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Schere im Kopf muss endlich zum Schrotthändler

Markranstädts Stadtverwaltung zeigt Flagge: Die Fahnen vor dem Rathaus wurden auf Halbmast gesetzt. Ein deutliches Zeichen, eine sichtbare Solidarisierung mit den Opfern der Pariser Attentate und ein Aufruf an alle Markranstädter, ihnen zu gedenken. Was in Paris geschah, war auch ein Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Die steht jedoch auch abseits der Pariser Bluttaten in Deutschland auf dem Prüfstand und viele Medien haben sich selbst nach den Attentaten in Frankreich erneut nicht mit Ruhm bekleckert.

In der Kritik einiger weniger Journalisten, aber auch Teilen des Journalistenverbandes, steht eine recht zweifelhafte Aktion des Bundes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Der hat vorgestern eine Karikatur protegiert, die letztendlich in vielen Zeitungen erschienen ist. Bundesweit haben sich über 20 unabhängige und überparteiliche Zeitungen diesem Ansinnen ihres Politbüros gebeugt.

Um es vorweg zu nehmen: Die LVZ hat sie nicht veröffentlicht und auch einige andere Blätter haben darauf verzichtet. Und das hoffentlich nicht nur aus Platzmangel, sondern Überzeugung.

In dieser Zeichnung werden die friedlichen Pegida-Demonstranten mit den Verbrechern in Verbindung gebracht, die in Paris eine Blutspur hinterließen und fast 20 Menschen auf dem Gewissen haben. Der Berliner Journalist Stefan Niggemeier (bei einem Klick darauf sehen Sie auch besagte Karrikatur) schreibt dazu: „Aber die Parallele, die die Karikatur zwischen den Worten der Pegida-Anhänger und den Taten des islamistischen Terroristen zieht, ist falsch. Und ihre Wirkung ist verheerend. Wiederum aus Sicht dieser Leute formuliert: Die deutsche „Lügenpresse“ ist nicht nur zu feige, die Wahrheit zu sagen. Sie erklärt sich nach den Attentaten sogar für solidarisch, wenn nicht identisch mit denen, die dafür nicht zu feige waren. Und erklärt stattdessen ihre Kritiker zu Komplizen der Täter. Die Presse bestätigt aus Pegida-Sicht so, auf kaum zu übertreffende Weise, den Vorwurf von der „Lügenpresse“.

Niggemeier sieht auch ein weiteres Problem. Von der Pegida wird auch die Gleichschaltung der Presse kritisiert. Ein Argument, das von dieser Aktion explizit bedient wird, denn die Karikatur wurde vom BDZV nicht nur für seine im Verband organisierten Zeitungen bereitgestellt, sondern auch noch mit einem Text des BDZV-Präsidenten versehen. Darin nutzt er den Hintergrund der Bluttaten für eine Art Eigenwerbung, die geradezu infam klingt, heißt es doch unter anderem: „In herausragender Solidarität berichten freie Medien weltweit seit Tagen über dieses unmenschliche Verbrechen …“

Es gäbe sicher noch mehr zu erzählen über diese einheitliche Aktion der Nationalen Pressefront, aber das bringt nichts. Die Anforderungen an den Begriff „Lügenpresse“ sind zwar auch mit dieser Karikatur nicht annähernd erfüllt, aber von Objektivität ist man damit weit entfernt. In der Tat konnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich die Medien sehr einfach gemacht haben mit ihrer Berichterstattung. Getreu dem Motto „Wo Millionen Fliegen kreisen, muss ein Scheißhaufen sein“ haben sie über eben jenen berichtet, ohne ihn gesehen zu haben.

Auch die LVZ fiel bislang nicht gerade als Quell objektiver Nachrichtenverbreitung auf, wenngleich das Blatt im Vergleich zu anderen Organen eher noch zurückhaltend war. Aber auch ihm passierte es, dass es von 10.000 Demonstranten schrieb, während in Wahrheit fast die doppelte Zahl unterwegs war.

Dass man diese Ente einer objektiv falschen Polizeimeldung in die Schuhe schieben kann, macht es nicht besser. Zeigt es doch, was dabei herauskommt, wenn man nicht selbst vor Ort ist, sondern etwas weitergibt, was man von jemandem gehört hat, der einen kennt, der einen gesehen hat, dessen Neffe dabei gewesen sein soll.

Das Spiel ist bekannt. Es heißt „Stille Post“ und sorgt bei jedem Kindergeburtstag für mannigfaltige Erheiterung. Schlimm wird’s halt dann, wenn man dem Letzten glaubt, was der Erste gesagt haben soll. In diesem Fall ist das die Presse das letzte Glied und deshalb hat sie in den letzten Wochen einen immensen Vertrauensverlust erlitten. Es waren vielleicht keine Lügen, die von den deutschen Medien verbreitet wurden, aber die selten objektiven Berichte waren nicht seltener mit Unwahrheiten gespickt. Unwahrheit oder Lüge … wer will da richten? Allein Begriffe wie „tendenziös“ oder „subjektiv“ reichen eigentlich schon, um sich das Wasser der Presse- und Meinungsfreiheit selbst abzugraben.

Die Leipziger Volkszeitung hat dem Pegida-Thema heute eine ganze Seite gewidmet und das sogar auffallend objektiv. Selbst die 19 Punkte der Pegida-Thesen wurden endlich mal veröffentlicht. Und siehe: Kein Wort von Ausländerhass steht drin, nichts von Vertreibung oder gar Völkermord. Wie kommts?

Nun, auch wenn er es sicher nicht hören will, ist aber auch das ein Werk von Frank Richter, der am 20. Januar in Markranstädt referieren wird. Unter seiner Gesprächsleitung hat sich die Pegida erstmals strukturiert artikulieren können und dabei unter anderem die Vertreter der Sächsischen Zeitung in Bedrängnis gebracht. Die konnten die vorgebrachten Argumente vor Ort zwar nicht bestätigen, aber sozusagen über Nacht hat sich auch in Chemnitz was getan. Noch vor Wochenfrist erkennbare Tendenzen in der Berichterstattung sind einer merklich erhöhten Sachlichkeit gewichen.

Trotzdem ist man überall noch immer dabei, gebetsmühlenartig mit den gleichen Argumenten zu arbeiten. So beispielsweise mit der abgenutzten Keule, dass nur 0,48 Prozent der Einwohner Sachsens Muslime seien. Na und? Nicht nur Pegida-Sympathisanten werden bei solchen Informationen denken: Weniger als 0,05 Prozent der Einwohner Sachsens sind in der FDP und trotzdem haben die hier jahrelang mitregiert.

Bissig, anspruchsvoll, aber einseitig und oberflächlich: ZDF-Satire contra Pegida in der „Anstalt“

Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch der (bislang eher leise ausgesprochene) Vorwurf, dass auch die Satire in Sachen Pegida versagt hat. Satire muss Position beziehen, das ist richtig. Meist tut sie das für den Schwachen, was sie sympathisch macht, solange der Schwache zumindest gefühlsmäßig zu den Guten zu zählen ist.

Im Idealfall beleuchtet die Satire bei der Betrachtung eines Konflikts beide Seiten. Leider war das in Bezug auf die Pegida eher eine Seltenheit. „Die Anstalt“, Deutschlands inzwischen beliebtestes TV-Kabarett, lässt in ihren Stücken keinerlei Spielraum und verschießt ihre satirischen Pfeile ausschließlich in Richtung Dresden.

Andere Komödianten und Kabarettisten führen gegenüber der „Anstalt“ zwar die rhetorisch feinere Klinge, sind dafür aber klar auf Pegida-Seite zu finden und ihrerseits nicht bereit oder in der Lage, diese Position wenigstens für einen kurzen Perspektivwechsel zu verlassen. Schade. Auch hier wurden Chancen vertan und Sympathien verspielt.

Unterhaltsam, lustig, aber auch nur einseitig und oberflächlich: Dr. Alfons Proebstl pro Pegida.

In Netzwerken wie Twitter werden die Pegida- und Anti-Pegida-Argumente zwangsläufig objektiver aufs Korn genommen. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil die Zensur-Schere im eigenen Kopf durch die Anonymität des Netzes nicht ganz so erbarmungslos schneiden muss.

Da las man nach dem kurzzeitigen Wintereinbruch vor wenigen Tagen beispielsweise bei Twitter: „Erst kommt ja immer nur eine Schneeflocke, aber dann holen die ihre ganze Familie nach“ oder „Ich habe nichts gegen Schnee, solange er sich an unser Klima anpasst und Regen ist.“

Es wird ein langer Weg sein, der vor der gesamten Gesellschaft liegt. Vertrauen zurückgewinnen wird die Aufgabe der Medien sein. Erkennen, dass fremdenfeindliche Parolen nicht zu Antworten führen, ist der Part der Pegida. Markranstädt steht erst am Anfang dieses Weges und hat dadurch die Möglichkeit, frühzeitig die richtige Richtung einzuschlagen.

Ein erstes Achtungszeichen: Die Ankündigung der Veranstaltung mit Frank Richter hat bereits nach einem Tag so große Resonanz gefunden, dass der Veranstaltungsort ins KuK verlegt wurde!

 

 



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One Comment to Schere im Kopf muss endlich zum Schrotthändler

  1. ma sagt:

    Mit der Pressefreiheit und der Verantwortung der Presse ist das so eine Sache. Gerade hierzulande haben wir unsere Erfahrungen damit gemacht. Während die Kraft der sogenannten friedlichen Revolution eigentlich schon mit den ersten selbstgestrickten dreifarbigen Mützen in unserer vergrößerten Republik verflachte, wars mit der Pressefreiheit ein paar Monate später in den ersten freien Wahlen auch vorbei. Und nicht nur weil Anzeigengroßkunden die Blattpolitik bestimmten… Immerhin hat gerade ein sicher kleineres Blatt ‚fünf nach zwölf‘ noch die peinliche Flagge von seinem Turm geholt und damit Farbe bewiesen wie ich durch den Hinweis der MN per Klick erfuhr. Auch die LVZ schwamm mal nicht im Mainstream.
    Wohl nicht jeder Journalist hat immer richtig Ahnung von seinem Sujet, da geht’s ihm wie manchem Fachminister, der munter mit den Legislaturperioden auch die Fachbereiche wechselt, völlig egal, was er/sie eigentlich gelernt hat. Das muss man schon lange nicht mehr verstehen, oder etwa doch? Immerhin verdienen beide – Journalisten und Politiker – ihre Brötchen mit ihrem Job (Satiriker seltener). Und der hat nun mal damit zu tun, Farbe zu bekennen, Fachkenntnis vorzulegen, Verantwortung und Vorbild zu beweisen, aufzurütteln ohne falsche oder Giftfährten zu legen. Schön wärs! In diesem Sinne, schauen wir ruhig nach Osten, z.B. Dresden und lernen was daraus. Es hat sich schon lange angekündigt, dass Wegschauen aus unserem Alltag nichts bringt. Und so freue ich mich auf den 20. Januar in Markrans! ma

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