Leipziger Straße: Markranstädt von seiner haarigen Seite

Fünf Friseure auf ein paar hundert Metern: In der Leipziger Straße hat sich eine kuriose Monokultur entwickelt, die dem lange vorherrschenden Branchenmix aus Dönerei ernsthaft Konkurrenz macht. Endlich hat der Markranstädter die Wahl zwischen waschen, föhnen, legen oder komplett mit Knoblauch und Zwiebeln. Aber das ist nicht der einzige Vorteil der neuen Vielfalt auf unserer Einkaufsmeile.

 Früher war eine Hauptstraße der Ort, an dem eine Stadt gezeigt hat, was sie unter Zivilisation verstand. Man kam hinein und wusste sofort: Hier gibt es eine Post, einen Schuster, ein Elektrogeschäft. Vielleicht auch ein Kino oder einen Laden für Dinge, die man dringend brauchte, obwohl man noch nicht wusste, wofür.

Markranstädt hat sich von diesem überholten Modell verabschiedet. Wer heute auf der Leipziger Straße durch die Kernstadt flaniert, sieht vor allem zwei Dinge: Essen und Haare.

Friseur, Pizza, Friseur, Döner, Döner, Friseur, Friseur, Friseur. Dazwischen gelegentlich ein Geschäft, das tapfer so tut, als gebe es dort etwas anderes. Kebab zum Beispiel oder Rasuren.

Figaros Hochzeit mit fünf Bräuten

Auf ein paar hundert Metern sitzen fünf Friseure. Fünf! Man könnte die Leipziger Straße eigentlich umbenennen. Vielleicht in „Dauerwelle-Allee“ oder, um dem Phänomen einen internationalen Anstrich zu geben, in „Barber-Lane“. Oder ganz bürgerlich „Zur Barbarei“. Es müsste nur schnell gehen, denn wenn erst das Rathaus mit seiner ihm eigenen Kreativität auf den Zug aufspringt, steht auf dem Straßenschild „Integriertes Zentrum für Modifikationsassistenz von Haarfollikeln“.

Wenn man aus Leipzig kommend in Markranstädt einfährt, ist das die Nummer 1 der Friseurgeschäfte, denen man begegnet.

Wenn man aus Leipzig kommend in Markranstädt einfährt, ist das die Nummer 1 der Friseurgeschäfte, denen man begegnet.

Selbstverfreilich hat diese Ansiedlungspolitik ihre Haarwurzeln in der sozialen Marktwirtschaft. In der gesamten Stadt mit ihren rund 16.000 Einwohnern gibt es zwölf Friseure. Allein in der Kernstadt sind es neun. Allgemeine Arztpraxen gibt es dagegen gerade mal sechs.

Das ist immerhin durch einen gewissen Synergie-Effekt erklärbar. Ein Arzt behandelt Krankheiten, ein Friseur beseitigt deren sichtbarste Folgen. Wenn sechs Arztpraxen in Markranstädt zwolf Friseure versorgen, sagt das viel über die Effektivität unseres Gesundheitswesens und die Leistungsfähigkeit des örtlichen Friseurhandwerks..

Lange Gesichter, teure Rasuren

Die Konzentration auf Haare hat außerdem enorme wirtschaftliche Vorteile. Sie macht die Stadt krisenfest. Wenn in Markranstädt schon die Mieten nicht mehr bezahlbar sind, können sich die Bürger alle paar Meter wenigstens die Illusion frisieren lassen, dass sie ihr Leben unter Kontrolle haben.

Das ist Nummer 2 auf dem Weg ins Zentrum. Befindet sich zwar offiziell in der Eisenbahnstraße, liegt aber trotzdem direkt an der Leipziger Straße.

Das ist Nummer 2 auf dem Weg ins Zentrum. Befindet sich zwar offiziell in der Eisenbahnstraße, liegt aber trotzdem direkt an der Leipziger Straße.

Die Konkurrenz belebt dabei das Geschäft. Fünf Friseure in einer Straße sorgen für eine völlig neue Form der Kundenbindung: Man kennt sich. Man sieht sich. Man beobachtet, wer beim Nachbarn einkehrt. Und ganz aufmerksame (meist stutenbissige) Zeitgeister wollen sogar erkennen können, bei welchem Friseur die Konkurrentin war. Da gibt es dann wertvolle Hinweise an die beste Freundin, wie: „Ich dachte, du warst beim Friseur?“ Oder manchmal auch „Übrigens: Ich kenne einen guten Rechtsanwalt.“

Auch Männer lassen in Markranstädt neuerdings viel Geld beim Barbier ihrer Wahl. Auf die Frage, warum das Rasieren so teuer geworden ist, erfuhr ein Kunde jüngst von seinem Schaumschaffenden: „Weil der Aufwand gestiegen ist. Nach der letzten Wahl sind die Gesichter deutlich länger geworden.“

Ist zwar laut Firmenschild die Nummer 1, aber egal von welcher Seite man durch die Leipziger Straße flaniert, ist es die Nummer 3, an der man vorbei kommt.

Ist zwar laut Firmenschild die Nummer 1, aber egal von welcher Seite man durch die Leipziger Straße flaniert, ist es die Nummer 3, an der man vorbei kommt.

Der Friseurladen ist ein gesellschaftlicher Treffpunkt – ähnlich wie einst der Gottesdienst in der Kirche. Und nicht selten hat man wirklich den Eindruck, als sei die Frisur zur Ökumähne geworden, seit das Tragen von Dreadlocks als kulturelle Aneignung geächtet ist.

Es sieht zwar nach viel aus, was sich in der Markranstädter Friseurmeile angesiedelt hat, aber haartechnisch gesehen gibt es offenbar trotzdem noch reichlich Luft nach oben. Das zeigen die unter dem Radar des Gewerbes fliegenden Stewardessen, die nach Feierabend oder hobbymäßig als eine Art Hair Force One zu ihren Kunden düsen. Schneiden im Tiefflug, bezahlt wird bar. Da schaut auch niemand so genau drauf, dass die Blondierung von Schwarzkopf ist.

Wieder nur ein paar Schritte weiter, kann man sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Nummer 4 waschen, föhnen oder legen lassen.

Wieder nur ein paar Schritte weiter, kann man sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Nummer 4 waschen, föhnen oder legen lassen.

Aber Markranstädt wäre nicht Markranstädt, wenn die Leute über diese erfolgreiche Monowirtschaft nicht meckern würden. Mal darüber, dass es in der Leipziger Straße keine Post, Milchbar, öffentlichen Toiletten oder ein Kino gibt, dann über fehlende Schumacher (wozu auch Schnellbesohlung bei so kurzen Wegen zwischen den Friseuren?), Elektrogeschäfte oder wenigstens einen Baumarkt. Übrigens gibt’s auch kein öffentliches W-Lan und selbst Arbeitsamt und Jobcenter befinden sich über 25 Kilometer entfernt in einer anderen Stadt.

Immer diese Meckerei. Dabei liegen die Vorteile dieser Situation klar auf der Hand. Wenn der Schuh drückt, der Toaster kaputtgeht, die Blase zwickt oder man einen Sack Zement braucht, bleibt immer noch die Möglichkeit, sich die Spitzen schneiden zu lassen.

Und schließlich wäre das der Fünfte im Bunde. Die haarologische Grundversorgung der Markranstädter Bevölkerung ist zumindest in der Leipziger Straße nachhaltig gesichert.

Und schließlich wäre das der Fünfte im Bunde. Die haarologische Grundversorgung der Markranstädter Bevölkerung ist zumindest in der Leipziger Straße nachhaltig gesichert.

Man kann auch keinen Brief verlieren, wenn man mangels Post gar nicht erst in die Versuchung geraten kann, eine Briefmarke zu kaufen. Und wer zu Hause einen tropfenden Wasserhahn hat, muss sich nicht mit der quälenden Frage beschäftigen, woher er eine Dichtung bekommt.

Das ist der Vorteil des modernen Branchenmix in der Leipziger Straße. Hier hat der Kunde nicht die Qual der Wahl, welche Dienstleistung er in Anspruch nehmen soll. Es reicht, wenn er die Münze wirft: Zopf oder kahl.

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