Anekdoten aus dem Showroom in der Leipziger Straße

Der 1. April ist für Menschen, die gern lachen, ein besonderes Datum. Ob Brotagonist Udo Wendl anno 2025 deshalb an genau diesem Tag sein Café in Markranstädt eröffnet hat? Sinn für Humor hat er jedenfalls. Aber auch ohne den Konditormeister mit Industriebrot-Allergie kommt man im Genusstempel an der Leipziger Straße auf seine Kosten. Markranstädts Hausgeist Claus Narr spukt fast jeden Tag im Gastraum umher und hat mit diebischer Freude aufgeschrieben, was ihm da so an lustigen Anekdoten widerfahren ist.

Wollte man zu meiner Zeit im ausgehenden Mittelalter Spaß und Unterhaltung haben, musste man abends in eine der Spelunken einkehren, in denen sich Tagelöhner, Nutten, Politiker und anderes lichtscheues Gesindel aufhielten. Denn tagsüber wurde damals gearbeitet.

Das ist heute anders. Schon kurz nach 7 Uhr morgens hat die mit dem Prädikat „Work-Life-Balance“ geadelte Gästeschicht die begehrtesten Plätze besetzt. Meinen Stuhl links hinten am Fenster muss ich mir fast täglich mit einem gepflegten Sprint durch den Gastraum sichern. Im Vorbeifliegen rufe ich der Dampfschaffenden am Kaffeeautomaten meine Bestellung zu und werfe den Obolus gleich am Tresen ab. Da muss ich dann nicht extra noch mal aufstehen und den Verlust meines hart erkämpften Platzes provozieren.

Das ist der Lieblingsplatz des Markranstädter Stadtgeistes Claus Narr. Freie Sicht auf die Leipziger Straße und den Gastraum stets im Blick.

Das ist der Lieblingsplatz des Markranstädter Stadtgeistes Claus Narr. Freie Sicht auf die Leipziger Straße und den Gastraum stets im Blick.

Dann folgt der Griff zur Morgenlektüre. Ob BILD oder LVZ, das macht inzwischen keinen Unterschied mehr. In beiden Blättern erfahre ich, dass Deutschland schon 100 Millionen Euro an die Ukraine gezahlt hat. Also schnell umblättern, bevor sich die Leber weigert, den Kaffee anzunehmen.

Auf der nächsten Seite steht dann, dass die Bundesregierung wegen knapper Kassen die Rente reformieren will. Gleich darunter beschäftigt sich ein anderer Artikel damit, dass in der Ukraine die Renten um 12 Prozent erhöht wurden. Woher der ukrainische Kanzler Friedrich Merz das Geld dafür genommen hat, steht in keinem der beiden Blätter. Als Morgenlektüre reicht mir das aber schon. Sie hat mich mit tiefer Demut und Dankbarkeit darüber erfüllt, dass ich mir wenigstens noch meinen Morgenkaffee leisten kann.

Die deutsche Morgenlektüre bekommt man ohne Kaffe nur schlecht runter. Zum Glück sorgt der ukrainische Kanzler Friedrich Merz immer mal wieder für humoreske Erbauung.

Die deutsche Morgenlektüre bekommt man ohne Kaffe nur schlecht runter. Zum Glück sorgt der ukrainische Kanzler Friedrich Merz immer mal wieder für humoreske Erbauung.

Ohnehin wird meine Aufmerksamkeit von einer anderen Situation gefordert. Inzwischen ist es 10 Uhr. Ein älteres Pärchen hat vor einigen Minuten Platz genommen. Offenbar auf ausdrücklichen Wunsch der Dame, denn der Mann macht keinen sonderlich glücklichen Eindruck ob seiner Aufgabe als Begleiter. Schon nach zwei Minuten macht er seinem Herzen Luft: „Das dauert scha hier, wo bleibt’n dor Gaffee? Missen die den erschd noch erndn un reehsdn oder was?“

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Auch als er dann an der Tasse genippt hat, hellt sich seine Stimmung nicht auf. Mit verzogenem Gesicht lässt er seine Frau wissen: „Also, schon dei Gaffee dorheeme schmeggt scheiße, abor där hier schmeggt noch viel scheißer.“ Die Gemahlin geht auf den Vergleich nicht ein, sondern lässt die nur einer liebenden Frau eigene Diplomatie walten: „Jetz heere abar ma uff mid dei’m Gemeggre. Immor hasde was auszusedsn, das is scha nich mehr feiorlisch mid dir. Mor schähmds’sch scha iworall wo mer mit dir hingomm tut.“

Wenig später hat die erfahrene Leidensgemeinschaft ihr Mahl beendet. Die Frau erhebt sich und gibt ihrem Gatten mit einem in jahrzehntelanger Koexistenz am Küchentisch gestählten Blick auf das Tablett zu verstehen, dass sich das Geschirr nicht von allein wegräumt. Der Alte folgt dem nonverbalen Hinweis knurrend. Doch das Unheil hat für den geronten Kotzbrocken noch eine finale Herausforderung vorgesehen. Sein Tablett will einfach nicht in das dafür vorgesehene Fach passen. Das Regal ist mindestens 20 Zentimeter schmaler als das Servierbrett.

Geometrie: So geht sächsisch!

Das ist für den Mann der Zeitpunkt, auch das Personal in die Konversation einzubeziehen. Wer sich diesen Scheiß hat einfallen lassen, will er von der jungen Frau hinter dem Tresen wissen. In diesem Laden passe ja gar nichts und der Tischler, der den Tablettschrank geschmiedet hat, sei wohl Elektriker gewesen. „Bei denen tuts uf ä paar Meter nich angomm“, meint er und hält zur Veranschaulichung seiner Konstruktionskritik das große Tablett vor den zu kleinen Einschub.

Die junge Frau zuckt mit den Schultern, lächelt milde und nimmt ihm das Tablett aus der Hand. Dann dreht sie es um 90 Grad, schiebt es mit der schmalen Seite voran in den Schrank und lächelt den Mann verständnisvoll an. Um das Feld zumindest gegenüber seiner eigenen Frau als Sieger zu verlassen, verabschiedet sich der Senior mit den Worten: „Das gennd’n se awor wenichsdns ma dranschreim tun, sonst macht mer sich doch hier zum Ei!“

Geht zum Lachen nicht in den Keller, sondern hinters Nudelholz: Im Gegensatz zu Claus Narr, der als Geist unsichtbar durch den Raum spukt, darf Bäckerei-Chef Udo Wendl seinen Humor offen ausleben.

Geht zum Lachen nicht in den Keller, sondern hinters Nudelholz: Im Gegensatz zu Claus Narr, der als Geist unsichtbar durch den Raum spukt, darf Chefbrotagonist und MN-Fan Udo Wendl seinen Humor offen ausleben.

Es wird ruhiger im Café. Mein Blick wandert durchs Fenster auf die Leipziger Straße. Ein Mann, der mit seiner Tochter gerade für 29 Euro Erdbeertorte gekauft hat, steuert auf sein Auto zu. Weil sich von der anderen Seite in der gleichen Geschwindigkeit eine uniformierte Fachkraft aus dem Ordnungsamt nähert, hat es der Mann plötzlich eilig. Während er mit der rechten Hand in seiner Hosentasche nach dem Autoschlüssel nestelt, übergibt er mit der Linken das wertvolle Kuchenpaket hektisch dem jungen Mädchen.

Motorische Defizite des Kindes waren in diesem Sekundenbruchteil nicht zu erkennen und durch die Schaufensterscheibe war leider auch nicht das satte „Klatsch!“ zu hören. Ich rechne kurz nach: Das Knöllchen wäre billiger gewesen als der folgende Einsatz zur Erdbeerernte auf dem Fußweg.

Speed-Dating mit Passanten

Es wird Mittag. Nach dem dritten Kaffee und einem „Dreikäsehoch“ kommt mein Körper langsam auf Betriebstemperatur. Männliche Sehnsüchte regen sich, als eine junge Frau auf der anderen Straßenseite zielstrebig bei Rossmann einkehrt. Blondes Haar, voll entwickelte Herzkranzgefäße und unter der amphoresken Taille mit einem atemberaubenden Fahrgestell ausgestattet, aus dessen knappen Radkästen sich astreine, wohlgeformte Slicks gen Asphalt strecken. Ich muss schnell zahlen, um ihr drüben an der Kassenschlange noch rechtzeitig einen Platz vor mir anbieten und ihre Dankbarkeit mit einer Einladung zum Kaffee prüfen zu können.

In diesem Augenblick tritt das bezaubernde Geschöpf jedoch schon wieder aus der Drogerie heraus. Noch bevor ich frustriert die Augen von ihr lassen kann, sehe ich, was sie gerade in ihrer Tasche verstaut. „Always ultra“ kann ich aus der Ferne lesen. Gut, denke ich, da hätte ich auch noch ein paar Tage hier sitzenbleiben können. Im Geiste prangere ich die menschlichen Jagdinstinkte an. Wie kann man sich als Frau nur so aufdonnern, wenn man als Beute gar nicht in Frage kommt?

Da ich aber nun schon mal bezahlt habe, stehe ich auf und gehe. Zu Hause wartet der Schreibtisch. Irgendwie muss ich das Erlebte schließlich verarbeiten.

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