Raubzüge durch Markranstädt: Willkommen in Klein-Johannesburg

Der Reichtum, der den Siedlern in Markranstädt nachgesagt wird, lockt vielerlei dunkle Gestalten an. Fahrräder werden inzwischen nur noch als Fluchtfahrzeuge geklaut, um das Diebesgut von E-Ladesäulen, aus Hinterhöfen, Hauskellern, Betrieben oder Gartenanlagen in die heimischen Zwischedepots zu transportieren. Schon spricht man über Markranstädt von „Klein-Johannesburg“. Ein Rückblick auf die vergangene Woche.

Jetzt waren die Laubenpieper in sämtlichen Gartenanlagen im Schwarzen Weg dran.

Geklaut wurde kaum was. Hier ein Radio, dort eine Motorsense … was man bei einem Erkundungsausflug zur Vorbereitung für Raubzüge in kühleren Herbsttagen eben so mitnehmen kann.

Es war nicht alles schlecht

Die Ausbeute stand derweil in keinem Verhältnis zu den angerichteten Schäden, was die betroffenen Opfer geradezu sehnsüchtig nach anderen Zeiten zurückdenken lässt.

„Es war früher nicht alles schlecht“, sinniert ein Kleingärtner an seinem niedergetretenen Zaun. Man hätte nach dem Krieg vielleicht doch nicht gleich alles zerstören oder zu Gedenkstätten umwandeln sollen.

Alte Ideen mit neuen Inhalten

Mit ein paar neuen erzieherischen Inhalten versehen, wäre so manches Bauensemble auch heute noch sehr nützlich, ist er überzeugt.

Mundraub ist nicht strafbar, wenn man Hunger hat. Das Geld wurde nur mitgenommen, weil's rum lag.

Mundraub ist nicht strafbar, wenn man Hunger hat. Das Geld wurde nur mitgenommen, weil’s rum lag.

Nichts geklaut wurde auch in der Laube auf dem Nachbargrundstück. Dafür hat deren Eigentümer jetzt keine Tür mehr an seinem Gartenhäuschen.

Dieses Stillleben „Ruine mit Klinke“ hat einen anderen Nachbarn auf den gleichen Gedankenweg geführt. „Der Begriff Lager ist ja leider verrufen“, sagt er.

„Aber eine soziale Einrichtung, in der sie erst etwas zu essen bekommen, wenn sie die Tür repariert oder die beschmierten Wände gereinigt haben, da würde ich mich als Aufseher sogar sehr gern ehrenamtlich engagieren.“

Diese Maßnahmen sozialer Pädagogik sind allerdings die harmloseren Ideen, die aktuell in Markranstädt verstärkt die Runde machen.

Opfer wie elektrisiert

Dem Kleingärtner beispielsweise, der um seine rund 500 Euro teure Motorsense erleichtert wurde, sind in den letzten sieben Jahren schon 5 Fahrräder geklaut und der Keller leergeräumt worden. Jetzt hat er den aufgebrochenen Geräteschuppen in seinem Garten mit blanken Kabeln eingewickelt, durch die nachts 220 Volt fließen.

Die Folgen einer traumatische Kindheit im Neubaublock: Sie wollten nur mal gucken, wie die Laubenpieper so wohnen. Richtig geklaut wird erst im Herbst und Winter.

Die Folgen einer traumatische Kindheit im Neubaublock: Sie wollten nur mal gucken, wie die Laubenpieper so wohnen. Richtig geklaut wird erst im Herbst und Winter.

Die neue Kamera, die er versteckt an seiner Laube installiert hat, dient deshalb nicht der Identifizierung der Täter, „weil die ja am nächsten Tag sowieso wieder auf freiem Fuß sind“. Vielmehr will sich der Gärtner an den Zuckungen des „Dreckpacks“ weiden, wenn sie seinen Schuppen berühren.

Sollte er, einem Wunder gleich, seiner Motorsense je wieder habhaft werden, wolle er selbstredend nicht mehr damit mähen, sondern „dem asozialen Pack so lange damit auf die Pfoten dreschen, bis denen die Langfinger abfallen.“

In den Markranstädter Gartenanlagen beginnt man offenbar, sich selbst zu organisieren. Wachen werden eingeteilt, Kameras installiert und Fallen aufgestellt, um die sogar kanadische Großwildjäger ehrfürchtig einen Bogen schlagen würden. Die Polizei wird schon längst nur noch als Buchhalter für die Führung der Statistik wahrgenommen: Fallzahlenverwaltung.

Ziehen Sie eine Nummer

Der Gang ins Kommissariat zur Erstattung einer Anzeige bedeutet für die Opfer gefühlt einen höheren Aufwand als ihn die Polizei im Rahmen ihrer Ermittlungen folgen lässt. Im Prinzip geht`s eigentlich nur noch um die Tagebuchnummer für die Versicherung. „Es wäre einfacher, wenn wir uns diese Nummern im Treppenhaus vor der Polizeistation selber ziehen können“, wirbt das Opfer eines Kellereinbruchs um die Nachnutzung der Erfahrungen aus dem Jobcenter.

Die Gedanken der Opfer

Wenn die Gesellschaft sonst nichts zu bieten hat, um solchen Umtrieben entgegenzuwirken, ist es verständlich, dass man sich auf dahingehend erfolgreichere Zeiten und ihre Instrumente besinnt. Sensibilisiert von den ungestörten Raubzügen durch Keller, Gartenanlagen und Hinterhöfe, erhofft sich der homo marcransis jetzt sogar schon Hilfe aus der Interpretation auf den ersten Blick ganz unscheinbar formulierter Stellenanzeigen.

Eigentlich eine ganz normale Stellenanzeige. Einige Markranstädter Diebesopfer verbinden allerdings ganz andere Hoffnungen damit.

Eigentlich eine ganz normale Stellenanzeige. Einige Markranstädter Diebesopfer verbinden allerdings ganz andere Hoffnungen damit.

Es war wohl doch nicht alles schlecht.

6 Kommentare

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  1. Klein-Johannisburg hat noch eine zweite Seite. Die Kriminellen fühlen sich sichtlich wohl in der Stadt, in der sich scheinbar Wenige für Ordnung und Sauberkeit interessieren. In Johannisburg gibt es Viertel, da türmt sich der Dreck auf den Straßen. In Klein-Johannisburg sieht es bald auch so aus. Ein Streifzug durch den Mängelmelder der Stadt zeigt das. Überall werfen Markranstädter ihren Unrat in die Gegend. Das sind keine Beutereste der „dunklen Gestalten“. Das sind Dinge, derer sich die Leute einfach entledigen. Das ist es egal, ob es im Ort die LAV oder den Wertstoffhof gibt. Hinklatschen wo Platz ist. Die Stadt soll sich mal kümmern.
    Und Straßenreinigung. Kannste vergessen. Liebe Markranstädter, geht mal heute durch die Stadt (mit Ortsteilen) und schaut euch mal um. Am Freitag hätten alle (!) Straßen von den Grundstückseigentümern gereinigt werden müssen. Denkste. Seit der Frühjahrsreinigung haben viele Straßen (Fahrbahn und Gehwege) keinen Besen gesehen. Und da gibt es keinen Unterschied zwischen den Eigentümern. Arme, Reiche oder die Stadt Markranstädt.
    Also, wenn die Polizei und die Ordnungsbehörde der „dunklen Gestalten“ nicht habhaft werden, könnten die Markranstädter wenigstens in ihrem Zuständigkeitsbereich für Ordnung sorgen.
    Kommenden Freitag ist wieder Kehr-Tag. Mal sehen, wie es Montag aussieht.
    Wetten, dass …

    1. Da simmer dabei, das ist pri-hi-ma! Also: Ganz Markranstädt einzäunen, auf jedem Wachturm eine Zimmerflak installieren und mit der Erziehungsarbeit beginnen! Die Chinesen sind da allerdings schon einen Schritt weiter. Das ganze Land ist quasi ein riesiges Fernseh-Studio und wenn da jemand auch nur einen Kaugummi auf die Straße rotzt, bekommt der für die nächsten zwei Tage keine Lebensmittelkarte. Konsequenz: Wenn es keine Kellereinbrüche mehr gibt, werden auch keine Besen mehr geklaut und der homo marcransis kann endlich wieder seine Straße kehren. Es ist nicht alles schlecht.

    • simsalabim auf 9. Juli 2024 bei 22:28
    • Antworten

    So ein Diebstahl geleerter Keller hat auch seine Vorzüge, wenn zum Beispiel der nächste Umzug ansteht. Da muss der gemeine homo marcransis die Stufen nicht noch 30 mal hoch und runter laufen, nur um die gesammelten Werke der letzten Jahrzehnte in den nächsten Keller zu verfrachten. Und man spart sich eine Fahrt mit dem Möbelwagen. Der wiederum kann von dem Erlös, den die Versicherung auszahlt, gleich beglichen werden. Jetzt muss nur noch die Beschilderung und die Kommunikation im Lallendorfer Buschfunk verbessert werden, damit die Spitzbuben und Bubinnen die richtigen Lagerräume ausräumen.

    1. Gute Idee, klappt aber in der Praxis nicht. Erstens wissen die Bevölkerungsteilnehmer mit gestörtem Verständnis für Eigentumsverhältnisse sehr wohl, was sich aus Kellern mitzunehmen lohnt und lassen die für Kell geeigneten Waren bewusst zurück. Und zweitens haben die Mieter beim Umzug das Problem, für zerstörte Kellertüren aufkommen zu müssen. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Auf die Versicherung kann das Opfer dabei nur bedingt hoffen. Die zahlt in der Regel nur für den ersten Einbruch. Beim Zweiten wird bereits angekündigt, dass dies die letzte Leistung ist, für die man aufkommen wird.

  2. Ein Hoch auf’s Ehrenamt. Mit Begeisterung und voller Elan würde ich in dieser sozialen Einrichtung mit Hingabe die Betreuung der vom richtigen Weg abgekommenen Bürger und Bürgerinnen übernehmen.

    1. Wird ein einsamer Job. Wie Sie anhand der Kommentare (nicht) lesen können, ist das Interesse des Bürgertums an Ordnung und Sicherheit eher marginal. Aber Sie können sich ja trotzdem mal bewerben.

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