungskräftiger wie -williger Touristen im Gefolge und zelebrieren ihnen, meist sogar am hellichten Tage, eine historisch angehauchte Stadtführung.

Baugeschichtlich entkernt

Und spätestens hier offenbart sich dem Markranstädter, warum ein Nachtwächter bei uns zu Hartz IV verdammt wäre. Historie gibt’s in Markranstädt zwar genug, aber nichts davon ist mehr greifbar. Die Stadt ist, was baulich erlebbare Geschichte angeht, komplett entkernt.

Wenn der Markranstädter Nachtwächter seinem Publikum beispielsweise erklären will, wo geschichtsträchtige VIP`s hier einst abgestiegen sind, wird die Stadtführung zum Kabarett.

Goethe hat zusammen mit Napoleon in einem Küchenstudio gepennt, erklären die Schüler dann am Montag ihren Lehrern, die wiederum den Markranstädter Nachtwächter als Programmteil der Leipziger Lachmesse abqualifizieren.

Noch interessanter wird’s bei der Vorstellung, wie der Mann mit der Hellebarde seine Gäste wirklich mal in den Nachtstunden herumführt und dabei den Weg über den Alten Friedhof wählt. Auf die Gäste, die’s überlebt haben, könnte dann in der Albertstraße ein Souvenirstand warten. „Herzliche Urlaubsgrüße aus Aleppo“. Tagestourismus als Wirtschaftsfaktor – die Postkartenbranche jubelt und der Nachtwächter braucht jeden Tag eine neue Laterne.

Nicht zuletzt sind die Wege zwischen den einzelnen wenigstens noch in Fragmenten erkennbaren Zeitzeugen viel zu weit. Von der Kirche zum Volkshaus mag sich`s ja noch schleichen. Aber bis hin zu den Produktionshallen des MAF schiebt sich ein Rollator schon schwerer und das einzig vorzeigbare Finale einer solchen Tour am Schloss Altranstädt ist dann wirklich nur mit dem Bus erreichbar.

Einziger Vorteil einer inhaltlich solcherart entleerten Stadtführung: Das Event wird billig. Während man in Leipzig oder sogar in Markkleeberg schon mal 80 Euro pro Person hinblättert, dürfte der Nachtwächter aus Markranstädt mit einer Lebensmittelkarte für die Tafel zufrieden sein. Besser als nichts.

 






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