Dass in Markranstädt ausgerechnet Kultur und Wirtschaft einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, will man kaum für möglich halten. Und doch ist es so. Die kunstvoll inszenierte Ausstellung eines Gewerbetreibenden in der Hordisstraße hat in der Stadt für allerhand Wirbel gesorgt. Und hat eindrucksvoll gezeigt, wie die Kunst profitieren kann, wenn Politik und Wirtschaft achtsam miteinander umgehen.
Friedrich, Wild, Miersch … Markranstädt hatte früher mal fast so viele Fotografen wie heute Friseure.
Dass die Zunft jetzt am Boden liegt, ist allerdings nicht nur der Tatsache geschuldet, dass es in der Stadt gefühlt nur noch ein Fotomotiv gibt.
Blickte man in der Hordisstraße dieser Tage ins fast verwaiste Schaufenster des Letzten seiner Art, konnte man anhand der dekorativen Rudimente erkennen, woran die Gilde der Zelluliodschaffenden zugrunde geht.
Die letzten ihrer Art
Aber trotzdem kam der Abschied des Fotostudios Miersch irgendwie unterhaltsamer rüber als das beleidigte Gemecker anderer Gewerbetreibender, die ihre angestammten Habitate wegen westelbischer Besitzansprüche verlassen mussten.
Es ist eine Hommage an die Gesellschaft, allen voran ihre Legislative und Exekutive, die hier als liebevoll gestaltete Danksagung dekorativ in Szene gesetzt wurde. Kein Nachtreten, keine Schuldzuweisungen an Unschuldige.

Passbilder macht jetzt der Automat im Rathaus und auf freier Wildbahn gibt es in der Stadt sowieso nur noch ein Motiv. Der Vorhang ist gefallen.
Statt dessen einfach nur Demut vor der Evolution und tiefe Dankbarkeit dafür, dass man ohne Trauer gehen lässt, was in unserer Gesellschaft nicht mehr gebraucht wird.
Bevor der Vorhang fiel
„Das Theater hier – ab jetzt ohne uns“, erfuhr der aufmerksame Passant beim Blick ins Schaufenster. Das ist nicht böse gemeint und auch nicht das letzte verzweifelte Aufbäumen einer verletzten Seele.
Nein, es ist das Eingeständnis, dass sich die Welt weiter dreht. Man räumt die Bühne im Theater artig für neue Darsteller. Friseure zum Beispiel, Bestatter, Döner-Läden, Handy-Shops oder andere Säulen unserer Gesellschaft, an denen in Markranstädt Mangel zu herrschen scheint.
Damit der Passant vorm Schaufenster die Situation auch richtig einordnen konnte, gab es – ähnlich der Verwaltungserläuterungen bei Beschlüssen im Stadtrat – auch noch eine historische Aufarbeitung der Entwicklung.
Vita: Beruf als Abenteuer
Unter der Überschrift „45 Jahre Fotohandwerk“ wurde ein Berufsbild beschrieben, das mit fotografieren immer weniger zu tun hatte. Von Hochwasser ist da die Rede und der Flucht von Weißenfels nach Lützen (sozusagen von Not nach Elend), schließlich von der Sesshaftwerdung anno 2003 im idyllischen Markranstädt.

Hochwasser, Lockdown, neue Vorschriften, Konkurrenz durch Automaten – nachdem all diese Fördermaßnahmen nicht gefruchtet haben, sorgte schließlich ein Weihnachtsgeschenk für Freude unterm Tannenbaum … und eine ausgeglichene Work-Life-Balance.
Doch auch hier war das Glück nur von kurzer Dauer. Im Jahr 2021 hatten Wissenschaftler des Berliner Karl-Lauterbach-Instituts herausgefunden, dass man mit Fotos nicht nur das Erscheinungsbild von Menschen, sondern damit auch die ihnen innewohnenden Krankheitserreger vervielfältigen kann. Als potenzieller Hotspot für die Verbreitung der „Covid-jpg“-Variante wurde das Fotostudio deshalb kurzerhand geschlossen.
Staatliche Förderung für mehr Freizeit
Vom staatlich verordneten Urlaub gerade so erholt, ließ der Staat 2025 dann die nächste Fördermaßnahme folgen: Die Verordnung für die Herstellung von Passbildern.
Wer von den erzwungenen Investitionen der Fotografengilde in die entsprechende Technik, die Qualifikationslehrgänge für die Gestaltung der Motive und die erforderlichen Lizenzen zur Anfertigung von boimetrischen e-Passfotos profitiert hat, kann man heute bei der Schufa nachlesen. Die Fotografen waren es jedenfalls nicht.
Staatliche Fürsorge für Work-Life-Balance
Eher die Politik, die es sich durch die wundersame Entstehung eines Sondervermögens plötzlich leisten konnte, in den Rathäusern teure Fotoautomaten aufzustellen. Natürlich mit dem Ziel, den unter der Last ihres Berufes ächzenden Fotografen endlich mehr Freizeit und damit eine zeitgemäße Work-Life-Balance zu verschaffen. Auch dafür bedankte man sich mit der Ausstellung in der Hordisstraße demütig.
Einmal auf den Geschmack der neuen Freiheit gekommen, war’s dann offenbar um die Zunft der Knipser geschehen. Da half auch der ebenfalls im Schaufenster gewürdigte Einsatz des Markranstädter Ordnungsamtes nichts.
Die als „Ortspolizeibehörde“ getarnte Soko der Stadt hatte mit unerschütterlicher Opferbereitschaft tagtäglich nichts unversucht gelassen, um den kaum noch zu bewältigenden Kundenansturm in der Hordisstraße auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Dieses Exponat besticht durch seine künstlerische Ausdrucksform in einer expressionistischen Symbiose aus Text und Grafik. Klare Bildsprache mit emotionaler Komponente.
Alle mutigen Versuche, die ruhenden Verkehrsströme zu steuern, scheiterten jedoch. Selbst die Strategie, den Kunden das Geld bereits an der Windschutzscheibe wegzunehmen bevor sie das Fotostudio oder andere Läden damit belästigen können, führten zu keinerlei Entspannung in den überfüllten Geschäften.
Schließlich kamen die Fotografen nicht einmal mehr dazu, selbst zu fotografieren und mussten das Ganzkörperporträt für ihre finale Danksagung an die Behörde bei der KI in Auftrag geben. Ehre dem Fotografen, denn er kann nichts dafür.

Vor diesem Exponat blieben die meisten Besucher der Ausstellung stehen. Gefesselt vom Fehlen jedweder Ähnlichkeit mit lebenden Personen lud das Werk zu den mannigfaltigsten Interpretationen ein.
Die gesamte Dokumentation vom Aufstieg und Fall des Fotostudios war genau bis zum 30. Juni im Schaufenster in der Hordisstraße zu sehen. Denn weil sich die ostdeutschen Fotoschaffenden all den Fördermaßnahmen, die ihnen in den letzten Jahren zuteil geworden sind, nicht beugen wollten, mussten sie am Ende mittels einer Kündigung zum Besten für ihr Wohl gezwungen werden.
Auch hier kein Vorwurf an die Stadt, ihre Wirtschaftsförderung oder ihre Exekutive. Es zählt schließlich längst zum Allgemeinwissen, dass die Stadtentwicklung insbesondere in der City nicht in den Händen des Rathauses liegt, sondern von den Interessen überwiegend westelbischer Immobilienbesitzer im www gesteuert wird – weit weit weg.
















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