Heißer Draht ins Jenseits? Rätsel um Telefon auf Markranstädter Friedhof

Die Szene hatte was: Das Festnetz-Telefon, das Passanten vor einiger Zeit auf dem Alten Friedhof entdeckten, hat zwar nie geklingelt, aber trotzdem für jede Menge Gespräche gesorgt. Die Funktion als Kommunikationsmittel hat das Gerät damit eigentlich erfüllt.

Trotzdem gibt das Relikt aus dem analogen Zeitalter noch immer Rätsel auf. Wer hat es dort hingestellt und zu welchem Zweck? Investigativ-Reporter Claus Narr ist der Sache nachgegangen und hat sich in Markranstädt umgehört.

Die erste Vermutung liegt eigentlich auf der Hand: Heißer Draht ins Jenseits! Schließlich war der Alte Friedhof tatsächlich einmal ein Gottesacker. Sind die Bauarbeiter bei der Verlegung des Glasfaserkabels vielleicht auf eine unterirdische Schnittstelle gestoßen, die es Hinterbliebenen ermöglicht, mit Verblichenen zu kommunizieren?

Ein fiktiver Anruf der Markranstädter Nachtschichten mit den Gebeinen eines hier beerdigten Vorfahren endete jedoch ernüchternd. Denn ein Gespräch mit unseren Ahnen scheitert allein schon an gesetzlichen Hürden, wie der Dialog beweist.


„Hallo, wer ist denn da?“ – „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ – „Warum nicht?“ – „Ich bin 1871 gestorben. Seit der Entfernung meines Grabsteines unterliegen meine persönlichen Angaben dem Datenschutz.“


Home-Office im Park: Meth to go?

Eine zweite Vermutung klingt da schon plausibler: Demnach hat hier ein Dealer sein temporäres Home-Office aufgeschlagen. Weil der Wirtschaftsaufschwung in Markranstädt längst schon die Drogenszene erreicht hat, stehen die zerbrechlichen Vertriebswege unter enormem Druck.

Aus dem Home-Office am Alten Friedhof können nicht nur frische Waren vertickt werden. Gemäß der neuen EU-Richtlinien kann man auch die Verpackungsverordnung direkt vor Ort entsorgen.

Aus dem Home-Office am Alten Friedhof können nicht nur frische Waren vertickt werden. Gemäß der neuen EU-Richtlinien kann man auch die Verpackungsverordnung direkt vor Ort entsorgen.

Mindestlohn für Dealer, gestiegene Spritpreise und lange Lieferketten aus Zwischenlagern in Volkmarsdorf, Connewitz oder Grünau zwingen die Branche, näher an die Verbraucher zu rücken. Das Frische-Versprechen: Produkte aus regionaler Erzeugung sollen auch direkt vor Ort erhältlich sein. Crystal to go aus der Niederlassung Markranstädt: Anruf genügt.

Am wahrscheinlichsten ist aber eine dritte Variante: Demnach hat es sich bei dem inzwischen leider wieder entfernten Apparat um die Beta-Version des jetzt vom Rathaus eingeführten Bürgertelefons gehandelt. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Testlaufs auf dem Alten Friedhof kann der homo marcransis das Ordnungsamt der Stadt seit einigen Tagen unter der Rufnummer 61169 direkt in die Spur schicken.

Neue Rathaus-Hotline: 61169

Damit die Auftragslage nicht gleich inflationär explodiert, wurde mit dem Angebot zunächst nur der überschaubare Kreis von Bürgern angesprochen, der des Beamtendeutschs mächtig ist. Denn angekündigt wurde der Service als „direkter Draht zum gemeindlichen Vollzugsdienst“.

Eine Umfrage der Markranstädter Nachtschichten offenbarte hier eklatante Wissenslücken im niederen Proletariat. „Gemeindlicher Vollzugsdienst? Wozu soll ich die Inkasso-Brigade im Rathaus anrufen, wenn auf dem Alten Friedhof Meth vertickt wird?“, fragt beispielsweise der Markranstädter TelefonberaterTimo Beil.

Hier werden Sie geholfen: Wer nicht weiß, was sich hinter einem „gemeindlichen Vollzugsdienst“ verbirgt, kann man ja mal unter 61169 mal die Auskunft anrufen.

In der Tat vermuteten 14 von 20 Befragten hinter dem ominösen „gemeindlichen Vollzugsdienst“ einen kommunalen Geldeintreiber. Weitere vier Bürger waren sich sicher, dass es sich um Wärter im Strafvollzug der JVA „Vierte Etage“ handelt. Von keiner Ahnung getrübt, lagen lediglich zwei der Befragten richtig und tippten zufällig auf Politessen und Politessriche.

Allerdings hatten auch diese beiden Bürger erhebliche Bedenken bezüglich dieser neuen Evolutionsstufe des Markranstädter Sicherheitskonzeptes. Egal ob es sich um illegale Grillfeuer am Kulki, körperliche Auseinandersetzungen an einem der Hotspots der Stadt oder nächtliche Drogengeschäfte direkt auf der Leipziger Straße handelt: Die 61169 wäre die letzte Option, die sie als Notruf wählen würden.

„Aus rein humanitären Gründen“, meint Anna Bolika. Sie würde es sich nie verzeihen können, wenn sie wehrlose Vollzugsbedienstete in einen Konfliktherd geschickt hätte, in dem sie mit Gefahren für Leib und Leben konfrontiert werden. Ihr Lebensgefährte Axel Schweiß formuliert es deutlicher: „Wie soll man mit der Schuld weiterleben, wenn man jemanden bewusst mit Pfefferspray zu einer Schießerei schickt?“, fragt er.

Stummer Protest gegen lautes Gelaber 

Zurück zum Alten Friedhof: Obwohl das Festnetz-Telefon inzwischen wieder deinstalliert wurde und nie jemand durch dessen Mikrofon gesprochen hat oder durch den Hörer zu hören war, hat es für Gespräche gesorgt. Ist das nicht geil?

Vielfältige Geschichten wurden um das Phänomen gestrickt, Menschen haben sich Gedanken gemacht, miteinander kommuniziert. Welches Ziel der Installateur dem Gerät auch immer zugedacht hatte, einen Zweck hat es erfüllt: Den einer gesellschaftskritischen Kunstinstallation.

Kunst im freien Raum: Ohne klangloses Rufzeichen die Stille eines Selbstgesprächs im Kontext mit der Konversation in Flora und Fauna als verbindendes Element der stimmenlosen Vergänglichkeit des Ewigen erleben.

Kunst im freien Raum: Ohne klangloses Rufzeichen die Stille eines Selbstgesprächs im Kontext mit der Konversation in Flora und Fauna als verbindendes Element der stimmenlosen Vergänglichkeit des Ewigen erleben.

Es war ein Plastik gewordener Spiegel unserer Gesellschaft: Man kann hineinsprechen, was man will, keiner hört zu. Und widersprechen kann schon gar keiner. Das Gerät war der perfekte Partner für das moderne Selbstgespräch in den Bubble-Blasen unserer Gesellschaft. Mit Garantie, dass am anderen Ende niemand dazwischenquatscht oder gar eine andere Meinung hat.

Und vielleicht lag genau darin die große Botschaft dieser Installation. In einer Zeit, in der alle ständig etwas zu sagen haben, aber immer weniger Menschen zuhören, brauchte es auf dem Alten Friedhof nicht einmal einen Anschluss, um für Gespräche zu sorgen.

Das Fazit ist geradezu eine Offenbarung für den Satiriker: Man muss nur ein Stück Plaste auf eine Mauer stellen und schon beginnen die Menschen,  wieder miteinander zu sprechen.

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