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Geldau-Tomaten: Die hatten nur Hunger

Letzte Nacht wurde in der Leipziger Straße ein Geldautomat gesprengt. So langsam wird’s auch ohne Kriminalitätsstatistik immer spürbarer, wohin die Entwicklung geht. Die Kernstadt wird zunehmend zur Bronx. Wir versuchen trotzdem, den Untersuchungsorganen und der Presse zuvor zu kommen, die Tat also positiv zu sehen und die nicht vorhandene Statistik zu schönen. Es ist nämlich gar nicht so sicher, dass es die Täter auf Geld abgesehen hatten und ob es wirklich eine Straftat war.

Das Team der Markranstädter Nachtschichten ist durch jüngste Vorfälle sensibilisiert, was Kriminalitätsdelikte angeht. Es macht voll Spaß, die Polizei bei der Ermittlungsarbeit zu unterstützen. Und wenn man dabei sogar noch erfolgreicher ist als die uniformierten Profis, wird’s bekanntlich außerdem lustig.

Nach der erfolgreichen Rückführung eines gestohlenen Fahrrads haben wir jetzt so viel Selbstbewusstsein getankt, dass wir auch vor der Aufklärung eines Banküberfalls nicht zurückschrecken. Möglicherweise befindet sich die Pominalkrimizei nämlich schon wieder auf der völlig falschen Fährte.

Die suchen Bankräuber. Vorzugsweise solche, die Automaten sprengen und es auf Geld abgesehen haben. Aber wieso eigentlich schon wieder solch unerträgliche Vorverurteilungen einer unschuldigen Ethnie? Werfen wir lieber mal mal einen Blick auf die alternativen Fakten.

Erdrückende Indizienlage

Da ist zunächst der Tatort. Mal ehrlich: In Markranstädt auf Beutezug zu gehen, ist vergleichbar mit dem Ansinnen, in der Wüste nach Wasser zu suchen. Geld findet man in München oder Baden-Baden, aber nicht in Lallendorf.

Hier gibts bestenfalls Drogen, sich affenähnlich gebärdendes Genmaterial oder per Jagdschein staatlich legitimierte Diebe, die ihrem Ansinnen ganz öffentlich nachgehen dürfen. Nichts also, was die öffentliche Ordnung stört oder sich gegen die Grundwerte unserer Gesellschaft richtet.

Und dann noch Tatort Deutsche Bank! Wie blöd muss man denn sein? Die sind grade selber dabei, Geld zu suchen. Weil ihre impotenten Wünschelruten nicht mal mehr bei Geli Merkel ausschlagen, werden jetzt tausende Arbeitsplätze abgebaut. Jeder Mensch, der sich wenigstens einmal in der Woche Nachrichten reinzieht, weiß doch genau, dass in den DB-Automaten nicht mal so viel Geld lagert, um sich seine eigenen Zinsen vom letzten Monat ausspucken zu lassen.

Fassen wir also zusammen: Es kann nur eine Verwechslung vorliegen und die Indizien verdichten sich an dieser Stelle. Wir wissen nun, dass niemand des Geldes wegen nach Markranstädt kommt oder hier sein Unwesen treibt. Bleibt also nur ein weitaus profanerer Grund. Hunger beispielsweise!

Nehmen wir also an (und es kann nur so gewesen sein), dass sich da zu nächtlicher Stunde ein paar intellektuell abgemagerte Individuen in Markranstädt (wo sonst?) herumtreiben und auf der Suche nach Essen sind. Einer von ihnen hat bis zur zweiten Klasse immerhin fünf Jahre die Schule besucht und kann sich aus Heimatkunde noch dunkel erinnern, dass es im goldenen Westen die Stadt Geldau am Rhein gibt.

Jetzt kommen der Typ und seine von Hungerödemen gezeichneten Kumpels auf dem Weg zum Alten Friedhof plötzlich an einem Gerät vorbei, an dem man sich Gemüse ziehen kann. Und nicht irgendwelches Gemüse, sondern Tomaten. Tomaten aus Geldau. Geldau-Tomaten! Steht eindeutig so drauf, auch wenn es die Gärtner vom Rhein mit der Rechtschreibung offenbar ebenso wenig haben wie die hungrigen Typen in Markranstädt. Es ist eben zusammengewachsen, was zusammen gehört und Hauptsache man weiß, was gemeint ist.

Blöd nur, dass man Westgeld braucht, um sich das Gemüse ziehen zu können. Die hungrigen Typen aber haben weder Ost- noch Westgeld und gleich gar nicht Euro oder sowas. Alles was sie besitzen, ist ein Beutel Drogen, ein 400-PS-Fluchtwagen und ein Kofferraum voller Sprengstoff. Armut kann ja so bitter sein.

In seiner Not ruft der mit dem verpatzten Grundschulabschluss sein ganzes in 30 Jahren erworbenes Wissen ab. Das dauert nur Sekundenbruchteile und darin enthalten ist zwar kein einziges Wort für „Pflichten“, dafür aber jede Menge „Rechte“. Genau diese macht er sich nun zunutze und nur wenige Minuten später, die Glocken von St. Laurentius läuten gerade die dritte Stunde des jungen Tages ein, gibt’s dann Bombenstimmung in Markranstädt! Polizei, Feuerwehr – das gesamte Arsenal gesellschaftlicher Zivilverteidigung wird aufgefahren.

Es wird noch ein paar Tage dauern, bis die zuständigen Organe wieder mal kleinlaut zugeben müssen, dass nichts passiert ist. Es war praktisch nur Mundraub. Die wollten lediglich ein paar Tomaten und wissen es nicht besser. Das kommt sogar noch weit hinter solchen Bagatellen wie Ruhestörung, Fahrraddiebstählen oder gar Peanuts wie Drogenhandel.

Also: Keine Sorge, es hat sich nichts geändert. Immer noch alles bestens in Markranstädt und kein Grund, den sensationsgeilen Überschriften der Panikpresse zu trauen. Wir glauben lieber dem souveränen Lächeln unseres Landrats, gehen Schulter an Schulter mit unseren Sicherheitsorganen in eine ebenso sichere Zukunft und lassen uns von alternativen Fakten wie letzte Nacht nicht beirren.

 






One Comment to Geldau-Tomaten: Die hatten nur Hunger

  1. Anne sagt:

    Klasse geschrieben ! 😉

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