Das Bewerberkarussell um den Chefposten im Markranstädter Rathaus hatte seit dem Zustieg von Rico Kanefke kaum zwei Runden gedreht, da musste es schon zum dritten Mal anhalten. Nach Matthias Hanke auf der Brücke des sinkenden Schiffes und eben jenem Rico Kanefke im Hubschrauber sitzt seit Montag auch Thomas Busch auf dem bunten Fahrgeschäft. Das Ticket hat ihm der SPD-Ortsverein ausgestellt und damit hat er jetzt einen Platz im feuerroten Spielmobil.
So langsam sollte man sich nicht nur Sorgen um den Motor der illustren Kirmesattraktion machen. Vor allem auf den Schultern des Karussellbremsers ruht bei der zunehmenden Last eine immer höhere Verantwortung. Was, wenn er den Laden beim nächsten Zustieg nicht rechtzeitig zum Stehen kriegt?
Oder schlimmer noch: Was, wenn bei der einen oder anderen Temporunde („So meine Damen und Herren, guuut festhalten – jetzt geht’s mit 6 G in die vierte Etaaageee!“) jemand mal schwungvoll ins umherstehende Publikum reihert oder ihn die Fliehkraft gleich ganz aus dem Sattel hebt?
Der Achterbahn-Profi: Jeder Schuss ein Treffer
Okay, der neue Passagier muss wissen, was er da tut und wo er sich festhalten muss. Schließlich fährt Thomas Busch schon lange genug Achterbahn in Markranstädt. Seit 2019 sitzt er für die ehemalige Arbeiterpartei SPD im Stadtrat. Auch im Spiegelkabinett des Ortschaftsrates Großlehna kennt der 47-Jährige inzwischen alle Ecken und als Kirchengemeinderat hat Busch sogar bei den Propheten im Wahrsagezelt immer gute Karten. Ein echter Profi auf dem kommunalpolitischen Jahrmarkt.
Aber es kommt noch besser: Die jungen Frauen können Thomas Busch aus gleich zwei Gründen sogar an der Schießbude ihr Geld anvertrauen. Denn erstens ist er Kassierer und das zweitens in der Jagdgenossenschaft. Gib ihm Geld für einen Diabolo und er ballert dir die Rose vom Gipsröhrchen. Das Motto „Jeder Schuss ein Treffer“ funktioniert beim dreifachen Familienvater übrigens nicht nur auf der Kirmes.

Der kleine Dutt über der Stirn von Thomas Busch erinnert schon ein wenig an die verbliebene Vegetation auf dem Haupt von Friedrich Merz, aber darunter spielen sich wesentlich bodenständigere und realistischere Gedanken ab als beim Bundeskanzler.
Aber reicht das alles, um auch Bürgermeister zu werden? Auf der Suche nach einer Antwort lohnt sich ein Blick auf seinen Beruf. Thomas Busch ist Gesundheits- und Krankenpfleger. Das heißt: Er kennt beide Seiten. Nichts Menschliches ist ihm fremd.
Das ist wichtig, wenn man sich als Bürgermeister im Stadtrat behaupten will. Zwar sitzen dort sogar gleich zwei Ärzte, aber die können halt nur Diagnosen stellen und Rezepte ausschreiben. Es gibt niemanden, der die eigentliche Pflegearbeit macht und nach stundenlangen Sitzungen gegen Mitternacht die dekubitösen Wunden der 22 aufgescheuerten Hintern versorgt, den Sabber aus den Mundwinkeln wischt oder wenigstens ein tröstend Wort zu spenden weiß.
Zwischen Gesunden und Kranken
Auf der Haben-Seite also ein absolut kompetenter Kandidat, der da jetzt auf das Bewerberkarussell aufgesprungen ist. Aber Markranstädt wäre nicht Markranstädt, wenn nicht schon die ersten Merkmale seiner vermeintlichen Unwählbarkeit durch die sozialen Medien geistern würden.
Ähnlich wie seinem CDU-Konkurrenten Rico Kanefke und dessen zu einer christdemokratischen Sekte heruntergewählten Randgruppe wird auch Busch zur Last gelegt, dass er mit der SPD eine inzwischen unbedeutende Kleinstpartei vertritt, die selbst eine lächerliche 5-Prozent-Hürde nur noch im Limbo-Dance nehmen kann.

Wollen jetzt zehn Monate lang zusammen Bewerberkarussell fahren: Thomas Busch, Matthias Hanke und Rico Kanefke (v.l.)..
Aber auch der Dritte im Bunde dürfte es nicht leicht haben, die Unabhängigkeit seiner Kandidatur auf Dauer glaubhaft rüberzubringen. Immerhin wird Matthias Hanke von kritischen Zeitgeistern schon heute unterstellt, dass sein trautes Heim von einem Trojaner der Freien Wähler infiziert ist. Und wie es aussieht, lassen sich diese Skeptiker nicht mit der Beteuerung beruhigen, dass er jeden Morgen die Cookies löscht.
Wenn allerdings die wahrhaftige Unabhängigkeit von irgendwelchen fernen Kräften wirklich das entscheidende Kriterium auf dem Jahrmarkt der Kandidaten ist, fällt die Entscheidung weder auf dem Karussell, noch in der Geisterbahn oder an der Schießbude. Sondern ganz hinten am Glücksrad.

Ein geiler Gag oder Ausdruck starken Selbstbewusstseins? Diese Einladung machte unter der Woche auf Markranstädter Smartphones die Runde.
Das Problem dabei: Wenn man den im Internet hinterlassenen Memoiren einiger einst ambitionierter Kirmesbesucher Glauben schenken will, hatte der homo marcransis ausgerechnet an diesem Ziehungsgerät bislang wenig Glück. Oft ist die Freude über einen vermeintlichen Hauptgewinn bald schon der Erkenntnis gewichen, dass man einen Trostpreis mit nach Hause geschleppt hat. Für manche Besucher war das so traumatisch, dass sie hinterher eisern behaupteten, sich gar nicht an der Verlosung beteiligt zu haben.
Im Schuh des Manitu
Aber vielleicht kommt es ja diesmal anders? Am Ausgang des Jahrmarktes soll am 5. September 2027 ein alter Indianer sitzen und der erzählt den Passanten gebetsmühlenartig die Geschichte von dem weißen Mann und seinem verstorbenen Mustang. Weil dem Trapper keines der herumlaufen Pferde gut genug erschien und er deshalb den toten Gaul unbedingt weiterreiten wollte, hat der große Manitu ihm geraten, sich wenigstens einen bequemen Sattel zu kaufen.
Denn es könnte ein langer Ritt werden.














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