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Neues aus der vierten Etage (50)

Nach Abzug des obligatorischen Beifangs sowie eines abgesetzten Themas blieben gestern lediglich noch fünf Punkte auf der Tagesordnung der Markranstädter Duma. Aber um die abzuarbeiten, brauchten die Senatoren mehr als zweieinhalb Stunden. Da hatte man früher schon mal doppelt so viel Umfang in halb so viel Zeit geschafft. Woran das gelegen haben könnte und was sonst noch geschah? Lesen Sie mal.

Wann hat man als Nachkomme schon mal die Chance, seine Vorfahren lebend zu sehen und sich bei ihnen live über das Erbe zu erkundigen?

Vor dem Hintergrund dieser Frage wanderten die Blicke einiger Volksvertreter und Zuschauer gestern gespannt durch den Saal, um der Neuen ansichtig zu werden, die bald an der Ratstafel Platz nehmen dürfen. Aber mit Ausnahme von Jens Schwarzer (Bürger für Markranstädt) hat wohl noch immer niemand von ihnen den Weg in die vierte Etage gefunden.

Unter Insidern sorgte zunächst Frank Meißner (SPD) für tiefes Bedauern. Unter seiner Federführung wurde Tagesordnungspunkt 8 abgesetzt. Darin ging es um die Auflösung einer seit 2010 bestehenden Zweckvereinbarung mit dem Landkreis, wonach dieser in Markranstädt das Monopol zum Blitzen und Verteilen von Knöllchen hat.

Falsche Amtsanmaßung?

Bedauern deshalb, weil die Diskussion zu diesem Thema Brisanz versprach. Beim Versuch, die dem Beschluss beigefügte Verwaltungserläuterung zu interpretieren, landet man nahezu zwangsläufig bei der Vermutung, dass das Markranstädter Ordnungsamt seit 9 Jahren gar nicht befugt war (und ist), Knöllchen zu verteilen.

Aber damit kann sich dann der künftige Stadtrat beschäftigen. Kein Wunder also, dass die Neuen den Zeitpunkt des Beginns ihres Interesses an den Vorgängen in der Stadt so lange als möglich hinausschieben wollen.

Zu nüchtern für ernsten Spaß?

Die ersten zwei-drei Punkte wurden dann so ernst durchgezogen, dass man als Satiriker am liebsten Joints verteilt hätte, um für etwas Auflockerung zu sorgen. Aber bekanntlich darf man nur Größenordnungen für den Eigenbedarf mit sich führen und so versprach der Abend zunächst einen ernüchternden Ausgang.

Das sollte sich aber bald ändern. Die Wahl eines Friedensrichters (m/w oder wahlweise auch d) stand auf dem Programm. Heike Kunzemann regte an, die Abstimmung in geheimer Wahl vorzunehmen. Wahrscheinlich wollte sie den für die Auszählung von Wahlen zuständigen Fachbereich damit eine Chance geben, sich zu rehabilitieren.

Wir üben Stimmen auszählen!

Die restlichen Abgeordneten sahen das genauso. Doch bevor die Wanderurne auf die Reise ging, hatten die drei Kandidaten noch die Möglichkeit, sich und ihre Ambitionen vorzustellen.

Es war wie bei Rudi Carrells „Herzblatt“ und am Ende fehlte nur noch, dass die erotischste aller deutschen Fernsehstimmen den Stadtrat fragt: „Nun, lieber Abgeordneter, wer soll dein Friedensrichter sein? Die Immobiliendame mit dem Monroe-Look, die ihre Kompetenzen aus Nachbarschafts- und Mietstreitereien bezogen hat oder Kandidatin 2, die zwar angibt, hier zu wohnen, aber ihren Wohnort ‚Markraaahnstädt‘ so falsch betont, als wäre sie Moderatorin bei Radio Bremen?“

Und dann war da noch Kandidat 3. Er gab an, seinen Job bei der Kripo geschmissen zu haben, weil er mit unserem Rechtssystem nicht klar kam. Ganz eindeutig die besten Voraussetzungen, um nun als Friedensrichter tätig zu werden. Nur die Duma sah das anders. Obwohl bei Nummer drei die eine oder andere Träne der Heiterkeit unterdrückt werden musste, wählte sie die Markraaahnstäder Moderatorin.

Zwischen Herzblatt und Handy

Schon bald darauf gab es den zweiten Lacher. Kämmerin Silke Kohles-Kleinschmidt hatte gerade begonnen, den Doppelhaushalt vorzustellen, da schepperte bei Dr. Ursula Schuster (LINKE) das Handy. Was heißt schepperte? Musikgeschmack hat sie, das muss man ihr zugestehen.

Und Anstand auch. Andere Frauen hätten stundenlang ihre Handtasche nach dem lärmenden Teil durchwühlt und dann hektisch auf irgendwelchen Tasten rumgehämmert. Frau Schuster schnappte sich einfach ihren Damenkoffer und verschwand damit flugs nach draußen.

Ruf aus dem Jenseits?

Doch oh Wunder, obwohl sie die Tür längst hinter sich geschlossen hatte (und im Treppenhaus wahrscheinlich panisch in ihrer Handtasche wühlte), wurde der Klingelton im Ratssaal trotzdem nicht leiser. Bevor das hohe Haus über ein bislang unbekanntes physikalisches Phänomen sinnieren konnte, fand Sitznachbarin Heike Kunzemann den Quell der akustischen Anomalie.

Ursula Schuster hatte ihr Handy in der Manteltasche geparkt und dieses Kleidungsstück hing noch über ihrem Sitz. Was auch immer sie auf dem Flur vor dem Ratssaal leiser stellen oder abschalten wollte – das Kopfkino der Insassen hoch droben über den Dächern der Stadt war an diesem Abend nicht mehr zu toppen.

Und das Thema Haushalt hatte noch mehr zu bieten. Jens Schwertfeger (CDU) sah den Ausbau der Priesteblicher Straße darin nicht ausreichend gewürdigt und schob Anträge des Frankenheimer Ortschaftsrates nach.

Als der Bürgermeister einige der Begründungen Schwertfegers als „nicht gerechtfertigt“ definierte, platzte Frank Meißner die Aorta. Er kritisierte: „Wir doktern seit 2015 an der Straße rum und haben Planungen wie Kleeblatt-Kreuzungen auf der Autobahn zu Gesicht bekommen, die man aus dem Weltall sehen kann. Das dauert alles zu lange und ist dem Bürger so nicht vermittelbar!“

Das war der Fehde-Handschuh für den Beginn des verbalen Raufhändels, auf das der satirische Geist so lange gewartet hat. In ebenso seltener Eintracht wie bewährter GroKo-Manier zeigten sich SPD (Meißner) und CDU (Schwerfeger) Schulter an Schulter. Aber auch Spiske stand nicht allein im Felde. Ihm sprang Heike Kunzemann zur Seite, die zwar den Zustand der Straße als rechtsfreien Raum kritisierte, aber auch den „aggressiven Tonfall“ des Frankenheimer Ortschaftsrates als wenig zielführend ausgab.

So ging es eine Weile hin und her mit Vorwürfen und Rechtfertigungen. Am Ende brachte Bauamtsleiter Sven Pleße Ruhe in die Sache. Als sich Schwertfeger schon mit dem Jahr 2025 als Baubeginn für die Straße abfinden wollte, präsentierte Pleße dem erstaunten Christdemokraten ebenso wie dem nicht minder überraschten Rest im Saal, dass bereits 2020 mit einer Entwurfsplanung zu rechnen sei.

Spiskes Nachsatz war denn noch mal ganz nach dem Geschmack des Satirikers: „Wir haben fünfzigtausend Euro eingestellt. Das sind die sechzigtausend Euro, die sie beantragt haben, Herr Schwertfeger!“ Die ganze Diskussion war, so stellt es sich dem Publikum schlussendlich dar, lediglich mangelnder Kommunikation geschuldet. Wem die Gäste die in der Zwischenzeit zu Hause angefallene Miete in Rechnung stellen können, blieb allerdings offen.

Sex auf dem Friedhof

Der Schlussakkord des Abends war dann ebenfalls Jens Schwerfeger vorbehalten. Allerdings ist der Tenor satirisch nicht aufwertbar. Auf Hinweis von Fraktionsvize Dr. Volker Kirschner brachte Schwertfeger dem Stadtrat den Alten Friedhof als sozialen Brennpunkt in Erinnerung. „Lärm, Sachbeschädigung, Gewalt, Drogen und eventuell sogar sexuelle Handlungen“ führte er an und forderte: „Wir müssen hier dringend was tun!“

Die Anwohner wissen das schon lange. Jens Spiske bestätigte den Zustand und gab an, mit der Polizei in Kontakt zu stehen. Er wisse auch, dass diese nicht untätig sei, immerhin beherberge er zu Hause eine Partnerin, die bei der Polizei tätig ist. Am Ende muss sich wohl, davon dürfte nicht nur der Satiriker überzeugt sein, der neue Stadtrat an der Lösung des Problems messen lassen.

 






2 Comments to Neues aus der vierten Etage (50)

  1. Nachbar sagt:

    Die versprochenen Termine der CDU-Fraktion sind so eine Sache.
    Man könnte meinen, es ist unmöglich, damit hinterherzukommen.
    Mir persönlich wurde versprochen, für ein kurzfristiges persönliches Gespräch vorbeizukommen.
    Das ist nun fast genau 15 Monate her.
    Ich warte immernoch.
    Neueste Parolen werden nun auch ohne Termine ausgerufen, siehe Schliessung des Asylheims.

  2. Heiko Küster sagt:

    Was an dem „Raufhändel“ immer wieder am bemerkenswertesten ist: Hinterher haben sich alle lieb und trinken ein Bier(Wein, Schnaps etc…) im 1. Hotel am Platz in großer Eintracht und klopfen sich auf die Schulter, hat man doch dem „Urnenpöbel“ wieder ein tolles Schauspiel geliefert…!

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