+ + + Geheimer BND-Bericht enthüllt 30 Jahre nach Mauerfall, warum Atheismus in den neuen Bundesländern so verbreitet ist: Ossis brauchen vor dem Essen nicht zu beten, weil ihre Frauen kochen können  + + +

Demonstrieren, bis eine Frau kommt

Das KuK war bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den rund 100 Gästen, die in den gestrigen Abendstunden dem Vortrag von Frank Richter lauschten, befanden sich sogar zahlreiche Besucher aus den umliegenden Ortschaften. Um die wesentlichen und ernsthaften Fakten wird sich die lokale Presse kümmern, also konzentrieren wir uns gemäß unseres selbst gestellten, niederen Anspruchs um die satirische Seite der Veranstaltung.

(Foto: SLpB,  Detlef Ulbrich, Montage Zitat: MN)

Da war zunächst die Geduld des Publikums gefragt, denn Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, musste noch einen Termin beim MDR dazwischen schieben. Dort waren die Fähigkeiten des ehemaligen katholischen Kaplans als Zimmermann gefragt.

Sozusagen in Josephs Fußstapfen musste er die angesägten Beine seines eigenen Stuhls reparieren. Neben der Verletzung des 11. Gebots „Sprich nicht mit deinem Nächsten, wenn es dein Herr nicht will“ wird ihm jetzt auch noch vorgeworfen, die Räumlichkeiten der Landeszentrale für eine Pressekonferenz der Pegida zur Verfügung gestellt und damit das politische Loyalitätsgebot seiner Einrichtung verletzt zu haben.

Kommunikation und Zeit als Geschenk

Dass er damit nur eine Brücke bauen wollte, ist in der Stadt des Waldschlösschenviadukts für so manchen Gesellschaftsarchitekten wahrscheinlich nur schwer auszumachen. Richter, so hat man den Eindruck, sitzt im kaukasischen Kreidekreis zwischen Bürgern und Politik

Dickes Lob an die Stadtverwaltung, die es auf sich nahm, alle möglichen Bürger auf allen möglichen Kommunikationswegen kurzfristig von der Verspätung zu unterrichten. Jene, die trotzdem zu früh da waren, hatten zumindest gute Unterhaltung. Beate Lehmann sprach von einer „geschenkten Zeit“ und griff damit schon im Vorfeld den Faden auf, den Richter nach seiner Ankunft dankbar weiter spann. Positiv an eine Sache herangehen, so das Credo beider Akteure am Mikro.

Zwischen Flensburg und Jericho

Zunächst aber warb Frank Richter um Verständnis für sein Zuspätkommen, welches sich auch dadurch nicht verhindern ließ, „…dass ich die Fahrt von Dresden nach Markranstädt unter großzügiger Auslegung der StVO absolviert habe“. Gedenkt man allein des medialen Marathons, den dieser Mann in den letzten Tagen absolvierte, war es schon erstaunlich, wie locker und sympathisch er zum Thema „Die Freiheit, sich entscheiden zu können, ist der Zwang, sich entscheiden zu müssen“ referierte.

Als der Schuster bei den Leisten blieb

Da kam durchaus Interessantes aus dem berufenen Munde und so wurde auch klar, warum Mittelalterfeste so großen Zulauf haben. Es ist die Stetigkeit der alten Werteordnung. Wer als Sohn eines Schmiedes geboren wurde, starb irgendwann als Schmied. Ebenso erging es dem Tischler, dem Stellmacher oder dem Winzer. Diese Stetigkeit gibt es anno 2015 bestenfalls noch für die blaublütigen Könige. Nicht einmal als KWL-Manager ist man heute mehr sicher vor gesellschaftlicher Ächtung und sogar St. Uli von Bayern blieb der Kerker nicht erspart.

Freiheit: Richter garnierte diesen Begriff mit dem Slogan zu „Risiken und Nebenwirkungen“. Nie waren wir so frei wie heute und deshalb gibt es auch im Umgang mit dieser Freiheit keine Erfahrungswerte.

Gleich gar nicht aus alten Ordnungssystemen. Die Erfahrungen müssen wir selber machen und deshalb auch Fehler, um aus ihnen lernen zu können.

Das jüngste Gericht

Nicht dass es Frank Richters Ausführungen an Spannung mangelte, aber man hatte das Gefühl, dass das Publikum zunehmend auf die Zündung der Lunte wartete, die am Pegida-Paket angebracht war. Die Offenbarung des Frank! Richter, aus seiner Studienzeit als Theologe mit Prophezeiungen bestens vertraut, musste sicher selbst kein Prophet sein, um das zu erkennen. Wahrscheinlich … nein: ganz sicher sogar … hat er sich schon auf der Pole-Position am Dreieck Nossen die entsprechenden Worte zurecht gelegt. An Abenden wie diesen fängt das Alphabet mit P an. P wie Pegida.

Facebook-Revoluzzer

Und wahrlich, Frank Richter legte nicht nur einmal mehr seine bereits hinlänglich bekannte Position dar, sondern gab auch interessante Einblicke in das Geschehen hinter den Kulissen. Allein drei seiner Mitarbeiter sind rund um die Uhr damit beschäftigt, mit sendungsbewussten Bürgern auf Facebook zu korrespondieren. Der Glückliche: Woanders würden derer Fünf nicht reichen. Doch als ob das nicht genügt, stünden zudem sowohl der analoge Briefkasten als auch Richters Outlook kurz vor dem Kollaps.

Neues aus der Anstalt

Die meisten Fragen und Probleme, so der Anstalts-Direktor, drehen sich dabei nicht um Asylbewerber oder Burkas in deutschen Ehebetten, sondern darum, dass die Politik de facto losgelöst von den Bürgern handelt und zunehmend eine andere Sprache spricht. Und damit ist nicht arabisch gemeint. Da kämen Themen wie Maut oder Arbeitslosigkeit ebenso auf den Tisch wie manche Schmunzler. Ein besorgter Bürger habe ihm beispielsweise geschrieben: „Sie können sich noch so viel Mühe geben, ich werde so lange Montag für Montag auf die Straße gehen, bis ich einen Job und eine Frau habe!“

Anschließend wurde die Diskussion eröffnet. Emotionsfrei war sie nicht, aber geprägt von einem hohen Maß an Sachlichkeit und gegenseitigem Respekt. Zwischen Fragen, Sorgen und Anregungen mischte sich hier und da zwar auch ein Statement, das eher einen Mono- denn einen Dialog förderte, aber durchweg gab es das, was man sich für so manch soziales Netzwerk wünschen würde: Netiquette.

Vom Gewicht der Zahlen

Natürlich kam auch das Thema „Lügenpresse“ aufs Parkett und noch natürlicher gab es unterschiedliche Meinungen dazu. Aber auch hier spielte Richter seine mediatorischen Fähigkeiten aus und verwies auf den Unterschied zwischen verschweigen und lügen. Er habe ein Umdenken in den Redaktionen festgestellt, meinte er. „Die können natürlich nicht von heute auf morgen um 180 Grad umschwenken, das ist doch klar.“, stellte er die Aufgabe in den Redaktionsbüros dar.

Dass aber beispielsweise über 3.800 Legida-Demonstranten bundesweit auf den Titelseiten berichtet wird, dagegen jedoch 50.000 (!!!) Demonstranten gegen das Freihandelsabkommen drei Tage später in Berlin (letzten Samstag) nicht einmal eine Kurzmeldung wert waren, darauf kam die Rede nicht.

Obwohl gerade das die verheerende Botschaft ist, die damit ins Unterbewusstsein der Bürger transportiert wird: Je abartiger die Parolen, desto größer die Wahrnehmung. Wo also glaubt ein Mensch gehört zu werden, wenn Kreuzchen auf dem Wahlschein, Unterschriften auf Petitionen und 50.000 Demonstranten nicht einmal ansatzweise dazu führen, dass ein Diätenempfänger seinen Hintern vom wärmenden Kissen hebt?

Respekt und Etikette im KuK

Einigkeit, so zumindest der Tenor der Diskussionsbeiträge, bestand darin, dass man nicht alle Pegida-Demonstranten in einen Topf werfen darf. Aber auch zur Notwendigkeit, dass der Kern (nicht die Anführer) dieser Bewegung eine eigene Artikulation entwickeln muss und fehlende Jobs oder Frauen, Maut oder TTIP nicht im Geschenkpapier fremdenfeindlicher Parolen überreichen darf, gab es keinen Widerspruch. Fast konnte man an Konsens glauben, im KuK.

Eigentlich war es ein interessanter, Horizont erweiternder und Mut machender Abend. Wenn da nicht Richters aus nahezu allen politischen Richtungen befeuerte Position wäre und seine darauf beruhende Befürchtung, dass er erstmals in seinem Leben auch die Möglichkeit in Betracht ziehe, „…dass der Dialog auch misslingen kann.“

Wer vorher gut zugehört hat, konnte ahnen, dass nicht die Pegida der Hort dieser Befürchtung ist. Zu viele Akteure schreiben zu vielen Akteuren vor, mit wem man sprechen darf und mit wem nicht. Aber Frank Richter wäre nicht Frank Richter, wenn er nicht positiv denken würde. Er lasse es sich nicht vorschreiben, mit wem er reden dürfe und mit wem nicht. Davon weiche er keinen Millimeter ab, versprach er den rund 100 Gästen in KuK.

Mit Humor ist nicht zu spaßen

Eine Aussage Richters hat die vier MN-Vertreter im Saal aufhorchen lassen: Ihm fehle bei allem Ernst der Humor. Manchmal sei mit einem Lächeln mehr erreicht als mit endlosen Diskussionen. Endlich mal eine konkrete Ansage für uns: Mein Arbeitsplatz – mein Kampfplatz für den Humor! Oder: Arbeite mit, schreibe mit, grinse mit!

Lag es daran, dass die Wertmaßstäbe des Abendlandes doch noch nicht so weit gesunken sind, um über dem Durchschnitt liegenden Beifall zu besteuern oder daran, dass der Mindestlohn für das Brot des Referenten noch nicht in Applaus gemessen wird? Das Markranstädter Publikum spendete jedenfalls reichlich davon und verließ das KuK mit sicher unterschiedlichen Meinungen, aber auch wahrnehmbarem Respekt vor anderen Standpunkten. Das könnte zwar schon vorher so gewesen sein, aber es ist doch immer wieder schön, wenn man es auch mal hautnah spüren kann.

Änderung/Korrektur: Die Darstellung, dass über die Demonstrationen gegen das Freihandelsabkommen nicht berichtet wurde, ist nicht für alle Medien zutreffend. Sowohl in der LVZ als auch einigen überregionalen Blättern und auch in den Spätnachrichten der Tagesschau wurde über die Demo berichtet. Ob dabei die Verhältnismäßigkeit hinsichtlich Platzierung, Umfang und Zeitpunkt ausreichend berücksichtigt wurde, unterliegt der individuellen Wertung der Leser und Zuschauer.

 



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7 Comments to Demonstrieren, bis eine Frau kommt

  1. Bentin sagt:

    Die Landeszentrale für politische Bildung arbeitet sehr eng mit sämtlichen Schulen zusammen. Sie stell tnicht nur Arbeitsmaterialine für den Unterricht zur Verfügung sondern ruft alljährlich zu thematischen Wettbewerben auf. Die Einflussnahme auf das Denken ist somit gewaltig …

  2. Christa sagt:

    Gut geschrieben, auch mit Pfeffer. Nur eines ist falsch: In der LVZ wurde sehr wohl über die Demo in Berlin geschrieben. Auch im ND. In der Spätausgabe der Tagesschau gab es einen Bericht, ebenso auf Phönix. Ich glaube die MN haben da etwas vorgeschlafen, wegen der nächsten Nachtschichten, um wieder frisch zu sein. Oder habt ihr keine Zeit zum Zeitung lesen und Fernsehn gucken?

    • apa sagt:

      Liebe Christa, in der Tat ist es mit Fernsehen bei uns schlecht bestellt. Nur zwei von uns tun sowas und selbst das nur sporadisch nach Feierabend (welcher Kammerjäger frisst schon Rattengift?). Aber Ihr Hinweis nötigt uns größten Dank ab. Das Eingeständnis eigener Fehlbarbeit zählt zu unseren Prinzipien. Obwohl wir uns nicht explizit auf die LVZ bezogen haben: Könnten Sie uns vielleicht noch mitteilen, in welcher Ausgabe auf welcher Seite da etwas stand? Wir haben die Montagsausgabe auf den Kopf gestellt und nichts gefunden, würden das dann zumindest umgehend richtigstellen. Ungeachtet dessen könnten wir uns vielleicht darauf einigen, dass dann zumindest sowohl Umfang als auch Platzierung der 50.000-Demo in unverhältnismäßig geringer Dimension gegenüber 3.800 Pegidas positioniert war? Und außerdem: Was heißt hier vorgeschlafen??? 🙂 Während die Spätausgabe der Tagesschau läuft, herrscht hier gerade Hochdruck, jawollja! Also: Vielen Dank nochmal für die konstruktive Kritik. So soll es sein und nur so kann sich was entwickeln!

      • Christa sagt:

        LVZ vom Montag Seite 1, unteres Drittel: „Grüne Woche: Zehntausende fordern Kurswechsel in der Agrarpolitik“. Ich stimme zu, dass die Dimension unverhältnismäßig war.

        • -st- sagt:

          Ja, jetzt!!! Okay, also das unter dieser Überschrift zu finden, dazu hat unsere Fantasie wahrscheinlich nicht gereicht und noch mehr davon braucht man wahrscheinlich, um den Verweis auf Seite 5 zu finden (hier haben wir dann wirklich aufgegeben). Haben Sie vielen Dank! Es kommt sofort eine Änderung/Richtigstellung

  3. MGA sagt:

    Eigentlich war ich krank und wollte mich zu Hause pflegen, hatte aber das Gefühl, ich verpasse was. Also rollte ich etwas verspätet dennoch am 20. in Markranstädt ein. Immerhin, das Thema hatte verdammt viel mit meiner momentanen Lebenssituation zu tun. Und Pegida..? Schaun wir mal im KuK!
    Was ich tatsächlich verpasst habe erfuhr ich spätestens – wie erwartet – über die MN. Danke in diesem Sinne. Vieles, was ich mit anderen in diesem Satire-Spiegel in den vergangenen Tagen dort kommentiert, Tellerrand-und-mehr gesichtet, wohlerwägt und spitz geschrieben fand, kam als Echo von Frank Richter und auch dem Auditorium zurück. Schön soweit.
    Da war ‚ne Menge Direktes und Indirektes, was in mir hoch kam, etwa: Freiheit ist auch immer die Freiheit der Anderen. Da hatten wir mit in allen Leben, die anwesend waren, noch leibhaftige Erfahrung. Schön, dass die Anmerkung über den ostdeutschen Sensus des Herren von ‚Linksaußen‘ uns zumindest an diesem Abend den Nimbus der Ossis, die schon wieder über’n Ring latschen und die Welt nicht verstehen, etwas genommen hat. In der Tat, wir haben noch im Blut wie es sich anfühlt, wenn Theorie und Praxis so arg auseinanderklaffen. Auch wie schnell sich die Pe-gida-Welle in ein Klischee drängen lässt, so man es braucht . Ob nun durch Fehldeutung der Phänomene, politischen Gebrauch oder journalistisches Tagesgeschäft, das spülte für uns alle in den vergangenen Wochen sichtbar über die Bühne. Wenn es aber doch mehr ist und eine Superwelle draus wird, ein …? Noch vor ‚89 + 25‘ hat es glatt eine Regierung weggespült. Darum geht es jetzt sicher nicht, aber es geht auch nicht um Trittbrettfahrer, die mit recht-links-Überholen-ohne-einzuholen ihren Fuß in die Tür stellen wollen. Die Dame von Rechtsaußen im Publikum (keine politische Zuweisung, sondern lediglich Ortung) hat schon Recht, wenn sie anmerkt „…selbst wenn Tausende vorm Parlament für ihre Sache demonstrieren, sie würden kaum bemerkt – weder von Presse noch Regierung… – wenn es denen nicht opportun ist, aber bei bestimmten anderen Stichworten genügt ein Pfefferkorn. Das heißt nicht, dass jedes Mittel recht ist. Aber anscheinend kommen wir langsam dahin, was überfällig ist. Ins Gespräch!
    Ja, jetzt fällt mir auch ein, was ich gestern Abend nicht geschafft hatte noch zu fragen: Was kann die Bundeszentrale in dieser Situation bewirken? Was ist ihre Aufgabe? Schön, dass das einer steht, dem der Mut nicht abhanden gekommen ist, gegen den Strom zu schwimmen, dem Nähe zum Problem keine Angst macht. Das ist dann wohl schon die Antwort auf meine nicht gestellte Frage.
    Ach, ja. Und der Spaß? Klar, Verbissenheit ein landauf, landab ausgeprägtes Phänomen. Ist eigentlich der neue Erdenbürger in der Bibliotheksfamilie schon eingetroffen? MGA

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