+ + + Kulkwitzer Schüler inserieren in Zeitung: „Lehrerzimmer im Kellergeschoss über uns frei geworden!“ + + +

Der Kreis ist ein rundes Quadrat

Druckfehler, Stilblüten, unfreiwillig missverständliche Formulierungen … die Welt der Schadenfreude ist schier unendlich. Zu DDR-Zeiten, als der Eulenspiegel nur gegen einen Bananen-Gutschein am Kiosk erhältlich war, zog sich die halbe Republik jene legendären Sonderseiten mit Fehldrucken von Flaschenetiketten, lustig formulierten Kontaktanzeigen oder Druckfehlern aus der Tagespresse rein. Seit die Silbentrennung vom Computer vorgenommen wird, die Rechtschreibreform als Standard-Ausrede für Redakteure gilt und unsere Muttersprache konsequent verdenglisht wird, ist auf diesem Leser-Auge Hornhaut gewachsen. Ein Grund mehr, nach solchen Dingen zu suchen.

Es gibt sie, die Stilblüten und Druckfehler. Doch fallen sie kaum noch auf, weil sie neben all den Erscheinungen verblassen, die uns als selbstverständlich untergejubelt werden, doch in Wahrheit einen Werteverfall unserer Muttersprache darstellen. Ja … doch … die Werte des Abendlandes sind dem Untergang geweiht. Doch schuld daran sind nicht die Islamisten, sondern die angeblichen Verteidiger im Land der untergehenden Sonne selbst.

„Frau wird in Grünau vergewaltigt“ oder „In Zwenkau brennt Haus nieder“ – diese oder ähnliche Überschriften lesen wir täglich in der Presse. Es sind – grammatisch betrachtet – keine Nachrichten, sondern bestenfalls Vorrichten. Der unvoreingenommene Leser könnte angesichts der futuristischen Zeitform durchaus annehmen, dass da ein Redakteur vor der Glaskugel sitzt und anschließend aus dem Kaffeesatz zitiert, was demnächst geschehen wird oder was gerade passiert.

Kein Wunder, dass die Wahlbeteiligung nachlässt. Wozu da noch hingehen, wenn man „CDU gewinnt Wahl“ liest. Ganz schlimm muss es für die Feuerwehrleute sein, die nach erfolgter Brandbekämpfung – kaum wieder zu Hause angekommen – rein grammatisch schon vom nächsten Fiasko an gleicher Stelle lesen: „Strohballen gehen in Flammen auf“. Da wärs doch schön, wenn zumindest der Zeitpunkt genannt würde, wann das geschehen wird. Vielleicht reicht die Zeit noch, um einen Kaffee aufzusetzen?

Lassen wir den Vorhang der journalistischen Barmherzigkeit vor dem Futur hernieder fallen und uns dem widmen, für das niemand was kann: dem schlichten Fehler. Der unterläuft jedem Menschen und deshalb ist es gut, wenn man auch selbst darüber schmunzeln kann. Die Bayern beispielsweise müssen angesichts ihrer eigenen Fehlbarkeit wohl am lautesten über sich selber lachen können müssen.

mir san mir

Sie erwarten ja bekanntlich auch von Migranten die Anerkennung grundlegender arischer Wertmaßstäbe und verlangen,  dass die auch zu Hause deutsch sprechen.

„We cure and care“ heißt jenseits des Weißwurstäquators auf deutsch nichts anderes als „We cure and care“. Oder auf bayrisch: Mir san mir.

Das Amtsblatt unserer Nachbarstadt Lützen wartete vor einiger Zeit mit der Berichterstattung über die Einweihung eines Jugendclubs in Meuchen auf.

Man ist so jung, wie man sich fühlt

Die Darsteller auf dem Foto sind in der Tat Jugendliche! Im Zeitalter des demografischen Wandels sind die zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber ein Interview verriet, dass sie im Herzen jung geblieben sind. Auf die Frage, was er denn am liebsten spiele, antwortete der 93-jährige Stalingradveteran Ottmar F., indem er eine Hand an sein Ohr hielt: „Wie?“ Darauf fragte der Journalist erstaunt: „Tatsächlich? Und welches Spiel spielen sie da am liebsten auf ihrer W ii?“

meuchen

So weit die Füße tragen

Eine wahre Fundgrube lustiger Stilblüten ist auch die Tagespresse zwischen Elbe und Rhein. Und obwohl Markranstädt selbst in der lokalen Gazette eher marginal vorkommt, traf es die Stadt am See jüngst sogar in exponierter Weise. Da kommt es schon nur einmal im Jahrzehnt vor, dass ein Ereignis aus unseren Gefilden sogar überregionale Beachtung findet (von Bürgermeisterwahlen und anderen Kleinkriegen mal angesehen), und dann das hier am 3. Februar auf der international beachteten Tierleben-Seite:

möwen

Als das letzte Mal behauptet wurde, dass Vögel zu Fuß gehen müssen, hatte das weniger ornithologische Hintergründe als vielmehr Sorgen um ausreichende Kapazitäten im Luftraum.

Geflügel-Rollatoren auf dem Rennsteig

Da es aber nur um Vögel geht, hat man sich den öffentlichen Aufschrei lieber für andere Interpretationskompositionen aufgehoben. Die ließen sich bei Begriffen wie Lügenpresse auch viel öffentlichkeitswirksamer nutzen. Trotzdem ist der Gedanke an bis zur Fußlähme wandernde Vögel nicht frei von Kopfkino. Kommt daher vielleicht die Bezeichnung „Hühnerauge“?

Hausgemachter (Stil-) Blütentee

Ja – und gestern offenbarte dann auch die Stadtverwaltung selbst eine allerlieblichste Stilblüte. Da müssen doch Schüler tatsächlich ein ganzes Jahr auf den Tag der offenen Tür warten, um nicht nur endlich mal die Schule zu sehen, in die sie jeden Tag gehen, sondern auch mit der Schulleitung und den Lehrern sprechen zu dürfen.

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Bei so viel kommunikativer Dissonanz würde es schlussendlich nicht verwundern, wenn sich das Problem als bildungsstufenübergreifend entwickeln und beispielsweise die gymnasiale Abschlussfeier in diesem Jahr erstmals nicht in Markranstädt stattfinden würde. Manchmal hat man eben auch bei Stilblüten den Eindruck, als würde es sich um einen molligen Freud’schen Verschreiber handeln.

Mitunter unterläuft sowas auch Verlegern. Das sind die Leute, die eine Zeitung verlegen. Und zwar so, dass ein Teil der Überschrift verdeckt wird.

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