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Und wenn sie nicht gestorben ist …

Letzten Donnerstag während der Stadtratssitzung wurde der Bürgermeister von vielen Anwesenden missverstanden. Scheinbar, wie heute erst klar wurde. Es klang aus Spiskes Munde so, als sei die Lindennaundorfer Schranke schon wieder gen Nirvana gezogen. Bei der Vorbeifahrt am Freitag schien sie aber noch in alter Pracht und beschädigter Schönheit in der Morgensonne. Heute hingegen ist sie tatsächlich wieder weg. Da sage noch jemand, der Bürgermeister habe keine Visionen.

Annähernd zwei Wochen, einen Tag, zwei Stunden und ein paar Minuten hat der neue Schlagbaum überlebt. Dann erreichte die Markranstädter Nachtschichten die Botschaft einer aufmerksamen Leserin: „Bitte stoppen Sie den Countdown der Schranke. Sie ist weg! Es stehen nur noch die Verkehrszeichen, die man gut umfahren kann.“

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Untat mit sozialen Folgen: Ortsvorsteher Jens Schwertfeger hat seinen Job als Schrankenwärter verloren.

Was macht man da als Satiriker? Klar, erstmal auf die Schenkel klopfen und ordentlich ablachen. Das muss jetzt gefühlt die Nummer 8 gewesen sein, die da als störendes Verkehrsbeiwerk ins Feld gekickt wurde.

Da fällt einem erst mal nicht viel ein. Alles schon zu oft dagewesen. Die an dieser Stelle gewollte Unterbrechung des Verkehrs, also eine Art koitus interruptus für Autofahrer, hat sich als nicht zuverlässig erwiesen. Oder, um bei dem Gleichnis zu bleiben: Das Kondom platzt immer an der selben Stelle.

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Kreativ sind sie ja, die Lindennaundorfer. Einen Gedenkstein haben sie schon mal hingerollt. Wenn jetzt noch das Peschel-Team anrückt und da einen genialen Spruch reinmeißelt, werden noch Generationen über diese Provinzposse sprechen.

Da erübrigt sich die Frage, ob der Mann, das Kondom oder die Frau dafür verantwortlich ist – die Verhütungsmethode ist untauglich. In der Fachsprache heißt das, der Pearl-Index bewegt sich oberhalb von 85.

Doch mitten in die Zwerchfell-Attacke hinein meldet sich das schlechte Gewissen. Wieder 1500 Euro (nur für die Schranke, nicht für sonstiges Material oder Bauleistungen) im Schredder versunken. Darf man da noch ungestraft lachen, gerade jetzt, wo Schranken an den europäischen Außengrenzen und vor allem in Bayern so dringend gebraucht werden?

Also dann: Erst mal den photographischen Apparat geschultert, das Automobil angeleiert und zum corpus delicti gefahren. Schließlich ist es nicht weit und aus der Ferne sieht es gar nicht so schlimm aus. Zumindest noch allerhand Rot-Weiß ist zu sehen.

Doch vor Ort bietet sich ein Bild des Grauens. Der Arm des Opfers wurde mit einer unbeschreiblichen Brutalität gebrochen und anschließend vom Körper abgetrennt. Hier waren Profis am Werke. Erfahrenen Kriminologen wird beim Anblick des Tatorts sofort klar, dass hier jemand bemüht war, es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Aber daran glaubt in Frankenheim und Lindennaundorf längst niemand mehr. Hier treibt ein Serientäter sein Unwesen, so viel ist sicher.

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Viel Rot-Weiß und nichts dahinter…

Garagenbesitzer wagen sich bereits nicht mehr, nachts ihre Autos rauszulassen und wann immer ein Fahrzeug mit fremdem Kennzeichen durch den Ort fährt, wackeln hinter den Fenstern in der Priesteblicher Straße die Gardinen. Man ist vorsichtig geworden im Norden von Markranstädt.

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Ohne Betäubung brutal abgetrennt. Autos sind gefährlicher als Landminen.

Schon werden hinter vorgehaltener Hand die seltsamsten geheimen Wünsche offenbart. „Lieber eine Flüchtlingsunterkunft in der Mühle als ständig in Angst und Schrecken leben wegen der Schranken-Bestie!“, flüstert eine Rentnerin zu ihrer Nachbarin über den Zaun.

Die Schauergesichten, die sich um den mystischen Standort der Schranke ranken, hinterlassen indes ihre Wirkung bei den Dorfbewohnern. Selbst jetzt, da das Bauwerk nur noch in Fragmenten vorhanden ist, wirkt es so bedrohlich, dass man lieber einen großen Bogen um den Ort des Schreckens macht.

In weiser Voraussicht haben mutige Männer bereits vor zwei Wochen begonnen, eine Umfahrung zu errichten. Die ist jetzt fertig und wird, obwohl auf der Straße quasi freie und bequeme Fahrt herrscht, eifrig genutzt.

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Der Ort ist so mystisch, dass man ihn lieber großräumig umfährt und dabei sogar das Auto dreckig macht.

Längst schon erzählen Lindennaundorfer Mütter ihren Kindern vorm Einschlafen nicht mehr von Rübezahl oder vom Wolf, der unschuldige Geißlein und alte Großmütter frisst oder ähnliche Schauermärchen.

Die Geschichte von der Schranken-Bestie ist jetzt in und wird an den Kinderbetten in schauerlichsten Tonlagen gebrüllflüstert, während der verängstigte Blick immer wieder durchs Fenster nach draußen in die dunkle Nacht wandert.

Das Ende klingt meist ungefähr so: „Da hatte der König bald genug davon, den Schlagbaum wieder und wieder aufs Neue errichten zu lassen. Seine Schatzkammer war schon ganz leer durch die Ausgaben. So kam es, dass der geheime Magier das Bollwerk ein letztes Mal zerstörte. Seither können sich alle Menschen frei auf dieser Straße bewegen und Postkutschen, Fuhrwerke und auch seltsame moderne Vehikel fahren auf ihr munter hin und her. An die Zeit der Schranke erinnert seither nur ein roter Metallfuß, an dem das letzte Stück ihres weißen Armes wie ein drohender Finger gen Himmel zeigt. Und wenn sie nicht gestorben ist…“

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Die künstlerische Ausdruckskraft dieser Installation sollte künftigen Generationen mahnende Erinnerung sein. Die Steifheit des mobilen Gelenks, die gleichsam rostend als Segel im Winde der Zeit treibt, erzählt vom Kontext vergangener Epochen degenerierter Kleinstaaterei mit dem Schein des heutigen Seins.

 



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