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Via Desaster: Die Europäische Transit-Achse wächst

Der Straßenbau avanciert in Markranstädt zu einem der zentralen Themen. Wenn nicht ab und zu mal eine Bürgermeistersprechstunde ausfallen würde, kämen dem Ordner „Pressemitteilungen“ der Verwaltung gefühlte 99 Prozent allein für Straßensperrungen zu. Hinzu kommt das Dauerthema Umgehungsstraße und natürlich die Priesteblicher Straße in Frankenheim. Abseits der öffentlichen Wahrnehmung hat der Landkreis jetzt der Stadt allerdings mal gezeigt, wie Straßenausbau ohne großes Brimborium geht.

Bürgerinitiativen, Einwohnerbefragungen, große sowie kleine und Minimalvarianten, Schranken … es gibt viele Steine auf dem Weg zu einer Straße. Schon wird gemunkelt, dass Lindennaundorfer Rebellenmilizen heimlich eine Fledermaus im Widerlager der Frankenheimer Schranke angesiedelt haben, deren alleinige Präsenz das Ergebnis einer Einwohnerbefragung nichtig macht.

Und immer mal wieder gibt es auch Zoff zwischen Stadt und Landkreis. Letzterer hat den Markranstädter Verkehrsplanern jetzt mal gezeigt, wo der Hammer hängt.

Aus einem kleinen Trampelpfad zwischen Seebenisch und Schkeitbar, den visionäre Geister schon vor Jahren mit dem Prädikat „Allee“ betauften, wird nun sukzessive eine solche. Ganz ohne pressewirksames Tamtam und sogar unter den erschwerten Bedingungen eines Ausbaus unter laufendem Verkehr.

Ein Highway fürs Guiness-Buch

Während bei Verkehrsanlagen in kommunaler Trägerschaft in der vierten Etage um die Handzeichen für jeden einzelnen Pflasterstein gerungen wird, entsteht auf dem Lande mit der Via Desaster zwischen Schkeitbar und Seebenisch quasi über Nacht der wohl schmalste Highway Europas. Aber zu welchem Preis?

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Blick auf die Überholspur der Schkeitbarer Allee.

Die Verkehrstrasse, die selbst von Linienbussen im Gegenverkehr mit Sattelschleppern frequentiert wird, hat an ihrer engsten Stelle eine Breite von weniger als drei Metern.

Allerdings ist sie an ihrer breitesten Stelle auch nicht viel breiter. Weil mehr Platz nicht vorhanden ist, erfordern Planungen zum Ausbau des Pfades das, was Architekten gern mal als visionäres Raumkonzept bezeichnen.

Impansive Raumkonzepte

Und genau das wird zur Zeit in Seebenisch umgesetzt. Es handelt sich sozusagen um eine nach innen gewandte Version des bereits vor vielen Jahrzehnten entwickelten Konzeptes „Volk ohne Raum“. Nicht um Expansion geht es diesmal, sondern um Impansionsmaßnahmen für Autos ohne Platz.

Dazu wurden in der 42. Kalenderwoche zunächst sämtliche ökologischen Einflussfaktoren im wahrsten Sinne des Begriffes dem Erdboden gleich gemacht. Raumübergreifendes Grün wurde entfernt, eugenisch minderwertige Graskulturen entwurzelt und auf den Transport geschickt.

Als diese Säuberungswelle am 20. Oktober abgeschlossen wurde, war zumindest schon mal ein erster überzeugender Gesamteindruck sichtbar.

Der zur optischen Magistrale gereifte Weg ließ ahnen, dass hier in wenigen Tagen eine in sämtlichen Dimensionen überwältigende Verkehrsachse die Lebensräume der Schkeitbarer mit denen in den Seebenischer Ost-Gebieten verbindet.

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Seiner ökologischen Wurzeln beraubt, zeigte sich die in Deutschland einmalige „Gegenverkehrs-Ausweichspur“ bald schon wie das Wattenmeer bei Ebbe.

Doch bald schon zeigte sich, dass der neu gewonnene Verkehrsraum auf Grund seiner oberflächlichen Beschaffenheit als Transitstrecke für den innereuropäischen Waren- und Personenverkehr nicht geschaffen ist. Die Bankette an den Straßenrändern waren ausgelutscht wie ein Truppenübungsplatz der bolschewistischen Partisanen.

Split: Botox für den Straßenrand

Nun folgte der zweite Bauabschnitt. In einem gewaltigen Akt, der die traditionellen deutschen Tugenden lediglich in Bezug auf Nachhaltigkeit und Intelligenz vermissen ließ, wurde Split auf die Bankette geschüttet.

Das sah sehr schön aus und reflektierte sogar die großdeutschen Gedanken, die Reichsarchitekt Albert Speer einst beim Bau der Neuen Reichskanzlei umgesetzt hat. Beim Befahren dieser Allee muss den Kraftfahrer das Gefühl überkommen, dass er sich allein auf hoher See wähnt. Ein tanzender Spielball auf den in alle Himmelsrichtungen grenzenlosen Wogen bundesdeutscher Verkehrsbaukunst.

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Zustand am Tage nach der Sanierung der Bankette mit Split. Vergeudung volkswirtschaftlicher Ressourcen.

Leider hielt auch diese Maßnahme dem Verkehrsaufkommen nicht stand. Im Gegenteil! Die optische Makulatur vermischte sich schon Stunden später mit dem schlammigen Untergrund und verschwand bereits nach wenigen Tagen im deutschen Mutterboden.

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Geschichte wiederholt sich. In Richtung Osten gehts am besten mit geländegängem, schwerem Gerät.

Es gab Zeiten, da wären den Verantwortlichen eines solchen Fehlschlags wegen Vergeudung volkswirtschaftlicher Ressourcen von Roland Freisler oder später Hilde Benjamin gleich im Gerichtssaal höchstpersönlich die Hosenträger um die Ohren gewickelt worden.

Die dritte Chance

Heute ist das anders. Da hat jeder Versager auch eine dritte Chance verdient. Und die haben sowohl die verantwortlichen Ingenieure als auch die ausführenden Fremdarbeiter jetzt in absolut überzeugender Weise genutzt.

So wurden in der ersten Etappe des dritten Bauabschnitts wirksame Verkehrsleiteinrichtungen an den Rändern der befestigten Fahrbahndecke installiert. Das sieht schon mal nach was aus.

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Der Abstand klein, die Reihen fest geschlossen… Eine ordentliche Leitplanke aus Krupp-Stahl wäre vielleicht die nachhaltigere Lösung gewesen?

Diese Leitpfosten müssen eigentlich in einem Seitenabstand von 0,5 Metern zur Fahrbahn und in einem Abstand von 50 Metern untereinander gepflanzt werden. Vorschrift ist Vorschrift.

Der Kulkwitzer Meter

Beim Landkreis scheint man indes in puncto Seebenisch nicht nur beim Messen des Wasserstandes (der berühmte „Kulkwitzer Meter“) in ganz anderen Dimensionen zu denken, sondern auch bei der Verkehrsplanung.

Nicht auszuschließen, dass beim Setzen der Pfähle die gleiche flexible Messlatte verwendet wurde, mit der man den vom Landratsamt geforderten Mindestwasserstand der Seebenischer Vernässungsfläche seit Monaten gewährleistet.

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Zumindest weiß man jetzt, wo’s lang geht, wenn man völlig übermüdet nonstop aus Kiew auf der Durchreise nach Paris im Transit durch Seebenisch begriffen ist.

Nicht nur Passanten freuen sich jetzt schon auf die zweite Etappe dieses dritten Bauabschnitts an der Schkeitbarer Allee. Da werden dann hoffentlich die Standstreifen zu beiden Seiten der Via Desaster ausgewiesen, bevor dann auch die optische Teilung des Highway in vier Fahrspuren durch Fahrbahnmarkierungen vorgenommen wird. Spätestens dann werden endlich auch bei Gegenverkehr gefahrlose Überholvorgänge möglich sein.

Erste Bewerbungen potenzieller Betreiber zur Führung der geplanten Raststätte „An den Ellern“ lassen den Schluss zu, dass die Planungen zum Ausbau der Markranstädter Südachse noch längst nicht am Ende sind. Da wird’s noch richtig viel Spaß geben.

 



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