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Digitale Gefühle aus der 11-Minuten-Terrine

Aller Orten, auch in Markranstädt, beschäftigen sich die Mächtigen mit den Zahlen und Planungen für das aktuelle Kalenderjahr. In Sachsens Rathäusern werden zur Kalkulation des Kita-Bedarfs sogar Geburten geplant. Ohne freilich im Zweifelsfall selbst aktiv zu werden.

Auch wir haben uns einmal ein paar Zahlen näher betrachtet. Zahlen, die unsere ohnehin tiefdunklen Seelen zutiefst erschüttern und vor Kummer noch dunkler erscheinen lassen.

In Markranstädt leben von den rund 14.700 Einwohnern nur wenig mehr als 50 Prozent in trauter Zweisamkeit mitsamt des im Abendland dazugehörigen Trauscheins. Gut 5.350 Einwohner im heiratsfähigen Alter sind ledig, geschieden oder verwitwet, erfüllen also rein statistisch gesehen den Status eines Singles.

Traditionsgemäß gibt es nur jetzt in der 5. Jahreszeit die Chance, mit Hilfe der Kuss- und Narrenfreiheit auf diesen körperlichen Notstand dezent hinzuweisen und der Biene auf die Blüte zu helfen.

Was aber macht der gewöhnliche Markranstädter Single außerhalb der närrischen Zeit? Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den guten alten Sonntags-Nachmittags-Tanztee in Lützen, wo schon mal ganze Familienclans versucht haben, ihre ledigen Töchter an den Mann zu bringen. Auch der Pferdemarkt in Havelberg brachte, wenngleich nur einmal im Jahr, nicht nur neue Gäule in den Stall, sondern oft auch frisches Blut ins Haus. Aber all das gibt es nicht mehr und eine adäquate Veranstaltung zu finden, ist uns nicht gelungen. Dafür flimmern aber unglaubliche virtuelle Alternativen über den TV-Bildschirm.

So verspricht die Partnerbörse Parship, einer von zahllosen Testsiegern der Branche, mit Hilfe des Internets den großen Durchbruch. Alle 11 Minuten, so die Eigenwerbung, verlieben sich zwei Menschen auf Parship.

Wenn nun alle 11 Minuten ein Date erfolgreich ist, dann hieße das für Markranstädt, dass sich bei 1440 Minuten pro Tag rund 130 Pärchen täglich finden könnten. Sicherheitshalber rechnen wir mal gedanklich nur mit einem halben Tag, schließlich kann auch der liebestollste Single nicht 24 Stunden rund um die Uhr nur an die liebe Liebe denken. Dann bleibt immer noch eine Erfolgsquote von bis zu 65 neuen Pärchen pro Tag.

Eine stabile Internetverbindung vorausgesetzt, könnten Markranstädts einsame Herzen schon nach gut 41 Tagen vom Markt sein. Vorausgesetzt, sie bleiben dabei auch im heimischen Revier. Spätestens hier sollte allen klar werden, wie wichtig auch zukünftig eine flächendeckende Breitbandversorgung bis in den hintersten Kastanienhof ist. Schon aus zwischenmenschlicher Daseinsfürsorge geht an dieser Investition kein Weg vorbei.

Wenn sich alle 11 Minuten zwei Menschen per Internet verlieben, wird das Gefühl „Liebe“ zum Konsumgut und unterliegt den gleichen Wirtschaftsfaktoren wie Linsensuppe, Ohrenstäbchen oder Strumpfhosen. Der Verkauf funktioniert nur über Werbung. In den Partnerbörsen muss man(n) bzw. Frau eine eigene Visitenkarte hinterlassen. Dort gilt es, sich so weit wie möglich selbst zu vermarkten.

Was schon mal gerne mit Bildern von der jüngeren Schwester oder dem Bruder, wahlweise aber auch dem eigenen Jugendweihefoto unter Zuhilfenahme einer guten Bildbearbeitung geschieht. Auch das kaufmännische Abrunden beim Alter und entsprechendes Aufrunden beim monatlichen Einkommen erweist sich als hilfreiche Vermarktungsstrategie der eigenen Haut.

Das kennen wir ja bereits vom Schlussverkauf, wo bekanntlich auch alles auf der magischen 9 endet. Merke: Niemals zugeben, dass man knappe 53 Jahre alt ist, die 49 tut es auch! Und 75 Kilo will auch niemand auf sich liegen haben. Das kann Frau schon locker auf gesellschaftsfähige 69 runtermogeln. Nun ja: 69 ist jetzt vielleicht ein wenig irreführend, aber das Prinzip ist sicher transparent dargestellt.

Wie aber merkt man eigentlich, dass man(N) sich im Internet verliebt hat? Beschleunigt sich die Frequenz in der Standleitung? Kommt eine automatische eMail mit dem Text: „So, 11 Minuten sind um. Ich freue mich, dass du mich liebst“? Und was, wenn mehrere gleichzeitig auf den <Ich liebe Dich>-Button geklickt haben? Und was tun, wenn so ein bindungswilliger Single nach seinen 11 Minuten immer noch keinen Erfolg hat? „Bin ich gestört, wenn ich nach 11 Minuten immer noch nicht verliebt bin?“, fragen schon 13jährige bei Seelsorge-Hotlines nach, deren ehrenamtliche Mitarbeiter damit selbstredend überfordert sind.

neu-4Der Begriff „Turteltäubchen“ steht auf der Liste vom Aussterben bedrohter Wörter. Die direkte Anmache „Aug‘ in Auge“ ist ein mittelalterliches Relikt, dessen sich bestenfalls Nerds bedienen. 

Wer fängt hier auf und tröstet? Ein parteiübergreifendes Plädoyer für eine sofortige Aufstockung von sozial-pädagogischem Personal, welches übergangsweise die allerschlimmste Einsamkeit wegstreicheln kann, wäre angebracht. Vorbeugend würde vielleicht auch das flächendeckende Angebot von Volkshochschul-Seminaren auf dem Spezialgebiet ‚Digitale Anmache: Wie ich mich virtuell richtig verliebe‘ genügen.

Früher forderte man die Angebetete einfach zum Tanzen auf oder schickte gegen eine Erhöhung des 

Taschengeldes den kleinen Bruder mit einem Liebesbrief zur Auserwählten. Wie geht das heute? Ein Blick in die einschlägige Fachliteratur ist dann doch eher abschreckend als aufklärend. So etwas in unserem Markranstädt? Geht es auch ein bisschen dezenter? Schließlich weiß man ja nicht, ob man(N) den oder die Angebetete irgendwann leibhaftig trifft. Die Welt ist ein Dorf und Markranstädt der Vorort.

Marktbereinigung via DSL

Ja, und nun noch eine wirklich beängstigende Frage: Nehmen wir mal an, unsere Liebe Suchenden schaffen es wirklich, alle 11 Minuten erfolgreich zu sein. Wie lange dauert es bei dieser Entwicklung, bis wirklich alle Liebestollen vom Markt sind und der Rest dazu verdammt ist, sich vielleicht gar selbst zu lieben? Nichts dagegen, dass irgendwann mal jede Frau ihren Mann steht und umgedreht, aber auf Dauer?

katzenDie Natur macht nicht einmal vor der Diskriminierung von Katern mit Migrationshintergrund Halt. Um die sensiblen Menschlein heutiger Tage vor solch brutalen Erfahrungen zu schützen, gibts jetzt alle elf Minuten Liebe per Download.

Was ist, wenn am Schluss nur noch Sarah Wagenfeld und Lutz Bachmann übrig sind oder, um bei Markranstädt zu bleiben, unsere beiden Spitzen-Single – also die Vorgängerin und der Nachfolger? Sind die dann verpflichtet, eine Liaison einzugehen, nur weil elf Minuten um sind und niemand mehr da ist, der sich ebenfalls um die Trophäe bewirbt?

Beischlaf mit USB-Stick

Das sind Gedanken, die einem kritischen Geist kommen, wenn er hört, dass sich alle 11 Minuten zwei Menschen per Internet verlieben. Sobald ausreichend Leute daran glauben, kommt der nächste Schritt. Dann gibt’s Beischlaf 2.0 per USB-Stick und schließlich das Wunschbaby per Download. Und das Glück der Menschen steht stets im Mittelpunkt.

Noch ist etwas Zeit bis Aschermittwoch. Die reicht vielleicht nicht gleich zum Verlieben, aber kennenlernen kann man sich da schon. Versuchen wir‘s also erstmal in Markranstädt, Kulkwitz, Miltitz, Räpitz, Kitzen oder anderen Kultstätten des Karnevals!

 



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One Comment to Digitale Gefühle aus der 11-Minuten-Terrine

  1. Ma sagt:

    Zu unserem eigenen Aussterben hätte ich ja auch ein paar Ideen und Erfahrungen. Also gerade zur Faschingszeit – anderswo bei Strafe meines Untergangs nur ‚Karneval‘ oder ‚Fastnacht‘ zu nennen – sagt man ja: Wolle mer se reilosse? Fragt sich wen! Wo sich Kinderlosigkeit mit Partnerschaftslosigkeit paart und die Klienten sich gern helfen lassen wollen – von Partnerbörsen… Nuja, möglich! Vorher allerdings sollte sich der Interessent mit allen Wassern waschen lassen. Frei nach: wasch mir den Pelz und mach mich nicht nass. Denn wer da mit einer gewissen Zahlungswilligkeit, Naivität und aufrechtem Glauben an das garantierte Beziehungsglück herangeht, hat schon verloren. Je nach dem, was er investiert.
    Aber es geht ja auch anders: Investiere kein respektive wenig Geld, bleibe bei aller Risikobereitschaft vorsichtig genug mit Freizügigkeit und vor allem fröhlich überraschungsresistent. Denn Überraschungen bietet die Branche allemal. Manche backen kleine Brötchen mit Namen wie Rotznase, netter Mensch, Strahlemann oder gleich ‚ä Sachse‘, andere nehmen die Tierwelt zu Hilfe oder Anleihe in der Historie, wo‘s beim eigenen Outfit vielleicht nicht reichen will… Da tauchen jede Menge Leute auf, die es (vielleicht) ernst meinen, aber sowohl einen Partner suchen als zugleich „verheiratet, zusammen lebend“ angeben. Geschmackssache! Nomen est omen – Leute, da könnten die Nachtschichten bis ins nächste Jahrhundert lästern! Und überhaupt, vielleicht veranstalten ja irgendwann unsere MN-Akteure so’ne Börse oder ein Sit-in?
    Egal, ob Partnerschaftsbörse oder Tanz und Disko ‚plus 30, 50 oder 100‘, konserva-tive Annonce in sonstwo – es bleibt Russisch-Roulette. Apropos, die gute alte Offerte auf Papier – sie mag mal relativ bodenständig gewesen sein, inzwischen ist es auch bloß ein Auflauf aus Selbstdarstellung und Billigmarkt. Der echte Treffer ist statisti-sches Glück 1 zu 100… Wie sonst eigentlich auch!
    Die Moral von der Geschicht‘: Glück hast Du, wenn Du lernst, mit Dir selbst auszukommen. Oder man hält es frei nach einem chinesischen Wort: Willst du für eine Stunde glücklich sein, so betrinke dich. Willst du für drei Tage glücklich sein, so heirate. Willst du für acht Tage glücklich sein, so schlachte ein Schwein und gib ein Festessen. Willst du aber ein Leben lang glücklich sein, so schaffe dir einen Garten. Ma

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