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Der letzte Tempel: Ein Nachruf der Lactose-Generation

Sommer 1982: Am legendären Plateau des Kulki tummeln sich Teenager, die damals auch untenrum noch Haare trugen, aus den Stern-Recordern dudeln „Seven Tears“ von der Goombay Dance Band oder „Hands up“ von Ottawan und unter den Bademänteln zuckt es zwar rhythmisch, aber längst nicht im Takt der Musik. Nur der Gedanke an die kommende, kühlere Jahreszeit trübt die Freude. Denn da gibt es nur zwei Ziele: Die Milchbar fürs Vorspiel und das Kino für den eigentlichen Akt. Erstere ist nun der Abrissbirne zum Opfer gefallen und nahm nicht nur die „Gute Quelle“, sondern auch zahllose Erinnerungen mit ins Grab.

Da sind sie hingegangen, die Milchbar und die „Gute Quelle“. Ein Haufen Bauschutt erinnert für kurze Zeit noch an ihre Existenz. Und vielleicht ein Lied, das zur Hymne einer ganzen Generation unbeirrbarer Milchbar-Gäste wurde, die mit Lactose aufwachsen musste und trotzdem überlebt hat.

In den 70-er und 80-er Jahren tickten die Uhren noch etwas anders. Man musste sich noch in der Schule verabreden, wenn man sich am Nachmittag irgendwo treffen wollte. Von wegen SMS oder Whatsapp. Das soziale Netzwerk in den wilden 70-ern hieß „draußen“ und daran änderten auch die 80-er aus Popeline nichts.

Das hatte aber auch gewisse Vorteile. Statt auf das nächste Level von Mine-Craft oder GTA freute sich die damalige Teenie-Generation auf Kumpels oder Freunde – vornehmlich die vom anderen Geschlecht. Und während sich die heutige Game-Generation [Geehm-Schänoreeschn] mit ihren erworbenen Fähigkeiten auf dem Server nach oben arbeiten will, hat man sich in jener pubertären Zeit lieber nach unten orientiert.

Gegrillte Gene

Das war nicht immer einfach in einer Ära, da man seine Freundin frühestens mit 14 nach Hause bringen durfte. Im Sommer war das kein Problem und auf der Suche nach Spurenelementen in der Erde des Kulki-Westufers würden Geologen unter dem Mikroskop heute wahrscheinlich Milliarden, vor über 30 Jahren qualvoll in der Sommersonne verendeter, Spermatozoen entdecken. Die DDR musste zugrunde gehen angesichts dieses frevelhaften Umgangs mit der potenziellen Kampfreserve der Partei. Ganze Jugendkollektive wurden da quasi mit einem Schuss in den Sand gesetzt.

Vorglühen für Kino-Fummelei

In den kälteren Monaten aber war die Sache komplizierter. In Ermangelung elterlich-warmer Rückzugsgebiete in der Nähe des heimischen Glutos-Herdes wurde das Vorspiel in der Milchbar abgehalten und wenn der Wille der Angebeteten schließlich mittels Rum-Milch oder anderer höherprozentiger Laktosemischungen gebrochen war, gings rüber ins Kino, wo es nicht nur warm, sondern auch dunkel war.

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Das Hotel „Gute Quelle“ – ein Stück Markranstädter Geschichte. (Mit freundlicher Genehmigung von W. Friedel, www.markranstaedter-ansichten.de)

Die illegalen Zusammenrottungen parka-tragender Gammler waren auch dadurch nicht zu verhindern, dass man sozusagen als Drohgebärde eine Gedenktafel für Ernst-Thälmann an der Milchbar anbrachte. Im Gegensatz zur Wirkung von Knoblauch auf Vampire war dem lichtscheuen Gesindel der späten DDR mit solchen Exorzismen nicht mehr beizukommen.

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Entree im Doppelpack: Der Eingang zur Milchbar (links) und zum Kaufhaus (rechts). (Quelle: Heimatmuseum, mit freundlicher Genehmigung von W. Friedel, www.markranstaedter-ansichten.de)

Die Milchbar avancierte so für ganze Generationen zum winterlichen Baggersee. Auch das dahinterliegende Kaufhaus, das aus dem Festsaal des ehemaligen Hotels „Gute Quelle“ umfunktioniert wurde, barg zahlreiche melancholische Erinnerungen.

So manches Kleid oder Anzug zur Einschulung wurde hier gekauft, später die Klamotten für die Jugendweihe und wenn der Schnürsenkel gerissen war, gabs bei den Kurzwaren auf der Galerie oben auch Ersatz. Ebenfalls bemerkenswert waren die Alleinstellungsmerkmale der Handelseinrichtung. Wo sonst in Deutschland gab es noch ein Kaufhaus mit einer eigenen Bühne?

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Der einstige Festsaal der Guten Quelle, der später zum Kaufhaus umfunktioniert wurde und als Ruine endete. Am Umgang mit ihrem Erbe sollt ihr sie erkennen… (mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Friedel, www.markranstaedter-ansichten.de)

Für Kinder und Jugendliche war ein Einkauf zu DDR-Zeiten jedoch immer eine regelrechte Folter, egal ob man die Tortur im Leipziger Konsument-Warenhaus, im Josephkonsum oder eben in Markranstädt über sich ergehen lassen musste. Und so blieben in den Erinnerungen nicht die Freuden über glücklich erstandene, weil seltene Waren, sondern Dinge wie der schwere Vorhang im Eingangsbereich der Guten Quelle, das Knarzen des Parketts, das schummerige Licht im fensterlosen Saal oder der Blick von der Galerie auf das Treiben im Erdgeschoss.

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CC by SA-3.0, Kolossos

Auch eine elektrische Personenwaage befand sich im Foyer. Für einen Groschen verriet sie bereits vorab, in welchem Bereich der Kleiderständer man drinnen eventuell fündig werden konnte. Nun ja, zumindest unsere Mütter schienen das auch ohne die Pappkarte gewusst zu haben, die der Automat auszuspucken drohte. Außerdem stand auf dem Ticket nur das Gewicht und nicht der Body-Maß-Index. Heute weiß man um die Bedeutung zu schwerer Knochen und anderer nicht beeinflussbarer Faktoren des Körpergewichts.

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Das Ensemble kurz vor seinem Abriss. (Foto: F. Stierke, mit freundlicher Genehmigung von W. Friedel, www.markranstaedter-ansichten.de)

Nun ist das geschichtsträchtige Gebäudeensemble also den Weg alles Irdischen gegangen. Auf der Suche nach Bleibendem oder wenigstens einigen Resten könnte man sich beispielsweise fragen, wo die Personenwaage der Guten Quelle oder das Gästebuch der Milchbar geblieben ist? Dort haben sich, Zeitzeugen wissen das, zahlreiche Markranstädter verewigt, weil vor allem zu Beginn der 80-er Jahre ein wirklich interessantes, köstliches und vielfältiges Angebot vorgehalten wurde.

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Blick in den Festsaal ohne Dach. Oben auf der Galerie gab es Kurzwaren und dort befanden sich auch Umkleidekabinen. (Foto: F. Stierke, mit freundlicher Genehmigung von W. Friedel, www.markranstaedter-ansichten.de)

Man könnte traurig sein ob des Verlustes und der schon vor Jahren zu früh verpassten Chance, dem Bau eine Zukunft zu geben. Nun wird dort etwas Neues entstehen und – Ironie der Geschichte – es wird dem Verlauf der Zeit entsprechen. Das dort geplante Angebot ist genau auf die heutigen Bedürfnisse der einstigen Milchbar-Generation abgestimmt. Kukident-Haftcreme für die Dritten, Granufink für die Prostata, Tena-Einlagen fürs Wohlbefinden und Doppelherz nicht nur für das, was früher im Kino gemacht wurde, sondern das „on the rocks“ auch als Absacker nach einem Sonntagsspaziergang im Stadtpark taugt. Das Areal der Leipziger Straße bleibt seinen einstigen Anhängern auch künftig in Treue verbunden.

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September 2015: Ein Stück Stadtgeschichte wird gelöscht. (Foto: Küster)

Kritiker bemängeln allerdings neben der städtebaulichen Situation des neuen Drogerie-Komplexes auch die Lage des zugehörigen Parkplatzes auf der gegenüberliegenden Straßenseite und vor allem dessen Dimension, die angeblich nur eine Kapazität von vier bis fünf PKW umfasst. Aber das ist zu kurz gedacht!

Hier handelt es sich um eine Planung, die weit in die Zukunft reicht. Nachhaltig nennt man das. Markranstädt strebt dem Höhepunkt des demografischen Wandels zu. Wo heute nur vier Autos Platz haben, passen in ein paar Jahren 32 Rollatoren hin! Soll dafür extra eine Tiefgarage gebaut werden? Hier ist der sorgsame Umgang mit Steuergeldern tatsächlich mal in wohltuender Weise verwirklicht worden. Zumindest bei der Planung.

Nicht zu vernachlässigen ist auch die Tatsache, dass die Rollatorfahrer dann auch die Straße überqueren müssen. Das könnte im Laufe der Zeit zumindest rein statistisch dazu beitragen, dass Markranstädt insgesamt wieder etwas jünger wird. Harte Standortfaktoren nennt man das in der Fachsprache und auch hier verheißen die planerischen Grundgedanken nicht nur visionäre Weitsicht, sondern auch ein Handeln mit Augenmaß. Einfach wohltuend.

Gedenken wir also noch ein letztes Mal jenen Zeiten, da man noch keine Vorstellungen von einer Milchbar hatte, in der es laktosefreie Shakes gibt, zum Kaffee ein Dinkelkeks gereicht wird und auf der Speisekarte veganes Würzfleisch steht. Nein, dann schon eher Tena, Kukident und Granufink. Das hat wenigstens Zukunft.

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Ein Haufen Geschichte. Bald gibts hier Haftcreme, Lobello-Stifte und Abführmittel. (Foto: Küster)

 



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