Eigentlich war es eine unscheinbare Nachricht, die das Rathaus in seinem grünen Blättchen verkündet hat: Großlehna bekommt eine neue Alarmsirene. Erst beim genauen Durchlesen der Botschaft offenbarte sich ein Merkmal, das auf den ersten Blick wie eine sensationelle Innovation klingt, dann aber sofort Fragen aufwirft. Denn die Sirene kann nicht nur jaulen und hupen, sondern sogar sprechen! Das rief sofort satirische Verschwörungstheoretiker auf den Plan, die dahinter eine fiese Masche wittern. Die MN-Faktenchecker klären auf.
In Großlehna soll jetzt eine Innovation Einzug halten, die bei der Alarmierung ganz neue Töne verspricht: Eine Sirene, die reden kann! Doch das sorgt in Teilen der Bevölkerung offenbar schon vor Inbetriebnahme der Anlage für Alarm.

Als Odysseus die Meere befuhr, haben Sirenen noch gesungen. Heute müssen sie auch sprechen können. Sprechgesang oder kurz: Rap.
„Ist doch klar: Der Wahlkampf steht vor der Tür und die Bürgermeisterin will das Teil nutzen, um uns rund um die Uhr mit ihrem Wahlprogramm und ihren Erfolgen zu beschallen“, fürchtet beispielsweise Rentnerin Heide Witzka (Name geändert).
Die Sorgen von Claire Grube reichen noch weiter. Im Geiste höre sie, so die Schülerin, sonntags um 6 Uhr schon den Weckruf der Bürgermeisterin, die ihr Volk mit einem zünftigen „Guten Morgen liebe Großlehnaerinnen und Großlehnaer, ich freue mich, dass ich sie wieder zum gemeinsamen Frühsport begrüßen darf,“ per Bandansage aus den warmen Federn reißt. Big Sister im 21. Jahrhundert.
Big Sister in „2026“?
Das Kollektiv „Faktencheck“ der Markranstädter Nachtschichten hat diese Aussagen auf Herz und Nieren geprüft. Das Fazit: Alles Quatsch, die Sorgen sind vollkommen unbegründet. Erstens nutzt die Bürgermeisterin fast ausschließlich Bildsprache, um zu kommunizieren und kann deshalb auf Beschallungsanlagen bequem verzichten.
Und zweitens nutzt sie für ihre Informationspolitik wesentlich effektivere Informationskanäle. Die Reichweite einer Sprech-Sirene beträgt nach Angaben ihres Stadtjournals gerade mal 1000 Meter, während ein Video vom Kulki die gesamte Menschheit rund um den Erdball missioniert. Also Entwarnung statt Alarm.

Mit lächerlichen 1.000 Metern kann so eine Sprechsirene nicht mal annähernd mit der Reichweite von Fotos oder Videos in den sozialen Netzwerken mithalten.
Auf der anderen Seite könnte die neue Technik allerdings zusätzliche Einnahmequellen für das gebeutelte Stadtsäckel erschließen. Man weiß ja nie, wie’s mal kommt. Und vor allem: wer. Also jetzt nicht nur die Russen. Schon wird gemunkelt, dass die Sirene perspektivisch auch als Minarett vermietet werden könnte. Der Muezzin müsste dafür nicht einmal mehr hinauf klettern, sondern könnte seinen Gebetsruf per Bluetooth von zu Hause aus auf den Maibaum vor der Feuerwehr senden.
Während anderswo noch über die Digitalisierung der Verwaltung diskutiert wird, käme der Gebetsruf in Großlehna bereits per Remote-Zugriff aus dem Homeoffice des Vorbeters. Zugleich ließen sich damit lange Planungsprozesse für den Neubau einer Moschee und unliebsame Bürgerproteste vermeiden. Natürlich nur gegen eine ordentliche Gebühr, die an den Preis für eine ortsübliche Wohnungsmiete gekoppelt ist. Auch Glaube ist schließlich nicht zum Nulltarif zu bekommen. Das haben in Markranstädt schon all die Ungläubigen erfahren, die angesichts ihrer Wohnkosten längst von selbigem abgefallen sind.

Der Maibaum als kostensprarende Lösung für den Träger der neuen Sirene ist nicht die einzige gute Idee, um die Stadtkasse zu entlasten. Angesichts der aktuellen Marktlage bei den Religionsanbietern könnte auch eine Vermietung der Sprechsirene als Minarett Geld in die Stadtkasse spülen. Und Punkte im Mach-mit-Wettbewerb „Weltoffene Kommune“.
Vor den alarmierenden Gefahrenlagen verblassen allerdings leider auch andere durchaus interessante Alternativen. Denkbar wäre zum Beispiel eine Vermietung als kommunales Lautsprecherportal. Vereine könnten ihre Jahreshauptversammlung darüber ankündigen, Blau-Weiß seine Fußballer per Ortsfunk zum Training rufen oder das Ordnungsamt seine Verwarnungen gleich „on air“ aussprechen. Das spart viel Schreibkram.
Vermarktung zwischen Ernstfällen
Dazwischen ließen sich auch Werbespots für ansässige Firmen verlesen, die bislang im Amtsblatt unter der Rubrik „Nachrichten aus der Wirtschaftsförderung“ kostenlos verschenkt werden. Es gibt reichlich Ideen, man muss sie nur umsetzen.
Und falls das alles nicht reicht, bleibt immer noch die klassische Nutzung der Sirene als Sirene: Im Ernstfall heult sie.














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