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Radlosigkeit auf den Drahtesel-Loipen (2)

Beginnen wir den zweiten Teil unserer Radtour durch die Markranstädter Latifundien mit dem Westufer am Kulkwitzer See. Die Wege entlang der Promenade sind so gebaut, dass sie den Eindruck erwecken, es erfolge eine Trennung zwischen Radverkehr und Fußgängerströmen. Doch der Schein trügt.

Unklar ist für alle, welcher Belag und mithin welcher Teil der Fläche für wen gebaut wurde. Man könnte sinnstiftend annehmen, dass der Pflasterstreifen für die Fußgänger und das Asphaltband für die Radfahrer vorgesehen ist. Aber weit gefehlt!

Die Beschilderung machts. Das Zeichen 239 – Gehweg – stellt klar: Hier ist ein Gehweg! Also erst mal nichts für Radfahrer. Fußgänger mit Hund, Katz und Maus und allen Kindern mit Dreirad und Roller, dürfen sich auf der gesamten Breite des Wegs bewegen, egal ob Pflaster oder Asphalt. Und dann erst dürfen die Radfahrer.

Zwischen dürfen und müssen

Hier heißt es aber, die Radfahrer dürfen(!) den Gehweg benutzen, müssen es aber nicht. Ausgedrückt wird das durch das Zusatzzeichen 1022-10 – Radfahrer frei.

Das heißt, Schrittfahren, Fußgänger nicht behindern, wenn nötig absteigen und warten. Am besten also gleich runter vom Rad und schieben. Aber wo soll der Radfahrer, der nicht müssen darf, dann wollen können?

Uferpromenade: Schönes Pflaster, aber ohne Bedeutung.

Vielleicht kommt in diesem Jahr noch die Lösung für die Radfahrer, wenn der „Rundweg am Kulkwitzer See“ bis nach Göhrenz ausgebaut wird. Wobei die Aussichten momentan nicht so gut sind. Laut Veröffentlichung in der LVZ soll der Rundweg durch den Pappelwald „so ausgebaut werden, wie auf der Promenade“. Also wieder ein Gehweg? Na mal sehen.

Neobioten im Schilderwald

Aber es gibt noch weitere wundersamere Regelungen am See. So zum Beispiel einen Gehweg, auf dem Radfahren erlaubt ist und an dessen Ende das Zeichen 260 – Verbot für Kraftfahrzeuge steht.

Schwierige Situation, die da von den Behörden beschildert ist. Sozusagen ein Neobiot im heimischen Schilderwald. Aber wen wundert das? Markranstädt ist doch die Stadt mit Zukunft und hat bei der Beschilderung wieder mal die Nase ganz weit vorne.

Gruß von den Wikingern

Podbike ist das Schlagwort. In Norwegen hat ein Ingenieur die Lücke zwischen Fahrrad und Kraftfahrzeug geschlossen, indem er ein Veloziped zum selbstfahrenden Automobil gemacht hat. Ja und dieses Podbike darf den Weg benutzen.

Nichts Genaues weiß man nicht. Radfahrende Mütter in fußläufiger Begleitung von Kindern mit Hilfsmotor?

Vorbeugen will man aber für den Fall, dass jemand ein Fahrrad zu einem LKW macht. Der soll dann nicht am See fahren dürfen. Es reicht, wenn der Rest der Stadt bereits von LKW durchflutet ist.

Ein Weg, das technologisch zu verhindern, wurde bisher nicht gefunden. Einfach Schilder aufstellen darf man da wohl nicht, obwohl es genau dort angebracht wäre.

Wundersam geht es weiter. Biegt man mit dem Fahrrad vom Anger kommend rechts in die Karlstraße ein, taucht nach etwa 60 Metern auf dem Gehweg das Zeichen 240 – Gemeinsamer Geh- und Radweg (Ende) auf. Fragt sich jeder, was ist daran wundersam? Nun ja, nirgends ist der Anfang des gemeinsamen Geh- und Radwegs zu finden. Ja, es gibt ein Ende, aber keinen Anfang. Fast so, als würde jemand das Zeitliche segnen, obwohl er noch gar nicht geboren wurde.

Es gibt ja Leute, die kaufen sich einen Kinderwagen, wissend dass sie sich erst in ein paar Jahren ein Baby anschaffen wollen. Vielleicht plant die Stadt hier mal einen Radweg und hat eben halt mal mit dem Ende angefangen? Eben den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. Passiert in Markranstädt ja nicht selten.

Von der Karlstraße aus kann man auf einem gemeinsamen Geh- und Radweg zum ALDI-Markt fahren. Kleines Hindernis dabei ist, dass man, um dort hin gelangen zu können, den Gehweg benutzen muss. Also heißt es absteigen und das Fahrrad ein paar Meter schieben. Grund: Der Weg endet abrupt am Gehweg. Eine direkte Zufahrt zur Fahrbahn existiert nicht. Auch Markranstädt hat also seine Unvollendete (Köchelverzeichnis 08-15).

Ein ganz besonderer Höhepunkt ist das Radfahren auf der Leipziger Straße. Vorangestellt sei, dass es zwischen Hordisstraße und Albertstraße, also auf dem „Langen Markt“, keinen Radweg gibt. Radfahrer gehören hier auf die Fahrbahn. Aber weil beim Ausbau der Leipziger Straße sichere Radwege nicht gewollt waren, hat man im „Neuen Zentrum“ eine Notlösung gefunden.

Das, was überall als die unsicherste Lösung für Verkehrsteilnehmer angesehen und vielerorts zurückgebaut wird, wurde in Markranstädt neu eingerichtet. Radfahrer dürfen (!) die Gehwege benutzen. Genau wie am Kulki heißt es auch hier, schrittfahren, Fußgänger nicht behindern, wenn nötig absteigen und warten. Also am besten gleich runter vom Rad und laufen.

Und bitte nicht mit einem Alpinen Abfahrtslauf verwechseln und um übervolle Fahrradständer am City-Markt, Bänke, vietnamesische Blumenauslagen, Warenregale bei Rossmann, Stühle vorm Imbiss und sonstige Werbeaufsteller kurven. Das Umfahren eines Tores beim Abfahrtslauf ist zwar ärgerlich, bleibt aber ohne größere Folgen, sieht man mal von der Verzögerung ab.

Karrt man aber bei der Durchfahrt durch eine Bushaltestelle auf dem Gehweg einen Fußgänger um, kommt zur Verzögerung noch erheblicher Ärger hinzu. Der Dumme ist auf jeden Fall der Radfahrer. Der Ordnungshüter kann sich in jedem Fall darauf berufen, dass dort niemand mit dem Fahrrad fahren muss. Dazu ist in erster Linie die Fahrbahn da!

Ist der „Lange Markt“ stadtauswärts passiert, wird der Radfahrer vor ein Rätsel gestellt. Er muss die Albertstraße überqueren. Nur wie und wohin? Nach der Einmündung steht kein Verkehrszeichen „Gehweg, Radfahren erlaubt“. Also was nun? Erstmal runter auf die Fahrbahn. Natürlich fährt hier kein Radfahrer auf der Fahrbahn weiter.

Des Rätsels Lösung liegt in der Ferne. Da steht das Zeichen 237 – Radweg. Ab dort beginnt der Fahrradstreifen. Nur wie kommt der Radfahrer dort hin? Richtig, auf dem Radweg! Die Frage ist nur, auf welchem?

Ja, man kann es kaum glauben. Nach der Albertstraße gibt es erst mal keinen Gehweg. Links des für Markranstädt typischen grauen Streifens ist nämlich ein sogenannter „anderer Radweg“. Diesen darf der Radfahrer benutzen, muss das aber nicht tun. Einziger Vorteil ist hier: Wenn er ihn benutzt, fährt er auf einem Radweg. Fußgänger haben da nichts zu suchen. Für die gibt es erst ein paar Meter später einen Gehweg.

Weiter auf der Leipziger Straße stadtauswärts. Auf dem Fahrradstreifen kommt man gut voran und kann die Vorteile des Drahtesels wie auf Wolke 7 schwebend genießen. Jäh wird man aber aus seinem Traum geholt. Kurz vor der Tankstelle, dort, wo sich die Fahrbahn radikal verengt, ist es aus mit dem Schweben.

Als hätte einen der liebe Gott von der Wolke geworfen, findet man sich plötzlich zwischen polternden Lastkraftwagen wieder. Alle sind erschrocken. Die LKW-Führer, weil sie von den Radfahrern überrascht sind und die Radfahrer, weil sie keinen Platz haben, um den LKW auszuweichen.

Bevor wir unserem virtuellen Pedaltitter weiter folgen, wahrscheinlich auf dem rechten Fußweg hin zum Kreisverkehr, den er nicht erreicht, weil er in der Enge der Bushaltestelle gegenüber der Zuckerfabrik schwer verunglückte, wollen wir diesen zweiten Teil unserer Exkursion beenden und Kraft schöpfen fürs Finale furioso.

 






2 Comments to Radlosigkeit auf den Drahtesel-Loipen (2)

  1. Scholz sagt:

    Fahrrad fahren auf dem Gehweg, teilweise ist es ja erlaubt, was es aber für Fußgänger nicht gerade angenehmer macht. Gestern auf der Leipziger Straße, Höhe Alter Friedhof: Ich gehe mit meinem Hund Richtung Citimarkt. Von vorn ein Radfahrer, den konnte man sehen,ok. Von hinter zwei Radfahrer, die ich nicht wahrgenommen habe. Erst als mein Hund erschrocken zu Seite sprang, sah ich die Radler. Mal absteigen und an Fußgängern vorbei schieben geht wohl nicht? Was, wenn mein übrigens extrem ängstlicher Hund aus dem Tierheim vor Schreck irgendwann mal zuschnappt? Hoffentlich ist dann der Radfahrer Schuld und nicht ich als Hundehalter.

    • -st- sagt:

      Schuld hat natürlich immer der Hund, is klar. Aber von hinten darf da eigentlich kein Radfahrer kommen, denn auch für die herrscht Rechtsverkehr. Das heißt, die Beiden hätten drüben auf der Felgentreff-Seite fahren müssen.
      Eigentlich.
      Aber das muss in Markranstädt nichts heißen. Das Radwegenetz ist, wie man lesen kann, recht planlos zusammengestückelt und zeichnet sich vor allem durch die notwendige Anarchie bei dessen Benutzung aus.