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Unsere Nachbarn: Die Fahne hoch, die Köpfe fest geschlossen…

Ein Bierdeckel ist ein sehr vielseitiges verwendbares Artefakt. Man kann damit Kartenhäuser bauen oder sie sammeln, kann darauf Werbebotschaften transportieren, anschreiben lassen, sich die Telefonnummer der Blondine vom Nebentisch notieren und nicht zuletzt ist da noch sein eigentlicher Sinn: Er soll das Kondenswasser des Bierglases aufsaugen. Wussten Sie schon, dass ein runder Bierdeckel standardmäßig einen Durchmesser von 10,7 Zentimetern hat? Wenn der Gastwirt darauf auch Art und Anzahl der konsumierten Getränke festhält, wird der Pappuntersetzer sogar ganz legal und hochoffiziell zur Urkunde im Sinne des materiellen Strafrechts nach § 267 Abs. 1 Strafgesetzbuch.

Normalerweise auch ein Fall für das Strafgesetzbuch sind die Bierdeckel, die jetzt in Sachsen-Anhalts Kneipen auf Betreiben der dortigen Landeszentrale für politische Bildung verteilt werden. Allerdings wirklich nur normalerweise … wenn da nicht auch noch die Rückseiten wären, die angeblich alles wieder gut machen. Bierdeckel statt Lehrer, so stellt sich wenige Kilometer westlich von Markranstädt der Alltag dar. Vor diesem Hintergrund wird der tiefe Wunsch nach Grenzkontrollen am Floßgraben immer größer.

„Wir brauchen wieder die Todesstrafe“ oder „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ – solche Parolen werden neuerdings ganz offiziell in den Kneipen von Sachsen-Armut verteilt. Auch die Parole „Alle Muslime sind Terroristen“ steht auf einem dieser Bierdeckel. Nur dem, der da am Stammtisch nicht gleich das Horst-Wessel-Lied anstimmt, erschließt sich möglicherweise der Hintergrund. Auf der Rückseite steht die Erklärung. Im Fall der Moslem-Terroristen steht beispielsweise: „In Deutschland leben 4 – 4,5 Millionen Muslima und Muslime. Von diesen gelten rund 0,86 % als Islamisten“.

Das ist eine Aussage, die nicht nur den IQ des durchschnittlichen sachsen-armutinischen Kneipenbesuchers zu reflektieren scheint, sondern stellt auch den Verfassern ein schlechtes Zeugnis aus. Abgesehen davon, dass mit dieser Aussage alle Islamisten pauschal als Terroristen bezeichnet werden, kann man darüber hinaus nicht erwarten, dass sich der Durstige die aufklärende Rückseite seines Bierdeckels auch anschauen kann, weil da in der Regel sein Glas draufsteht.

Wie immer, wenn man die Farbe Braun symbolisieren will, muss auch auf den Bierdeckeln in Sachsen-Armut die Schriftart Fraktur herhalten. Die wurde auf Anordnung Hitlers übrigens schon am 3. Januar 1941 aus den deutschen Dokumenten wie auch aus der

Presse verbannt und durch die lateinische Antiqua ersetzt. Der Duden erschien letztmals im Jahr 1941 in Fraktur. Aber die Geschichtsschreibung hat es nun mal so gewollt: An ihrer Schriftart sollt ihr sie erkennen…

Übrigens: Nicht nur Politik wird mit den Deckeln gemacht. Auch in Sachen Biologie erhält der Sachsen-Armutiner zwischen Arendsee und Zeitz Aufklärung. Auf einem der Bierdeckel steht zum Beispiel der Spruch: „Homosexualität ist widernatürlich“. Dreht man die Pappe um, findet man nicht etwa die Unterschriften der Mitglieder der katholischen Bischofskonferenz, sondern in der Tat einige Fakten, die als Beweis für Gegenteil gelten sollen. Ein sicher zweifelhaftes Bildungsmodell. Woanders braucht man keine Bierdeckel dazu, weil man das schon in der Schule lernt. Genau dort liegt aber im Nachbarland der Hase im Pfeffer.

An der Lützener Grundschule beispielsweise wurde letzte Woche gestreikt, weil es dort nur vier Lehrer für sechs Klassen gibt. Sieben Eltern haben ihre Kinder zum Ende der Herbstferien schon abgemeldet, weil es keinen Sinn macht, aus mehreren Jahrgängen wild zusammengewürfelte Klassen per Notprogramm zu unterrichten. Das Ergebnis der Demo: Eine Studentin solls jetzt richten und zwei Lehrer aus Hohenmölsen ab und zu mal in Lützen vorbeischauen.

An ökonomischer Effizienz ist dieses Modell derweil nicht zu überbieten und könnte bald beispielgebend für die anderen 15 Bundesländer werden.

Wenn man auf die Schulbildung seiner Kinder verzichtet und sie so von Beginn an konsequent auf die Pfade der neuzeitlichen Hitlerjugend führt, spart man teure Lehrkräfte. Die kann man später durch ein paar preiswerte Biedeckel ersetzen, mit denen man die dann ausgewachsenen SS-Kader am Stammtisch wieder auf den Pfad der demokratischen Tugend zurückführt. Hier kommt die absolute Überlegenheit der politischen Bildung gegenüber banaler Schulbildung voll zum Tragen: Bierdeckel statt Lehrer. Das ist schon beängstigend einfach.

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Das wäre unser Vorschlag.






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