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Ab 14. September in Seebenisch: Abenteuer auf der Landstraße

Noch bis Ende der 60er Jahre bestand die Verbindung zwischen Seebenisch und Schkeitbar aus einem teilweise gepflasterten, ansonsten naturbelassenen Feldweg. Bio-Straße würde man heute sagen, um sich das Konstrukt schön zu reden. Irgendwann zu Beginn der 70er muss dann bei irgendeiner Baumaßnahme etwas Asphalt übrig geblieben sein, der dann da drauf gekleistert wurde. Ab nächste Woche nun soll dieser reparaturbedürftige Holper-Pfad für wenigstens ein Vierteljahr als Lebensader für Seebenisch dienen. Eine Provinzposse mit möglicherweise eklatanten Folgen.

Im Fachjargon nennt sich die Verbindung zwischen Seebenisch und Schkeitbar K 7960. Für ihren Verlauf innerhalb der Ortslage, wo sie – wie auch außerhalb – nur selten eine Breite von mehr als drei Metern misst, hat sich ein sichtbar unterforderter Geist den Namen „Schkeitbarer Allee“ ausgedacht. Das ist ungefähr so, als würde auf einem rosa Baby-Windelhöschen der Begriff „Monster-Truck“ prangen oder eine Nagelfeile als Kettensäge bezeichnet werden.

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Schkeitbarer Allee … das klingt so vermessen wie ein Spitz, der auf den Namen Jumbo hört.

Anfangs war das Befahren dieser … ja nun, bezeichnen wir den Pfad ruhig mal so … „Straße“ sogar verboten. Nur landwirtschaftliche Fahrzeuge durften sie nutzen. Zunehmender ziviler Ungehorsam (ja, den gabs schon in der DDR!) sorgte dann für eine dauerhafte Überlastung des örtlichen ABV und schließlich wurde der gassenähnliche Schlupf sogar von den Bussen der LVB genutzt.

So wurde das, was in den südamerikanischen Anden nicht mal als Gebirgspfad durchgehen würde, in Markranstädt klammheimlich zur Straße erhoben. Allerdings lässt sie nahezu sämtliche Eigenschaften, über die eine Straße von Gesetzes wegen verfügen muss, vermissen.

Unterwegs auf der Route 7960

Da kann man weder von einer Fahrbahndecke sprechen, noch von einem Unterbau oder halbwegs zeitgemäßen Sicherheits- oder Leiteinrichtungen und gleich gar nicht von auf die Anforderungen des Straßenverkehrs angepassten Dimensionen. Mit viel Phantasie und noch mehr Aufwand könnte man die Gasse vielleicht einmal zur Einbahnstraße erheben, mehr nicht.

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Gegenverkehr? Nicht einmal das Überholen von Radfahrern oder Fußgängern ist auf der Schkeitbarer Allee gefahrlos möglich.

Gegenverkehr geht da also schon mal gar nicht. Davon zeugen auch künstlich geschaffene Ausweichbuchten zu beiden Seiten der Trasse, die sich nicht selten auf einem Niveau von 30 Zentimeter unterhalb der Fahrbahndecke befinden. Ein abenteuerliches Stück Straße, auf dem sich schon so manche Rückspiegel trafen oder Radkappen verloren gingen.

Diese Strecke soll nun ab 14. September für eine nur nach gegenwärtigem Kenntnisstand bestimmbare Zeit (wahrscheinlich bis Dezember) zur Umleitungs-Allee werden, weil die KWL in Seebenisch eine Abwasserleitung baut. Das wird interessant! Da wird nach der Arbeit jede Ankunft zu Hause zum Lohn der Angst.

Seebenisch ist über 600 Jahre alt. Die Slawen hatten ihre Orte damals ziemlich planlos gebaut, woraus sich der Begriff „Haufendorf“ ableitet. Hinter dem Haufen war meist das Ende der Welt. In diesem Fall heißt das Ende Schkeitbar und die Welt Markranstädt.

Auch heute noch hat Seebenisch praktisch nur eine Zufahrt, wenngleich der einstige Haufen durch den Zuzug städtischer Landflüchtlinge heute viel größer geworden ist. Und manchmal noch immer ziemlich planlos wirkt. Aber es gibt wie zu Ur-Zeiten nur eine adäquate Zufahrt aus und zur Zivilisation und wenn man die wegen einer Abwasserleitung abriegelt, ist sprichwörtlich die Kacke am Dampfen!

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Die in manch verzweifeltem individuellen Ausweich-Akt angelegten Notbuchten gleichen bei näherem Hinsehen eindrucksvollen Tagebau-Kanten.

Die Stadtverwaltung hat die Brisanz der Situation offenbar erkannt und den gesamten deutschen Sprachwortschatz bemüht, um die mögliche Tragweite nicht gleich mit dem Kinde über Seebenisch auszuschütten. So ist in der Bekanntmachnung von einem „jetzigen Kenntnisstand“ die Rede oder bei der Beschreibung des ersten Bauabschnitts wird plötzlich von der Gesamtbaumaßnahme geschrieben, die bis Dezember dauern soll und dann wird zum zweiten Bauabschnitt übergegangen, in dessen Zuge wieder eine Vollsperrung erfolgt.

Nicht zuletzt sollen sich Fahrgäste über „diverse Änderungen und Einschränkungen im Linienverkehr“ informieren und „hierzu die entsprechenden Bekanntmachungen der Busunternehmen LVB für die Linie 61 und Regionalbus Leipzig GmbH für die Linie 164“ verfolgen.

Auch die Aussage, dass der Linienbusverkehr über Thronitz und Schkeitbar aufrechterhalten wird und damit auch Busse über den Highway 7960 flitzen, bröckelt so langsam. Aus gut informierten Quellen sprudeln in Seebenisch die immer handfester werdenden Gerüchte, dass während der Vollsperrung gar keine Busse mehr ins slawische Haufendorf am Lago Radona fahren werden. Vielmehr sollen die von Gärnitz über Thronitz nach Schkeitbar touren, dort wenden und dann wieder zurück fahren.

Für die vom ÖPNV abhängigen Seebenischer Ureinwohner – und solche sind nun mal traditionell die von der Demografie Gezeichneten – hieße das, die Gehhilfen zu schultern und über Baustellenbretter, provisorische Übergänge und Baugrubenabdeckungen zur Bushaltestelle nach Gärnitz zu schlendern. Markranstädt barrierefrei?

Noch schlimmer könnte es die Siedlung am Blumenweg treffen, die sozusagen ein Haufendorf im Haufendorf darstellt. Dort käme man bei einer Vollsperrung nicht mal über einen so erbärmlichen Weg wie die Schkeitbarer Allee rein oder raus. Auch nicht Feuerwehr, Krankenwagen oder Müllabfuhr.

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Da passt kein Minifahrrad daneben: Leistungsfähige Umleitungsstrecke K 7960 im Zentrum Europas.

Mag sein, dass den Verantwortlichen bis zum Baustart noch ein paar Lösungen einfallen. Aber dazu müssten sie auch erst einmal wissen, dass es noch offene Fragen gibt. Der einzige Kulkwitzer Stadtrat, der zur letzten Sitzung in der vierten Etage anwesend war, hatte jedenfalls keine. Zwar zeigte er Interesse an dem Verbleib des in ferner Zukunft zu entsorgenden Bauschutts einer noch nicht einmal errichteten Kindertagesstätte, aber mit der vorliegenden Regelung des Verkehrs in Seebenisch, die selbst Führer von Minifahrrädern auf eine harte Probe stellen könnte, war er scheinbar zufrieden.

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Tektonische Plattenverschiebung am Zschampert-Graben oder hatte der Planer dieser Straße Parkinson? Jedenfalls sieht so keine Allee aus und erst recht nicht eine offizielle Umleitungsstrecke, die auch noch im Gegenverkehr betrieben wird.

Viele Möglichkeiten, die Kuh vom Eis oder besser: die Gefahr von der Straße zu bekommen, gibt es ohnehin nicht. Schnell noch den Albersdorfer Weg auszubauen, wäre ebenso utopisch wie eine vorübergehende Evakuierung des Dorfes. Bliebe als vorletzte Alternative noch die Errichtung einer Luftbrücke. Irgendwo stehen vielleicht noch ein paar abgetakelte Agrarflugzeuge aus alten DDR-Beständen herum? Damit könnte man Nahrungsmittel, Gebissreiniger und Schokolade über Seebenisch abwerfen, bis alles vorbei ist.

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Foto: Bundesarchiv (CC BY-SA 3.0)

Die letzte Alternative wäre dann, das Baukonzept so umzuschreiben, dass die Straße jeweils nur halbseitig gesperrt wird. In Schkölen hat das funktioniert.

 



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4 Comments to Ab 14. September in Seebenisch: Abenteuer auf der Landstraße

  1. Peter sagt:

    Allso mir fällt da nichts mehr ein, und dass unsere sogenannten Volksvertreter in Form von Stadt- oder Ortschaftsrat da nur Tatenlos zusehen ist bezeichnend für die momentane Ratlosigkeit der Politik in allen belangen.
    Und da wundert sich mancher Staatsdiener weßhalb die Wahlbeteiligung immer weniger wird oder man die gleichen wählt wenn überhaupt.
    Aber egal wer im Rathaus nun sitzt mit Radona wäre das Problem auch nicht anders gelöst worden, da man eben mit Kopfnicker solche probleme nicht lösen kann und da wären mir ein paar Visionäre die in die Zukunft schauen um einiges lieber, vorraus gesetzt Sie sehen auch die richtigen Probleme.
    Aber es ist auch wieder typisch für uns Bürger, solange es der Mehrheit gut geht und nur kleine Wehwechen zu verzeichnen sind braucht man sich ja auch nicht wehren oder an der Wahlurne das gehirn einschalten, dies tut man erst dann wenn größere probleme auftauchen wie eben hier oder der Vandalismus in der Stadt und manchen Ortsteilen.
    Aber mal wieder ein GROßES Kompliment an MN der wie immer sein Ohr an der richtigen stelle hat. Bitte macht weiter so, nur so fangen auch immer mehr Bürger an zu Ihren Kopf richtig zu gebrauchen.

  2. Dor Säbenischor sagt:

    Noch abgrundtief traurig und geschockt über die Ideenlosigkeit und Sachkompetenz der zuständigen Flitzpiepen fällt mir eine halbwegs satirische Antwort nicht ein, nur eine pessimistische…

    Würde mich nicht wundern, wenn irgendein „Verantwortlicher“ noch auf die unverantwortliche Idee kommt, aus Gründen der Verkehrssicherheit zwischen Seebenisch und Schkeitbar eine sogenannte „Blockabfertigung“ (so nennen das unsere lieben österreichischen Nachbarn) einzurichten. Also eine mobile Ampel in Seebenisch und eine zweite in Schkeitbar und immer nur eine Richtung fahren lassen. Bei der Länge der Strecke ergeben sich dann „Rot“-Zeiten von mindestens 10 Minuten mit entsprechender Stau- und Frustbildung in beiden Orten. Herzlichen Glückwunsch!
    Mal so nebenbei, hat sich eigentlich irgendjemand Gedanken um die Schulbusse gemacht???

    Und dass den Seebenischer „Interessenvertreter“ im Stadtrat solche Seebenischer Interessen nicht interessieren, ist zwar leicht zu erklären, nichtsdestotrotz aber nicht zu akzeptieren: Der ist (Mini-)Radfahrer und damit umleitungstechnisch fein raus. Dass den Entsorgungsfragen im Jahr 2115 mehr beschäftigen als Verkehrsfragen im Jahr 2015, spricht da Bände.
    Beim nächsten Mal also: Augen auf an der Wahlurne…

  3. Betr.: Abenteuer auf der Landstrasse, Schkeitbarer Allee.
    Ein Super Beitrag, bitte weiter so.

  4. Heimatloser sagt:

    Keine Angst MN. Der Amtsschimmel lässt bestimmt eine Ampelanlage aufbauen, die gefühlt im Stundenrhythmus Ein- und Auslass gewährt. Vor `89 hätte man bestimmt LINKS-Verkehr angewiesen, um den LINKEN Aussenspiegel zu schützen.

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