Tragödie im MN-Keller: Ein Markranstädter Schicksal

Selbst wenn man als Schreibkraft arbeitet und einfach nur Texte abtippen muss, ist der Arbeitsalltag unter Satirikern kaum auszuhalten. Um das zu überstehen, muss man entweder durch eine traumatische Kindheit gegangen sein, ein beschissenes Dasein in der Gegenwart führen oder von der Zukunft nichts mehr erwarten. Am besten ist es, wenn alle drei Faktoren zusammenkommen. So wie bei MN-Tippse Heide Witzka (KI-Titelfoto), von deren Leben und Berufsalltag diese Reportage unserer Volkskorrespondentin Mira Bellenbaum berichtet.

Normalerweise ist Heide kein Morgenmuffel. Sie will nur in den ersten 16 Stunden nach dem Aufstehen einfach ihre Ruhe haben. Doch Kaffee soll wach machen, heißt es. Erst jetzt, im hohen Alter von Anfang 50, hat Heide die Erfahrung gemacht, dass der Kreislauf viel schneller in Schwung kommt, wenn man den Kaffee nicht trinkt, sondern ihn über die Tastatur schüttet.

Aber wenigstens verwendet sie wieder richtigen Kaffee und nicht mehr dieses Instant-Zeug, das die Männer so leicht verwechseln können. Erst letzten Monat hatte MN-Chef Claus Narr bei der Redaktionssitzung ganz stolz eine Kanne selbstgebrühten Pulverkaffee serviert. Wir waren alle sofort hellwach, als sich das Getränk in der Speiseröhre als Soßenbinder entpuppte. Gelacht hatte allerdings nur Heide. Ich finde, das verrät viel über ihren seltsamen Humor.

Westkontakte und Sandkasten-Deals

Sicher, ihre Kindheit war nicht einfach. Bereits in der Kita, die Heide noch zu DDR-Zeiten besuchte, ist das Mädchen ständig aufgefallen. Mal hatte sie mit Westkontakten geprahlt („Mein Sandmann kommt auf einer Wolke geflogen“), dann Walter Ulbricht als Sekräteipartisär verunglimpft.

Heide war es auch, die schon im Sandkasten mit Vitaminpräparaten gedealt hat. Während es Ingwer nicht mal im Intershop gab, lagen die Knollen hier einfach auf der Spielwiese rum. Heute wird der Stoff von den Herrchen gleich vor Ort in Tüten abgefüllt, aber damals waren die Eltern der jungen Konsumenten entsetzt.

Kaum ein Tag verging, ohne dass die Kommandeuse des Kindergartens „Soja Kosmodemjanskaja“ Heides Erziehung mit drakonischen Maßnahmen auf Werkseinstellung zurücksetzen musste. Einzelhaft im Schlafraum, Tadel vorm Gruppenrat oder pullern auf einem Jungs-Topf – solche Erfahrungen prägen einen jungen Charakter.

Unter Hausarrest durch DHL

„In der zweiten Lebenshälfte erwachsen zu werden, lohnt sich aber auch nicht mehr wirklich“, ist Heide Witzka überzeugt. Waren es früher ihre Eltern, die sie mit Strafen belegten, wird sie heute von der Post unter Hausarrest gestellt. Ganz einfach und subtil mit der Info: „Ihr Paket kommt zwischen 8 und 18 Uhr.“ Stockholm-Syndrom nennt man das, wenn sich jemand auf seinen Peiniger freut.

Heide ist ein lebendes Fossil. Sie gehört noch zu der Generation, die nicht aufs Klo geht, während der Zug hält. „Das heißt, ich befinde mich gerade in der Lebensphase zwischen gepflegt aussehen und gepflegt werden“, betont sie. Eine Folge dieses schleichenden Verfallsprozesses: Sie klagt, dass sie in letzter Zeit immer öfter ihr Bauchgefühl verlassen würde. Wir in der MN-Redaktion haben das schon längst mitbekommen. Auch wenn der Prozess nur schleichend erfolgt, ist der Geruch mitunter kaum auszuhalten.

Seit dieser Artikel an ihrer Pinnwand hängt, wagt sich in den Redaktionsräumen niemand mehr, gegen den Verlust von Heide Witzkas Bauchgefühl aufzubegehren.

Seit dieser Artikel an ihrer Pinnwand hängt, wagt sich in den Redaktionsräumen niemand mehr, gegen den Verlust von Heide Witzkas Bauchgefühl aufzubegehren.

Es könnte aber nicht nur am Alter liegen, sondern ganz einfach am entgleisten Stoffwechsel. Heide räumt schließlich selbst ein, dass sie Frauen beneidet, die einfach verdrängen können, was zu essen. „Bei mir ist es eher so, dass ich verdränge, soeben schon gegessen zu haben“, erzählt sie. Das sei aber kein Vorbote von Demenz, sondern ein Phänomen, das sie schon seit ihrer Jugend begleite.

Nach der Wende brauchte Heide Witzka Jahre, um sich die im VEB Robotron mühsam angeeigneten Automatismen wieder abzugewöhnen. Noch im Oktober 1996 hatte sie unter eine Eingabe an Helmut Kohl die Formel „mit sozialistischem Gruß“ getippt und versehentlich auch noch die Ormig-Kopie ans Kanzleramt geschickt. Wo früher immer ein blauer Lada stand, parkt seitdem ein Lieferwagen mit dunklen Scheiben vor ihrer Wohnung.

Ein Fall für den Geheimdienst

Und nun? Mit über 50 Jahren muss sich Heide schon wieder anpassen. Diesmal muss sie eine ganz neue Sprache lernen. Die Erwähnung sämtlicher 63 Geschlechter ist eine Herausforderung in ihrem biblischen Alter. Allerdings schießt sie in ihrem vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Gedankenpolizei bisweilen über das Ziel hinaus.

So hatte sie jetzt versehentlich auch Drahtzieher, Hintermänner, Schlepper, Pariser und Hooligans gegendert und damit auch Frauen per se in Sippenhaft für Straftaten genommen. Zwar heißt es, dass Satire alles darf, aber das geht wirklich zu weit!

Und dann noch diese Verschwendung nachrichtlicher Ressourcen. Allein für die korrekte Benennung der „Steuerhinterzieherinnen und Steuerhinterzieher, Steuerhinterziehenden sowie die sich dem Vorwurf der Steuerhinterziehung zugehörig fühlenden Personen (m/w/d)“ geht so viel Platz drauf, dass für die Angabe der hinterzogenen Summe nichts mehr frei ist.

Der Albtraum jeder Tippse. Bei all der achtsamen Betroffenheitslyrik ist am Ende kein Platz mehr für die eigentlich wichtige Information: Was kostet der Haarschitt eigentlich?

Der Albtraum jeder Tippse. Bei all der achtsamen Betroffenheitslyrik ist am Ende kein Platz mehr für die eigentlich wichtige Information: Was kostet der Haarschitt eigentlich?

Das wäre zwar noch hinnehmbar, meint der Chefredakteur, aber „nur wenn wir noch genügend Platz haben, um das Geschehen einzuordnen.“ Schließlich müssen die Leute draußen erfahren, warum es ein Unterschied ist, ob der Staat ein Sondervermögen bildet oder seine Bürger diesen Diebstahl begehen. Wenn man das Volk alleine denken lässt, könnten die Antworten große Teile der Bevölkerung verunsichern.

Seit der längst überfälligen Abmahnung ist Heide geläutert. Sie hat sich jetzt zu einer vorbildlichen Schreibkraft entwickelt, der man selbst das Abtippen noch so fahrlässig niedergekritzelter Notizen anvertrauen kann. Okay, nicht immer ergeben ihre Abschriften auf den ersten Blick einen Sinn, aber wenn sie ihre eigenwilligen Wortschöpfungen dann erklärt, ergibt ihre kreative Texterfassung plötzlich eine tiefe gesellschaftliche Bedeutung.

Sie meint’s echt ernst!

So hat Heide erst vor wenigen Tagen ein wichtiges Zeichen gesetzt, indem sie die Ortsmarke in einem Artikel über Baden-Baden aus Gründen des sparsamen Umgangs mit ökologischen Ressourcen durch Duschen-Duschen ersetzt hat. Während das aufopferungsvolle ehrenamtliche Engagement der Markranstädter Satiriker seit Jahren gesellschaftlich ignoriert wird, könnte Heide allein durch diese aufrechte Tat mit einem bundesweit renommierten Medienpreis geehrt werden.

So ungerecht kann Satire sein. Als Frau hätte ich tiefes Verständnis gehabt, wenn Heide die Stadt Essen in Fasten umgetauft oder, rein aus ihrem Bauchgefühl, Darmstadt das Prädikat „Luftkurort“ verliehen hätte.

Aber was will man machen: Sie hat ein Zeichen gesetzt. Mit 50! Sowas ist selten heute und deshalb sollte man das sehr ernst nehmen.

1 Kommentar

    • Alberich auf 31. Oktober 2026 bei 16:42
    • Antworten

    Zeichen setzen, ich dachte zuerst an den ausgestorbenen Beruf des Setzer:*Innenleibs (a,b,c,d,e,f…), da es gut zu einer Schreibkräftin gepasst hätte.
    Der Inhalt ist dann doch hoch ambivalent. Hohes Niveau an Witz und Alberei mit wunderschönen Bezügen (Wahlweise für Kopfkissen oder Bettdecke) zur Vormauerzeit und zum realen Jetzt, aber auch der Hinweis auf die Ignoranz gegenüber den markranstädter Satiriker ging nicht spurlos am Frontallappen vorbei. Macht bitte unbedingt weiter, auch wenn die Welt nur zu konsumieren scheint. Es gibt viele Menschen, die solche intellektuell anregenden , aber auch das Komikzentrum traktierenden Traktate so dringend brauchen, wie die Luft zum Atmen!

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