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… und wieder vierzig Meter bergab

Unter der Überschrift „Jobcenter konzentriert sich nur noch auf vier Standorte“ wurde den Markranstädtern per Lokalzeitung vorsichtig nähergebracht, dass die Kreisbehörde demnächst ihre Zelte in Markranstädt abbricht. Es mag zwar verwundern, dass in der Öffentlichkeit kaum Anstrengungen der örtlichen Verwaltung wahrnehmbar waren, um die weitere Ausdünnung des öffentlich-rechtlichen Dienstleistungssektors am Bürger zu verhindern, aber die Begründung der Behörde für diesen Schritt entschädigt mit Satire par excellence.

Lassen wir das Vorspiel mit der Bürgernähe beiseite und kommen gleich zu den multi-orgastischen Höhepunkten. Aber halt! Erst ist noch eine wichtige Erklärung fällig. Also: Nein, der Behördenleiter, der die Begründungen für die Maßnahme ablieferte, verbringt seine Freizeit ebenso wenig als Satiriker bei den Markranstädter Nachtschichten wie die Kreistagsmitglieder, die diesen Beschluss gefasst haben.

Aber zugegeben, wir hätten sie gern in unseren Reihen. Die verstehen richtig Spaß, wissen diesen Humor zu präsentieren und sprechen damit genau die Zielgruppe an, die Spaß dringend braucht: Die Hartz IV-Empfänger. Fangen wir also mit dem ersten Argument an, das Sie gern auch hinter diesem Link in der LVZ nachlesen können.

„Die Konzentration des Kommunalen Jobcenters auf vier Gebäude soll Kosten einsparen, die Arbeit verbessern und Barrieren abbauen, denn nicht alle aktuell genutzten Immobilien sind für diesen Zweck gut geeignet.“

Diese fast schon visionär anmutende Lösung hätte man den ansonsten recht hartleibig reagierenden Gremien gar nicht zugetraut. Kosten sparen, indem man nicht beim Bürger vor Ort ist, sondern selbigen zu sich kommen lässt. Diese Rückbesinnung auf alte Werte war längst fällig. Schon August der Starke … ach was … Karl der Große bereits ließ seine Untertanen bei sich antraben und wäre nie auf die Idee gekommen, zum Plebs hinzugehen.

Es ist auch aus ökonomischer Sicht viel logischer. Wenn 300 Leistungsempfänger nach Borna, Grimma, Wurzen oder Markkleeberg fahren müssen, sind die Ersparnisse höher als wenn ein Sachbearbeiter wegen den 300 Leuten nach Markranstädt kutscht. Und dann sind da noch die Synergie-Effekte für den Öffentlichen Personennahverkehr. Das schafft Arbeitsplätze! In unserem Beispiel eben 300 Busfahrer. Was will man mehr so kurz vor den Bundestagswahlen?

„Die Konzentration des Kommunalen Jobcenters auf vier Gebäude soll Kosten einsparen, die Arbeit verbessern und Barrieren abbauen, denn nicht alle aktuell genutzten Immobilien sind für diesen Zweck gut geeignet.“

Die Arbeit verbessern. Eine Erläuterung dieses Arguments blieben sowohl die lokale Gazette als auch die Behörde und der Kreistag schuldig. Man muss sich also selbst seine Gedanken dazu machen. Mit verbessern ist heute meist erleichtern gemeint. Die Antwort könnte Wikipedia liefern.

Dort ist zu lesen, dass sich Markranstädt auf einer Höhe von 119 Metern über dem Meeresspiegel befindet, Borna dagegen 159 Meter. In der Höhe lässt bekanntlich der Luftdruck ebenso nach wie die Erdanziehungskraft.

Das bedeutet demnach, dass in Borna das Papier weniger wiegt als in Markranstädt. Angesichts der Aktenordner zu den einzelnen Vorgängen ist das ein nicht unerhebliches Merkmal für sprichwörtlich leichtere Arbeit.

Alles Satire … und etwas Physik

Dass da vielleicht auch der eine oder andere Nachhauseweg eines Mitarbeiters etwas kürzer ausfällt und wegen des geringeren Übergewichts auch das Schaulaufen auf den Gängen deutlich leichter wird … purer Zufall.

„Die Konzentration des Kommunalen Jobcenters auf vier Gebäude soll Kosten einsparen, die Arbeit verbessern und Barrieren abbauen, denn nicht alle aktuell genutzten Immobilien sind für diesen Zweck gut geeignet.“

Das ist ein edler Beweggrund. Dagegen gibt es nichts zu sagen und jeder Rollstuhlfahrer wird ebenso wie jeder Gehbehinderte, Blinde oder Sehschwache und erst recht jeder Gesunde gern unterschreiben, dass man lieber mit Bus und mehrmals Umsteigen nach Markkleeberg fährt als die vier Stufen zum Jobcenter zu erklimmen.

Natürlich hätte sich die Behörde auch ein barrierefreies Domizil in Markranstädt suchen können, aber seit die Mietpreise hier so astronomische Summen erreicht haben, dass sogar Asylbewerber günstiger in einem Hotel untergebracht werden können, ist das für die Öffentliche Hand keine Option mehr.

Barrierefreier als mit dem Bus kann auch gen Markkleeberg den Höhenunterschied zu Markranstädt nicht überwinden. Im Gegenteil: Nach Markkleeberg (115 m über NN) geht’s bergab, da kann man sich mit dem Rollstuhl bequem durch die schöne Heimat treiben lassen und unterwegs über den Begriff von der selbstbestimmten Mobilität neu nachdenken.

Natürlich ist man geneigt, sich angesichts der behördlichen Argumente die Frage zu stellen, ob dort nicht mal ein Rollkommando des Drogendezernats auflaufen sollte. Ohne bewusstseinserweiternde Stimulanzien sind solche Aussagen jedenfalls schwerlich zu treffen. Aber leider heißt es da wohl: Die Konzentration des Drogendezernats des Landkreises Leipzig am neuen Standort in Greifswald soll Kosten einsparen, die Arbeit verbessern und Barrieren abbauen, denn nicht alle aktuell genutzten Immobilien sind für diesen Zweck gut geeignet.

Außerdem, jetzt mal ganz ernsthaft, muss man ja das Jobcenter gar nicht persönlich aufsuchen. „Vieles lässt sich heute per Telefon beziehungsweise E-Mail klären und wird auch schon so praktiziert.“, erklärte der Behördenleiter gegenüber der Presse. Na dann: Versuchen Sie’s mal. Aber keine Smileys bitte. Die haben dort mit ihren Begründungen und Erklärungsversuchen auch ohne 🙂 und lol genug zu lachen.

Die bloße Tatsache, dass sich eine Behörde, in der Deutsch als Amtssprache gilt und sämtliche Dokumente nur in deutscher Sprache abgefasst werden, als „Jobcenter“ bezeichnen darf, hat wohl als Witz allein nicht gereicht.

 



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2 Comments to … und wieder vierzig Meter bergab

  1. Biker sagt:

    Diese Art der Bürgerferne wird doch von den Ämtern exzessiv betrieben! Führerscheinstelle: Borna; Finanzamt: Grimma; Fahrzeugzulassung/-abmeldung: Borna. Und dies ist alles von Markranstädt aus mit ein paar Schritten zu erreichen. Keinen weiteren Kommentar.

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