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Aufruf zum „Markranstädter Dialog“

Es waren erschütternde Stunden. Seit gestern ist nichts mehr, wie es war. Satiriker haben ihre Meinungsäußerungen mit dem Leben bezahlen müssen. Da kann man nicht einfach so weitermachen, auch wenn Paris und Markranstädt mehr als 750 Kilometer Luftlinie trennen. Und gleich gar nicht, weil Paris in Frankreich liegt und Markranstädt in Deutschland. Wir sind Europa. Gerade jetzt!

(Titelkarikatur: Maumont)

Nicht nur wegen der aus Gründen des Gedenkens gebotenen Stille haben wir uns einen Tag Abstand auferlegt, bevor wir Stellung zu dem Attentat in Paris nehmen. Gerade auf dem Gebiet der Satire ist der Grat zwischen Verstand und Emotion mitunter sehr schmal. Unter dem Eindruck solch starker Emotionen kann man aus ohnmächtiger Wut heraus schnell die falschen Worte wählen, die dann andere Menschen zu falschen Taten veranlassen könnten. Daher war und ist es geboten, sich seine Worte gut zu überlegen.

Sarajevo 1914 – Paris 2015: Es gibt so viele Gemeinsamkeiten und die Angst ist groß. Nicht vor dem Islam, sondern vor den Emotionen und was sie anrichten können. Die radikalen Islamisten sind ebenso die Gewinner wie die radikalen Rechten. Dazwischen sitzen wir. Wir, die nur in Frieden leben wollen. Mit allen anderen Menschen. Auch den Moslems.

Wir wollten auch mit Stéphane Charbonnier, Jean Cabut, Bernard Verlhac, Philippe Honoré, Georges Wolinski und ihren Kolleginnen und Kollegen in Frieden zusammenleben. Das geht jetzt nicht mehr. Sie sind tot. Ermordet von Menschen, die sich offenbar berufen fühlen, im Auftrag von Allah Rache zu üben. Kann Allah oder irgendein anderer Gott wollen, dass in seinem Namen Menschen geschlachtet werden? Ist ein Gott so menschlich, dass auch er selbst Geschaffenes zerstört? Oder gar zerstören muss, weil der Unfehlbare bei der Schöpfung Fehler gemacht hat, die per Mord wieder ausgemerzt werden müssen? Dazu noch von seinen eigenen Kreaturen?

Satirisch betrachtet, wäre in dieser Entwicklung sogar eine Regel erkennbar. Während sich das Christentum seit dem Jahre Null ausbreitet, entwickelte sich der Islam erst ab dem 7. Jahrhundert. Das Abendländische Christentum hat also rund 700 Jahre Vorsprung. Rechnen wir diese Zeit von heute aus zurück und schauen also ins Europa des 14. Jahrhunderts, so wäre der Islam heute in der Tat an der Schwelle zur heiligen Inquisition. Wohlgemerkt: Satirisch gesehen.

Aber Satire ist heute nicht gefragt. Nur heute nicht, aber eben und gerade schon morgen muss weitergemacht werden! Vielleicht nicht mit Mohammed-Abbildungen, aber mit der Meinungsfreiheit. Denn genau an dieser Stelle haben islamistische Extremisten ihre Axt an die Grundpfeiler unserer demokratischen Wertmaßstäbe gesetzt.

Die Satire ist die wirkungsvollste Ausdrucksform gelebter Meinungsfreiheit. Selbst die Nationalsozialisten haben es nicht vermocht, sie zum Schweigen zu bringen. Lene Voigt, die große Lene Voigt, verkaufte im Dritten Reich „Heringe, Heringe! So fett wie Göring!“ Als es ihr die Nazis untersagten und die Gestapo mit Haft drohte, verkaufte sie am nächsten Tag „Heringe, Heringe! So fett wie gestern!“ Lene Voigt wurde nicht getötet. Nicht einmal von den Nazis.

Nachdem mit den Medien die vorletzte Bastion der Meinungsfreiheit gefallen ist, zertrampelt von Käuflichkeit, Gewinnstreben, Einschalt- und Abonnentenquoten oder auch Bequemlichkeit, ist die Satire der letzte unangetastete Stein im Fundament der freien Meinungsäußerung. Medienwissenschaftler prophezeien heute schon weltweit, dass es in 20 Jahren keine lokalen Tageszeitungen mehr gibt und dieses Feld von der Satire besetzt wird. Auch weil das, beispielsweise in den USA oder der Schweiz, heute schon ablesbar ist.

Was diese wissenschaftlichen Analysen nicht berücksichtigt haben, ist Gewalt. Gewalt religiöser Fanatiker, die dem geschliffenen Wort oder der pikanten Zeichnung mit Bomben entgegen treten und sie ebenfalls zu vernichten drohen.

Es ist begrüßenswert, dass man in Deutschland auf die Straße geht und der Gewalt gegen Ausländer eine Absage erteilt. Ein ebenso gutes Zeichen wäre es, wenn Ausländer auf die Straße gehen würden, um Gewalt gegen Deutsche zu verurteilen. Und dann endlich alle gemeinsam einfach nur gegen Gewalt Stellung beziehen. Europa gegen Gewalt, das wäre doch mal was. Allein die Verheißung, die Sterne auf dem Star-Spangled-Banner in schamesrot zu sehen, müsste uns das wert sein.

In Markranstädt wurde gestern ein Aufruf verbreitet, sich am Montag an einer Anti-Pegida-Demonstration in Leipzig zu beteiligen. Das ist nicht der richtige Weg! In vielerlei Hinsicht nicht. Zum Einen wird die Auseinandersetzung mit dem Thema vor Ort vermieden und nach Leipzig exportiert, andererseits trägt eine Anti-Haltung niemals zur Konsens-Bildung oder auch nur Verständigung bei. Im Gegenteil: Sie teilt die Gesellschaft und verhindert konstruktiven Dialog. Weder Pegida noch Anti-Pegida können Fragen beantworten oder Ängste beseitigen. Sie können bestenfalls die Eitelkeiten ihrer Anführer bedienen, nach dem Motto: Wer hat das größere Heer?

Wir fordern dazu auf, sich den Fragen hier vor Ort in Markranstädt zu stellen – mit den Menschen, die hier leben. Es gibt Muslime in Markranstädt. Ja, wirklich! Wir sehen sie vielleicht deshalb nicht, weil sie sich integriert haben oder – man höre und staune – weil es Markranstädter sind, Deutsche also. Es gibt hier auch Christen und Buddhisten. Atheisten sowieso. Und es gibt auch viele, sehr viele Menschen, die mit Pegida sympathisieren. Manche einfach nur so, andere aus Überzeugung, Dritte wieder aus prinzipieller Opposition. Aber es gibt sie. Alle! Warum nicht jetzt reden, sondern erst warten, bis sich die eine oder andere Gruppe untergebuttert oder provoziert fühlt und dann vielleicht Margida gründet?

Es ist, einige Menschen werden das kennen, wie bei einer Scheidung. Man hat jahrelang miteinander gelebt und stellt plötzlich Unterschiede fest. Wenn dann der Zeitpunkt des Redens verpasst wird und nur noch Vorwürfe hin und her fliegen, endet die Auseinandersetzung tragisch.

Markranstädter Dialog

Lasst uns also reden. Alle miteinander!

Am Dienstag, dem 20. Januar, findet im Lesecafé der Schul- und Stadtbibliothek eine Veranstaltung unter dem Thema: „Die Freiheit, sich entscheiden zu können, ist der Zwang, sich entscheiden zu müssen“ statt. Frank Richter wird dazu einen Vortrag halten und damit den Grundstein für einen möglichen Dialog legen. Richter spielte in seiner damaligen Funktion als Kaplan eine zentrale Rolle beim friedlichen Ausgang der Revolution vom Herbst 1989. Er ist einer der inzwischen schon legendären „Gruppe der 20“.

Frank Richter hatte damals den Dialog mit der SED-Führung möglich gemacht und hat seither immer wieder bei politischen Spannungen erfolgreich vermittelt. Und Anfang dieser Woche ist ihm erneut gelungen, was weder Politik noch Medien gelang: Er hat die Pegida an den Gesprächstisch und damit den Dialog in Gang gebracht!

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Ein Glücksfall für Markranstädt? Mehr! Es ist eine einmalige Chance. Lassen Sie uns diese Möglichkeit nutzen und miteinander ins Gespräch kommen! Wie die Markranstädter Nachtschichten aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, würden die Organisatoren die Veranstaltung sogar ins KuK verlegen, um so vielen Bürgerinnen und Bürgern als möglich eine Beteiligung gewährleisten zu können.

Lassen Sie uns Gebrauch davon machen! Wir müssen unsere Fragen, Sorgen und Ängste nicht in Leipzig präsentieren oder in Dresden zu Markte tragen. Wir leben hier, also liegen auch unsere Antworten hier. Bei uns In Markranstädt!

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Wir sehen uns am 20. Januar um 18 Uhr im Lesecafé oder im Kuk. Egal, ob Sie Christ, Moslem, Buddhist, Atheist, Pegidiaist oder einfach nur interessiert sind: Melden Sie Ihre Teilnahme im Rathaus an und sorgen Sie rechtzeitig dafür, dass das Kuk oder gar die Stadthalle rechtzeitig reserviert werden. Zeigen wir mal, was wir können! Andere sprechen übereinander, wir miteinander. Ein Impuls aus Markranstädt für Deutschland, der vielleicht sogar Europa erreichen kann!

 

 



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One Comment to Aufruf zum „Markranstädter Dialog“

  1. ag sagt:

    Hallo, angesichts des Beitrags muss ich an einen der letzten öffentlichen Auftritte Biermanns im Leipziger ‚Jenny Marx‘ denken, wo klar war, dass er nicht mehr lange bleiben kann… Ich fürchte, besonders wir Deutschen brauchen unsere Feindbilder. Die werden immer kreativ zur Situation geprägt. Heißt wohl auch: bloß nicht in den Spiegel und genau dahin schauen, wo es vielleicht weh tut. In diesem Fall sehe ich in den Pegida-Bekennern die wenigsten, die sich prügeln wollen oder bewusst, gar fanatisch rechte Parolen vertreten. Da schließen sich viele an, die schwer enttäuscht sind, vor allem was in den vergangenen 20 Jahren in unserem Land gerade in der Demokratie vergammelte. Die gelebten politischen Vorbilder, die munter unser gemeinsam verdientes Geld ‚verbrennen‘, mal fix ihre Doktorarbeiten abschreiben bei kesser moralischer Lippe Arbeitslosen vorschreiben wie sie zu sparen haben, selbst aber fernab vom Leben als Hartzer sind… Und die 20 Jahre Erfahrung – alleine Arbeitsamt, wo sich in manch‘ peinlicher Befragung herausstellte, der/die Frager saßen immer auf der ‚rechten‘ Seite des Schreibtischs mit dem fast gleichen Mechanismus. Zurück zu P – nutzen wir jetzt die Dresdner Meinungsäußerungen, um schon wieder mit Fingern zu zeigen auf Leute, die unbequem werden? Versteht mich recht, meine Position ist kein Pro für Rechte, Krawall und Feindseligkeiten. Aber die Dresdner Meuterei könnte man ja auch mal als Chance verstehen, z.B. im Sinne des Vorschlags von MN zum Miteinander am 20. Januar im Kuk. Gucken wir mal. Ich auf jeden Fall! ag

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